[1] • Eine unerwartete Begegnung
Maldita sea.
Der Bass von den Rheinwiesen dröhnt mir immer noch in den Schläfen – dumpf, aggressiv, genau wie die Wut, die mir seit einer halben Stunde die Kehle zuschnürt. Das dritte warme Festival-Bier liegt wie Blei im Magen. Warum habe ich mich überhaupt von Mirco und Dan bequatschen lassen?
»Komm schon, Mateo, Tapetenwechsel, ’n bisschen Frischluft und Mukke, tut dir gut, Bruder.«
Pustekuchen.
Das Bild von Eva hat sich eingebrannt wie frische Nadeln auf nackter Haut. Eva, die vor vier Wochen noch geheult und geschworen hat, dass ich ihr ganzes Leben bin – und die da drüben eben an irgendeinem aufgeblasenen Typen im Leinenhemd hing, als hätte es mich nie gegeben. Fünf Jahre Hölle aus Eifersucht, Vorwürfen und zerschnittenem Vertrauen. Und nach vier Wochen schiebt sie sich den Nächsten rein.
Ich ziehe die Jeansjacke fester um die Schultern und laufe mit sturem Blick auf den Asphalt über die Oberkasseler Brücke. Hauptsache weg. Keine Erklärungen. Mein Handy vibriert in der Hosentasche – bestimmt die Jungs, die jetzt erst merken, dass ich abgehauen bin –, aber ich ignoriere es. Der Wind vom Rhein peitscht mir durch die Haare. Kalt. Gut so.
Und dann … stocke ich mitten im Schritt.
Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr. Eine Silhouette, die nicht ins Bild passt. Da lehnt niemand lässig am Geländer, um den Blick auf die Altstadt zu genießen.
Jemand sitzt auf dem Geländer. Beine baumelnd über dem schwarzen, reißenden Wasser.
Mein Herzschlag stolpert. Der Alkohol im Kopf verflüchtigt sich schlagartig.
Ich mache einen vorsichtigen Schritt zur Seite, halte ein paar Meter Abstand und hebe instinktiv beide Hände leicht an. Meine Stimme klingt rauer als gewollt; der spanische Akzent bricht durch, wie immer, wenn das Adrenalin kickt.
»Oye …«, sage ich leise, aber bestimmt gegen den Wind an. »Hey. Nicht bewegen, klar? Bleib einfach … genau so sitzen.«
Der Kopf dreht sich. Unter einer dicken Kapuze lugen blonde Haare und blaue Augen hervor. Ein Mädel. Und sie grinst. »Okay.«
Ich atme langsam aus, aber der Kloß im Hals verschwindet nicht. Dieses Grinsen passt absolut nicht zu der Szenerie, die sich gerade in meinem Kopf abspielt. Fast hätte sie mir einen Herzinfarkt verpasst, aber die zieht hier eine Show ab. Ich trete einen Schritt näher, extrem langsam, als zähme man ein scheues Tier.
»Findest du das etwa witzig?« Ich lasse die Hände sichtbar sinken. »Du sitzt da oben auf der falschen Seite des Geländers, Chica. Das ist keine Aussichtsplattform für ’n spätes Mitternachtspostkarten-Foto. Komm da runter. Bevor du mir noch den Rest gibst heute Abend. Ernsthaft.«
Sie lacht. Irgendwas daran klingt seltsam entrückt. »Aber die Aussicht ist doch sooooo schön.« Dann schunkelt sie leicht und lehnt sich ein Stück vor.
¡Mierda!
Mein Kopf setzt aus – reiner Instinkt.
Die zerdrückte Bierdose rutscht mir aus den Fingern und scheppert über den Asphalt. Ich überbrücke die letzten Meter mit einem Hechtsprung und packe mit beiden Händen den dicken Stoff ihres Hoodies an den Schultern. Nicht ruckartig, um sie nicht komplett aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber mit eisernem Griff.
»¡Hostia! Bist du eigentlich völlig bescheuert?! Schau mich an. Nicht vorlehnen, hörst du? Schau mich an!« Das Rheinufer tief unter uns lauert schwarz und eiskalt.
Sie hebt den Blick, völlig unbeeindruckt. »Schon mal Titanic geguckt? Genau so muss sich das anfühlen.«
»Titanic?! Willst du mich verarschen?!«
Plötzlich nimmt sie die Hand vom Geländer und hickst leise. Mein Herz hämmert bis zum Hals. Diskutieren bringt nichts mehr.
»Madre mía … Jack und Rose am Arsch, wir sind hier nicht im Kino!«
Ich nutze den Moment, schiebe meine Arme unter ihre Achseln, stemme die Füße in den Asphalt und reiße sie mit einem einzigen, wuchtigen Ruck vom Geländer herunter. Kein Feingefühl, pure Hebelwirkung.
Mit ihrem Gewicht stolpere ich rückwärts. Mein Rücken knallt unsanft auf den Beton des Gehwegs, und sie landet direkt auf mir – ein Haufen aus dicker Kapuze, blonden Strähnen und dem Duft von Früchten und Alkohol. Ich keuche auf, presse die Augen zusammen, halte sie aber instinktiv mit beiden Armen fest, als könnte sie sich gleich in Luft auflösen.
»Por Dios …«, stöhne ich in die Nachtluft und starre sie an. Mein Gesicht ist nur Zentimeter von ihrem entfernt. »Sag mal … hast du sie noch alle beisammen?!«
Mit einem Mal verändert sich ihr Blick. Tränen schießen ihr in die Augen. »Hast du dir wehgetan? Hast du bestimmt, oder?« Die kühle Nachtluft trifft meine nackte Haut am Bauch, als sie panisch anfängt, an meinem Shirt herumzuzerren. Meine Tattoos – die Schattierungen auf den Rippen, die Schriftzüge – liegen halb frei.
»Hey, hey, hey … stopp mal.« Meine Stimme wird weicher, auch wenn mein Steißbein höllisch brennt. Ich greife sanft nach ihren Handgelenken. »Mir geht’s gut. Nur ’ne Beule für mein Ego. Kein Grund gleich zu heulen.«
Ich schiebe mich in eine sitzende Position, stütze eine Hand auf den Asphalt. »Schau mich an«, sage ich ruhig und mustere ihr Gesicht, auf dem die Wimperntusche verschmiert. »Nichts passiert. Aber sag mir mal lieber … wie viel hast du eigentlich getrunken? Und wo sind deine Leute?«
Sie starrt auf meine Hände. Dann hebt sie ihre eigenen, versucht an den Fingern abzuzählen und scheitert kläglich. Ihre Schultern sinken herab. Ihr Blick wandert an mir hoch, direkt in meine Augen.
»Du bist echt hübsch.«
Ich zucke leicht zusammen, als ihre kalten Fingerspitzen unvermittelt die Haut an meinem Hals berühren, genau dort, wo das Mandala hinter meinem Ohr ansetzt. Ihre Berührung brennt seltsam. Nicht unangenehm, aber völlig fehl am Platz in diesem Chaos. Vor fünf Minuten wollte ich wegen Eva noch die Welt anzünden, und jetzt sitze ich auf dem Gehweg mit einer völlig Fremden, die an Grundschulmathematik scheitert und mir Komplimente macht.
Ein schiefes Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Ich nehme ihre Hand sanft von meinem Hals, halte ihre eiskalten Finger aber kurz zwischen meinen.
»Danke, Chica. Handwerkliche Präzisionsarbeit. Aber lenk nicht ab.«
Ich stehe langsam auf, ziehe sie mit mir auf die Beine und entschieden ein paar Meter weg vom Geländer in die sichere Mitte des Gehwegs.
Als der Wind ihr plötzlich die Kapuze vom Kopf reißt, stocke ich unwillkürlich.
Die Haare sind nicht einfach nur blond; sie fallen in hellen, dichten Wellen bis über ihre Hüfte und wehen im Scheinwerferlicht der Laternen wie ein Vorhang im Nachtwind. Der weite, dunkle Rhein hinter ihr, die Lichter der Altstadt und diese endlose Mähne – es sieht tatsächlich aus wie eine verdammte Szene aus einem Kitschfilm.
»Wie heißt du eigentlich, Rapunzel?«, frage ich leise, während ich den Reißverschluss meiner Jeansjacke öffne. »Bevor ich dich gleich wie ’nen Sack Kartoffeln über die Schulter werfe, um dich hier wegzukriegen?«
»Rapunzel«, wiederholt sie und lacht leise. Sie schwankt einen Schritt vor, sodass sie dicht vor mir steht. »Du bist schön. Deine Augen leuchten richtig.«
»Das ist die Straßenbeleuchtung. Und der pure Schock darüber, dass ich heute Nacht Babysitter spiele.« Ich lege ihr die viel zu große Jeansjacke um die zitternden Schultern und ziehe die Seiten zusammen. »Mateo. Ich heiße Mateo. Und jetzt sag mir endlich, wo du hinmusst, bevor du mir hier erfrierst.«
»Ma-te-o«, wiederholt sie gedehnt, fast andächtig, als müsste sie jeden Buchstaben einzeln schmecken. Dann legt sie die Hände an meine nackten, tätowierten Unterarme. »Noch mehr Linien.«
Eine Gänsehaut jagt mir über die Haut. »Ja, noch mehr Linien. Mein ganzes Leben besteht daraus. Ich bin Tätowierer.«
Ich schließe meine Hände sanft um ihre Handgelenke, um ihre Entdeckungstour zu stoppen, und blicke sie ernst an. »Du bist unverbesserlich. Also: Wo wohnst du?«
Plötzlich knicken ihre Beine ein. Sie kippt nach vorn, und ihr Gesicht vergräbt sich an meiner Halsbeuge. Ich schlinge sofort die Arme um sie und fange ihr ganzes Gewicht ab.
»Ich bin sooo … müde«, haucht sie gegen meine Haut. Aber dieser Tonfall …
Es ist nicht das typische, lallende Genöle von jemandem, der bloß zu viel Tequila hatte. Es klingt hohl. Ausgelaugt. Nach einer Erschöpfung, die tief in den Knochen sitzt und die man nicht einfach wegschläft.
Ich kenne diesen Tonfall verdammt gut, habe ihn in den letzten Wochen viel zu oft in meinem eigenen Kopf gehört, wenn die Wände in meiner Bude zu eng wurden.
Mein Beschützerinstinkt schlägt mit voller Wucht zu. Die Wut auf Eva, das Bier im Magen – alles verblasst. Ich lege eine Hand an ihren Hinterkopf und streiche behutsam durch die weichen Strähnen.
»Ich hab dich«, murmle ich leise. »Lass einfach locker.«
Ich warte ein paar Herzschläge und spüre, wie schwer sie in meinen Armen wird. Ein Taxi hält hier oben mitten auf der Brücke im Leben nicht. Mein Studio, inklusive der Wohnung darüber, liegt zehn Minuten zu Fuß drüben in der Altstadt.
Es ist riskant. Eigentlich ist es vollkommen bescheuert.
Aber was bleibt mir anderes übrig?








