Kapitel 1 - Ein Schritt ohne Rückweg
Dragobert starrte ins Leere. Das Klappern der Teller und das Rauschen des Wassers verschwammen zu einem einzigen Geräusch, das er kaum noch wahrnahm. Vor ihm türmte sich das schmutzige Geschirr, doch seine Gedanken waren längst nicht mehr in dieser Küche. Immer wieder stellte er sich denselben Ort vor: einen kleinen, gemütlichen Laden mit einer warmen Beleuchtung, selbst gebackenen Kuchen in der Auslage und Menschen, die mit einem Lächeln hereinkamen. Sein eigener Kuchenladen. Ein Traum, den er schon seit seiner Kindheit mit sich herumtrug. Statt Kuchen zu verkaufen, stand Dragobert jeden Tag in der Küche eines Restaurants. Offiziell arbeitete er als Kellner, doch die meiste Zeit verbrachte er hinten in der Spüle, wo ihn kaum jemand bemerkte. Dragobert war eigentlich ein guter Mensch. Er war freundlich, hilfsbereit und hatte sein Herz am rechten Fleck. Wenn jemand Hilfe brauchte, war er der Erste, der da war. Viele unterschätzten ihn, weil er ruhig war und lieber im Hintergrund blieb. Doch tief in ihm schlummerte etwas, das selbst Dragobert nicht immer verstand. Es gab Momente, in denen sich etwas in ihm veränderte. Wenn man ihn zu weit trieb, wenn jemand einen Menschen verletzte, den er liebte, oder wenn die Ungerechtigkeit zu groß wurde, verschwand der freundliche Dragobert für einen Augenblick. Dann kam eine Seite zum Vorschein, die kalt, wütend und unberechenbar war. Nach solchen Momenten konnte er sich manchmal nur noch an Bruchstücke erinnern. Er wusste nicht genau, was passiert war, warum Menschen plötzlich Angst vor ihm hatten oder warum er Dinge getan hatte, zu denen er sich eigentlich niemals fähig gesehen hätte. Manchmal fragte er sich, ob diese Dunkelheit schon immer in ihm gewesen war. Oder ob da etwas anderes in ihm lebte – etwas, das nur darauf wartete, die Kontrolle zu übernehmen. Während er erneut in seinen Gedanken versank, stapelte sich das Geschirr weiter in der Küche. Was Dragobert nicht bemerkte: Sein Chef Chucky beobachtete ihn bereits seit einigen Minuten.
Schließlich öffnete sich die Tür. „Dragobert. “Die Stimme seines Chefs riss ihn aus seiner Traumwelt. „Komm in mein Büro. Sofort.“
Chucky fragte besorgt, aber mit seinem typisch frechen Unterton:„Also willst du mir endlich sagen, was los ist, oder willst du, dass ich dich vor die Tür setze?“Für einen kurzen Moment schien Dragobert gar nicht mehr wirklich da zu sein. Sein Blick wurde leer, sein Gesicht veränderte sich. Für ein paar Sekunden war der freundliche, ruhige Dragobert verschwunden. Chucky bemerkte die Veränderung und wusste nicht, was er tun sollte. Erst eine kräftige Ohrfeige holte Dragobert wieder zurück. „Hey! Was ist los mit dir?“, fragte Chucky erschrocken. Dragobert blinzelte, als würde er gerade erst wieder in die Realität zurückfinden. Dann sah er Chucky direkt an. Seine Stimme war ruhig, fast beängstigend ruhig.
„Ich kündige.“
Chucky blieb der Atem weg. Sieben Jahre. Über sieben Jahre hatte Dragobert für ihn gearbeitet. Er hatte ihn nie im Stich gelassen, hatte jede Schicht übernommen und war immer da gewesen, wenn jemand gebraucht wurde.„Was? Nein, warte mal... Dragobert, das meinst du doch nicht ernst“, sagte Chucky verzweifelt. „Wir finden eine Lösung. Du kannst nicht einfach gehen. “Doch Dragobert hörte nicht mehr zu. Er nahm langsam seine Jacke, zog sie an und ging zur Tür. Kein Streit. Keine großen Worte. Keine Erklärung. Er verschwand einfach – als hätte er nie zu diesem Ort gehört. Seine Arbeitskollegen standen wie versteinert da. Sie kannten Dragobert als den ruhigen, hilfsbereiten Mann, der immer für andere da war. Doch dieser Blick in seinen Augen war anders. Da war etwas Neues. Etwas, das sie nicht kannten. Und während alle nur schweigend zusahen, lächelte Dragobert. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich frei. „Jetzt werde ich meinen Traum verwirklichen“, dachte er. „Jetzt werde ich es allen zeigen.“Er war überzeugt davon, endlich den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Doch die Realität wartete bereits auf ihn.
Und sie war viel härter, als Dagobert es sich jemals vorstellen konnte.








