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Echoes of the Forgotten Soul: Dalk Arc

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Summary

Rei und Hina haben ihre Reise gerade erst begonnen – doch die Welt ausserhalb ihrer Heimat ist gefährlicher, als sie erwartet haben. Auf dem Weg zu den geheimnisvollen Ruinen begegnen sie neuen Verbündeten, mächtigen Gegnern und Wesen, deren Wissen weit über das hinausgeht, was Rei und Hina bisher für möglich hielten. Während Hina immer mehr über die Macht des Lichts erfährt, beginnt sich auch in Rei etwas zu regen. Etwas Dunkles. Etwas Altes. Und etwas, das selbst er nicht versteht. Doch je näher sie ihrem Ziel kommen, desto deutlicher wird, dass ihre Reise kein Zufall ist. Licht und Schatten beginnen aufeinanderzutreffen, vergessene Mächte erwachen – und zwischen all den Gefahren verändert sich auch die Verbindung zwischen Rei und Hina. Was als gemeinsames Abenteuer begann, könnte schon bald über weit mehr entscheiden als nur über ihr eigenes Schicksal. Denn manche Kräfte sollten niemals erwachen. Und manche Seelen wurden aus einem Grund vergessen.

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Der erste Schritt

„Links.“

„Rechts.“

„Links.“

Rei sah Hina an.

Hina sah Rei an.

Hinter ihnen erhoben sich die gewaltigen weißen Mauern von Solaris im Licht der Morgensonne. Vor ihnen teilte sich die Straße.

Eine führte nach links.

Eine nach rechts.

Und keiner von beiden hatte auch nur die geringste Ahnung, welche davon nach Dalk führte.

Rei verschränkte die Arme.

„Hast du irgendeinen vernünftigen Grund, warum wir links gehen sollten?“

„Ja.“

„Und der wäre?“

Hina hob selbstbewusst das Kinn.

„Ich sage links.“

Rei wartete.

Mehr kam nicht.

„Das ist kein Grund.“

„Du hast doch auch keinen.“

„Natürlich habe ich einen.“

„Welchen?“

Rei deutete nach rechts.

„Ich sage rechts.“

Hina starrte ihn an.

„Das ist genau dasselbe!“

„Nein. Bei mir klang es überlegter.“

Für einige Sekunden herrschte Stille.

Dann schüttelte Hina den Kopf.

„Unglaublich.“

Rei sah noch einmal zu den beiden Straßen.

Links.

Rechts.

Schließlich seufzte er.

„Na schön.“

Hinas Gesicht hellte sich augenblicklich auf.

„Links.“

„Wusste ich doch.“

„Du weißt überhaupt nicht, ob links richtig ist.“

„Du aber auch nicht.“

Rei öffnete den Mund.

Schloss ihn wieder.

Verdammt.

„…Das ist erschreckend überzeugend.“

Mit einem zufriedenen Lächeln setzte Hina sich in Bewegung.

Rei folgte ihr.

So begann also ihre große Reise zum ersten der sieben Tore.

Nicht mit einer heldenhaften Rede.

Nicht mit einem Schwur.

Nicht einmal mit der Gewissheit, auf der richtigen Straße zu sein.

Sondern damit, dass Rei bei einem Streit um die Richtung nachgab.

Nach einer Weile lag die Weggabelung weit hinter ihnen.

Die breite Straße führte über sanfte Hügel nach Westen.

Noch immer waren Händler und Bauern mit ihren Wagen unterwegs. Vereinzelt kamen ihnen Reisende entgegen, die Solaris erreichen wollten.

Rei blickte über seine Schulter.

Die Hauptstadt war noch deutlich zu erkennen.

Weiße Mauern umschlossen die Stadt, und dahinter ragten die Türme des Palastes in den blauen Himmel.

Von hier draußen wirkte Solaris anders.

Kleiner.

Weiter entfernt.

Rei blieb stehen.

Neben ihm verstummten Schritte.

Auch Hina hatte sich umgedreht.

Der Wind strich durch ihr blond-orangefarbenes Haar, während sie schweigend auf die Stadt blickte.

Rei dachte an Mio.

Zehn Jahre.

Zehn verdammte Jahre hatte er seine Mutter nicht gesehen.

Und kaum hatte er sie wiedergefunden, war er erneut aufgebrochen.

Doch dieses Mal war es anders.

Niemand hatte ihn fortgebracht.

Niemand hatte für ihn entschieden.

Und vor allem wusste er dieses Mal, dass es einen Ort gab, an den er zurückkehren konnte.

Sein Blick wanderte zu Hina.

Sie stand noch immer regungslos da.

„Bereust du es schon?“

Keine Antwort.

Rei hob eine Augenbraue.

„Hina?“

Sie blinzelte.

„Hm?“

„Alles in Ordnung?“

„Ja.“

Die Antwort kam so schnell, dass Rei ihr kein Wort glaubte.

Hina drehte sich bereits wieder um.

„Komm. Wir haben einen langen Weg vor uns.“

Ohne eine weitere Erklärung ging sie weiter.

Rei blieb noch einen Moment stehen.

Dann sah er zurück nach Solaris.

Irgendetwas beschäftigte sie.

Er wusste nur noch nicht, was.

Je weiter sie liefen, desto kleiner wurde die Hauptstadt hinter ihnen.

Zuerst verschwanden die Dächer.

Dann die Türme.

Schließlich war nur noch ein heller Streifen der gewaltigen Stadtmauer am Horizont zu erkennen.

Und je weiter Solaris verschwand, desto stiller wurde Hina.

Anfangs hatte Rei versucht, sich nichts dabei zu denken.

Das hielt ungefähr zehn Minuten.

„Wie lange brauchen wir eigentlich bis Dalk?“

Keine Antwort.

Rei sah zu ihr.

„Hina?“

Sie lief weiter.

„Prinzessin?“

Nichts.

Er verzog den Mund.

Na schön.

„Heilige des Lichts?“

Keine Reaktion.

Jetzt machte er sich wirklich Sorgen.

Normalerweise hätte spätestens das gereicht, um einen Kommentar zu bekommen.

Er beschleunigte seine Schritte und lief neben ihr.

„Hina.“

Nichts.

Rei schnippte vor ihrem Gesicht.

Sie zuckte zusammen.

„Was?!“

„Ah. Sie lebt.“

Hina sah ihn verwirrt an.

„Was willst du?“

„Ich rede seit einer gefühlten Ewigkeit mit dir.“

„Hast du?“

Rei blieb beinahe stehen.

„Was?“

„Warum siehst du mich so an?“

„Weil du gerade gefragt hast, ob ich mit dir geredet habe.“

Hina wandte den Blick wieder nach vorne.

„Ich war in Gedanken.“

„Das habe ich bemerkt.“

„Dann ist ja gut.“

Damit schien das Thema für sie erledigt.

Rei hingegen beobachtete sie noch einen Moment.

Er kannte Hina noch nicht lange.

Aber inzwischen kannte er sie lang genug, um zu wissen, dass dieses Schweigen nicht zu ihr passte.

Trotzdem fragte er nicht weiter.

Noch nicht.

Die Straße führte durch das fruchtbare Land westlich von Solaris.

Weite Weizenfelder erstreckten sich über die sanften Hügel und leuchteten golden in der Sonne. Wenn der Wind darüberstrich, bewegten sich die Halme wie Wellen auf einem endlosen Meer.

Zwischen den Feldern standen kleine Bauernhöfe aus hellem Stein und dunklem Holz.

Ein klarer Fluss schlängelte sich durch die Landschaft. Das Wasser glitzerte zwischen den Feldern, bevor es unter einer kleinen Steinbrücke hindurchfloss.

An einem Hof drehte sich langsam ein Wasserrad.

Kinder spielten am Ufer.

Auf einer Weide grasten Pferde.

Rei ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen.

Während der Jahre mit der Großen Weisen hatte er viele Orte gesehen.

Aber selten hatte sie ihm Zeit gegeben, einen davon einfach nur anzusehen.

Meistens hatte sie einen neuen Trainingsort mit Worten vorgestellt wie:

Heute lernst du, nicht von einer Klippe zu fallen.

Oder:

Dieser Wald ist perfekt. Dort gibt es Dinge, die dich fressen wollen.

Rei verzog leicht den Mund.

Vielleicht hatte Reisen ohne sie tatsächlich Vorteile.

„Prinzessin Hina!“

Rei blickte auf.

Auf einem der Felder stand ein älterer Bauer. In einer Hand hielt er eine Sichel, mit der anderen winkte er ihnen begeistert zu.

„Eine gute Reise, Prinzessin!“

Hina blieb stehen.

Für einen kurzen Augenblick war die schweigsame junge Frau neben Rei verschwunden.

Ein warmes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

Sie hob die Hand.

„Danke! Euch ebenfalls einen schönen Tag!“

Der Bauer lachte und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Hina ging weiter.

Rei folgte.

Nach wenigen Schritten verschwand ihr Lächeln wieder.

Ihr Blick sank.

Rei bemerkte es.

Diesmal sagte er nichts.

Am Nachmittag veränderte sich die Landschaft.

Die goldenen Felder wurden seltener.

Die Bauernhöfe verschwanden.

Und am Horizont erhob sich eine dunkle Wand aus Bäumen.

Der Wald.

Je näher sie kamen, desto größer wirkten die alten Eichen. Ihre gewaltigen Kronen griffen ineinander und verschluckten einen Großteil des Sonnenlichts.

Am Waldrand blieb Hina stehen.

Rei stellte sich neben sie.

„Das dürfte er sein.“

„Der Wald?“

„Nein. Das Meer.“

Hina drehte langsam den Kopf.

Rei grinste.

„Natürlich der Wald.“

„Ich wollte nur sichergehen, dass du noch du selbst bist.“

„Sehr fürsorglich.“

Sie setzte ihre Tasche ab.

Rei tat es ihr gleich.

Bevor sie weitergingen, überprüften sie ihre Ausrüstung.

Wasser.

Proviant.

Karte.

Ersatzkleidung.

Münzen.

Hina kontrollierte ihren Degen. Der gelbe Edelstein im Zentrum der Sonne auf dem Griff fing einen einzelnen Lichtstrahl ein.

Rei zog sein Kurzschwert ein Stück aus der Scheide.

Der dunkle Stein im Griff blieb ruhig.

Dann berührte etwas Kühles seine Brust.

Der Kristall der Großen Weisen.

Rei nahm den Anhänger kurz zwischen zwei Finger.

Noch immer war es ein seltsames Gefühl zu wissen, dass sie sich jederzeit über ihn melden konnte.

Er ließ den Kristall wieder unter seinem Oberteil verschwinden.

„Alles da?“, fragte Hina.

„Ja.“

„Sicher?“

„Meine Mutter hat heute Morgen ungefähr siebenmal kontrolliert.“

Hina lächelte.

„Dann vertraue ich Mio.“

„Schön, dass wenigstens jemand Vertrauen genießt.“

Rei schulterte seine Tasche.

Hina wollte gerade weitergehen.

„Hina.“

Sie blieb stehen.

„Was?“

Rei deutete zum Wald.

„Ab hier kann es gefährlich werden.“

Ihr Gesicht wurde ernster.

„Ich weiß.“

„Dann frage ich dich noch einmal.“

Hina sah ihn an.

„Was ist los?“

Stille.

Über ihnen rauschten die Blätter.

Hinas Finger schlossen sich etwas fester um den Griff ihres Degens.

„Nichts.“

„Das glaube ich dir nicht.“

Sie wich seinem Blick aus.

„Ich bin bereit.“

„Das habe ich nicht gefragt.“

„Aber das ist meine Antwort.“

Rei betrachtete sie.

Er hätte weiterfragen können.

Vielleicht hätte er es sogar tun sollen.

Doch plötzlich erinnerte er sich an die Nacht im Palasthof.

Daran, wie schwer es ihm selbst gefallen war, über seinen Vater zu sprechen.

Über die Angst.

Über die vergangenen zehn Jahre.

Hina hatte damals nicht versucht, die Worte aus ihm herauszuzwingen.

Also würde er es jetzt auch nicht tun.

Rei atmete leise aus.

„Okay.“

Hina sah überrascht zu ihm.

Rei zog sein Kurzschwert.

„Dann gehen wir.“

Für einen Moment wurde ihr Blick weicher.

Dann zog auch sie ihren Degen.

Gemeinsam betraten sie den Wald.

Schon nach wenigen Minuten verschwanden die Geräusche der offenen Landschaft.

Keine Wagen.

Keine Bauern.

Keine Stimmen.

Nur das Rascheln der Blätter.

Das Knacken alter Äste.

Vogelrufe irgendwo hoch über ihnen.

Und ihre eigenen Schritte.

Das Licht fiel nur noch in schmalen Strahlen durch die Baumkronen.

Rei ging etwas vor Hina.

Nicht absichtlich.

Zumindest würde er das behaupten.

Seine Augen wanderten ständig zwischen den Bäumen hindurch.

Die Große Weise hatte ihm früh beigebracht, dass Wälder gefährlicher waren, als sie aussahen.

Nicht wegen der Dinge, die man sah.

Sondern wegen der Dinge, die man nicht sah.

Ein Ast knackte.

Rei blieb stehen.

Hina ebenfalls.

„Hast du das gehört?“, flüsterte sie.

Rei nickte.

„Links.“

„Diesmal wirklich?“

Er sah sie an.

Hina grinste.

Dann raschelte das Unterholz.

Das Grinsen verschwand.

Zwischen zwei Büschen erschienen gelbe Augen.

Dann ein zweites Paar.

Ein drittes.

Ein Wolf trat auf den Weg.

Größer als ein gewöhnliches Tier.

Dunkles Fell.

Speichel tropfte zwischen seinen Zähnen hervor.

Rei hob sein Kurzschwert.

„Drei.“

Ein Knurren erklang hinter einem Baum.

Ein vierter Wolf erschien.

Rei seufzte.

„Vier.“

Hina stellte sich neben ihn.

„Der ist deiner.“

„Warum meiner?“

„Du hast ihn entdeckt.“

„So funktioniert das nicht.“

Der erste Wolf sprang.

Rei bewegte sich sofort.

Sein Kurzschwert traf die Krallen des Tieres und lenkte den Angriff zur Seite.

Hina machte einen Schritt nach vorne.

Licht legte sich wie ein dünner goldener Schleier um ihren Degen.

Ein Hieb.

Der zweite Wolf sprang zurück.

„Links!“, rief Rei.

Hina duckte sich.

Ein Schatten schoss über ihren Kopf.

Reis Finsternis traf den Wolf hinter ihr und schleuderte ihn gegen einen Baum.

Hina wirbelte herum.

Ihre Klinge blitzte auf.

Diesmal brauchte es keine Anweisungen.

Keine Große Weise.

Keinen Trainingsplatz.

Wenn Hina nach vorne ging, deckte Rei ihre Seite.

Wenn Rei einen Gegner band, nutzte Hina die Öffnung.

Sie waren noch lange kein perfektes Team.

Aber sie begannen, einander zu verstehen.

Der letzte Wolf jaulte auf und verschwand zwischen den Bäumen.

Hina senkte ihren Degen.

„Das war überraschend einfach.“

Rei sah sie an.

„Sag so etwas niemals.“

„Warum?“

Ein tiefes Grunzen erklang hinter ihnen.

Rei schloss die Augen.

Natürlich.

Hina sah über seine Schulter.

Aus dem Unterholz brach ein gewaltiges Wildschwein.

Seine Hauer waren beinahe so lang wie Reis Unterarm.

„Deshalb.“

Das Tier stürmte auf sie zu.

„Rei! Runter!“

„Was—“

„RUNTER!“

Er duckte sich.

Eine Klinge aus Licht schoss über seinen Kopf.

Sie traf das Wildschwein frontal.

Das Tier taumelte.

Rei drehte sich.

Finsternis floss über seinen Arm und legte sich um sein Kurzschwert.

Ein Schritt.

Ein Hieb.

Die dunkle Klinge durchschnitt die Verteidigung des Tieres.

Das Wildschwein brach zusammen.

Stille.

Rei richtete sich langsam auf.

Dann sah er zu Hina.

„Du hättest mich fast getroffen.“

Sie steckte ihren Degen weg.

„Fast.“

„Das beruhigt mich überhaupt nicht.“

„Sollte es aber.“

Rei starrte sie an.

Dann musste er lachen.

Und diesmal lachte Hina mit.

Richtig.

Nicht das höfliche Lächeln für einen Bauern.

Nicht das kurze Grinsen eines Witzes.

Für einige Sekunden war die bedrückte Stimmung verschwunden.

Rei sagte nichts dazu.

Aber er war froh darüber.

Sie nahmen sich etwas Zeit, bevor sie weitergingen.

Monster waren gefährlich.

Aber ihre Überreste hatten Wert.

Die Große Weise hatte Rei früh beigebracht, niemals etwas Brauchbares zurückzulassen.

Hina kannte dieselbe Regel von den Jägern und Soldaten aus Solaris.

Sie nahmen einige der größeren Wolfszähne mit, ein Stück gut erhaltenes Fell und die beiden kräftigen Hauer des Wildschweins.

Vom Fleisch schnitten sie nur so viel ab, wie sie transportieren konnten.

„Das können wir in Farnhort verkaufen“, sagte Hina.

Rei befestigte einen kleinen Lederbeutel an seiner Tasche.

„Oder essen.“

Hina sah auf die Wolfszähne in seiner Hand.

„Die Zähne?“

Rei hob langsam den Blick.

„Das Fleisch.“

„Bei dir weiß man nie.“

„Ich beginne langsam zu verstehen, warum dein Vater froh ist, dass du mich dabeihast.“

Hina grinste.

„Du kennst mich kaum.“

Rei schulterte seine Tasche.

„Lang genug.“

Hina blieb stehen.

Jetzt war es Rei, der weiterging.

„Hey!“

Er grinste.

„Was?“

„Das war mein Spruch.“

„Nicht mehr.“

„Rei!“

Ihr Protest folgte ihm durch den Wald.

Und zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sich ihre Reise beinahe normal an.

Als sie eine kleine Lichtung erreichten, stand die Sonne bereits tief.

Beide blieben stehen.

Über ihnen öffnete sich das Blätterdach und gab den Blick auf einen orangefarbenen Himmel frei.

Die Sonne berührte beinahe den Horizont.

Hina sah nach oben.

„Wir haben nicht mehr viel Zeit.“

Rei zog die Karte hervor.

„Farnhort müsste direkt hinter diesem Wald liegen.“

Hina trat näher und blickte über seine Schulter.

„Müsste?“

„Steht zumindest hier.“

„Du kannst die Karte lesen?“

Rei drehte langsam den Kopf.

„Ich kann lesen.“

„Das habe ich nicht gefragt.“

Er faltete die Karte zusammen.

„Wir sollten weiter.“

Hina lächelte.

„Das dachte ich mir.“

Sie beschleunigten ihre Schritte.

Keiner von ihnen hatte Lust, die erste Nacht ihrer Reise zwischen hungrigen Wölfen und schlecht gelaunten Wildschweinen zu verbringen.

Die Sonne war beinahe vollständig verschwunden, als Rei zwischen den Bäumen etwas aufleuchten sah.

Ein Licht.

Dann ein zweites.

Ein drittes.

„Hina.“

Sie trat neben ihn.

Vor ihnen wurde der Wald heller.

Die Bäume wichen zurück.

Am Wegesrand stand ein altes hölzernes Schild.

Farnhort

Dahinter öffnete sich eine große Lichtung.

Rei blieb stehen.

Das Dorf wirkte, als wäre es nicht auf die Lichtung gebaut worden.

Sondern als wäre es mit ihr gewachsen.

Kleine Häuser aus dunklem Holz standen zwischen gewaltigen Bäumen. Einige schmiegten sich direkt an deren Stämme, andere waren teilweise zwischen den Wurzeln errichtet worden.

Warme Laternen hingen an Ästen und spannten goldene Lichtketten über die Wege.

Ein schmaler Bach zog sich mitten durch Farnhort. Kleine Holz- und Steinbrücken verbanden seine beiden Seiten miteinander.

Überall leuchteten Fenster.

Aus einer offenen Tür drang Musik.

Kinder liefen über einen kleinen Platz.

Händler schoben ihre Wagen zu Lagerplätzen.

Reisende saßen vor Häusern und ließen den Tag bei Essen und Getränken ausklingen.

Und zwischen den Menschen bewegten sich Gestalten mit langen, spitzen Ohren.

Elfen.

Rei ließ den Blick durch das Dorf schweifen.

„Nicht schlecht.“

Hina stand neben ihm.

Zum ersten Mal seit einer Weile lag wieder ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht.

„Nein.“

Gemeinsam gingen sie weiter.

Niemand blieb stehen.

Niemand verbeugte sich.

Niemand rief ihren Namen.

Eine Elfe mit langen braunen Haaren ging einfach an Hina vorbei.

Ein Händler schob seinen Wagen zwischen ihnen und einer Gruppe Reisender hindurch.

Zwei Männer stritten vor einem Stand über den Preis eines Dolches.

Hina sah sich um.

Rei bemerkte ihren Ausdruck.

„Was?“

„Nichts.“

Er hob eine Augenbraue.

„Schon wieder?“

Sie sah ihn an.

Dann blickte sie noch einmal über den Platz.

„Es ist nur ungewohnt.“

„Was?“

„Dass mich niemand kennt.“

Rei grinste.

„Willkommen im Leben normaler Menschen.“

Hina stieß ihn mit der Schulter an.

„Genieß es nicht zu sehr.“

„Zu spät.“

Die Herberge lag direkt am Bach.

Ein großes zweistöckiges Holzhaus, über dessen Eingang ein grünes Schild hing.

Als sie die Tür öffneten, schlug ihnen Wärme entgegen.

Der Geruch von gebratenem Fleisch, frischem Brot und Kräutern erfüllte den Raum.

Reis Magen knurrte.

Hina sah ihn an.

„Hungrig?“

„Nein.“

Sein Magen knurrte erneut.

Lauter.

Hina grinste.

„Natürlich nicht.“

Hinter dem Tresen stand eine ältere Elfe mit silbernem Haar.

„Willkommen in Farnhort.“

Hina trat vor.

„Wir brauchen ein Zimmer für die Nacht.“

Rei stellte seine Tasche ab.

„Zwei.“

Hina sah zu ihm.

„Eins.“

Rei blinzelte.

„Zwei.“

„Eins.“

Die Wirtin sah von Hina zu Rei.

Und wieder zurück.

Rei deutete auf Hina.

„Ignoriert sie.“

„Ein Zimmer“, wiederholte Hina.

Rei runzelte die Stirn.

„Warum?“

Sie antwortete nicht.

Die Wirtin räusperte sich.

„Nun… tatsächlich ist nur noch eines frei.“

Rei schloss kurz die Augen.

Natürlich.

„Es hat allerdings nur ein großes Bett.“

Natürlich.

Hina legte einige Münzen auf den Tresen.

„Das nehmen wir.“

„Moment.“

Doch Hina hatte den Schlüssel bereits in der Hand.

„Danke.“

Sie ging zur Treppe.

Rei blieb zurück.

Die Wirtin lächelte ihn an.

„Junge Liebe.“

Rei erstarrte.

„Nein.“

Das Lächeln der Wirtin wurde breiter.

„Nein.“

Von der Treppe kam Hinas Stimme.

„Rei!“

Er nahm seine Tasche.

„Wir kennen uns kaum.“

Die Wirtin lachte nur.

Rei seufzte und folgte Hina.

Das Zimmer war klein, aber gemütlich.

Ein Tisch.

Zwei Stühle.

Ein kleiner Kamin.

Ein großes Fenster.

Und tatsächlich nur ein einziges Bett.

Rei stellte seine Tasche neben die Wand.

Hina tat dasselbe.

Dann wurde es still.

Die Geräusche aus dem Schankraum waren hier oben nur noch gedämpft zu hören.

Rei sah zu Hina.

Sie stand mit dem Rücken zu ihm.

Ihre Hände ruhten auf ihrer Tasche.

„Hina.“

Keine Antwort.

„Warum nur ein Zimmer?“

Ihre Finger spannten sich an.

Einige Sekunden vergingen.

Dann kam ihre Antwort.

Leise.

„Ich wollte nicht allein sein.“

Rei sagte nichts.

Hina drehte sich langsam zu ihm.

Sie sah ihm nicht direkt in die Augen.

„Ich weiß, dass das wahrscheinlich dumm klingt.“

„Tut es nicht.“

„Ich kann dir gerade nicht erklären, warum.“

Ihre Stimme zitterte leicht.

„Ich…“

Sie brach ab.

Atmete ein.

„Ich kann gerade einfach noch nicht darüber reden.“

Rei sah sie an.

Er dachte an den ganzen Tag.

An Solaris.

Den Bauern.

Den Waldrand.

All die Male, bei denen er gefragt hatte.

Diesmal fragte er nicht.

Seine Stimme wurde etwas weicher.

„Das musst du nicht.“

Hina hob langsam den Blick.

Rei lächelte leicht.

„Und allein wirst du auch nicht sein.“

Etwas in ihrem Gesicht löste sich.

Nur ein wenig.

Sie nickte.

„Danke.“

Spät in der Nacht war Farnhort still geworden.

Rei lag auf einer Decke neben dem Bett.

Natürlich auf dem Boden.

Das Bett gehörte Hina.

Darüber hatte es keine Diskussion gegeben.

Zumindest keine, die Rei hätte gewinnen können.

Er schlief tief.

Bis etwas Kaltes über sein Gesicht strich.

Rei verzog im Schlaf die Stirn.

Wieder.

Ein kalter Luftzug.

Langsam öffnete er die Augen.

Das Zimmer war dunkel.

Nur Mondlicht fiel hinein.

Die Vorhänge bewegten sich.

Rei blinzelte.

Das Fenster stand offen.

Er richtete sich auf.

„Hina?“

Keine Antwort.

Sein Blick wanderte zum Bett.

Leer.

Mit einem Schlag war er wach.

Rei stand auf und ging zum Fenster.

Unter ihm lag Farnhort.

Das Dorf war beinahe vollständig zur Ruhe gekommen.

Nur noch vereinzelte Laternen brannten entlang des Baches. Ihr goldenes Licht spiegelte sich auf dem Wasser.

Über den Dächern standen die Sterne.

Zwischen den dunklen Baumkronen hing der Mond.

Dann sah er sie.

Hina saß auf dem Vordach direkt unterhalb des Fensters.

Sie hatte ihre Reisekleidung gegen ein langes orange-rotes Nachtkleid getauscht. Ihr blond-orangefarbenes Haar fiel offen über ihren Rücken.

Die Knie hatte sie leicht angezogen.

Rei wollte ihren Namen sagen.

Dann bemerkte er ihre Schultern.

Sie zitterten.

Hina hob eine Hand an ihr Gesicht.

Im Mondlicht sah Rei die Tränen auf ihrer Wange.

Er sagte nichts.

Langsam stieg er durch das Fenster.

Der Nachtwind traf seine nackten Arme. Er trug nur eine graue Schlafhose und ein schwarzes ärmelloses Oberteil.

Die alten Dachziegel knirschten leise unter seinen Füßen.

Hina bemerkte ihn.

Sofort wischte sie sich über die Augen.

„Rei…“

Er setzte sich neben sie.

„Du solltest schlafen“, flüsterte sie.

Rei blickte über die Dächer Farnhorts.

„Du auch.“

Stille.

Unter ihnen rauschte der Bach.

Irgendwo tief im Wald rief ein Nachtvogel.

Hina sah geradeaus.

Rei ebenfalls.

Einige Sekunden vergingen.

Vielleicht wartete sie darauf, dass er wieder fragte.

Was ist los?

Doch die Frage kam nicht.

Rei wusste, wie es sich anfühlte, Worte im Kopf zu haben, die einfach nicht herauswollten.

Also ließ er sie dort.

Er rückte ein wenig näher.

Dann legte er ohne ein Wort einen Arm um Hina.

Für einen Moment erstarrte sie.

Rei hielt inne.

Doch Hina wich nicht zurück.

Langsam sank ihre Stirn gegen seine Schulter.

Ihre Finger griffen leicht nach dem Stoff seines schwarzen Oberteils.

Und dann kamen die Tränen wieder.

Leise.

Ohne ein Wort.

Rei zog sie etwas näher an sich.

Er wusste nicht, weshalb sie weinte.

Und für diese Nacht musste er es auch nicht wissen.

Hina hatte ihm gesagt, dass sie noch nicht darüber sprechen konnte.

Also fragte er nicht.

Er blieb einfach bei ihr.

Nach einer Weile lehnte sie sich ein wenig fester an ihn.

Unter ihnen schlief Farnhort.

Hinter ihnen lag Solaris.

Und irgendwo jenseits der dunklen Wälder wartete Dalk.

Das erste der sieben Tore.

Hinas Mutter.

Und eine Reise, von der niemand wusste, wohin sie die beiden wirklich führen würde.

Doch für diesen einen Moment spielte all das keine Rolle.

Rei sah schweigend hinauf zu den Sternen.

Am Abend hatte er Hina etwas versprochen.

Und dieses Versprechen konnte er wenigstens halten.

Sie war nicht allein.

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