Prolog
Als der Wächter vom nördlichen Wall aus den Horizont absuchte, weiteten sich seine Augen mit einem Mal.
„Blauer Grund … goldener Löwe!“, rief er. „Das Banner von Ravenspire!” Entlang der Mauern hallten Befehle wie Alarmglocken wider, einer nach dem anderen.
„Öffnet die Tore!”
„Blast die Hörner!”
„Der Lord von Ravenspire naht!”
Ein weiterer Soldat verlor keine Zeit und rannte zum Innenhof.
„Bereitet ein Pferd vor! Meldet es Seiner Gnaden dem Herzog! Beeilung!”
Kurz darauf brachte der staubbedeckte Bote sein Pferd im Haupthof des Palastes zum Stehen. Außer Atem erklomm er die Stufen und sank vor dem Lordkämmerer auf ein Knie.
„Mein Herr … der Lord von Ravenspire ist mit seiner Wachkompanie durch das Nordtor eingezogen. Sie werden binnen weniger Minuten im Palast eintreffen.”
Der Lordkämmerer nickte.
„Bringt die Wachen in Zeremonienformation. Bereitet die Ställe vor. Ich selbst werde Seine Gnaden unterrichten.”
Er nahm seinen Stab zur Hand und durchquerte die langen Korridore, bis er sanft an die Tür des Arbeitszimmers klopfte.
„Herein.”
Der Lordkämmerer trat ein und verneigte sich ehrerbietig.
„Erhabener Herzog … Euer treuer Vasall, Lord Alistair Thorne von Ravenspire, hat mit seinen Wachen unsere Stadt erreicht. Er kommt geradewegs zum Palast.”
Der Herzog hob den Kopf von der Karte auf seinem Schreibtisch.
„Alistair? Ohne jede Ankündigung …”
Seine Brauen zogen sich leicht zusammen.
„Das sieht ihm gar nicht ähnlich.”
Er erhob sich.
„Bereitet den Innenhof vor. Die Wachen sollen ihre Posten einnehmen. Ich werde ihn persönlich empfangen.”
Die Wachen am Haupttor des Palastes brachen plötzlich in Rufe aus.
„Öffnet die Tore!”
„Ravenspires Truppen nähern sich!”
Die gewaltigen, mit Eisenbändern verstärkten Eichentore schwangen mit einem schweren Dröhnen auf.
Dreißig Reiter stürmten wie ein aufziehendes Unwetter in den Hof.
Hufe schlugen Funken aus dem Steinboden, und das metallische Klirren der Rüstungen hallte durch den Hof.
Das schwarze Pferd an der Spitze kam im letzten Moment abrupt zum Stehen.
Der Mann darauf sprang, ohne zu zögern, zu Boden.
Lord Alistair Thornes Gesicht trug die Erschöpfung tagelanger Reise. Seine Rüstung war staubbedeckt. Sein Umhang war schlammverkrustet. Doch was am meisten ins Auge fiel, war weder seine Müdigkeit noch sein Äußeres.
Es war der Zorn in seinen Augen.
Für einen Moment verstummte der ganze Hof.
Alistair reichte die Zügel dem herbeigeeilten Stallknecht.
„Wo ist der Herzog?”
Der Hauptmann der Wache trat vor und verneigte sich.
„Willkommen, mein Lord. Seine Gnaden befinden sich in seinem Arbeitszimmer. Doch gemäß dem offiziellen Protokoll müssen wir zunächst—”
„Protokoll?”
Alistairs Stimme hallte durch den gesamten Hof.
„Dies ist nicht die Zeit, um über Protokoll zu sprechen.”
Der Wächter wich unwillkürlich zurück.
Ohne ein weiteres Wort wandte sich Alistair den Treppen zu.
Hinter ihm folgten seine erlesenen Wachen schweigend.
Während er die Marmorstufen zu zweien und dreien nahm, hallte das harte Klirren seiner Rüstung durch die Korridore.
Am Ende des Ganges wartete Lordkämmerer Stan auf sie.
Als er den Lord erblickte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.
„Lord Alistair …”
Er stockte für einen Moment.
„Ich sehe Euch zum ersten Mal in diesem Zustand. Hat sich in Eurer Grafschaft ein Unglück ereignet?”
Alistair blieb nicht stehen.
„Es geht nicht um meine Grafschaft.”
Er trat nahe an Stan heran und blickte ihm direkt in die Augen.
„Es geht um weit mehr.”
Als der Lordkämmerer die Entschlossenheit in Alistairs Stimme hörte, stellte er keine weitere Frage.
„Seine Gnaden ist allein. Eure Wachen sollen hier warten. Nur Ihr werdet eintreten.”
Er senkte den Kopf und öffnete die schwere Eichentür einen Spalt.
„Erhabener Herzog …”
Der Herzog hob den Kopf.
„Lord Alistair wünscht, vor Euch zu treten.”
„Lasst ihn ein.”
Die Tür öffnete sich vollständig.
Alistair trat mit schweren Schritten ein.
Die Tür schloss sich langsam hinter ihm.
Die Wahrheiten, die in jenem Raum ausgesprochen wurden, sollten eines Tages nicht nur das Schicksal zweier Adliger verändern, sondern die gesamte Geschichte Aethelgards.
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