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Drei Reiche - Die rote Walküre

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Summary

Keine Einleitung und keine Zusammenfassung des vorherigen Buches. Ich schmeiße euch einfach rein, wer das Ende von Band 3 gelesen hat wird onehin wissen, in welche Richtung es geht. Genießt das erste Kapitel, denn es beginnt noch sehr ruhig, bevor die Ruhe ein Ende hat.

Genre
Fantasy
Author
Marco1988
Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Metallene Riesen

Adam lag Nackt auf dem Rücken, die Bettdecke unter ihm zusammengeschoben zu einem zerknitterten Hügel aus weißem Leinen, der sich in Falten und Wellen über die Matratze zog. Das Licht der aufgehenden Sonne fiel durch das Fenster hinter dem Bett und legte sich in langen, warmen Bahnen über seine Schultern, über die Narben an seinen Rippen, über die dunkelbraune Haut.

Kethen saß Nackt auf ihm. Ihre Knie links und rechts an seinen Hüften, die Oberschenkel an seinen Seiten, das Gewicht ihres Körpers ruhig und vertraut auf seinem. Die braunen Locken fielen offen über ihre Schultern, einzelne Strähnen streiften seine Brust. Ihre Hände lagen auf seinen Wangen. Die Finger gespreizt, die Daumen an seinen Wangenknochen. Seine Hände ruhten auf ihren Hüften, die Finger um die Kurven gelegt, locker, ohne Druck, als genüge es, sie dort zu spüren.

Ihre Lippen fanden sich. Langsam, ohne Eile, als dehnte sich die Zeit zwischen ihren Atemzügen und weigerte sich, weiterzuziehen. Seine Unterlippe streifte ihre, verweilte. Kethens Atem traf seinen Mund in einem warmen, leisen Hauch, der nach Schlaf und Nähe roch. Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite, ihre Nase streifte seine, und der Kuss vertiefte sich. Weicher. Langsamer. Als tasteten sie einander zum ersten Mal, obwohl ihre Körper längst jede Linie des anderen kannten.

Das Licht kroch höher. Es wanderte über die Falten der Bettdecke, über verflochtene Beine, über nackte Haut, die im Morgenschein leuchtete. Der Staub tanzte in den Strahlen. Lautlos. Schwerelos. Als hielte selbst die Luft den Atem an. Kein Geräusch drang durch das Fenster. Kein Hämmern, kein Ruf, kein Hufschlag auf dem Pflaster. Havenbruck schlief noch. In diesem einen, stillen Augenblick gehörte die Welt nur ihnen.

Kethens Lippen lösten sich langsam von seinen, als müsse sie sich erst davon überzeugen, dass es sich lohnte, diesen Abstand zuzulassen. „Es war eine gute Entscheidung, auch das Bett ersetzen zu lassen.” Ihre Stimme war noch rau vom Schlaf, leiser als gewöhnlich. Weicher.

Adam ließ den Blick kurz über das Holz des neuen Bettrahmens gleiten, über die sauberen Kanten, die helle Maserung, die noch nach frischer Arbeit roch. „Ihr glaubt ja nicht, wie schwierig es war, das alte zu zerlegen und alles aus diesem Schloss zu tragen.”

Kethens Mundwinkel zuckten. „Ich sagte Euch doch, Ihr solltet Euch von den Soldaten helfen lassen.”

„Ich möchte mir nicht bei allem helfen lassen.” Seine Finger zeichneten träge kleine Kreise auf ihrer Hüfte, unbewusst, als führten sie ein eigenes, stilles Gespräch.

Kethen legte den Kopf schief. Eine einzelne Locke fiel ihr über die Wange. „Sie unterstehen Euch, Gemahl. Es ist ihre Aufgabe.”

„Das ist mir bewusst, Gemahlin.” Ein kaum merkliches Heben seiner Mundwinkel begleitete das Wort, als koste er den Klang auf der Zunge. „Dennoch möchte ich auch noch einige Dinge selbst erledigen.”

Kethens Finger glitten von seinen Wangen zu seiner Brust, legten sich flach auf die Haut über seinem Herzen. „Mein fleißiger König.”

Adam hob eine Hand von ihrer Hüfte und schob die Locke aus ihrem Gesicht, strich sie hinter ihr Ohr, wo seine Fingerspitzen verweilten. „Meine schöne Kriegerkönigin.”

Erneut fanden sich ihre Lippen. Kethens Finger krümmten sich leicht auf seiner Brust, die Nägel streiften kaum merklich seine Haut. Adams Hand glitt von ihrem Ohr in ihren Nacken, wo sich die warmen Locken um seine Finger legten. Der Kuss war nicht Hastig, nicht Hungrig. Er trug die stille Vertrautheit der letzten Monate in sich, die sich zwischen ihnen vertieft und in jede Berührung eingewoben hatte, als gehörten diese beiden Körper schon immer zueinander. Ihre Lippen trennten sich wieder, doch nur so weit, dass der Atem des anderen noch über die Haut strich, warm und nah, ein unsichtbarer Faden, der sie verband.

„So sehr es mich auch schmerzt.” Adams Stimme war leise, kaum mehr als ein Murmeln gegen ihre Lippen. „Doch wir müssen allmählich aus dem Bett. Die ersten Bürger werden bald vor den Thronen erscheinen und ihre Anliegen vortragen.”

Kethens Finger spreizten sich auf seiner Brust, drückten sich ein wenig fester gegen seine Haut, als wolle sie ihn dort festhalten. „Die können auch noch etwas länger warten.” Ihre Lippen formten sich zu einem leichten Lächeln.

„Durchaus könnten sie das.” Sein Daumen strich ein letztes Mal über ihren Nacken. „Doch haben wir danach noch etwas zu erledigen.”

„Haben wir das?” Ihre Brauen hoben sich ein Stück, die Augen noch halb verschleiert von der Wärme des Morgens.

„Ihr verspracht mir, mich zur Küste zu begleiten.” Ein leichtes Verengen seiner Augen. „Habt Ihr das bereits vergessen?”

Kethen richtete sich ein wenig auf. Ihre Hände glitten von seiner Brust auf seine Schultern. Das Sonnenlicht schnitt eine scharfe Linie über ihre vollen Brüste. „Das hatte ich tatsächlich vergessen.”

„Kethen, Ihr verspracht es.” Etwas Drängenderes mischte sich in seine Stimme. Ein Unterton, der weniger dem König gehörte als dem Jungen aus Skarnhof, der einst Geschichten gehört hatte. „Ich möchte endlich diese Schiffe sehen.”

„Ihr meint die metallenen Riesen.” Ein trockenes Schmunzeln zog an ihrem Mundwinkel.

„Genau die meine ich.”

Kethen musterte ihn einen Augenblick, sein Gesicht unter ihr. Sein schwarzes, offenes Haar, das sich über das Kissen ausbreitete. Die Ungeduld, die in seinen Augen brannte und die er hinter ruhigen Worten zu verbergen suchte. „Nun denn.” Sie neigte den Kopf. „Ich halte stets meine Versprechen.”

„Ich danke Euch vielmals.” Erleichterung und Vorfreude lagen in diesen Worten, verflochten wie die Schatten ihrer Körper auf dem weißen Leinen.

Über vier Jahre war es nun her, als Malina ihm zum ersten Mal von den Schiffen erzählte. Damals, in Zentarith, als er noch kein König war, bloß ein Mann zwischen den Welten, der versuchte, die Wahrheit hinter den Lügen zu finden. Bis dahin hatte er sie bloß unter der Bezeichnung gekannt, die die Menschen ihnen gaben, wenn sie in gedämpften Stimmen über das sprachen, was sie nicht verstanden. Die metallenen Riesen. Gewaltige Formen an der Küste, halb im Sand versunken, vom Rost zerfressen und von Legenden umrankt, deren Ursprung niemand mehr kannte. Seit diesem Gespräch damals drängte etwas in ihm, tief und unnachgiebig, diese Riesen endlich mit eigenen Augen zu sehen. Nicht als Legende. Nicht als Worte aus dem Mund einer Zentaurin, sondern als das, was sie waren — der letzte, greifbare Beweis einer vergessenen Vergangenheit.

Denn auch diese Erinnerungen waren ausgelöscht worden. Theresias geduldige, jahrhundertealte Arbeit, die nicht nur die Walküren aus dem Gedächtnis der Menschen tilgte, sondern auch die eigene Herkunft. Die Geschichte der Vorfahren, die einst über das Meer kamen, mit Schiffen aus Metall, die größer waren als alles, was ein Mensch auf Sumeria je erbaute. Über eintausend Jahre lag das zurück. Kein Buch, keine Aufzeichnung, kein einziges Pergament im Menschenreich sprach mehr davon.

„Ihr möchtet doch nicht etwa mit einem der Riesen zu dieser Südinsel reisen?” Kethens Stimme war nüchterner geworden, die Wärme des Morgens wich einem Ton, den Adam kannte. Dem Ton einer Frau, die sich auf etwas gefasst machte, das ihr nicht gefiel.

„Nicht sofort, Kethen.” Seine Finger ruhten noch auf ihrem Nacken. „Erst, wenn ich sicher bin, dass ich unser Reich guten Gewissens für eine bestimmte Zeit verlassen kann. Und außerdem werde ich noch herausfinden müssen, ob eines dieser Schiffe noch intakt ist.”

Kethens Augen verengten sich. „Das könnt Ihr nicht ernst meinen.”

„Wie sonst sollte ich über das Meer gelangen?”

„Adam, das wäre viel zu gefährlich.” Sie richtete sich weiter auf, ihre Hände verließen seine Schultern und legten sich erneut auf seine Brust, die Finger gespreizt, als wolle sie ihn mit dem bloßen Druck ihrer Handflächen dort festhalten, wo er sicher war. „Noch nie zuvor versuchte dies jemand. Nun …” Eine kurze Pause, in der sie nach den richtigen Worten suchte. „Abgesehen von unseren Vorfahren. Aber das war vor langer Zeit. Wie wollt Ihr wissen, wie diese Dinger funktionieren?”

„Ich werde es herausfinden.” Keine Spur von Zweifel lag in seiner Stimme. „Doch zunächst muss ich eines der Schiffe mit eigenen Augen sehen.”

„Ihr seid des Wahnsinns.”

Adam lächelte. Ein schiefes, warmes Lächeln, das sich in die Falten um seine Augen grub. „Ich würde es Abenteuerlust nennen.”

„Abenteuerlust, die Euch das Leben kosten könnte.” Ihre Finger drückten sich fester auf seine Brust. „Leifson warnte Euch vor den Gefahren, weshalb könnt Ihr das nicht ernst nehmen?”

„Ich nehme seine Warnungen ernst. Ich werde vorsichtig sein.”

„Vorsicht genügt nicht immer.” Ihre Worte kamen leiser, schwerer.

„Das ist mir bewusst.”

Kethen wandte den Kopf ab. Ihr Blick glitt zum Fenster, wo die ersten Sonnenstrahlen hereinkamen. „Ich werde Euch ohnehin nicht umstimmen können.”

Adams Hand fand eine Strähne, die ihr über die Wange gefallen war, und schob sie behutsam zur Seite, die Fingerspitzen streiften die Linie ihres Kiefers. „Ich verspreche Euch, ich werde mich gut vorbereiten.” Seine Stimme wurde ruhiger. Als forme er jeden Satz mit derselben Sorgfalt, mit der man einen Schwur sprach. „Ich möchte diese Insel sehen, sie erkunden. Andere Völker kennenlernen und mehr über die zwölf Blutlinien erfahren.” Er hielt einen Augenblick inne, suchte nach Worten für etwas, das sich Worten entzog. „Irgendetwas treibt mich dorthin, ich kann es nicht benennen. Ich weiß bloß, dass ich dorthin muss.”

Kethen drehte den Kopf zurück, ihre Augen fanden seine. In ihrem Blick lag kein Zorn, bloß das stille Ringen einer Frau, die wusste, dass dieser Kampf bereits verloren war. „Das ist bloß Euer Wille, der Euch antreibt.”

„Das ist sehr wahrscheinlich.” Ein leises Heben seiner Mundwinkel. „Dennoch möchte ich dem nachgeben.”

„Nehmt wenigstens Soldaten mit.” Ihre Stimme gewann an Festigkeit zurück. „Ich werde Euch nicht ohne Geleitschutz reisen lassen. Das Reich heilte bereits, wir haben hunderte Soldaten, die wir nicht benötigen.”

Adam nickte. Ein klares, langsames Senken des Kopfes. „Ich verspreche es Euch.” Seine Hand ruhte noch an ihrem Kiefer, der Daumen auf ihrer Wange. „Ich hörte von Malina, dass eines der Schiffe hunderte Menschen trug. Wir werden also genügend Platz haben.”

Havenbruck war mittlerweile nicht wiederzuerkennen. Die Straßen, die noch vor Monaten unter einer Schicht aus Dreck und Vernachlässigung verschwanden, lagen nun sauber und befestigt unter den Füßen der Bürger. Kein Rascheln huschte mehr durch die Gassen, kein Kratzen hinter den Mauern, keine flinken Schatten, die über den Pflasterstein schossen — die Ratten waren vollends vertrieben, bis in den letzten Keller, den letzten Winkel, die letzte vergessene Ecke. Die Häuser, deren Fassaden sich unter der Last der Jahre geneigt und deren Dächer den Regen nicht mehr abgehalten hatten, standen wieder gerade, mit neuen Balken, frischem Holz und Wänden, die den Wind nicht mehr hindurchließen. Und Barnans Fürstentum, das am tiefsten gelitten hatte, trug nun zweihundert Soldaten Havenbrucks dauerhaft in seinen Reihen. Auch dort wuchsen die Felder wieder und die Vorräte füllten sich.

Was Adam gemeinsam mit Kethen, Leifson und Flavius erdachte und Stück für Stück in die Tat umsetzte, trug Früchte, die nun überall sichtbar waren. Und doch wollte er nicht einfach verschwinden. Ein Reich zur Heilung zu verhelfen war eine Sache. Dafür zu sorgen, dass es auch so blieb, eine ganz andere. Die Felder trugen wieder Saat, die Straßen trugen wieder Leben, die Menschen trugen wieder Freude in ihren Gesichtern. Doch Freude war zerbrechlich. Ein falscher Fürst, ein leerer Thron, ein einziger Winter ohne feste Hand am Steuer — und alles, was sie aufgebaut hatten, konnte zurückfallen in das, was es einmal war.

„Wenn wir schon über Euer Heer sprechen.” Kethens Finger glitten von seiner Brust zu seiner Wange, strichen über die raue Haut des Morgens. „Es haben sich dutzende weitere Freiwillige gemeldet.”

„Schon wieder neue Rekruten?”

Kethens Daumen zeichnete eine langsame Linie über seinen Wangenknochen. „Weshalb so verwundert? Sie möchten ihrem König dabei helfen, unser Reich erblühen zu lassen.”

„Oder sie möchten bloß von ihrer Kriegerkönigin ausgebildet werden.” Ein Schmunzeln lag in seinen Augen, nicht auf seinen Lippen.

Kethen schnaubte leise. „Ich helfe bloß Flavius. Bin nicht wirklich die erste Ausbilderin.” Ihre Stimme war vollkommen flach. „Außerdem bilden wir mehr Farmer und Handwerker aus als Krieger.”

„Wir bilden sie zu beidem aus.” Adams Blick hielt den ihren. „Und Ihr seid zu bescheiden.”

Kethens Kiefer spannte sich kurz, so wie immer, wenn Lob an ihr kratzte wie ein schlecht sitzender Brustpanzer. Sie ließ es dort liegen, wo es lag, und griff nach etwas anderem. „Was ist mit Eurer geplanten Reise morgen?”

„Auch diese werde ich machen.” Adams Stimme wurde ruhiger, bedächtiger. „Ich möchte erfahren, ob Thesia oder Bruna nun auf dem letzten Thron sitzt. Und ich möchte wissen, wie es den beiden ergangen ist.” Er hielt einen Moment inne. „Schließlich sind sie nun erwachsen.”

„Schon wieder plant Ihr so viele Reisen.” Keine Frage, sondern eine Feststellung, deren Kanten sie nicht einmal zu glätten versuchte.

„Das Reisen gefällt mir.” Seine Finger fanden ihren Oberarm, strichen über die feine Narbe dort. „Ich möchte nicht bloß in Havenbruck verweilen. Außerdem ist Frieden stets brüchig, die Vergangenheit lehrt es uns.” Sein Daumen verweilte auf der Narbe, strich einmal darüber, langsam, als erinnere er sich an die Geschichte, die sie ihm damals in seinem Langhaus erzählte. „Es ist wichtig, dass ich die Verbindung zu allen Völkern bleibe. Und mit Malina und Aegratos, die nun des Öfteren Havenbruck besuchen, um den Frieden zwischen Menschen und Zentauren zu wahren, muss ich nach Zentarith nicht mehr so oft reisen.”

Malina war als Gesandte nun nicht mehr bloß die Verbindung zwischen Zentarith und Walvegard, sondern auch zwischen Zentarith und Havenbruck. Adam ordnete es so an, um das Zusammenleben zwischen Menschen und Zentauren allmählich wieder zu dem zu machen, was es einst gewesen war. Nicht bloß in Zwietracht und Furcht nebeneinander, sondern als Freunde. Doch Misstrauen auszulöschen bedeutete Zeit. Vertrauen musste langsam aufgebaut werden. Wie er damals König Brutus und Ratsherr Cheiron im Königshaus versprochen hatte, erließ Adam Gesetze, die es den Menschen verboten, weder dem Großen Wald noch den Zentauren in irgendeiner Art zu schaden.

Fürst Karodan davon zu überzeugen war einfacher gewesen, als Adam vermutete. Der Grenzfürst empfing die Nachricht mit zusammengepressten Lippen und verschränkten Armen, nicht vollkommen begeistert davon, dass nun Zentauren ständig durch sein Fürstentum marschierten, dennoch wog sein Vertrauen in den neuen König schwerer als sein Unbehagen. Und schließlich wollte er nichts sehnlicher, als nicht ständig in Furcht vor einem möglichen Angriff hinter seinen vier Mauern zu verbringen. Eine schwere Last wurde ihm genommen, eine Last, die sich über Generationen hinweg in seine Blutlinie gefressen und jeden Blick über die östliche Mauer vergiftet hatte.

Malinas beiden andere Titel durfte sie dauerhaft behalten, anstatt sie jedes Mal ablegen und wieder neu annehmen zu müssen. Die Zentauren hielten eine Ratsversammlung ab und entschieden, dass ihre Titel als Kriegerin und Ratsmitglied fortan ein Teil des Titels der Gesandten wurden. So durfte sie für längere Zeit den Großen Wald verlassen, ohne einen Titel zu verlieren, was für gewöhnlich fest in den Gesetzen des Rates verankert war.

Einmal monatlich reiste sie mit Aegratos an ihrer Seite und einhundert weiteren Zentauren durch die fünf Fürstentümer nach Havenbruck. Es war ein eigenartiges Bild, das sich dort bot, wenn die gewaltigen Gestalten durch die Fürstentümer traten. Die Hufe auf dem Pflaster, die breiten Schultern über den Köpfen der Menschen, die am Straßenrand standen und mit großen Augen zusahen. Manche traten einen Schritt zurück. Manche flüsterten. Manche zogen ihre Kinder näher an sich. Doch mit jedem Besuch, von Monat zu Monat, wich das Flüstern einem Nicken, das Zurückweichen einem vorsichtigen Stehenbleiben. Das Vertrauen, das Theresia über Jahrhunderte zerstört hatte, wuchs allmählich wieder, zart und zerbrechlich, wie die ersten Halme einer Saat nach einem langen, gnadenlosen Winter.

„Nun kommt.” Adam löste seine Finger von ihrem Arm. „Ein langer Tag wartet auf uns.”

Kethen seufzte, ein kurzer Atemstoß, der mehr Spiel als Widerstand trug. Dann schwang sie ein Bein über ihn und glitt vom Bett. Sie griff nach dem Hemd, das über der Stuhllehne hing, und zog es über den Kopf, während Adam sich aufsetzte und die Beine über die Bettkante schwang. Sie kleideten sich schweigend an, in einem wortlosen Gleichklang, der sich zwischen ihnen eingespielt hatte. Adam band seinen Zopf, während Kethen die Riemen ihres Brustpanzers festzurrte. Und das leise Klirren ihrer Rüstung mischte sich mit dem Klirren seiner. Draußen erwachte Havenbruck allmählich. Stimmen drangen gedämpft durch das Fenster, das Rollen eines Karrens über Pflasterstein, das erste Hämmern eines Schmieds in der Ferne. Ein neuer Tag, der sich über die Stadt legte wie das Licht, das nun voll und warm durch das Glas fiel und den letzten Schatten der Nacht aus den Ecken des Gemachs vertrieb.


Am Nachmittag machten sie sich auf den Weg. Der Strand lag nicht weit entfernt, schließlich war Havenbruck an der Westküste Sumerias erbaut, und so ließen sie die Pferde bei Gerwin im Stall und gingen zu Fuß. Die Straßen wichen Pfaden, die Pfade wichen Gras, und das Gras wurde dünner mit jedem Schritt, bis der Wind den Geruch von Salz und Tang herantrug. Für Adam war es das erste Mal. Damals, als Zwangsrekrutierter unter Wilhelms Herrschaft, war ihm der Weg zum Strand verwehrt geblieben. Und als König fand er zwischen all den Pflichten, den Audienzen, den Reisen in den Norden, den Großen Wald und durch die Fürstentümer nicht einmal die Zeit, die wenigen Schritte dorthin zu gehen. Doch heute sollte sich dies ändern.

Kethen blieb dort stehen, wo das Gras endete und der Sand begann. Ihre Stiefel berührten die Kante, wo die letzten grünen Halme aus der Erde ragten. Sie setzte keinen Fuß darüber hinaus, als zöge sich dort eine unsichtbare Grenze, die nur sie sah. Ihre Arme verschränkten sich vor der Brust, der Wind zerrte an ihren Locken und warf sie ihr ins Gesicht.

Doch Adam ging weiter. Seine Stiefel verließen das Gras und sanken in den Sand, der unter seinem Gewicht nachgab und bei jedem Schritt leise knirschte. Der Wind traf ihn nun ungebremst, und zerrte an seinem Zopf, der sanft nach hinten wehte.

Ein gewaltiger Riese stand vor ihm, größer als alles, was seine Augen je erfasst hatten. Er lag dort, wo der Sand das Meer berührte, halb eingesunken in den nassen Grund, als wäre er vor Jahrhunderten dort gestrandet und nie wieder fortgekommen. Eine gewaltige, geschwungene Wand aus Metall, die sich in einem breiten Bogen nach oben zog und dort in einer stumpfen Kante endete. So hoch über ihm, dass er den Nacken in den Kopf legen musste, um die oberste Linie gegen den Himmel zu erkennen.

Das Metall war dunkel, von einem tiefen, stumpfen Braun, das an manchen Stellen in ein beinahe schwarzes Rot überging, wo der Rost sich tief in die Oberfläche gefressen und das ursprüngliche Material in raue, blättrige Schichten verwandelt hatte. Hinzu kam eine dicke, graue Masse, die beinahe das gesamte Schiff überzog.

„Beeindruckend.” Das Wort kam leise aus seinem Mund, beinahe verschluckt vom Wind, der über den Strand fegte.

„Wartet.” Kethens Stimme schnitt von hinten durch die Böen. „Geht nicht zu nahe ran.”

Adam drehte den Kopf zur Seite, ohne den Blick ganz vom Schiff zu lösen. „Weshalb?”

„Ihr könntet verflucht werden.”

„Was?” Er wandte sich nun vollständig um. Kethen stand noch immer dort, wo das Gras endete, die Hände nun in die Hüften gestemmt, die Locken wild im Wind.

„Ich war als kleines Kind mit meinen Eltern das erste Mal hier.” Ihre Stimme war fest, ohne einen Hauch von Ironie. „Ich ging damals zu nahe ran und berührte den Riesen.” Ihre Finger drückten sich fester gegen ihre Hüften, die Knöchel traten hervor. „Seitdem wird mein Leben vom Pech verfolgt. Es muss dieses Ding gewesen sein, das mich verfluchte.”

Ein Grinsen breitete sich über Adams Gesicht, langsam, unaufhaltsam, trotz aller Mühe, die er aufwendete, es zurückzuhalten. „Kethen …”

„Ich warne Euch.” Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, der Kiefer schob sich nach vorn. „Wagt es nicht, über mich zu lachen.”

„Verzeiht mir.” Er hob beschwichtigend eine Hand, doch das Grinsen wich nicht von seinen Zügen. „Doch wie ich Euch bereits damals sagte, Ihr seid nicht verflucht. Und diese Schiffe können bestimmt keine Magie oder Ähnliches wirken.”

Kethen presste die Lippen zusammen, eine dünne, harte Linie, die nichts Gutes verhieß. Doch Adam drehte sich bereits um und ging weiter durch den schweren, nassen Sand, der an seinen Stiefeln zerrte. Näher an den gewaltigen Rumpf heran, bis der Schatten des Bugs über ihn fiel und die Kälte des Metalls die Luft um ihn herum veränderte.

„Nie hört Ihr auf mich.” Kethens Stimme trug über den Strand, gepresst, zwischen Ärger und Sorge.

„Ich werde vorsichtig sein.” Seine Finger hoben sich, schwebten wenige Fingerbreit vor dem Metall, ohne es zu berühren.

„Vorsicht schützt nicht vor Flüchen.”

Adams Blick löste sich vom Metall. Hinter Kethen, dort wo das Gras noch stand, näherte sich eine Gestalt. Zunächst bloß Umrisse, eine Silhouette gegen das Licht des Nachmittags, kaum zu erkennen. Kethen bemerkte, dass seine Augen nicht auf ihr ruhten, sondern an ihr vorbei wanderten. Sie wandte den Kopf.

„Nie hört man Euch kommen.” Kein Erschrecken lag in ihrer Stimme, bloß eine nüchterne Feststellung, als hätte sie es längst aufgegeben sich zu wundern.

Leifson trat neben sie, die intensiv grünen Augen ruhig, der Gang so selbstverständlich, als sei er schon immer dort gewesen. „Dabei versuchte ich nicht einmal leise zu sein.”

„Wie habt Ihr uns gefunden?” Adams Hand war noch immer in der Nähe des Rumpfes.

„Das war nicht schwierig.” Leifson zuckte kaum merklich die Schultern. „Flavius sah Euch Havenbruck verlassen. Ich folgte dann einfach Euren Spuren.” Sein Blick wanderte an Adam vorbei, nach oben, über den gewaltigen Bug, der sich in den Himmel schob. „So sehen sie also aus.”

„Beeindruckend, nicht wahr?” Fragte Adam.

Leifson verließ Kethens Seite, ohne zu zögern. Seine Stiefel traten in den nassen Grund, sanken ein, doch sein Gang verlor nichts von seiner Leichtigkeit, als er näher an das Schiff herantrat. „Sehr sogar.” Sein Blick glitt prüfend über den Riesen. „Es ist eine Sache, die Geschichten zu hören. Eines der Schiffe aber tatsächlich zu sehen, eine ganz andere.”

„Natürlich.” Kethens Stimme trug scharf über den Wind. „Geht Ihr ruhig auch noch nahe heran.”

Leifson drehte den Kopf zu ihr, eine Braue kaum merklich gehoben. „Wovon sprecht Ihr?”

„Kethen glaubt, die Schiffe könnten Menschen verfluchen.” Adams Stimme trug das Grinsen bereits in sich, noch bevor es auf seinen Lippen erschien.

„Ich glaube das nicht bloß, ich bin der lebende Beweis.” Kethen hob das Kinn, die Locken peitschten im Wind um ihr Gesicht. „Mein ganzes Leben lang verfolgt mich das Pech, seitdem ich dieses Ding berührte.”

Leifson ließ den Blick einen Moment auf ihr ruhen. Seine Mundwinkel zuckten. „Ihr wurdet Königin.” Eine kurze Pause, in der er die Worte wirken ließ. „Wenn das Pech ist, bin ich sicher, halb Havenbruck möchte ebenfalls verflucht werden.”

„Vorsicht, Leifson.” Adam trat einen Schritt von dem Schiff zurück, die Augen funkelnd. „Wenn die Frauen Havenbrucks davon erfahren, werden hier bald Massenveranstaltungen stattfinden.”

Leifson grinste. Offen, ohne jede Mühe es zu verbergen, ein breites, seltenes Grinsen, bei dem sonst so ruhigen Mann.

„Ihr seid ja so lustig.” Kethens Stimme war trocken wie Pergament in der Sonne, doch in ihren Augen glomm etwas, das nicht ganz Ärger war. „Aber wenn Ihr beide wegen des Fluches sterbt, ist das nicht meine Schuld.”

Doch die beiden hatten sich bereits wieder dem Schiff zugewandt. Sie standen nebeneinander im feuchten Sand, die Köpfe in den Nacken gelegt, die Blicke an dem Metall empor wandernd, als versuchten sie, das Ding in seiner Gänze zu begreifen.

Kethen rührte sich nicht vom Gras. Ihre Stiefel standen fest auf dem letzten grünen Halm, der Blick wachsam, als beobachte sie zwei Kinder, die einem schlafenden Bären zu nahe kamen.

„Also, was glaubt Ihr?” Adam wandte den Kopf zu Leifson. „Kann man damit über das Meer reisen?”

„Ich bezweifle es.”

„Weshalb?”

„Das ist bloß das halbe Schiff.”

Adam folgte Leifsons Blick, dessen Augen nicht auf dem Bug ruhten, sondern dahinter, wo der Rumpf hätte weitergehen müssen, wo die geschwungenen Wände sich hätten fortsetzen und zu einem Ganzen schließen sollen. Doch dort war nichts. Der Rumpf endete in gezackten, aufgerissenen Kanten, an denen das Metall sich nach außen bog. Dahinter bloß nasser Sand, flaches Wasser und der graue Horizont.

„Verflucht,” entwich es Adam.

„Meine Rede.” Kethens Murmeln war so leise, dass es die beiden nicht erreichte.

„Wo ist der Rest des Schiffes verblieben?” Adam starrte auf die abgerissene Kante, auf die inneren Strukturen, die dort wie die Rippen eines aufgeschnittenen Tieres aus dem Metall ragten.

„Vermutlich über die Jahrhunderte einfach zersetzt worden.” Leifsons Stimme blieb ruhig, nüchtern, als beschriebe er den Lauf eines Flusses.

„Zersetzt?” Adam runzelte die Stirn. „Ihr meint, es löste sich einfach auf?”

„So könnte man es sagen.” Leifson ließ den Blick über die zerbrochene Kante gleiten. „Nichts währt für die Ewigkeit. Irgendwann zerfällt alles, bis nichts mehr übrig ist.”

„Weshalb ist die vordere Hälfte noch vorhanden?”

Leifsons Augen verengten sich, wanderten langsam über die Oberfläche, über die Schichten aus Rost, Muscheln und vertrocknetem Seetang. Dann blieb sein Blick hängen. An einer Stelle, wo das Metall nicht bloß rostig war, sondern von etwas anderem bedeckt, einer dicken, grauen, erdigen Schicht, die sich über weite Teile des Bugs legte wie eine zweite Haut. Seine Hand hob sich, die Finger streckten sich, und er drückte die Kuppen gegen die Oberfläche. Die Masse war feucht, schwer und körnig unter seinen Fingerspitzen.

„Nun fasst er das Ding tatsächlich an.” Kethens Murmeln war noch leiser geworden, doch nicht weniger scharf.

„Lehm.” Leifson rieb die Reste zwischen Daumen und Zeigefinger, prüfend, als wöge er die Erkenntnis in seinen Händen.

„Was?” Adam blinzelte verwirrt.

„Ich vermute, der Lehm sorgte für den Erhalt.” Leifson wischte die Finger an seiner Hose ab. „Er schützte das Metall vor der Luft und dem Wasser. Eine Versiegelung, die sich über die Jahrhunderte von selbst bildete.”

Adam streckte seine eigene Hand aus und legte die Handfläche gegen die kühle, feuchte Schicht. Die körnige Masse gab leicht nach unter seinem Druck, und darunter spürte er das Metall, noch immer da nach all den Jahren. „Dadurch konnte es also all die Jahrhunderte überstehen.”

„Großartig.” Kethens Stimme getränkt in trockene Resignation. „Nun berühren sie es beide.”

Adam zog die Hand zurück und betrachtete den erdigen Film auf seinen Fingern. „Wie soll ich über das Meer kommen mit einem halben Schiff?”

„Indem Ihr es rekonstruieren lasst von Euren besten Handwerkern.” Leifson sprach es aus, als sei es die naheliegendste Lösung der Welt.

„Wie soll das möglich sein, wenn wir nicht einmal wissen, wie es als Ganzes aussieht?”

„Wie ich hörte, kamen Eure Vorfahren damals mit mehreren dieser Schiffe an.” Leifsons Blick wanderte den Strand entlang, nach Süden, wo die Küste sich in einer weiten Kurve verlor. „Wenn wir den Strand entlanglaufen, finden wir vielleicht noch weitere.” Ein kurzes Innehalten. „Und mit etwas Glück vielleicht sogar ein ganzes.”

„Ein hervorragender Einfall.” Adams Augen folgten Leifsons Blick. In seinen Augen brannte bereits etwas, das über bloße Neugier hinausging. „Lasst uns sogleich losgehen.”

Leifson nickte. Ein einziges, klares Senken des Kopfes.

„Nun wollt Ihr noch mehr von diesen Dingern suchen?” Kethens Stimme schnitt über den Strand, schärfer nun. „Seid Ihr des Wahnsinns?”

„Kethen, es wird schon nichts geschehen.” Adam drehte sich zu ihr, ein beruhigendes Lächeln auf den Lippen, das an ihr abprallte wie ein Pfeil an einer Schildmauer.

„Ich werde ganz sicherlich nicht mitkommen.” Ihre Füße standen dort, wo sie seit ihrer Ankunft standen, fest auf dem letzten Gras, als wüchsen sie daraus hervor. „Das macht Ihr ohne mich.”

„Wie Ihr wünscht.” Adam neigte leicht den Kopf. „Seid bitte vorsichtig auf dem Rückweg. Ich würde meine Kriegerkönigin nur ungerne verlieren.”

„Ich kann schon auf mich selbst achten. Vielen Dank, Gemahl.” Die letzten Worte fielen trocken und knapp, doch als sie sich umdrehte und ihre Stiefel ins Gras traten, lag der Hauch eines Schmunzelns auf ihren Lippen, den weder Adam noch Leifson sehen konnten.

Die beiden gingen den Strand entlang. Ihre Stiefel hinterließen tiefe Abdrücke im nassen Sand, die sich langsam mit Wasser füllten und hinter ihnen eine Spur zeichneten, die das Meer bei der nächsten Flut auslöschen würde. Die Sonne sank allmählich tiefer, ihr Licht wechselte von dem hellen Weiß des Nachmittags in ein wärmeres, weicheres Gold, das sich über den Sand legte und die Wellen in ein träges Glitzern tauchte. Sie gingen langsam. Keine Eile lag in ihren Schritten, kein Drängen, als wäre es ein gewöhnlicher Spaziergang, zwei Männer am Strand, die den Abend genossen.

Doch ihre Blicke erzählten etwas anderes. Sie wanderten nicht über das Meer, nicht über die Möwen, die in weiten Kreisen über dem Wasser flogen, nicht über den Schaum, der sich in dünnen, weißen Linien am Ufer brach. Ihre Augen blieben nach vorn gerichtet, tasteten den Strand ab. Zwei Paar Augen, die dieselbe Frage stellten, ohne sie auszusprechen. Ihre Schritte fanden einen gemeinsamen Rhythmus, unbewusst, als gingen sie schon seit Jahren so nebeneinander her. Rechts das Meer, endlos und blau. Unter ihnen der Sand, der das Meer vom Land trennte.

„Also, wann habt Ihr die große Reise geplant?” Leifsons Blick blieb nach vorn gerichtet, während er sprach, die Augen unablässig den Strand abtastend.

„Ich habe noch keinen bestimmten Termin.” Adam trat über einen flachen Stein, der halb im Sand vergraben lag. „Ich hatte gehofft, intakte Schiffe hier vorzufinden. Wenn ich zunächst noch ein funktionierendes Schiff bauen lassen muss, wird es noch eine ganze Weile dauern.”

„Überstürzt das nicht, Adam.” Leifsons Stimme trug keinen Vorwurf, bloß eine ruhige Bestimmtheit, sodass seine Worte nicht übergangen werden konnten. „Mir ist bewusst, Euer Wille treibt Euch zu dieser Insel, doch solltet Ihr gut vorbereitet sein.”

„Macht Euch keine Sorgen, ich werde mich gut vorbereiten.”

„Ihr werdet doch nicht alleine reisen?”

„Nein, ich werde so viele Soldaten mitnehmen, wie auf eines dieser Schiffe Platz finden.”

„Sehr gut.” Zwei Worte, knapp und zufrieden.

„Ihr möchtet nicht mitkommen?” Adam ließ die Frage beiläufig klingen, doch etwas in der Art, wie er den Blick kurz vom Strand zu Leifson wandte, verriet, dass die Antwort ihm nicht gleichgültig war.

„Ihr hattet gehofft, ich würde Euch begleiten?” Leifsons Schritt verlangsamte sich kaum merklich.

„Das hatte ich.”

„Das ehrt mich.” Er neigte den Kopf ein Stück zur Seite, eine Geste, die Dankbarkeit und Bedauern zugleich trug. „Doch möchte ich bei Elsa bleiben. Und sie auf eine solche Reise mitzunehmen kommt gar nicht in Frage.”

„Ich verstehe.” Adam nickte. „Elsa ist Eure Frau, und Ihr müsst sie stets vor solchen Gefahren beschützen.”

Leifson lächelte. Ein stilles, warmes Lächeln, das sich in die Winkel seiner grünen Augen legte. „Nicht bloß sie.”

Adam blickte verwirrt zu ihm. „Was meint Ihr?”

„Elsa ist schwanger.”

Auf Adams Gesicht breitete sich etwas aus, das nichts mit Schiffen, nichts mit der Südinsel und nichts mit dem Strand zu tun hatte. „Leifson, ich gratuliere Euch.”

„Habt Dank.” Die grünen Augen leuchteten im Licht der tiefstehenden Sonne, und in ihnen lag ein Glanz, den man an diesem ruhigen, beherrschten Mann selten sah.

„Ich werde morgen meine Reise nach Walvegard antreten.” Adam legte ihm eine Hand auf die Schulter, während sie weiterliefen. „Soll ich Svala Nachricht bringen, dass sie erneut Großmutter wird?”

„Ich wäre Euch sehr dankbar dafür.”

„Und Elsa?” Adams Hand fiel zurück an seine Seite. „Bedeutet das, dass sie dieses Mal nicht mitreisen wird?”

„Sie wollte es zunächst.” Ein kaum merkliches Heben der Brauen begleitete die Worte. „Doch konnte ich es ihr ausreden.”

„Wie habt Ihr das geschafft?”

„Glaubt mir.” Leifson atmete einmal tief aus. In diesem einen Atemzug lag die Erschöpfung einer Auseinandersetzung, die länger und zäher gewesen sein musste als mancher Feldzug. „Es war ein sehr langes Gespräch.”

Adam musste schmunzelte, während sich das Bild vor seinen Augen formte, ungebeten und lebendig. Leifson und Elsa in ihrem Schlafgemach, er ruhig und geduldig, sie mit verschränkten Armen und diesem Trotz in den Augen, der ihr zu eigen war. Satz um Satz, Argument gegen Argument, Stunde um Stunde, bis einer von beiden nachgab.

Doch kaum verblasste das Bild der beiden Streitenden in seinem Kopf, richtete sich sein Blick wieder nach vorn. Wo der Strand sich in der Ferne verlor zeichneten sich Formen ab. Konturen, die sich langsam aus dem Grau schälten, wie Gestalten, die aus einem Nebel traten. Nicht eine. Nicht zwei. Sondern viele.

Adams Arm hob sich. Sein Finger wies nach vorn. „Dort.”

Beide beschleunigten ihre Schritte. Ohne ein weiteres Wort, als zöge derselbe unsichtbare Faden an ihnen. Die Stiefel schlugen schneller auf den nassen Sand, die Abdrücke tiefer nun, dichter beieinander. Mit jedem Schritt wuchsen die Konturen, gewannen an Schärfe, schoben sich höher gegen den Himmel, bis das, was eben noch Ahnung war, zur Gewissheit wurde.

Als sie schließlich dort ankamen, blieben beide stehen. Vor ihnen erstreckte sich ein Friedhof aus Metall. Dutzende, riesige Schiffe lagen dort, gestrandet, verstreut über den Sand wie die Knochen eines gewaltigen, längst vergessenen Wesens. Manche ragten hoch auf, ihre Rümpfe noch halb intakt, von denselben dicken, erdigen Schichten überzogen wie das Schiff nahe Havenbrucks. Andere lagen auf der Seite, die aufgerissenen Bäuche dem Himmel zugewandt. Wieder andere waren kaum mehr als flache, rostige Erhebungen im Sand, beinahe verschluckt von der Erde, als versuche Sumeria selbst, die Erinnerung an sie zu begraben.

„Das müssen dutzende sein.” Adams Stimme war leiser geworden, beinahe ehrfürchtig.

„Ich vermutete bereits, dass noch mehr hier liegen werden.” Leifsons Blick wanderte von Wrack zu Wrack, ruhig, ordnend, als zähle er jedes einzelne in Gedanken.

Adam ging langsam zwischen den Überresten hindurch. Seine Augen glitten über zerborstene Rümpfe, über Metallplatten, die sich vom Gerippe gelöst und flach in den Sand gelegt hatten. Über Hohlräume, in denen das Meer bei Flut noch immer ein und aus ging. Die meisten waren in einem schlimmeren Zustand als das Schiff nahe Havenbruck. Aufgebrochene Hüllen, eingestürzte Aufbauten, Löcher so groß, dass ein Pferd hindurchgepasst hätte.

Ein Seufzer entwich ihm. Schwer. Tief. „Nicht eines ist vollständig vorhanden.” Er blieb vor einem riesigen Wrack stehen, dessen Heck aufrecht im Sand steckte, während alles darüber fehlte, als hätte jemand das Schiff in der Mitte durchgerissen. „Wie soll ich etwas rekonstruieren lassen, von dem ich nicht weiß, wie es aussieht?”

„Ihr wisst, wie es als Ganzes aussehen wird.” Kein Zweifel lag in Leifsons Stimme.

„Was meint Ihr?”

Leifson trat neben ihn und ließ den Blick über die Wracks schweifen, langsam, von einem zum nächsten, als lese er einen Text, dessen Buchstaben über den gesamten Strand verteilt waren. „Schaut sie Euch genau an.” Seine Hand hob sich und wies nach links, wo ein Bug noch fast vollständig aus dem Sand ragte, dann nach rechts, wo ein Heck mit seinen abgerundeten Formen gegen den Abendhimmel stand. „Manche mögen beinahe vollständig aufgelöst sein, doch viele haben noch das Vorderteil oder das Hinterteil.” Sein Finger wanderte weiter, zu einem Wrack, dessen Seitenwand sich wie eine gewaltige, rostige Fläche aus dem Boden erhob. „Bei manchen sind die Seiten noch vorhanden. Bei anderen der obere Teil.” Er senkte die Hand. „Lasst die Einzelstücke von Euren Handwerkern rekonstruieren. So ergibt sich am Ende ein Ganzes.”

Adam starrte ihn an. Dann wanderte sein Blick zurück über die Wracks, und dieses Mal sah er, was Leifson sah. Nicht Trümmer. Nicht Ruinen. Sondern Stücke eines Rätsels, die darauf warteten, zusammengesetzt zu werden. Ein Bug hier, ein Heck dort, eine Seitenwand, ein Deck, ein Aufbau. Alles verteilt über den gesamten Strand, in verschiedenen Stadien des Zerfalls, doch zusammen ein vollständiges Bild.

„Das ist brillant.” Die Worte kamen langsam, getragen von einer Bewunderung, die über bloße Dankbarkeit hinausging. „Ich danke Euch vielmals.”

„Stets zu Diensten.” Ein kaum merkliches Schmunzeln begleitete die Worte. Doch in Leifsons Augen lag kein Stolz, bloß die schlichte Zufriedenheit eines Mannes, der tat, was ihm in die Wiege gelegt worden war.

Adams Plan nahm langsam Form an. Es würde noch lange dauern, bis er diese Insel bereisen konnte, doch der erste Schritt war getan. Er ging zwischen den Wracks hindurch, strich mit den Fingern über eine rostige Kante, und der Rost rieselte herab wie feiner, brauner Staub. Ein vollständiges, intaktes Schiff hier vorzufinden war seine Hoffnung gewesen. Nun erkannte er, dass dies nach Jahrhunderten unrealistisch gewesen wäre. Die Zeit verschonte nichts, nicht einmal Metall, das einst stark genug war, um hunderte Menschen über ein Meer zu tragen.

Er würde seinen Plan ändern müssen. Das wusste er. Doch dank Leifsons Verstand besaß er nun eine Idee, wie es funktionieren konnte. Es würde viel Metall benötigen, um ein solch gewaltiges Vorhaben umzusetzen. Und Handwerker, von denen das Reich nicht mehr viele besaß, seitdem Kayne den Großteil damals rekrutierte und sie in den sicheren Tod nach Walvegard führte. Die Soldaten wären eine große Hilfe, das stand außer Frage. Männer die bereits gelernt hatten, mit ihren Händen zu arbeiten statt mit Schwertern. Dennoch würde es dauern. Monate. Vielleicht Jahre.

Doch bevor er sich vollends darauf konzentrieren konnte, wartete noch immer ein Frieden auf ihn, den er festigen wollte. Und morgen würde es ihn wieder nach Norden treiben, durch die Dunkelheit, durch die Kälte, durch das Kreischen in den Bergen. Dorthin, wo die Mauern aus blauem Metall über das Land ragten. Dort warteten nun zwei junge, erwachsene Walküren. Bruna und Thesia.

Er konnte es kaum erwarten, die beiden wiederzusehen. Zu erfahren, wer von ihnen auf dem letzten freien Thron saß. Brunas Name verweilte dabei länger in seinen Gedanken, mit schärferen Kanten. Das Kind, das damals nicht einmal mit ihm sprechen wollte, das sich von ihm abgewandt hatte und zurück zu seinem Training geeilt war, ohne einen einzigen Blick zurückzuwerfen. Als Erwachsene würde es bestimmt noch schlimmer sein, dachte er sich. Noch verschlossener, noch weniger gesprächig, noch weiter entfernt von allem, was er als Mensch zu greifen vermochte. Doch das würde ihn nicht davon abhalten, es wenigstens zu versuchen.

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