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Seelentor

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Summary

Dark-Romance-Gay-Fantasy • Historisches Wikinger Setting • 18+ • M/M • ✦ ───────────────── ✦ Der Wald schweigt. Noch. Rune hat gelernt, mit der Stille zu leben. Seit dem Tod seiner Frau zieht er seine beiden Kinder allein groß, verbirgt sein seltsames, silbernes Haar unter grobem Leinen und sein Herz hinter Pflichten, die keinen Raum für Verlangen lassen. Ein ruhiges Leben, in einem Dorf am Rand eines uralten Einenhains – bis der Wald verstummt und die ersten Berichte von brennenden Siedlungen und Männern mit Feuer in den Augen sein stilles Leben erreichen. Was wie ein gewöhnlicher Überfall beginnt, wird zum Anfang von etwas weit Größerem – und weit Gefährlicherem. Zwei mächtige Kriegsfürsten, gezeichnet von Blut und Loyalität, werden Runes Schicksal auf eine Weise berühren, die er sich nie hätte vorstellen können. Zwischen Misstrauen und einer Anziehung, die sich nicht verleugnen lässt, zwischen Zärtlichkeit und roher, ungezähmter Begierde, entfaltet sich eine Geschichte, in der Liebe genauso gefährlich werden kann wie das Dunkel, das ihr folgt. ✦ ───────────────── ✦

Status
Ongoing
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
18+

Die Stille vor dem Sturm

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✦ ───────────────── ✦

Rune

Der Morgen kam langsam über unsere Lichtung.

Zunächst war da nur ein blasses Grau, das sich zwischen die engstehenden Stämme schob und den nächtlichen Nebel über dem feuchten Gras sichtbar machte. Dann berührte das erste Licht das verwitterte Dach unserer Hütte, fing sich in den Tautropfen an den Kräuterbündeln unter dem Vordach und legte einen matten Schimmer auf den schmalen Pfad, der zwischen den Eiben hindurch zum Dorf führte.

Der Spätsommer war noch nicht vergangen, doch die Nächte trugen bereits die erste Kälte des nahenden Herbstes in sich. Sie blieb nach Sonnenaufgang zwischen den Bäumen hängen und drang durch jede Ritze, die ich vor dem Winter noch würde schließen müssen.

Ich war lange vor Sonnenaufgang wach gewesen.

Nicht wegen Kael, der sich im Schlaf wieder einmal so weit über den Rand seines Bettes geschoben hatte, dass ein Arm und ein Bein beinahe den Lehmboden berührten. Auch nicht wegen Liva, die sich im ersten Dämmerlicht hinausgeschlichen hatte, um die Schlingen am Bach zu kontrollieren. Geweckt hatte mich die eigentümliche Stille, die jenseits unserer Wände lag und mit jeder verstreichenden Stunde schwerer zu werden schien.

Der Wald schwieg.

Gewöhnlich begann das Leben dort draußen vor uns. Meisen stritten sich im Haselgebüsch, Amseln suchten zwischen den Wurzeln nach Würmern, und vom Bach her drang das empörte Schnattern der Enten bis zu unserer Hütte. Noch bevor eines der Kinder die Augen öffnete, raschelten Mäuse im Laub, Rehe bewegten sich durch das Unterholz, und irgendwo in den hohen Wipfeln rief ein Vogel, den ich trotz all der Jahre nie zu Gesicht bekommen hatte.

An diesem Morgen hörte ich nur das leise Knacken des alten Dachgebälks und meinen eigenen Atem.

Das Feuer war während der Nacht beinahe erloschen. Ich kniete vor der flachen Herdstelle, schob trockenes Reisig unter die graue Glut und blies vorsichtig hinein, bis ein schwacher Funkenregen aufflog. Rötliches Glimmen fraß sich an den dünnen Zweigen entlang, kleine Flammen leckten an den Holzspänen empor, und der erste Rauch stieg träge zur Öffnung im Dach.

Hinter mir raschelte eine Decke.

Kael hob den Kopf, blinzelte verschlafen in den dämmerigen Raum und ließ ihn gleich darauf wieder auf das Kissen sinken. Sein hellbraunes Haar stand auf einer Seite steil ab. Auf seiner Wange hatte das grobe Leinen einen roten, zerknitterten Abdruck hinterlassen, und für einige Herzschläge wirkte er, als könne er sich nicht entscheiden, ob die Welt seine Aufmerksamkeit an diesem Morgen bereits verdient hatte.

Schließlich setzte er sich auf und rieb sich mit beiden Fäusten über das Gesicht.

„Ist es schon Morgen?“

Seine Stimme klang rau und undeutlich.

„Beinahe.“

Kael sah zum kleinen Fenster, dessen geschlossene Läden nur einen schmalen Lichtstreifen hindurchließen.

„Es ist noch dunkel.“

„Dann hast du noch Zeit, dich wieder hinzulegen.“

Er dachte darüber nach. Sein Blick wanderte zu seinem Kissen, dann zum Feuer, an dem inzwischen die ersten Flammen höher schlugen. Die Wärme gewann.

„Ich bin nicht mehr müde.“

Kaum hatte er es ausgesprochen, gähnte er so ausgiebig, dass ihm Tränen in die Augen traten.

„Das sehe ich.“

Kael schob die Decke von den Beinen, ließ sich vom Bett gleiten und tappte barfuß zur Herdstelle. Dabei wickelte er sich die Decke um die Schultern, sodass sie hinter ihm über den Boden schleifte. Er ließ sich auf einem niedrigen Holzklotz nieder, zog die Knie an die Brust und starrte schweigend ins Feuer.

„Kalt“, murmelte er.

„Du könntest Schuhe anziehen.“

„Die sind dort.“

Er deutete auf sein Bett, als läge es mehrere Tagesreisen entfernt.

Ich griff nach dem kleinen Topf, hängte ihn über das Feuer und gab den eingeweichten Hafer hinein. Kael beobachtete jede meiner Bewegungen, ohne einen Versuch zu unternehmen, seine Schuhe zu holen. Erst als das Wasser leise zu sieden begann, löste er sich aus seiner Decke, lief zurück und kam mit dem kleinen Messer wieder, das ich ihm im vergangenen Winter angefertigt hatte.

Die eiserne Klinge hatte einst zu einem größeren Werkzeug gehört. Nachdem sie abgebrochen war, hatte der Schmied im Dorf mir geholfen, das verbliebene Stück neu zu schleifen. Den kurzen Griff aus heller Esche und die schmale Lederscheide hatte ich selbst gefertigt. Es war ein gutes Messer geworden, sauber ausbalanciert und klein genug für Kaels Hände, solange er nicht vergaß, dass selbst eine kleine Klinge tief schneiden konnte.

Er setzte sich wieder an das Feuer und nahm das längliche Stück Weidenholz vom Sims. Die grobe Gestalt besaß bereits vier unterschiedlich lange Beine und einen Kopf, der deutlich zu groß geraten war.

„Führ die Klinge von deinem Daumen fort“, sagte ich, während ich den Hafer umrührte.

Das Schaben verstummte.

„Das mache ich.“

Ich blickte über meine Schulter.

Kael betrachtete seine Hand, als könne sie bestätigen, dass er recht hatte.

„Du schneidest direkt auf sie zu.“

„Nur ein bisschen.“

„Ein bisschen reicht.“

Mit einem unwilligen Seufzen gab er mir das Messer. Ich rückte näher an das Feuer, setzte die Klinge in einem flachen Winkel an und löste einen dünnen, gleichmäßigen Span aus dem weichen Holz.

„Du zwingst das Messer nicht“, erklärte ich. „Du lässt es dem Holz folgen. Wenn du zu viel Kraft brauchst, sitzt die Klinge falsch.“

„Holz kann nichts wollen.“

„Das behaupten nur Menschen, die nicht mit ihm arbeiten können.“

Ich drehte die Figur in meinen Händen und deutete auf den schmalen Riss, der sich bereits über ihren Rücken zog.

„Wenn du gegen die Maserung arbeitest, bricht es. Du musst fühlen, in welche Richtung das Holz nachgeben will.“

Kael beobachtete jede Bewegung. Trotz seiner Ungeduld konnte er aufmerksam sein, sobald etwas sein Interesse geweckt hatte, und in diesen seltenen Augenblicken nahm er jedes noch so kleine Detail in sich auf.

„Jetzt ich“, verlangte er.

Ich reichte ihm das Messer zurück.

„Vom Körper fort.“

„Ich weiß.“

„Das hast du eben auch gesagt.“

Er verzog den Mund und machte sich wieder an die Arbeit, diesmal jedoch vorsichtiger.

Ich musste lächeln. „Was soll es denn werden?“

„Ein Wolf.“

Bislang ähnelte es eher einem ungewöhnlich langen Schwein, doch ich behielt diese Feststellung für mich. Kael drehte die Figur prüfend in der Hand und begann vorsichtiger, an der noch stumpfen Schnauze zu arbeiten.

Die Tür öffnete sich mit einem langgezogenen Knarren.

Kühler Nebel drang über die Schwelle, gefolgt von Liva, deren dunkler Rocksaum von den Knien abwärts feucht war. Kleine Kletten hafteten an ihren Ärmeln, und aus ihrem geflochtenen Haar hatten sich mehrere Strähnen gelöst. In der einen Hand hielt sie zwei zusammengerollte Schlingen, in der anderen ein Bündel frisch geschnittener Schafgarbe.

Beide Schlingen waren leer.

„Nichts?“, fragte ich.

Liva schüttelte den Kopf und schloss die Tür hinter sich. Mit ihren zehn Jahren besaß sie bereits jene ruhige, beinahe bedächtige Art, die ältere Menschen häufig dazu brachte, ihre Gegenwart zu vergessen. Dabei entging ihr fast nichts.

„Nicht einmal Spuren“, antwortete sie. „Der Lehm am Bach ist weich, aber dort war kein Hase. Auch kein Fuchs.“

„Dann hast du die Schlingen falsch gesetzt“, erklärte Kael.

Liva legte die Kräuter auf den Tisch und sah ihn an.

„Du hast gestern versucht, eine Krähe mit einer Schüssel zu fangen.“

„Fast hätte es geklappt.“

„Sie hat dir das Brot gestohlen.“

„Aber sie war unter der Schüssel.“

„Sie war daneben.“

„Nur am Ende.“

Ich nahm Liva die Schlingen ab, bevor aus dem Gespräch ein längerer Streit werden konnte. Die Knoten waren fest, die kleinen Schlaufen richtig gelegt und die Befestigungen unbeschädigt. Es gab keinen erkennbaren Grund dafür, dass die Tiere sie gemieden hatten.

„Vielleicht hat der Wind die Witterung verändert“, sagte ich.

„Es gab keinen Wind.“

Ihre leise Antwort ließ mich erneut zum Dach hinaufhorchen. Kein Zweig strich über die Schindeln, und selbst die hohen Wipfel der Eiben standen vollkommen unbewegt.

„Dann versuchen wir es heute Abend noch einmal.“

Liva nickte, wirkte aber nicht überzeugt. Sie zog ihren feuchten Mantel aus und hängte ihn neben der Tür an den dafür vorgesehenen Holzhaken.

„Die Schafgarbe wächst wieder am östlichen Ufer“, berichtete sie. „Ich habe nur die oberen Triebe genommen.“

„Gut.“

„Der Wundklee ist beinahe verblüht.“

„Dann sammeln wir morgen, was noch brauchbar ist.“

„Ich kann es allein machen.“

„Das weiß ich.“

Ihre Schultern entspannten sich ein wenig. Liva mochte es nicht, wenn man sie behandelte, als wäre sie hilflos, und ich bemühte mich, ihr mehr zuzutrauen, als mir manchmal lieb war. In einer anderen Zeit hätte ich sie vielleicht länger Kind sein lassen können. Unsere Welt erlaubte diesen Luxus nur selten.

Als der Brei fertig war, verteilte ich ihn auf drei hölzerne Schalen. Wir setzten uns an den schweren Tisch, dessen Platte inzwischen von unzähligen feinen Kerben, dunklen Flecken und den Spuren heißer Töpfe gezeichnet war. Kael bekam die Portion aus der Mitte, weil dort nichts angebrannt war, Liva schob ich den letzten Rest getrockneter Beeren zu, und für mich blieb das, was am Boden des Topfes geklebt hatte.

Kael musterte seinen Brei misstrauisch.

„Der ist schwarz.“

„Nur an einer Stelle.“

„Meine Stelle ist schwarz.“

„Dadurch wirst du besonders groß und stark.“

Er schien nicht überzeugt, begann aber zu essen. Liva nahm schweigend ihren Löffel und zerdrückte jede einzelne Beere sorgfältig am Rand ihrer Schale.

Die Hütte bestand nur aus einem großen Raum, doch jeder Gegenstand darin besaß seinen Platz. Hinter einer niedrigen Flechtwand lagen die beiden schmalen Schlafplätze der Kinder. Mein eigenes Bett stand auf der gegenüberliegenden Seite, dicht genug an der Herdstelle, dass die Kälte im Winter nicht vollständig bis in die Knochen drang. Unter dem kleinen Fenster befand sich die breite Truhe, in der wir Kleidung, Decken und alles aufbewahrten, was vor Feuchtigkeit geschützt werden musste. Neben den getrockneten Kräutern hingen meine Werkzeuge an einfachen Holzhaken.

Beinahe alles in der Hütte war durch meine Hände gegangen. Der Tisch, die Schemel und die Truhe waren älter als Kael. Die beiden Betten der Kinder hatte ich gebaut, als sie ihre ersten Schlafplätze aus Weidengeflecht nicht mehr brauchten. Selbst die Tür saß nach mehreren feuchten Wintern noch immer gerade in ihren Angeln.

Liva blies über ihren Brei.

„Am Bach waren auch keine Vögel.“

Kaels Löffel blieb auf halbem Weg zu seinem Mund stehen.

„Wegen Wölfen?“

„Wölfe hinterlassen Spuren.“

„Vielleicht waren es Geister.“

„Geister fressen keine Kaninchen.“

„Woher willst du das wissen?“

Liva sah zu mir, als müsste ich über diese Frage entscheiden.

„Ich habe noch nie einen Geist essen sehen“, sagte ich. „Das beweist allerdings nicht, dass sie es nicht tun.“

Kael nickte ernst, während Liva die Augen verdrehte.

„Es war trotzdem seltsam“, beharrte sie. „Gestern waren im Schlamm noch überall Abdrücke.“

„Vielleicht hat das Wild eine andere Wasserstelle gefunden.“

„Alles zur gleichen Zeit?“

Darauf wusste ich keine überzeugende Antwort. Ich nahm einen weiteren Löffel, obwohl der Brei inzwischen kaum mehr als lauwarm war, und lauschte erneut. Durch die dünnen Wände drang lediglich das sanfte Tropfen des Taus, der vom Dach auf die Erde fiel.

„Vor dem Herbst verändert sich der Wald“, sagte ich schließlich. „Die Tiere spüren die Kälte früher als wir.“

Liva schien nicht überzeugt, widersprach jedoch nicht weiter.

Nach dem Essen spülte ich die Schalen am Wasserkübel aus und trat anschließend an meine Werkbank. Das gebogene Stück Eichenholz, an dem ich bis tief in die Nacht gearbeitet hatte, lag noch zwischen den Holzspänen. Osrics Wagenrad hatte zwei gebrochene Speichen und einen gespaltenen Felgenabschnitt. Das neue Stück folgte bereits der richtigen Rundung, musste jedoch vor dem Einsetzen an beiden Enden nachgearbeitet werden.

Ich fuhr mit dem Daumen über die glatte Kante. Das Holz war gut getrocknet, fest und frei von verborgenen Rissen. Wenn Osric seinen Wagen nicht erneut in einen ausgewaschenen Graben lenkte, würde die Reparatur mehrere Winter halten.

„Ich muss heute ins Dorf“, sagte ich. „Osric wartet auf sein Wagenrad, und der Schmied schuldet mir noch sechs Nägel.“

Kael richtete sich sofort auf.

„Ich komme mit.“

„Heute nicht.“

„Ich kann helfen.“

„Beim letzten Mal hast du drei Nägel im Gras verloren.“

„Zwei haben wir wiedergefunden.“

„Liva hat sie wiedergefunden.“

„Also waren sie nicht richtig verloren.“

Liva senkte den Kopf, doch das kleine Zucken in ihren Mundwinkeln entging mir nicht.

„Ihr bleibt beide hier“, entschied ich. „Ich sollte vor dem Mittag zurück sein.“

Kael legte den Löffel hin. „Ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst.“

„Das ist gut, denn Liva passt nicht auf dich auf. Ihr passt aufeinander auf.“

„Das ist dasselbe.“

„Nicht ganz.“

„Doch.“

„Iss deinen Brei.“

Er gehorchte, allerdings mit einer Miene, als hätte ich ihn zu schwerer Arbeit verurteilt.

Ich wickelte Zugmesser, Holzhammer, Bohrer und die schmale Dechsel in ein festes Wolltuch. Das neue Radsegment band ich außen daran fest und überprüfte zweimal, ob die Lederriemen hielten.

Anschließend nahm ich das lange Tuch vom Haken neben der Tür.

Mein Haar hatte sich über Nacht gelöst und fiel mir offen über die Schultern. Im trüben Wasser des Kübels erkannte ich nur verschwommene Konturen, doch selbst darin hob sich das helle Silber deutlich von meiner Haut und dem grauen Leinen meines Untergewands ab. Im Dorf hatte man sich auch nach all den Jahren nicht vollständig daran gewöhnt. Die meisten Menschen waren inzwischen höflich genug, ihre Fragen nicht mehr auszusprechen, doch ihre Blicke blieben dieselben.

Ich fasste das Haar im Nacken zusammen und wickelte den groben Stoff fest um Kopf und Strähnen. Eine einzelne Locke glitt mir über die Schulter, bevor ich sie unter das Tuch schob.

„Du hast eine vergessen“, sagte Kael.

„Jetzt nicht mehr.“

„Merewyn wird trotzdem wieder starren“, bemerkte Liva.

Ich zog den Knoten fester. „Merewyn starrt nicht.“

Beide Kinder sahen mich an.

„Sie hat dir beim letzten Mal zwei Brote gegeben“, sagte Kael.

„Sie hatte zu viel gebacken.“

„Und Honig.“

„Es war ein kleiner Topf.“

Liva hob eine Braue. Diese Geste beherrschte sie erstaunlich gut.

„Räumt die Schalen weg“, sagte ich, bevor sie das Gespräch fortsetzen konnten.

Kael grinste, während Liva sich erhob.

Bevor ich ging, legte ich zwei weitere Scheite neben die Herdstelle und überprüfte den Riegel an der Tür. Liva beobachtete mich mit verschränkten Armen.

„Du gehst nur ins Dorf.“

„Das weiß ich.“

„Du tust aber so, als würdest du bis an die Küste laufen.“

„Ihr bleibt auf der Lichtung. Wenn ihr zum Bach geht, dann nur gemeinsam, und bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, seid ihr wieder in der Hütte.“

„Ich wollte noch einmal nach den Schlingen sehen.“

„Später.“

„Papa.“

Etwas in ihrer Stimme ließ mich innehalten. Hinter ihrer ruhigen Miene lag dieselbe Unruhe, die mich seit dem Erwachen begleitete.

„Später, Liva“, wiederholte ich sanfter.

Ich strich ihr eine lose Haarsträhne aus der Stirn, fuhr Kael über den zerzausten Kopf und hob mein Werkzeug auf.

„Verriegelt die Tür hinter mir.“

„Wir wissen es“, sagte Liva.

„Ich sage es trotzdem.“

Draußen hatte sich der Nebel ein wenig gelichtet. Die Hütte lag am östlichen Rand der Lichtung, geschützt von alten Eiben und zwei mächtigen Buchen, deren Wurzeln wie knochige Finger aus der Erde ragten. Unter dem Vordach hingen Bündel aus Beifuß, Salbei und Rainfarn. Daneben stapelte sich das Holz, das ich bereits für den Winter gespalten hatte. Ein schmaler Garten zog sich bis zum Waldrand, in dem zwischen Kohl und Zwiebeln mehr Wildkräuter wuchsen, als man in einem ordentlichen Beet vermutlich hätte dulden sollen.

Von hier wirkte unser Zuhause beinahe verloren zwischen den Bäumen. Das dunkle Holz der Wände hob sich kaum von den Stämmen ab, und das moosbewachsene Dach ging in das dichte Grün des Waldes über. Wer den schmalen Pfad nicht kannte, konnte dicht an der Lichtung vorbeigehen, ohne sie zu bemerken.

Hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Einen Augenblick später schob sich der hölzerne Riegel knarrend in seine Halterung.

Erst dann machte ich mich auf den Weg.

Der Pfad führte durch den ältesten Teil des Hains, in dem die mächtigen Stämme so dicht beieinanderstanden, dass selbst am hellsten Tag nur wenig Sonne den Waldboden erreichte. Knorrige Wurzeln hoben sich wie erstarrte Schlangen aus der dunklen Erde, während darüber die dichten Zweige ein beinahe geschlossenes Dach bildeten.

Ich kannte jede Biegung des Weges und wusste, an welchen Stellen sich nach starkem Regen Wasser sammelte oder die Wurzeln unter feuchtem Laub verborgen lagen. Dennoch ging ich an diesem Morgen langsamer als gewöhnlich.

Das Schweigen begleitete mich.

Ohne die vertrauten Vogelstimmen wirkte selbst das Rascheln meiner Schritte zu laut. Zweimal blieb ich stehen, weil ich glaubte, hinter mir eine Bewegung gehört zu haben, doch zwischen den Bäumen zeigte sich nichts als blasser Nebel.

An der ältesten Eibe verlangsamte ich unwillkürlich meinen Schritt. Ihr Stamm war so breit, dass ihn selbst drei Männer kaum hätten umfassen können. Tiefe Furchen durchzogen die dunkle Rinde, und silbrige Flechten hatten sich in den Vertiefungen angesiedelt. Einige ihrer knorrigen Äste waren längst abgestorben, während an anderen noch immer dichte, grüne Nadeln wuchsen.

Die Kinder hielten den Baum für älter als das Dorf. Ealdred behauptete sogar, er habe bereits dort gestanden, bevor der erste Priester seinen Fuß in dieses Land gesetzt hatte.

Ohne recht zu wissen, weshalb ich es tat, legte ich die Hand auf die raue Rinde.

Eine kühle Empfindung glitt durch meine Finger und breitete sich für einen flüchtigen Moment in meinem Arm aus. Sie war weder schmerzhaft noch wirklich unangenehm. Vielmehr fühlte sie sich an wie die Ahnung eines Lautes, den ich beinahe gehört hatte, oder wie eine Erinnerung, die nicht mir gehörte.

Ich zog die Hand zurück.

Unter meinen Füßen raschelte trockenes Laub, obwohl kein Wind ging.

„Zu wenig Schlaf“, murmelte ich und setzte meinen Weg fort.

Jenseits des Hains öffnete sich das Land. Abgeerntete Gerstenfelder lagen zu beiden Seiten des staubigen Pfades, dazwischen standen niedrige Hecken aus Weißdorn und Hasel. Auf den Weiden grasten einige träge Rinder, und in der Ferne erhob sich das Dorf, eine Ansammlung gedrungener Holzhäuser mit tief herabgezogenen Dächern. Dünner Rauch stieg aus den Öffnungen und verlor sich im blassen Himmel.

Als ich die ersten Häuser erreichte, schien die eigentümliche Stille des Waldes weit hinter mir zu liegen.

Vor der Schmiede schlug der Hammer in gleichmäßigem Takt auf glühendes Eisen. Zwei Hunde jagten kläffend einer Gans hinterher, während deren Besitzerin ihnen unter lautem Schimpfen folgte. Am Brunnen standen mehrere Frauen, und nahe der kleinen hölzernen Kirche übte ein Junge mit einem stumpfen Speer gegen einen mit Stroh gefüllten Sack.

Menschen grüßten mich, als ich vorbeiging. Manche hoben lediglich die Hand, andere riefen meinen Namen. Der vertraute Lärm, der Geruch von Herdrauch, Tieren und frisch gebackenem Brot wirkten nach der lautlosen Enge des Eibenhains beinahe beruhigend.

Vor der Schmiede stritt Osric bereits mit seinem ältesten Sohn.

„Wenn du den Wagen nicht so beladen hättest, wäre das Rad nicht gebrochen“, rief der Sohn.

Osric stemmte beide Hände in die Hüften. „Wenn du den Graben zugeschüttet hättest, wäre ich nicht hineingefahren.“

„Das war nicht unser Graben.“

„Ein Graben fragt nicht, wem er gehört.“

Ich stellte mein Werkzeug neben das beschädigte Rad.

„Vielleicht solltet ihr eure Streitigkeiten erst beenden, bevor ich mit der Arbeit anfange.“

Osric drehte sich zu mir um. Sein dichter, grauer Bart war an einer Seite noch vom Frühstück verklebt.

„Rune. Endlich ein vernünftiger Mann.“

Sein Sohn schnaubte. „Er sagt dir gleich dasselbe wie ich.“

„Dann bezahle ich ihn nicht dafür.“

„Du bezahlst mich ebenfalls nicht.“

„Du bist mein Sohn.“

Osric winkte ihn fort und beugte sich über das Rad, als könne er durch bloßes Anstarren erkennen, was ich vorhatte. Ich löste das Werkzeugbündel und kniete mich in den Staub.

„Die zweite Speiche muss ebenfalls heraus“, sagte ich.

„Die ist noch gut.“

„Sie ist gerissen.“

„Nur ein wenig.“

„Holz reißt nicht ein wenig. Es reißt oder es reißt nicht.“

Osric murmelte etwas über Handwerker, die aus jedem kleinen Schaden eine zusätzliche Münze machten, trat aber zur Seite.

Während ich das Rad aus der Nabe löste, füllte sich der Dorfplatz allmählich. Körbe wurden zum Brunnen getragen, zwei Jungen trieben eine kleine Ziegenherde durch die schmale Gasse, und vor dem Backhaus legte Merewyn frisch gebackene Fladen auf ein Tuch.

Als sie bemerkte, dass ich in ihre Richtung sah, hob sie die Hand.

„Du bist früh hier.“

„Osric behauptet vermutlich das Gegenteil.“

„Osric behauptet auch, sein Rücken sei nur deshalb krumm, weil die Welt schief gebaut wurde.“

„Das ist sie“, rief Osric, ohne von seinem Rad aufzusehen.

Merewyn lachte. Mehl lag auf ihren Unterarmen und als heller Streifen an ihrer Wange.

„Ich habe Honigfladen gebacken“, sagte sie. „Falls du später noch hier bist.“

„Kael hat bereits einen verlangt.“

„Dann sollte ich wohl zwei zurücklegen.“

Ihr Blick blieb einen Moment länger auf meinem Gesicht liegen, ehe sie sich wieder den Broten zuwandte. Ich senkte den Kopf über das Rad und bemerkte Osrics amüsiertes Grunzen.

„Kein Wort“, sagte ich.

„Ich habe nichts gesagt.“

„Noch nicht.“

„Ich frage mich nur, wie lange du noch so tun willst, als bemerkest du es nicht.“ Osric stützte sich auf den Rand des Wagens und nickte kaum merklich zum Backhaus hinüber. „Die Tochter des Bäckers hat einen Narren an dir gefressen. Das sieht jeder im Dorf, außer offenbar dem Mann, dem sie das Brot hinterherträgt.“

„Merewyn ist freundlich.“

„Merewyn ist zu allen freundlich. Aber nur für dich stellt sie Honigfladen beiseite.“

Ich setzte das Zugmesser an und begann, das gespaltene Holz aus der Felge zu lösen.

„Du solltest wieder eine Frau finden“, fuhr Osric unbeirrt fort. „Dann würdest du vielleicht endlich aus diesem Wald zurück ins Dorf ziehen. Die Winter sind hart genug, wenn man Nachbarn auf der anderen Seite des Weges hat. Mit zwei Kindern allein hinter dem Eibenhain zu leben ist keine Kleinigkeit.“

„Wir sind bisher durch jeden Winter gekommen.“

„Bisher.“ Osric beobachtete, wie sich ein schmaler Span unter der Klinge löste. „Mein Enkel Alfred würde sich prächtig mit Kael verstehen. Die beiden könnten gemeinsam ihr Unwesen treiben, und wir wüssten wenigstens, wo wir nach ihnen suchen müssen, wenn wieder irgendwo ein Hühnerstall offensteht.“

„Kael braucht keine Hilfe, um Unwesen zu treiben.“

„Umso besser. Dann kann Alfred noch etwas von ihm lernen.“

Ich musste trotz allem lächeln.

Osric trat näher und senkte seine Stimme ein wenig. „Und Liva wird langsam zur jungen Frau. Das Mädchen ist klug, aber bald wird sie Fragen haben, die sie ihrem Vater nicht stellt, ganz gleich, wie viele Kräuter du kennst. Ein Weib im Haus, dem sie vertraut und das ihr zeigt, was du ihr nicht zeigen kannst, wäre nichts Schlechtes.“

Darin lag mehr Wahrheit, als mir gefiel. Ich glättete die freigelegte Verbindung und prüfte mit dem Daumen, wie tief der Riss reichte.

„Ich lasse es mir durch den Kopf gehen“, sagte ich schließlich. Dann sah ich zu Osric auf und zwinkerte ihm zu. „Aber Merewyn ist viel zu jung für mich.“

„Ach, Unsinn.“ Osric winkte ab, als hätte ich lediglich einen schlecht sitzenden Nagel beanstandet. „Sie ist jung genug, um dir noch viele gesunde Kinder zu schenken, und alt genug, um zu wissen, welchen Mann sie will.“

„Zwei reichen mir vollkommen.“

„Das sagt jeder Mann, bis ihm eine hübsche Frau das Gegenteil beweist.“

„Reich mir lieber den Holzkeil. Dein Rad repariert sich nicht durch meine Heirat.“

Osric lachte in seinen Bart, gab mir den Keil und ließ mich endlich weiterarbeiten.

Das beschädigte Felgenstück ließ sich nur widerwillig lösen. Ich setzte das Zugmesser an, arbeitete das gespaltene Holz vorsichtig heraus und prüfte anschließend die beiden angrenzenden Teile. Die natürliche Krümmung des neuen Eichenstücks passte beinahe genau. Nur an einer Seite musste ich die Verbindung schmaler setzen, damit die Spannung nicht auf die verbleibenden Speichen überging.

Die Arbeit zog neugierige Blicke an. Osrics jüngster Enkel setzte sich in den Staub und beobachtete jeden meiner Handgriffe. Eine alte Frau namens Mildrith blieb mit einem Korb voll Zwiebeln stehen und wartete, bis ich das Zugmesser abgesetzt hatte.

„Der Deckel meiner Truhe schließt nicht mehr“, sagte sie. „Seit dem letzten Regen klemmt er.“

„Das Holz ist aufgequollen. Ich sehe es mir übermorgen an.“

„Du hast letzten Monat übermorgen gesagt.“

„Dann muss es dieses Mal das richtige Übermorgen sein.“

Mildrith schnaubte, schob mir jedoch eine besonders große Zwiebel aus ihrem Korb zu.

Kurz darauf kam der Müller mit einem gespaltenen Schaufelstiel. Der Gerber wollte eine neue Querstange für sein Trockengestell, und der Priester hatte ausrichten lassen, dass die westliche Kirchentür erneut über den Boden schliff. Bis zum Mittag hatte ich mehr Arbeiten zugesagt, als ich in den nächsten zehn Tagen würde erledigen können.

Osric verfolgte die Gespräche mit zunehmender Ungeduld.

„Mein Rad zuerst.“

„Dein Rad ist bereits zuerst.“

„Du redest aber mit allen anderen.“

„Meine Hände arbeiten auch dann, wenn mein Mund spricht.“

„Bei dir vielleicht.“

Ich war gerade dabei, die erste neue Speiche einzusetzen, als Wulfhild über den Platz kam. Sie ging langsamer als sonst und stützte eine Hand in den Rücken. Ihr Bauch wölbte sich deutlich unter dem braunen Wollkleid; bis zur Geburt mochten noch zwei Monde vergehen.

Sie wartete, bis ich den Holzhammer beiseitegelegt hatte.

„Rune, hast du noch etwas von der Salbe gegen rissige Haut? Cenreds Hände bluten wieder.“

„Der Tiegel müsste noch halb voll sein.“

„Von der mit Ringelblume und Honig? Eira sagte immer, man müsse—“

Wulfhild brach ab. In ihrem Gesicht erschien jener vorsichtige Ausdruck, den Menschen annahmen, wenn ihnen der Name meiner Frau unbedacht über die Lippen gekommen war.

Eira.

Zwei Winter waren vergangen, und dennoch konnte ihr Name unvermittelt einen stillen Raum in mir öffnen, den ich im Alltag fest verschlossen hielt. Sie war meine älteste Freundin gewesen, lange bevor sie meine Frau und die Mutter unserer Kinder geworden war. Ein seltenes Fieber hatte nur wenige Tage gebraucht, um sie mir zu nehmen, obwohl wir jedes Kraut versucht, jedes Gebet gesprochen und jede Hoffnung bis zu ihrem bitteren Ende festgehalten hatten.

Mehr ließ ich an diesem hellen, geschäftigen Vormittag nicht zu.

„Man darf die Ringelblume nicht kochen“, vollendete ich Wulfhilds Satz. „Sonst wird die Salbe zu bitter und reizt die offene Haut.“

Erleichterung trat in ihr Gesicht.

„Genau das wollte ich sagen.“

„Ich bringe euch den Tiegel morgen vorbei. Cenred soll seine Hände vorher in warmem Wasser reinigen und die tiefen Risse nicht wieder mit Erde einreiben.“

„Er behauptet, Erde schließe die Wunde.“

„Cenred behauptet vieles.“

Wulfhild lächelte schwach. „Liva hilft dir noch immer mit den Kräutern?“

„Sie hilft vor allem dann, wenn ich ihrer Meinung nach alles falsch sortiert habe.“

„Das klingt nach ihr.“

Sie berührte kurz meinen Arm und ging weiter. Mein Blick folgte ihr nur bis zum Brunnen, wo zwei Frauen sofort einen Platz für sie freimachten.

Ich wandte mich wieder dem Wagenrad zu und arbeitete weiter.

Gegen Mittag kam Ealdred vom oberen Dorfweg herunter. Mein Bruder war breiter gebaut als ich, sein dunkles Haar bereits von ersten grauen Fäden durchzogen. Er trug einen Stapel gespaltener Schindeln über der Schulter und legte ihn neben der Kirchenwand ab.

„Du bist ohne die Kinder gekommen“, stellte er fest.

„Sie können einen Vormittag allein verbringen.“

„Kael kann keinen halben Vormittag verbringen, ohne etwas anzuzünden.“

„Das ist einmal geschehen.“

„Zweimal.“

„Beim zweiten Mal hat nur das Gras gebrannt.“

Ealdred wischte sich den Holzstaub von den Händen. Seine Finger waren breit, die Knöchel von alter Arbeit verdickt. Obwohl wir dieselben Eltern hatten, sahen wir einander kaum ähnlich.

„Wenna hat gestern wieder von euch gesprochen“, sagte er. „Sie meint, ihr solltet wenigstens über den Winter zu uns kommen.“

„Euer Haus ist mit euren drei Kindern bereits voll genug.“

„Es wäre voller, aber sicherer.“

„Die Lichtung ist verborgen.“

„Ein versteckter Ort ist nur so lange sicher, bis jemand den Weg dorthin findet.“

Ich legte das Werkzeug beiseite und richtete mich auf.

„Hat Osric dich geschickt, damit ihr zu zweit an meinem Verstand zweifeln könnt?“

„Daran zweifle ich ganz ohne Osrics Hilfe.“

Sein Lächeln war kurz und vertraut. Anschließend griff er nach einem der verbliebenen Brotfladen, die Osrics Schwiegertochter gebracht hatte, brach ihn in zwei Teile und reichte mir die größere Hälfte.

„Wenna hat einen Topf Kohlsuppe angesetzt. Bring die Kinder heute Abend mit.“

Die Einladung hätte harmlos sein können. Ein warmes Essen, laute Kinder und ein Abend am Feuer meines Bruders waren nichts, das ich grundsätzlich mied. Doch in den vergangenen Monden endeten solche Abende beinahe immer damit, dass Wenna beiläufig den Namen irgendeiner unverheirateten Frau erwähnte oder Ealdred mir erklärte, ein Mann könne nicht für immer allein bleiben. Sie meinten es gut, und gerade deshalb fiel es mir so schwer, ihnen offen zu sagen, wie wenig ich ihre Hilfe ertrug.

Ich hatte keinen Sinn für eine andere Frau.

Eira war die einzige Frau gewesen, die ich je gebraucht hatte, die einzige, der ich vollständig vertraute, und, wenn ich es mir ohne jede Ausflucht eingestand, auch die einzige, bei der ich je gelegen hatte. Weder vor ihr noch nach ihrem Tod hatte es mich zu einer anderen gezogen. Selbst als junger Mann hatte ich mich nie an den Gesprächen der anderen beteiligen können, wenn sie über die üppigen Brüste einer neuen Schankwirtin oder die Hüften irgendeiner Magd sinnierten. Ich hatte ihre Worte verstanden, doch nie jenes selbstverständliche Verlangen, das sich dahinter verbarg.

Bei Eira war es anders gewesen. Sie war nie irgendeine Frau gewesen. Sie war Eira gewesen, meine älteste Freundin, der vertrauteste Mensch meines Lebens und die Einzige, bei der Nähe sich niemals wie etwas angefühlt hatte, das von mir erwartet wurde.

Vielleicht würde ich eines Tages bereit sein, wenigstens über ein anderes Leben nachzudenken. Im Augenblick brauchte ich jedoch keine neue Frau. Ich brauchte Zeit, auch wenn zwei Winter für alle anderen längst genug zu sein schienen.

„Nicht heute“, sagte ich.

Ealdred kaute langsam und betrachtete mich.

„Wenna hat nicht vor, dir eine Braut in die Suppe zu setzen.“

„Beim letzten Mal saß die Tochter des Müllers zufällig neben mir.“

„Unser Tisch ist klein.“

„Und beim Mal davor Merewyn.“

„Auch da war der Tisch klein.“

„Euer Tisch scheint vor allem dann klein zu sein, wenn eine unverheiratete Frau zu Besuch kommt.“

Ealdred seufzte, doch sein Blick blieb sanft.

„Sie meint es nur gut.“

„Das weiß ich. Du ebenfalls.“

„Dann komm.“

„Ein andermal.“ Ich brach ein Stück von dem Brot ab. „Außerdem hat Kael mir einen Honigfladen abverlangt. Wenn er den bekommt, wird er behaupten, keinen Hunger mehr zu haben.“

„Dann esse ich seine Suppe.“

„Das wird ihn vermutlich überzeugen.“

Ealdred erkannte, dass er mich nicht umstimmen würde, und ließ die Einladung vorerst ruhen. Für eine Weile sprachen wir über die Kirche, deren Dach auf der Nordseite vor dem Herbst ausgebessert werden musste. Ealdred wollte am nächsten Morgen mit zwei Männern neue Schindeln befestigen und bat mich, die schadhafte Querstrebe zu prüfen. Das Gespräch blieb alltäglich, und selbst Osric beteiligte sich bald mit lautstarken Vorschlägen, obwohl ihn niemand darum gebeten hatte.

Nur einmal erwähnte Ealdred beiläufig, dass ein Händler aus Mercia am Vortag in Dornham eingetroffen sei. Der Mann habe ungewöhnlich viele bewaffnete Reisende an der nördlichen Straße gesehen. Osric behauptete, Händler machten aus jedem Speer einen Heerzug, wenn sie dadurch höhere Preise verlangen konnten.

Wir ließen es dabei bewenden.

Die Sonne stieg höher und vertrieb die letzten Nebelreste aus der Senke. Kinder liefen über den Platz, die Hunde lagen ausgestreckt vor der Schmiede, und aus dem offenen Backhaus drang der warme Geruch von Brot. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Tag anders enden könnte als unzählige Tage zuvor.

Als das Wagenrad schließlich wieder auf der Nabe saß, drehte es sich ruhig und gleichmäßig.

Osric prüfte es mit übertriebener Skepsis.

„Es läuft schief.“

„Der Boden ist schief.“

„Das hast du nur von mir übernommen.“

„Dann musst du recht gehabt haben.“

Er brummte, reichte mir jedoch die vereinbarten Münzen und zusätzlich einen kleinen Keil Hartkäse, den ich für die Kinder einsteckte. Vom Schmied erhielt ich nach einigem Handeln sieben statt der geschuldeten sechs Nägel, weil zwei davon kürzer geraten waren.

Den Nachmittag verbrachte ich an der Kirche. Die Tür war während der feuchten Nächte aufgequollen und schabte mit ihrer unteren Kante über den Boden. Ich löste sie gemeinsam mit Ealdred aus den Angeln, glättete das Holz und setzte die Beschläge neu. Anschließend prüfte ich die Querstrebe unter dem nördlichen Dachabschnitt, während mein Bruder auf der Leiter stand und behauptete, sie müsse sofort ersetzt werden.

„Sie hält noch einen Winter“, sagte ich.

„Das hast du beim Glockenstuhl ebenfalls gesagt.“

„Der Glockenstuhl steht.“

„Er lehnt.“

„Er steht schräg.“

„Das ist dasselbe.“

„Nur für Menschen, die nichts vom Bauen verstehen.“

Ealdred warf einen Holzspan nach mir. Er verfehlte mich und traf Osric, der gerade mit seinem reparierten Wagen vorbeikam. Der anschließende Streit beschäftigte alle drei länger, als die Sache verdient hätte.

Merewyn brachte am späten Nachmittag einen Krug dünnes Bier und mehrere Brotstücke zur Kirche. Sie setzte sich in den Schatten der Ulme, während Ealdred vom Dach stieg.

„Wenna sucht dich“, sagte sie zu ihm.

„Dann sag ihr, du hättest mich nicht gefunden.“

„Sie hat gesagt, dass du das sagen wirst.“

„Deshalb habe ich sie geheiratet.“

Merewyn reichte mir einen Becher. Ihre Finger berührten meine etwas länger, als es nötig gewesen wäre.

„Du bist noch hier.“

„Die Kirchentür hat mich aufgehalten.“

„Sie schließt seit Monaten schlecht.“

„Offenbar hat sie heute beschlossen, dass es eilig ist.“

„Und danach?“

„Danach gehe ich nach Hause.“

Sie nickte. Für einen Moment wirkte es, als wolle sie noch etwas sagen, entschied sich jedoch dagegen. Stattdessen nahm sie zwei Honigfladen aus ihrem Korb und wickelte sie in ein sauberes Leinentuch.

„Einer für Kael“, erklärte sie.

„Und der andere?“

„Für Liva.“

„Natürlich.“

Ihr Lächeln verriet, dass keiner von uns ihr glaubte.

Die Sonne berührte bereits die Spitzen der westlichen Bäume, als ich mein Werkzeug erneut zusammenpackte. Auf dem Dorfplatz wurden die ersten Tiere in ihre Verschläge gebracht, und vor den Häusern sammelten Frauen die Wäsche ein. Der Tag kühlte rasch ab. Aus den Herdöffnungen stieg dichterer Rauch, während sich über den Feldern ein goldener Dunst ausbreitete.

Ich wollte mich gerade von Ealdred verabschieden, als am nördlichen Dorfrand ein Hund zu bellen begann.

Ein zweiter fiel ein, dann ein dritter. Das gewöhnliche Stimmengewirr auf dem Platz erstarb nicht sofort, wurde aber dünner, als immer mehr Menschen zur Straße blickten.

Zwischen den letzten Häusern erschien ein kleines, von einem müden Pferd gezogenes Fuhrwerk. Zwei Männer saßen auf dem vorderen Brett, während im hinteren Teil mehrere zusammengerollte Decken, ein zerbrochener Korb und eine dunkelhaarige Frau mit einem Kind lagen. Keiner von ihnen schien schwer verletzt, doch ihre Kleider waren verschmutzt, und der ältere Mann hielt seinen linken Arm eng an den Körper gedrückt.

Neben dem Fuhrwerk ging der Priester.

Seine braune Kutte war bis zu den Knien mit Staub bedeckt. Das schüttere Haar klebte ihm an der Stirn, und sein Gesicht wirkte um Jahre gealtert, seit ich ihn zuletzt gesehen hatte. Als das Fuhrwerk auf dem Platz stehen blieb, kamen die ersten Menschen aus den Häusern.

„Was ist geschehen?“, fragte jemand.

Der Priester hob beschwichtigend die Hand.

„Bringt ihnen zunächst Wasser und etwas zu essen.“

Wenna trat mit einem Krug vor, Merewyn holte Brot, und zwei Männer halfen der Frau vom Wagen. Das Kind an ihrer Brust war vielleicht drei Jahre alt. Es weinte nicht, sondern hielt sich so fest an ihrem Kleid, als könne es darin verschwinden.

Ealdred stellte sich neben mich.

„Das sind Leute aus Æscford“, sagte er leise.

Das Dorf lag nördlich des Flusses, kaum einen halben Tagesmarsch entfernt.

Osric kam mit mehreren anderen Männern näher. „Was ist dort geschehen?“

Der ältere Fremde sah zum Priester, als müsse dieser die Worte für ihn finden.

„Nordmänner“, antwortete der Priester schließlich. „Sie kamen gestern vor Sonnenaufgang. Vielleicht zwanzig, vielleicht mehr.“

Ein unruhiges Murmeln lief über den Platz.

„Dänen?“, fragte der Schmied.

„Das wissen wir nicht. Sie kamen vom Fluss, nahmen Vieh und Vorräte und setzten drei Häuser in Brand. Zwei Männer wurden getötet, andere werden vermisst.“

Die dunkelhaarige Frau drückte ihr Kind enger an sich.

„Sie haben meinen Bruder mitgenommen“, sagte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Und zwei Mädchen aus dem Haus meines Vaters.“

Mehrere Frauen bekreuzigten sich. Hinter mir begann ein Kind leise zu weinen.

„Wo sind die Männer jetzt?“, wollte Osric wissen.

„Fort“, antwortete der Priester. „Die Spuren führten zunächst nach Westen, verloren sich aber am Flussufer.“

„Dann können sie längst weitergezogen sein“, sagte einer der Bauern.

„Oder sie stehen morgen hier“, entgegnete ein anderer.

Sofort erhoben sich mehrere Stimmen. Einige Männer verlangten, noch in derselben Nacht Wachen an den Wegen aufzustellen. Andere hielten den Überfall für eine einzelne Plünderung und warnten davor, wegen jedes Gerüchts die Felder und das Vieh im Stich zu lassen. Eine ältere Frau rief, der Herr von Dornham müsse Krieger schicken, während Osric wissen wollte, weshalb der Priester nicht bereits am Mittag einen Boten ausgesandt hatte.

Der Priester hob beide Hände.

„Wir werden nicht in Angst übereinander herfallen. Der Herr hat uns bis hierher beschützt, und wir werden auf seinen Schutz vertrauen.“

Zustimmendes Murmeln erklang, besonders unter den älteren Frauen. Einige Männer senkten die Köpfe, andere blieben mit verschränkten Armen stehen.

„Heute Abend beten wir“, fuhr der Priester fort. „Morgen, wenn die Sonne zu sinken beginnt, versammeln wir uns unter der Ulme. Dann entscheiden wir gemeinsam, ob Wachen aufgestellt, Vorräte verborgen und die Wege zu den Höhlen geprüft werden müssen. Bis dahin bleibt niemand allein auf den nördlichen Feldern.“

„Beten hält keine Axt auf“, murmelte Ealdred neben mir.

Der Priester musste ihn gehört haben, denn sein Blick fiel für einen kurzen Moment auf uns.

„Nein“, sagte er. „Aber der Glaube hält den Menschen aufrecht, der sich der Axt entgegenstellen muss.“

Ealdred erwiderte nichts.

Die Menschen schlossen sich vor der Kirche zu einem hastigen Gebet zusammen. Manche knieten im Staub, andere blieben stehen und senkten lediglich den Kopf. Das Vaterunser erhob sich uneinheitlich über dem Platz; vertraute Worte, die an diesem Abend zögerlicher klangen als sonst.

Ich sprach sie mit, doch meine Gedanken waren längst bei der Lichtung.

Kael hatte vermutlich bereits dreimal gefragt, wo ich blieb. Liva würde sich nichts anmerken lassen, aber bei jedem Geräusch zur Tür sehen. Ich hatte versprochen, vor dem Mittag zurückzukehren, und inzwischen senkte sich die Sonne über den westlichen Wald.

Als das Gebet endete, griff Ealdred nach meinem Arm.

„Bleib heute Nacht bei uns.“

„Die Kinder sind allein.“

„Dann holen wir sie. Wenna richtet einen Schlafplatz her.“

„Bis wir dort sind und zurückkehren, ist es dunkel.“

„Ich komme mit.“

„Du bleibst bei deiner Familie.“

Sein Griff wurde fester. „Rune, Æscford ist einen halben Tag entfernt.“

„Und die Männer sind nach Westen gezogen.“

„Wenn die Spuren stimmen.“

„Meine Hütte liegt verborgen. Dort findet uns niemand, der den Weg nicht kennt.“

Ealdreds Blick blieb ernst.

„Ein versteckter Ort ist nur sicher, solange niemand den Pfad entdeckt.“

„Das hast du heute bereits gesagt.“

„Vielleicht hörst du es beim zweiten Mal.“

Ich legte meine Hand auf seinen Arm und löste seinen Griff.

„Morgen bringe ich die Kinder zur Versammlung. Wenn der Rat entscheidet, dass wir im Dorf bleiben sollen, sprechen wir darüber.“

„Du hast schon entschieden.“

„Ich habe entschieden, meine Kinder nicht bis nach Einbruch der Dunkelheit allein zu lassen.“

Dagegen konnte selbst Ealdred nichts einwenden. Er atmete schwer aus und trat einen Schritt zurück.

„Nimm wenigstens den südlichen Weg. Der führt zwar länger über die Felder, aber du siehst jeden, der dir entgegenkommt.“

„Im offenen Land sieht man auch mich.“

„Dann nimm den Hain und beeil dich.“

„Das hatte ich vor.“

Wenna kam zu uns und drückte mir einen kleinen, in Leinen gewickelten Brotlaib in die Hände.

„Für die Kinder“, sagte sie. „Und morgen kommt ihr früh.“

„Wir kommen.“

„Nicht erst, wenn alles besprochen ist.“

„Früh“, versprach ich.

Ealdred sah aus, als traue er meinem Versprechen nur wenig. Dennoch zog er mich kurz an sich, bevor er mich gehen ließ.

Ich verließ das Dorf, während hinter mir die ersten Abendgebete in der Kirche begannen. Der Weg zwischen den Feldern lag bereits im langen Schatten der Hecken. Kühle Luft strich über die abgeernteten Flächen und brachte die trockenen Halme leise zum Rascheln.

Zum ersten Mal an diesem Tag ging Wind.

Er hätte mich beruhigen sollen. Stattdessen hielt ich das Werkzeugbündel fester und beschleunigte meinen Schritt.

Am Rand des Eibenhains blieb ich stehen und blickte zurück. Über dem Dorf lag friedlicher Herdrauch. Kein Feuer färbte den Himmel, keine fremden Männer bewegten sich auf den Wegen, und aus der Ferne hörte ich die gedämpfte Glocke der Kirche.

Alles sah aus wie immer.

Ich redete mir ein, dass Æscford weit genug entfernt war, dass zwanzig Plünderer keinen Grund hatten, ausgerechnet unsere kleine Ansiedlung zu suchen. Der Herr von Dornham würde von dem Überfall erfahren und bewaffnete Männer schicken. Die Nordmänner hatten genommen, was sie tragen konnten, und waren vermutlich längst zu ihren Schiffen zurückgekehrt.

Es waren vernünftige Gedanken.

Dennoch legte ich den restlichen Weg beinahe im Laufschritt zurück.

Unter den Eiben war es bereits dunkel. Der Wind erreichte den Boden kaum, doch irgendwo hoch über mir bewegten sich die Kronen mit einem tiefen, gleichmäßigen Rauschen. Ein Käuzchen rief aus der Ferne, und im Unterholz raschelte endlich wieder ein kleines Tier.

Der Wald hatte seine Stimme zurückgefunden.

An der alten Eibe ging ich vorüber, ohne sie zu berühren.

Als ich die Lichtung erreichte, brannte hinter den geschlossenen Fensterläden ein warmer Lichtschein. Die Tür war verriegelt, wie ich es verlangt hatte. Unter dem Vordach hingen die Kräuter unverändert, und neben dem Hackklotz lag Kaels hölzernes Schwert.

Ich klopfte dreimal.

Drinnen scharrte der Riegel. Die Tür öffnete sich nur einen schmalen Spalt, und Livas Gesicht erschien in der Dunkelheit.

Als sie mich erkannte, zog sie die Tür vollständig auf.

„Du bist spät.“

„Das weiß ich.“

Kael kam hinter ihr hervorgeschossen. Sein Haar war erneut zerzaust, und in einer Hand hielt er den unfertigen Wolf.

„Hast du mein Schwert?“

„Nein.“

Sein Gesicht fiel in sich zusammen.

Ich zog das Leinentuch mit den Honigfladen hervor.

„Aber Merewyn hat gebacken.“

Kael strahlte. „Ich wusste, dass sie dich mag.“

„Die sind für dich und Liva.“

Liva nahm mir das Brot von Wenna und den Käse ab. „Was ist passiert?“

Ihre Stimme blieb ruhig, doch ihr Blick lag bereits auf meinem Gesicht. Sie hatte erkannt, dass nicht allein Osrics Wagenrad mich so lange aufgehalten hatte.

Ich trat ein und schloss die Tür hinter mir. Erst nachdem der Riegel wieder an seinem Platz lag, stellte ich das Werkzeug neben der Werkbank ab.

„Einige Menschen aus Æscford sind heute im Dorf angekommen.“

Liva kannte den Namen. „Das liegt beim Fluss.“

„Ja.“

„Warum haben sie ihr Dorf verlassen?“

Kael hielt mitten in der Bewegung inne. Der Honigfladen war bereits halb aus dem Tuch gewickelt.

Ich kniete mich vor die Kinder, sodass unsere Gesichter beinahe auf gleicher Höhe waren.

„Gestern sind fremde Krieger nach Æscford gekommen. Sie haben Vieh und Vorräte geraubt und einige Häuser angezündet.“

Kaels Augen wurden groß. „Wikinger?“

„Vermutlich Nordmänner.“

Seine Hand wanderte unwillkürlich zu dem kleinen Messer an seinem Gürtel.

„Kommen sie hierher?“

„Das weiß niemand. Ihre Spuren führten in eine andere Richtung.“

„Aber sie könnten umkehren“, sagte Liva.

Es war keine Frage.

„Morgen versammelt sich das Dorf. Wir werden besprechen, ob Wachen aufgestellt werden und wo sich die Familien verbergen können, falls weitere Männer in der Nähe gesehen werden.“

Kael zog sein hölzernes Schwert vom Boden an sich.

„Ich kämpfe.“

„Du tust genau das, was ich dir sage.“

„Ich kann kämpfen.“

„Du bist sechs.“

„Eadreds Sohn ist sieben, und er darf mit einem Speer üben.“

„Eadreds Sohn hat sich letzte Woche den Speer in den Fuß gestoßen.“

„Nur ein bisschen.“

„Ein bisschen reicht“, erinnerte ich ihn.

Kael erkannte seine eigenen Worte vom Morgen und presste unzufrieden die Lippen zusammen.

Liva setzte sich auf einen der Schemel. „Bleiben wir heute hier?“

Ich sah zur Tür, dann zu den dunklen Fensterläden.

„Heute ja. Morgen gehen wir gemeinsam ins Dorf.“

„Onkel Ealdred wird sagen, dass wir bei ihnen wohnen sollen.“

„Vermutlich.“

„Machst du es?“

„Ich höre mir zunächst an, was der Priester und die anderen zu sagen haben.“

Liva betrachtete mich noch einen Moment. Sie wusste, dass dies keine wirkliche Antwort war, doch sie ließ sie gelten.

Wir aßen das Brot, den Käse und die Honigfladen am Tisch. Kael teilte seinen Fladen erst, nachdem Liva ihm versichert hatte, dass ihrer nicht größer war. Die vertraute Auseinandersetzung tat mehr für meine Ruhe als sämtliche Gebete im Dorf.

Später legte Liva die gesammelte Schafgarbe zum Trocknen aus. Kael setzte sich erneut ans Feuer und schnitzte an seinem Wolf weiter, obwohl seine Augen immer wieder zufielen. Schließlich glitt ihm das Messer beinahe aus den Fingern.

Ich nahm es ihm ab.

„Ich war noch nicht fertig“, murmelte er.

„Morgen.“

„Du sagst immer morgen.“

„Weil morgen erstaunlich oft kommt.“

Er ließ sich widerstandslos ins Bett bringen, was bewies, wie müde er war. Kaum hatte ich die Decke über ihn gezogen, rollte er sich auf die Seite und schloss die Augen. Den unfertigen Wolf hielt er fest an seine Brust gedrückt.

Liva blieb noch am Feuer sitzen.

„Der Wald wusste es“, sagte sie leise.

Ich blickte zu ihr.

„Was soll er gewusst haben?“

„Dass etwas geschehen ist. Deshalb waren die Tiere fort.“

„Æscford liegt jenseits des Flusses.“

„Tiere hören weiter als wir.“

„Vielleicht.“

Sie zog die Knie an und legte das Kinn darauf. Im flackernden Licht wirkte ihr Gesicht älter, als es sein sollte.

„Hast du Angst?“

Ich hätte ihr gern sofort widersprochen. Doch Liva bemerkte Lügen meist schneller als andere Menschen.

„Noch nicht“, sagte ich. „Ich bin vorsichtig.“

„Ist das etwas anderes?“

„Es sollte etwas anderes sein.“

Sie dachte darüber nach und stand schließlich auf. Bevor sie zu ihrem Bett ging, legte sie ihre Arme um meinen Hals. Die Umarmung kam unerwartet und dauerte nur wenige Atemzüge.

„Weck mich, wenn du etwas hörst.“

„Das tue ich.“

Nachdem auch sie eingeschlafen war, löschte ich die kleine Lampe und kontrollierte den Riegel ein zweites Mal. Unter den Läden saßen die Holzkeile fest. Die Glut in der Herdstelle würde bis zum Morgen halten, und der Wassereimer stand gefüllt neben der Tür.

Draußen rauschte der Wald. Ein Käuzchen rief zwischen den Bäumen, und aus der Ferne antwortete ein zweites. Alles klang wieder so vertraut, dass die Berichte aus Æscford beinahe wie eine jener Geschichten wirkten, die auf langen Wegen größer und grausamer wurden.

Ich blieb dennoch eine Weile am erlöschenden Feuer sitzen.

Dann nahm ich die kleine Holzaxt von der Werkbank und legte sie neben mein Bett, bevor ich mich zu den Kindern in die Dunkelheit legte.

Chapters
1. Die Stille vor dem Sturm
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