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Die Musik in mir

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Summary

"Felicia. Halte dich von ihm fern." Seine Stimme war plötzlich ruhig. Viel zu ruhig. "Er ist gefährlich." "Gefährlicher als du?", ich konnte es mir einfach nicht verkneifen. Bevor ich überhaupt blinzeln konnte, hatte er den Abstand zwischen uns überwunden. Seine Hände lagen schwer auf meinen Schultern. "Hör mir gut zu, kleiner Honigdachs. Wenn du nicht auf mich hörst, werde ich persönlich dafür sorgen, dass du dich von Sterling fernhältst." Mein Herz setzte einen Moment aus. Ich zweifelte nicht an seinen Worten. ------------------ Musik war schon immer Felicias Zufluchtsort. Für jeden Menschen, jede Stimme und jedes Gefühl hört sie Melodien, die sonst niemand wahrnimmt. An ihrer neuen Highschool will sie einfach nur unsichtbar bleiben. Doch ausgerechnet Luke Price – verschlossen, kontrolliert und so kalt wie Eis – lässt sie nicht los. Gleichzeitig gerät sie mit Chadwick Sterling aneinander, dessen Einfluss weit über die Schule hinausreicht. Während Freundschaften entstehen, Geheimnisse ans Licht kommen und alte Wunden wieder aufbrechen, muss Felicia lernen, dass manche Menschen nicht gerettet werden wollen – und andere einen auffangen, bevor man selbst merkt, dass man längst fällt. 📖 Neue Kapitel jeden Montag. ⚠️ Enthält Themen wie Mobbing, psychische Gewalt, Trauma und Panikattacken. © Alle Rechte vorbehalten. Diese Geschichte ist mein Originalwerk und

Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
13+

1. Ouvertüre

Ich weiß nicht, wann mir klar wurde, dass ich nicht normal ticke. Aber Musik war schon immer mein Zufluchtsort.

Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte – mit den Melodien in meinem Kopf, die meistens zu den unpassendsten Momenten spielten. Ich erkannte nicht, dass andere diese Lieder nicht hören konnten. Als mir das endlich klar wurde, versuchte ich tagelang, die Musik in meinem Kopf zu ignorieren.

Mit aller Gewalt versuchte ich, sie zum Verstummen zu bringen.

Ich wollte dazugehören. Nicht auffallen. Mich nicht ständig erklären müssen.

Doch ich musste lernen, dass ich es nicht ändern konnte.

Für die meisten Menschen war und blieb ich einfach das verrückte Mauerblümchen.

Entnervt blickte ich zu dem hohen, furchteinflößenden Kasten auf. Schon wieder eine neue Schule.

Wie ich es hasse.

Egal.

Da musste ich jetzt durch.

Wieder einmal.

Ein prüfender Griff zu meinen AirPods. Sie saßen.

Mit gesenktem Kopf betrat ich das Gebäude und schlängelte mich durch die Menschenmenge. Ständig wurde ich angerempelt, doch das störte mich schon längst nicht mehr. Das war ich gewöhnt.

Rums.

Prompt fand ich mich auf dem Fußboden wieder.

Nun, auch das war nichts Neues für mich.

So ein Mist, ich muss vergessen haben, meine Schultasche richtig zu schließen, meine ganzen Hefte lagen zerstreut auf dem Fußboden. Genervt fing ich an, sie wieder aufzulesen.

Oh nein.

Ich spürte, wie Panik in mir aufstieg.

Mein Songbook.

Es lag ein paar Meter von mir entfernt.

Entsetzt sprang ich auf, doch bevor ich es erreichen konnte, trat irgendein Idiot dagegen und schleuderte es den Gang entlang. Das darf doch nicht wahr sein.

Kopflos rannte ich hinterher, nur um mit anzusehen, wie der Nächste dagegentrat.

Nein, nein, nein.

Mit einem riesigen Satz setzte ich zum Sprung an, landete schmerzhaft auf allen vieren und verfehlte knapp mein Innerstes. Denn das war es, was sich in diesem Buch befand: all meine Gefühle, Gedanken, Ängste und Träume.

Warum hatte ich Trottel es auch in die Schule mitgenommen?

Ein schneeweißer Sneaker stoppt mein Buch.

Was für eine Erleichterung.

"Vielen Dank", murmelte ich und griff danach.

Doch der Schuh bewegte sich kein Stück. Ganz im Gegenteil, die Person schien ihr Gewicht so zu verlagern, dass sie jetzt komplett darauf stand.

Mir blieb die Luft weg.

Da stand jemand auf meiner Seele.

Empört blickte ich nach oben.

Wer wagte es?

Vor mir stand ein Riese.

Arrogant die Hände in die Hosentaschen geschoben, durchbohrte er mich mit seinen stahlblauen Augen und gab mir das Gefühl, ein lästiges Insekt zu sein, das man gleichgültig mit der Hand wegwischte oder, noch schlimmer, genüsslich mit dem Fuß zertrat.

Mein erster Impuls war, aufzuspringen und diesem insektenfressenden Monster die Stirn zu bieten. Doch ich folgte nie meinem ersten Impuls, was mir, davon war ich überzeugt, schon oft in meinem Leben den Hintern gerettet hatte. Denn nach dem zweiten Blick stellte man oft fest, dass man etwas übersehen hatte.

In meinem Kopf setzten die tiefen Klänge eines Kontrabasses ein. Gleichzeitig fiel mir auf, wie still es plötzlich geworden war.

Alle schienen zu Eis erstarrt. Es wirkte, als würden sie mit angehaltenem Atem darauf warten, wie ich gleich zerquetscht wurde.

Mist, konnte ich wirklich gleich am ersten Tag so ein Pech haben?

Normalerweise würde ich in so einer Situation einfach unauffällig zur Seite gehen und so jeder möglichen Auseinandersetzung aus dem Weg gehen.

Ich hatte nur ein Problem: Dieser Schwachkopf stand auf meinem kostbarsten und intimsten Gegenstand.

Mit so einer Wendung hatte ich absolut keine Erfahrung. Ich konnte nur instinktiv handeln und hoffen, dass es nicht in einer Katastrophe endete.

"Wenn du mir bitte die Güte erweisen und deinen Fuß von meinem Buch nehmen würdest."

Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, verfluchte ich mich innerlich. Was rede ich denn da?

"Zur Seite." Klirrendes, schneidendes Eis, nicht nur in seinen Augen, sondern auch in seiner Stimme.

Spätestens in diesem Moment hätte ich für gewöhnlich die Fliege gemacht. Doch jetzt konnte ich nicht riskieren zu verlieren. Angestrengt zerrte ich an meinem heißgeliebten Buch, in der Hoffnung, es würde sich wenigstens einen Zentimeter bewegen.

Nichts.

Wildentschlossen stützte ich mich auf sein Bein und versuchte, ihn wegzuschieben.

"Geh runter", keuchte ich.

Wie einen nassen Sack schüttelte er mich ab, und ich landete unsanft auf meinem Hintern.

Konnte die Situation eigentlich noch demütigender werden?

Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, als er sich bückte, mein Songbook aufhob und mich herausfordernd musterte.

Zum Glück hatte ich eine rote Kordel darum gebunden und mit einem Seemannsknoten fixiert.

Frustriert verzog ich mein Gesicht.

Wem machte ich etwas vor?

Man könnte es einfach aufschneiden.

Rasch sprang ich auf die Füße und riss mir mit einer heftigen Bewegung die AirPods aus meinen Ohren. Auffordernd streckte ich ihm meine Hand entgegen und versuchte, ihn mit meinem Blick zu hypnotisieren. „Gib es zurück, gib es zurück“, leierte ich in Gedanken, als könnte ich ihn damit beeinflussen.

Selbstverständlich ließ er sich davon kein bisschen beeindrucken. Ganz im Gegenteil, wenn möglich, wurde seine Miene noch überheblicher.

"Was da wohl drinnen steht?"

Die Frage erschreckte mich. Entschlossen, mir mein Eigentum zurückzuholen, stürzte ich mich auf ihn, doch er streckte seinen Arm samt Buch in die Höhe.

Ernsthaft jetzt. Sind wir hier im Kindergarten, oder was?

Ich musste den Impuls unterdrücken wie ein Idiot hochzuspringen, denn niemals würde ich da rankommen.

Warum musste er auch so groß sein?

Er überragte hier alle.

Wahrscheinlich hatte sein Ego sonst nicht genug Platz.

Keuchend blickte ich zu ihm auf.

Langsam wurde ich echt sauer.

"Gib mir sofort mein Buch zurück!", ich betonte jedes Wort einzeln. Vielleicht ist er ja dumm, und hat mich vorher nicht verstanden.

In seinen frostigen Augen glomm eiskalte Wut auf. Erschrocken trat ich einen Schritt zurück.

"Du wagst es in so einem Ton mit mir zu reden? Du weiß wohl nicht, wen du hier vor dir hast." Drohend kam er langsam auf mich zu. "Dir sollte man dringend eine Lektion erteilen."

Ich spürte, wie Angst in mir hochstieg und mich vorsichtig zurückweichen ließ. Schweißtropfen sammelten sich auf meiner Stirn, und mein Herz schlug so schnell und laut, dass es jeder auf dieser Schule hören musste.

Die Streicher wurden schneller. Die Trommeln hämmerten im Takt meines Herzschlages und ließen die ganze Situation noch bedrohlicher wirken.

Als ich den Spind in meinem Rücken spürte, nahm ich nur noch ein pulsierendes Rauschen in meinen Ohren wahr. Wenn es etwas gab, das ich hasste, dann das Gefühl, in die Ecke getrieben zu werden.

Etwas in mir riss.

Das Orchester verstummte. Übrig blieb nur der schrille Ton einer verstimmten Geige.

Hart trat ich ihm gegen das Schienbein.

Seinen ungläubigen Blick werde ich wohl mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Wäre die Situation nicht so furchteinflößend für mich gewesen, hätte ich mich sicherlich über seinen Gesichtsausdruck kaputtgelacht.

So schnappte ich mir nur mein Buch, das er geschockt fallen ließ, stieß ihn mit meinem ganzen Gewicht ein Stück zur Seite und rannte um mein Leben. Hinter mir hörte ich ihn brüllen, was mich nur noch schneller laufen ließ.

Dort, eine Toilette. Da durfte er nicht rein.

Ich stieß die Tür auf, schlug sie hinter mir zu und lehnte mich völlig außer Atem dagegen.

Mein Songbook an die Brust gepresst, versuchte ich wieder Luft in meine Lungen zu pumpen.

Langsam normalisierte sich mein Herzschlag wieder und ich blickte auf. Direkt in drei missbilligende Gesichter.

Oh Mann, ich wollte nicht noch mehr auffallen.

Eine Entschuldigung murmelnd flüchtete ich schnell in eine Kabine und ließ mich auf den Toilettendeckel plumpsen.

Das war ja mal ein Einstieg in eine Schule. Von allen peinlichen Aktionen, die ich schon hinbekommen hatte, war das jetzt die absolute Krönung. Eigentlich gab es nur noch eine Möglichkeit: schnell nach Hause und meine Mum anflehen, sofort weiterzuziehen.

Bei diesem Gedanken musste ich lachen. Oder schluchzen. Vielleicht war es auch beides.

Als würde sie je auf einen meiner Wünsche eingehen.

Ratlos starrte ich auf die Kabinentür.

Am besten, ich blieb hier einfach, bis man mich wieder vergessen hatte. Erfahrungsgemäß würde das nicht lange dauern. Ich verzog mein Gesicht. Nun ja, nach der Aktion vorhin, wahrscheinlich ein bisschen länger als sonst.

Das fassungslose Gesicht von diesem Idioten blitzte vor mir auf. Laut fing ich an loszuprusten und wischte mir vor Lachen die Tränen aus den Augen. Oder heulte ich? Keine Ahnung, vielleicht wurde ich ein kleines bisschen hysterisch.

"Ist alles in Ordnung?"

Bei dieser Frage musste ich kichern. Ob alles in Ordnung war? Wenn ich das wüsste. Mit hoher Wahrscheinlichkeit eher nicht.

"Ich hab übrigens deinen Rucksack gerettet."

Überrascht riss ich die Augen auf. Ob das ne Falle war? Man wollte mich rauslocken, damit der Insektenfresser mich verspeisen konnte. Angewidert schüttelte ich mich. Meine Fantasie ging mal wieder mit mir durch.

"Das war total abgefahren. Endlich hat sich jemand mal getraut Luke die Stirn zu bieten."

Hörte ich da Bewunderung in ihrer Stimme?

"Willst du nicht rauskommen?"

Wollte ich das?

Hmm, gute Frage. Auch wenn ich nicht wollte, sollte ich wohl. Ich konnte schließlich nicht ewig hier hocken bleiben. Außerdem war ich ziemlich neugierig auf die Person, die da sprach.

Nervös rückte ich meine schwarze Hornbrille zurecht und verließ die Kabine.

Sie war außergewöhnlich.

Die roten Strähnen in ihren langen, blonden Haaren leuchteten mit ihren blauen Augen um die Wette. Niemand, der so herumlief, hatte Angst davor, aufzufallen.

Irgendetwas an ihr gefiel mir sofort.

Sie hielt mir tatsächlich meinen Rucksack entgegen. Was für ein Glück. Ein Problem weniger. Dankend nahm ich ihn entgegen.

Mit einem verschmitzten Lächeln kam sie auf mich zu und hakte mich unter.

"Ach ja, ich bin Holly. Und du?"

Verwirrt blinzelte ich sie an.

"Felicia."

"Nice. Lass uns Freunde werden."

Bevor ich wusste, wie mir geschah, zerrte sie mich aus der Toilette, den Gang hinunter, während sie lebhaft auf mich einredete. Voller Erstaunen betrachtete ich jede kleinste Regung in ihrem Gesicht und jede herumwedelnde Handbewegung, mit der sie ihre Worte unterstrich. Sie waren so ein großer Kontrast zu ihrer melodischen, weichen Stimme, dass es wirkte, als würde die Musik nicht zum Film passen. Doch gerade dieser Umstand ließ eine Saite in mir klingen und berührte mein musikalisches Herz.

In meinem Kopf erklang eine ruhige Melodie.

Sanft und doch voller Leben.

Genau wie Holly.

Wie ein Vulkan riss sie mich einfach mit und half mir dabei, den ersten Schultag einigermaßen gut zu überstehen. Ich sage einigermaßen, denn es kam, wie es kommen musste.

Anfangs war ich äußerst nervös, sah mich ständig um, voller Angst, von diesem Luke überfallen zu werden.

Irgendwie wirkte er nicht so, als würde er die ganze Sache auf sich sitzen lassen.

Erleichtert stieß ich die Luft aus.

Auch in diesem Kurs war er anscheinend nicht anwesend.

Hatte ich ein Glück!

In dem Moment, als ich mich entspannt in meinem Stuhl zurücklehnte, betrat er den Raum.

Mist.

Schnell duckte ich mich und versuchte, mich hinter meinem Vordermann zu verstecken.

"Alles gut?" flüsterte Holly, die neben mir saß, mir zu. Stumm nickte ich. Jetzt bloß nicht auffallen.

Vorsichtig lugte ich nach vorne.

Da stand er, als würde ihm die ganze Schule gehören. Drei Typen folgten ihm wie ein Schatten.

Alle lachten.

Nur Luke nicht.

Als hätte er meinen entsetzten Blick gespürt, drehte er plötzlich seinen Kopf und blickte mir geradewegs in die Augen.

Unwillkürlich lief es mir kalt den Rücken herunter.

Nicht nur seine Augen strahlten wie ein Eisberg in der Antarktis, sondern seine ganze Haltung wirkte, als würde man erfrieren, sollte man ihm auch nur ein bisschen zu nahe kommen.

Schnell versteckte ich mich wieder hinter dem breiten Rücken meines Vordermannes. Jedoch nicht schnell genug, denn schon kam er mit großen Schritten auf mich zu.

Nein, nein, nein.

Panisch sah ich mich um. Wohin konnte ich fliehen?

"Wen haben wir denn da?"

Seine tiefe Stimme klang so bedrohlich, dass ich ihn nur stumm anstarren konnte.

Ich zitterte und verfluchte mich innerlich dafür, dass ich überhaupt seine Aufmerksamkeit erregt hatte. So etwas Dummes war mir echt noch nie passiert. Sonst wusste ich immer, mich geschickt aus allem Ärger herauszuhalten. Hatte meine Mutter mir doch stets eingebläut, ja nicht auf irgendeine Weise aufzufallen. Und jetzt, was war jetzt geschehen? Die ganze miese Klasse glotzte mich an, aufs Äußerste gespannt, was als Nächstes passieren würde.

Mit zusammengebissenen Zähnen senkte ich meinen Kopf und musterte meinen Tisch, als wäre er ein seltenes Kunstwerk aus dem 16. Jahrhundert.

"Es tut mir leid", murmelte ich in der Hoffnung, das würde genügen und er würde mich für immer in Ruhe lassen.

Plötzlich spürte ich seinen Atem an meiner Stirn.

Bestürzt riss ich meinen Kopf wieder hoch, nur um festzustellen, dass sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt war. Er hatte beide Hände auf meinen Tisch gestützt und seine Augen durchbohrten mich.

Ich erstarrte zu Eis.

"Was tut dir leid? ", flüsterte er mir zu und plötzlich wünschte ich mir, er möge schreien. Denn die lähmende Stille, die den ganzen Raum erfüllte, ließ mich erschauern. Nur das Atmen der anderen war zu hören. Die Stille zwischen uns war schlimmer als jedes Geschrei.

Ich versuchte zu antworten. Doch kein Laut kam mir über die Lippen.

So ein Mist, was war nur mit mir los?

"Antworte", befahl er, als wäre dies das Einfachste auf der Welt. Stirnrunzelnd legte ich meinen Kopf schräg. Was war noch mal die Frage?

"Luke Price!" Nur dumpf nahm ich die Stimme von Frau Wilson wahr, zu sehr hatten sich unsere Blicke ineinander verhakt. Keiner war bereit wegzusehen, kam es doch einer Niederlage gleich.

"Luke Price, setz dich sofort hin! Musst du jedes Mal meinen Unterricht stören?"", die hohe Stimme von Frau Wilson überschlug sich und schoss von meinem Ohr ins Hirn. Schmerzhaft verzog ich mein Gesicht. Das war ja schlimmer als Fingernägel auf der Tafel.

Auf einmal blitzte etwas wie Belustigung in Lukes Augen auf. Forschend betrachtete ich ihn. Nein, das musste ich mir wohl eingebildet haben. Die eisige Maske in seinem Gesicht war kein bisschen verrutscht. Ob er wohl überhaupt lachen kann?

"Wir sind noch nicht fertig", flüsterte er mir zu.

Seelenruhig richtete er sich zu seiner vollen Größe auf. Dann schlenderte er zu seinem Platz schräg hinter mir, als hätte er alle Zeit der Welt.

Holly griff nach meiner Hand und drückte sie. Dankbar lächelte ich sie an und wir zwinkerten uns zu. Komisch, wir kannten uns erst einen halben Tag und doch verstanden wir uns stumm.

Nahe an einer Panikattacke holte ich tief Luft. Noch nie kam mir eine Unterrichtsstunde so lang vor.

Die hohe, quietschige Stimme von Frau Wilson.

Das penetrante Klicken eines Kugelschreibers.

Das überlaute Ticken einer Uhr.

Lukes stechender Blick in meinem Rücken.

Alles gleichzeitig war zu viel für mein empfindliches musikalisches Herz. Jedes einzelne Geräusch hämmerte gegen meinen Kopf.

Eigentlich hatte ich gelernt im Unterricht die unwichtigen Geräusche auszublenden, doch manchmal, wenn mich irgendetwas stresste, schaffte ich es nicht. Schweiß lief mir am Körper herunter.

Ich brauch meine AirPods.

Ich brauch meine Ruhe.

Ich will hier raus.

In mir schrie alles.

Frau Wilson hatte kaum ihren letzten Satz beendet, da sprang ich schon auf, schnappte mir meinen Rucksack und raste aus dem Raum. Nur weg hier.

"Fee", schrie Holly mir hinterher.

Mist, ich hatte sie komplett vergessen.

Schnell drehte ich mich zu ihr um und winkte ihr mit einem entschuldigenden Lächeln zu.

"Bis morgen, Holly, danke für alles."

Und schon verschwand ich in einem Pulk von Schülern nach draußen.

Erst als ich den Park erreichte, wurde die Musik in meinem Kopf wieder leiser. Die Streicher verstummten.

Zum ersten Mal an diesem Tag konnte ich wieder frei atmen.

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