Bis Nicht Mehr Von Uns Bleibt by Mermi at Inkitt
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Bis nicht mehr von uns bleibt

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Summary

Elle wollte in Berlin nur eines: endlich ein Leben, das ihr selbst gehört. Keine Familie, die für sie entscheidet. Keine Erwartungen. Keine Männer, die glauben, sie retten zu müssen. Dann trifft sie Matteo. Zu reich. Zu charmant. Zu überzeugt davon, dass sich jedes Problem irgendwie lösen lässt. Eigentlich genau die Sorte Mann, von der Elle sich fernhalten sollte. Eigentlich. Was als eine Nacht beginnt, wird schnell zu etwas, das keiner von beiden geplant hat. Und als zwei Striche plötzlich aus einem Vielleicht eine gemeinsame Zukunft machen, reicht Liebe allein nicht mehr aus. Denn Matteo stammt aus einer Welt, in der Familien längst entschieden haben, wer zu wem gehört. Und Elle kennt diese Welt besser, als ihm lieb sein kann. Zwischen alten Versprechen, einer Frau, die Matteo niemals aufgeben wollte, und Elles eigener Vergangenheit beginnt ausgerechnet das zu zerbrechen, was beide am meisten festhalten wollen. Matteo würde alles tun, um Elle und ihr Kind zu beschützen. Doch manchmal liegt zwischen beschützen und entscheiden nur ein einziger falscher Schritt. Und irgendwann bleibt nicht mehr die Frage, wie sehr zwei Menschen sich lieben. Sondern wie viel von ihnen übrig bleibt, wenn alles andere versucht, sie auseinanderzureißen.

Genre
Drama
Author
Mermi
Status
Ongoing
Chapters
6
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Nur ein Drink






Elle




„Wenn du mich noch einmal Süße nennst, kostet dein nächster Whiskey zwölf Euro mehr.“

Der Mann vor mir blinzelt.

Es dauert einen Moment, bis seine vom Alkohol verlangsamten Gedanken bei der Erkenntnis ankommen, dass ich es ernst meinen könnte.

„Das darfst du doch gar nicht.“

Ich stelle das Glas vor ihm ab und lächle freundlich.

„Willst du es herausfinden?“

Neben mir verschluckt Juna ein Lachen.

Der Mann schaut erst mich an, dann sein Glas und entscheidet offenbar, dass Whiskey wichtiger ist als sein Stolz.

„Schon gut.“

„Dachte ich mir.“

Ich nehme den nächsten Bon vom Tresen, reiße ihn mit einer Bewegung ab und werfe einen Blick darauf.

Zwei Gin Tonic. Ein Moscow Mule. Drei Bier.

Freitagabend.

Oder, wie ich ihn inzwischen nenne: organisierter Kontrollverlust.

Hinter mir klirren Flaschen, irgendwo am anderen Ende der Bar ruft jemand viel zu begeistert den Namen eines Songs, den ich noch nie leiden konnte, und vor mir winkt eine Frau mit einem Zwanzigeuroschein, als wäre sie dabei, einen Helikopter einzuweisen.

Ich deute auf sie.

„Ich sehe dich.“

Sie hört auf zu winken.

Ein kleiner Sieg.

„Du bist heute wieder besonders menschenfreundlich“, sagt Juna.

Sie schiebt sich an mir vorbei, Hüfte gegen meine, weil hinter der Bar ungefähr genug Platz für zweieinhalb Personen ist und wir zu dritt arbeiten.

„Ich bin immer menschenfreundlich.“

„Du hast vor fünf Minuten jemandem mit Hausverbot gedroht.“

„Er hat nach meinem Feierabend gefragt und dabei versucht, meine Hand zu streicheln.“

„Vielleicht war es Liebe.“

„Dann hoffe ich, dass sie schnell vergeht.“

Juna grinst.

Sie trägt ihre dunklen Haare heute zu zwei kleinen Knoten hochgebunden, von denen sich längst einzelne Strähnen gelöst haben. Irgendwann zwischen neun und zehn hat jemand Limettensaft auf ihr schwarzes Shirt gespritzt, und seitdem behauptet sie, es sei ein Designerstück.

Ich glaube ihr kein Wort.

„Mule für Tisch sieben?“

„Kommt.“

Ich greife nach dem Kupferbecher.

Eis. Wodka. Limette. Ginger Beer.

Meine Hände arbeiten, bevor ich darüber nachdenken muss.

Das mag ich an diesem Job.

Vielleicht sogar mehr, als ich zugeben würde.

Wenn die Bar voll ist, bleibt keine Zeit für unnötige Gedanken. Niemand interessiert sich dafür, woher du kommst oder was du mit deinem Leben vorhast. Menschen wollen Getränke. Sie wollen lachen. Sie wollen vergessen. Manchmal wollen sie jemanden mit nach Hause nehmen und treffen dabei erschreckend schlechte Entscheidungen.

Und ich?

Ich gieße ein, kassiere ab und beobachte das Chaos von meiner Seite des Tresens.

Hier kenne ich die Regeln.

Die Tür am Eingang öffnet sich.

Mein Blick geht automatisch hin.

Nur eine Sekunde.

Ein Mann in dunkler Jacke tritt herein, bleibt kurz stehen und sieht sich um.

Etwas in meinem Nacken spannt sich an.

Groß. Mitte fünfzig vielleicht. Graues Haar.

Nicht—

Er dreht sich zur Seite.

Falsches Gesicht.

Die Spannung löst sich genauso schnell, wie sie gekommen ist.

Ich stelle den Kupferbecher auf den Tresen.

„Alles gut?“

Juna steht neben mir.

Zu aufmerksam.

„Klar.“

„Du hast gerade ausgesehen, als würdest du überlegen, durch den Hinterausgang zu verschwinden.“

„Ich habe überlegt, ob der Typ da hinten der ist, der letzte Woche seine Rechnung nicht bezahlt hat.“

Sie folgt meinem Blick.

„Der mit der Jacke?“

„Mhm.“

„War der nicht ungefähr fünfundzwanzig und blond?“

Ich sehe sie an.

Juna hebt beide Brauen.

Verdammt.

„Vielleicht bin ich rassistisch gegenüber Jacken.“

Eine Sekunde hält sie meinen Blick.

Dann schnaubt sie.

„Du bist so bescheuert.“

„Und trotzdem liebst du mich.“

„Unter Protest.“

Damit ist es vorbei.

Fast.

Ich merke, dass sie mich noch einen Augenblick länger ansieht, bevor sie sich wieder ihren Gästen zuwendet.

Ich tue dasselbe.

Ein Typ bestellt Tequila.

Zwei Frauen diskutieren darüber, ob ihr Freund wirklich nur mit seiner Kollegin schreibt.

Jemand wirft ein Glas um.

Normalität.

Gut.

Normalität kann ich.

Die Tür öffnet sich wieder.

Diesmal sehe ich nur hin, weil sie in meiner Blickrichtung liegt.

Vier Männer kommen herein.

Laut genug, um aufzufallen, aber noch nicht unangenehm laut. Einer erzählt irgendetwas, während die anderen lachen. Sie bewegen sich mit dieser selbstverständlichen Leichtigkeit durch den Raum, die Menschen haben, die davon ausgehen, dass irgendwo immer Platz für sie gemacht wird.

Ich registriere sie.

Mehr nicht.

„Oh.“

Juna stellt ein Bier ab.

„Was?“

„Nichts.“

„Du sagst nie oh, wenn nichts ist.“

„Der Abend ist gerade interessanter geworden.“

Ich folge ihrem Blick.

Die vier Männer haben einen freien Stehtisch entdeckt. Einer von ihnen zieht seine Jacke aus.

Dunkles Haar. Weißes Shirt unter einer offenen schwarzen Hemdjacke. Breite Schultern. Gebräunte Haut.

Attraktiv.

Leider.

Nicht auf die sorgfältig zusammengestellte Art. Eher so, als hätte er morgens zufällig beschlossen, sein Gesicht genauso zu lassen, wie es ist, und die Welt müsse damit klarkommen.

In diesem Moment hebt er den Kopf.

Sein Blick trifft meinen.

Direkt.

Kein zufälliges Vorbeischauen.

Er sieht mich an.

Ich sehe zurück.

Eine Sekunde.

Zwei.

Dann hebt sich ein Mundwinkel.

Oh nein.

Ich wende mich Juna zu.

Sie grinst bereits.

„Sag nichts.“

„Ich habe nichts gesagt.“

„Dein Gesicht redet.“

„Mein Gesicht findet ihn heiß.“

„Dann soll dein Gesicht ihn heiraten.“

„Vielleicht will es erst seinen Namen wissen.“

Ich schiebe ihr zwei leere Gläser hin.

„Such dir ein Hobby.“

„Hab ich.“

Sie nickt hinter mich.

„Beginnt offenbar gerade.“

Ich drehe mich nicht um.

Aus Prinzip.

Stattdessen bediene ich die nächsten drei Gäste, kassiere zwei Rechnungen ab und erkläre einem jungen Mann, dass ein Long Island Iced Tea entgegen seiner festen Überzeugung kein akzeptables Getränk ist, wenn er morgen um acht Fußballtraining hat.

„Du bist nicht meine Mutter“, sagt er.

„Stimmt. Deine Mutter wäre vermutlich netter.“

Er bestellt ihn trotzdem.

Ich mache ihn trotzdem.

Dann taucht eine Hand auf dem Tresen vor mir auf.

Männlich.

Eine Uhr am Handgelenk, die wahrscheinlich mehr kostet als meine Monatsmiete.

Ich sehe erst die Hand an.

Dann ihren Besitzer.

Natürlich.

Dunkles Haar.

Dieses Grinsen.

Aus der Nähe ist er schlimmer.

Braune Augen. Sehr braune Augen.

Und er weiß genau, wie er aussieht.

Das ist meistens ein Ausschlusskriterium.

„Vier Bier“, sagt er.

„Gewagte Bestellung.“

Seine Mundwinkel zucken.

„Ich wollte dich nicht direkt mit meiner Kreativität überfordern.“

„Rücksichtsvoll.“

Ich nehme vier Flaschen aus dem Kühlschrank.

„Ich bin Matteo.“

Ich stelle die erste Flasche vor ihn.

„Glückwunsch.“

Die zweite.

Er lacht.

Nicht dieses künstliche, charmante Lachen, das Männer manchmal benutzen, wenn sie wollen, dass man bemerkt, wie entspannt sie sind.

Ein echtes.

Kurz und überrascht.

„Und du?“

Dritte Flasche.

„Die Frau, die dir gerade vier Bier verkauft.“

„Das stand nicht auf meiner Geburtsurkunde.“

Vierte Flasche.

„Solltest du reklamieren.“

Er legt seine Karte auf das Lesegerät.

„Also verrätst du es mir nicht?“

„Wozu?“

„Damit ich weiß, wie du heißt.“

„Das Prinzip von Namen ist mir bekannt.“

Seine Freunde rufen etwas von ihrem Tisch.

Matteo hebt einen Finger, ohne sich umzudrehen.

Einen Moment noch.

Natürlich.

„Ich bin ziemlich gut darin, Namen herauszufinden.“

Ich reiche ihm die Flaschen.

„Das klang gerade bedenklich näher an einer Drohung, als du vermutlich wolltest.“

Wieder dieses Lachen.

„Bis später.“

„Optimistisch.“

Er nimmt die Flaschen.

„Realistisch.“

Dann geht er.

Ich sehe ihm nicht hinterher.

Was bemerkenswert viel Konzentration erfordert.

Neben mir taucht Juna auf.

„Ich gebe euch zwanzig Minuten.“

„Wofür?“

„Bis du ihm deinen Namen sagst.“

„Du kennst mich wirklich schlecht.“

„Elle.“

Ich schließe kurz die Augen.

Zu spät.

Am anderen Ende des Tresens bleibt Matteo stehen.

Dreht sich um.

Juna sieht ihn.

Dann mich.

Ihr Mund klappt auf.

„Oh.“

„Ich hasse dich.“

„Das war keine Absicht.“

„Natürlich nicht.“

Matteo hebt sein Bier leicht in meine Richtung.

Sein Grinsen wird breiter.

Ich zeige Juna den Mittelfinger unterhalb des Tresens.

Sie küsst ihn.






Achtzehn Minuten später steht er wieder vor mir.

Ich weiß es nur deshalb so genau, weil Juna auf die Uhr schaut und mir anschließend mit zwei Fingern achtzehn zeigt.

Ich ignoriere sie.

„Elle“, sagt Matteo.

Er spricht meinen Namen aus, als hätte er ihn sich verdient.

„Matteo.“

„Du hast ihn dir gemerkt.“

„Du hast ihn mir gesagt.“

„Trotzdem.“

„Was willst du?“

Er legt eine Hand auf seine Brust.

„Das verletzt mich.“

„Du wirst darüber hinwegkommen.“

„Vielleicht brauche ich dafür einen Drink.“

„Ah. Deshalb bist du also hier.“

„Unter anderem.“

Ich verschränke die Arme.

„Und das andere?“

Sein Blick bleibt an meinem Gesicht hängen.

Nicht tiefer.

Interessant.

„Ich wollte sehen, ob du beim zweiten Gespräch netter wirst.“

„Und?“

„Nein.“

„Dann wissen wir das jetzt.“

„Ich mag Konsequenz.“

„Was möchtest du trinken, Matteo?“

„Überrasch mich.“

Ich ziehe eine Braue hoch.

„Mutig.“

„Ich vertraue dir.“

„Das ist dumm. Du kennst mich nicht.“

Für den Bruchteil einer Sekunde verändert sich etwas in seinem Gesicht.

Nicht viel.

Das Grinsen verschwindet nicht völlig, aber sein Blick wird ruhiger.

„Stimmt.“

Seltsam.

Die meisten Männer hätten irgendeinen Spruch hinterhergeschoben.

Matteo tut es nicht.

Er lehnt nur die Unterarme auf den Tresen.

„Dann vielleicht etwas weniger dramatisch: Ich vertraue deinem beruflichen Urteilsvermögen.“

Ich muss lächeln.

Ganz kurz.

Leider sieht er es.

Natürlich sieht er es.

„Da war es.“

„Was?“

„Nichts.“

„Matteo.“

„Du hast gelächelt.“

„Mach dir keine Hoffnungen.“

„Zu spät.“

Ich greife nach einer Flasche Bourbon.

„Allergien?“

„Keine.“

„Vorlieben?“

„Viele.“

Mein Blick schnellt zu ihm.

Er hält vollkommen unschuldig dagegen.

„Beim Trinken“, ergänzt er.

„Fast hätte ich dich rausgeworfen.“

„Fast ist ein sehr dehnbarer Begriff.“

Ich beginne zu mixen.

Bourbon. Zitronensaft. Zuckersirup. Ein wenig Eiweiß.

Während ich shake, beobachtet er mich.

Normalerweise stört mich das.

Bei ihm stört mich, dass es mich nicht stört.

„Machst du das schon lange?“, fragt er.

„Was?“

„Hier arbeiten.“

„Eine Weile.“

„Magst du es?“

Die Frage kommt unerwartet.

Nicht weil sie besonders tief wäre.

Sondern weil sein Blick dabei nicht über mich wandert.

Er wartet tatsächlich auf eine Antwort.

„Ja.“

„Das klang ehrlich.“

„War es auch.“

„Du wirkst so.“

Ich stelle den Shaker ab.

„Wie?“

„Als würdest du gern hier sein.“

Etwas daran bringt mich aus dem Takt.

Nur minimal.

Ich gieße den Drink durch das Sieb.

„Die meisten Leute gehen davon aus, dass jeder hinter einer Bar eigentlich lieber etwas anderes machen würde.“

Er zuckt mit einer Schulter.

„Vielleicht wollen die meisten Leute nur glauben, dass ihr eigenes Leben interessanter ist.“

Ich sehe ihn an.

Er meint es ernst.

Zumindest für diesen einen Moment.

„Das war fast intelligent.“

Sein Gesicht hellt sich auf.

„Fast?“

„Werd nicht übermütig.“

Ich schiebe ihm das Glas hin.

Er nimmt einen Schluck.

Seine Augen werden ein wenig größer.

„Okay.“

„Okay gut oder okay schlecht?“

„Okay, ich nehme alles zurück.“

„Was genau?“

„Nichts. Aber falls ich irgendwann an dir gezweifelt hätte, wäre dieser Zweifel jetzt beseitigt.“

„Erleichternd.“

„Heiratest du mich?“

Ich starre ihn an.

Er hält drei Sekunden durch.

Dann muss er lachen.

Und gegen meinen Willen tue ich es auch.

Nur ein bisschen.

Verdammt.






Danach wird es schlimmer.

Nicht dramatisch schlimmer.

Matteo hängt nicht permanent am Tresen. Er lässt mich arbeiten. Er sitzt bei seinen Freunden, hört ihnen zu, redet, lacht.

Und kommt trotzdem immer wieder.

Ein Bier.

Wasser.

Noch ein Wasser für seinen Freund.

Servietten.

Die Frage, ob wir irgendwelche Snacks haben.

Die vollkommen unnötige Information, dass er Oliven hasst.

„Warum erzählst du mir das?“

„Falls du irgendwann für mich kochst.“

„Das wird nicht passieren.“

„Dann falls wir gemeinsam Pizza bestellen.“

„Auch unwahrscheinlich.“

„Frühstück?“

Ich stelle das Glas, das ich gerade poliere, ab.

„Du bist erschreckend ausdauernd.“

„Danke.“

„Das war kein Kompliment.“

„Ich nehme, was ich kriegen kann.“

„Offensichtlich.“

Juna läuft hinter ihm vorbei und hält mir beide Daumen hoch.

Ich werfe ihr ein feuchtes Geschirrtuch entgegen.

Sie duckt sich lachend.

Matteo dreht sich um.

„Ist das eure normale Kommunikation?“

„Nein. Normalerweise werfe ich härtere Sachen.“

„Sie mag dich“, ruft Juna.

„Juna.“

„Was denn?“

„Geh weg.“

„Ich arbeite hier.“

„Dann arbeite weiter weg.“

Matteo betrachtet mich.

„Sie mag mich also.“

„Juna mag auch Reality-TV und diese Chips mit Essig.“

„Beides völlig legitime Vorlieben!“, ruft sie.

Er beugt sich ein Stück näher.

„Und du?“

„Was ist mit mir?“

„Magst du mich?“

Da ist es wieder.

Diese Selbstsicherheit.

Ich sollte mit den Augen rollen.

Stattdessen merke ich, wie sich etwas in meinem Bauch zusammenzieht.

Nicht unangenehm.

Genau das ist das Problem.

„Ich kenne dich seit ungefähr zwei Stunden.“

„Das war keine Antwort.“

„Doch.“

„Eine ausweichende.“

„Dann musst du wohl damit leben.“

Sein Blick fällt für einen Moment auf meinen Mund.

Nur einen.

Aber ich bemerke es.

Natürlich bemerke ich es.

Und plötzlich ist der Tresen zwischen uns ziemlich schmal.

Ich trete einen halben Schritt zurück.

Greife nach einer Flasche, die niemand bestellt hat.

Sehr souverän.

„Du machst das absichtlich“, sage ich.

„Was?“

„Immer wieder herkommen.“

Er sieht mich vollkommen ernst an.

„Nein.“

Ich warte.

Sein Mundwinkel hebt sich.

„Ja.“

„Wenigstens ehrlich.“

„Ich habe dich gewarnt.“

„Wann?“

„Als ich gesagt habe, dass ich wiederkomme.“

Ich schüttele den Kopf.

„Du hältst ziemlich viel von dir.“

„Meine Mutter sagt, gesundes Selbstvertrauen sei wichtig.“

„Deine Mutter hat nicht gesehen, was daraus geworden ist.“

Er presst eine Hand aufs Herz.

„Jetzt wird es persönlich.“

Ich lache.

Diesmal richtig.

Und genau in dem Moment merke ich es.

Ich habe Spaß.

Nicht dieses kontrollierte, angenehme Amüsement, bei dem man jederzeit entscheiden kann, dass es genug ist.

Ich habe wirklich Spaß.

Mit ihm.

Das gefällt mir nicht.

Also gefällt es mir offensichtlich viel zu sehr.






Kurz nach eins wird es ruhiger.

Nicht leer.

Nur weniger wild.

Die erste große Welle ist verschwunden, die zweite Hälfte des Abends beginnt sich in Gruppen aufzuteilen: diejenigen, die bald nach Hause gehen, und diejenigen, die gerade erst beschlossen haben, schlechte Entscheidungen zu treffen.

Ich sammle leere Gläser ein.

Matteos Freunde sitzen noch immer an ihrem Tisch.

Einer von ihnen redet auf Matteo ein, doch Matteo schaut an ihm vorbei.

Zu mir.

Ich erwische ihn dabei.

Er hebt fragend die Brauen.

Ich schüttele kaum merklich den Kopf.

Er grinst.

Idiot.

„Du kannst übrigens mit ihm reden, ohne so zu tun, als wäre es dir egal“, sagt Juna neben mir.

„Mir ist es egal.“

„Natürlich.“

„Juna.“

„Elle.“

Ich werfe ihr einen Blick zu.

Sie wischt den Tresen.

„Was?“

„Du nervst.“

„Ich will nur nicht, dass du irgendwann mit achtundvierzig Katzen in einer Wohnung sitzt und mir erklärst, Männer seien grundsätzlich eine schlechte Investition.“

„Katzen wären zuverlässiger.“

„Katzen kotzen auf Teppiche.“

„Männer auch, wenn sie genug trinken.“

Sie hält inne.

„Fair.“

Ich lache.

Als ich wieder zur Tür sehe, fährt draußen langsam ein dunkles Auto vorbei.

Mein Körper reagiert, bevor mein Verstand es tut.

Stillstand.

Für einen einzigen Herzschlag.

Das Fahrzeug fährt weiter.

Schwarzer Kombi.

Berliner Kennzeichen.

Nichts Besonderes.

Ich zwinge meine Finger, sich um das Glas in meiner Hand zu lockern.

„Elle?“

Ich drehe mich zu Juna.

„Mhm?“

Ihr Blick geht zur Tür.

Dann zu mir.

„Alles okay?“

„Ja.“

Zu schnell.

Diesmal sagt sie nichts.

Und genau deshalb bin ich ihr dankbar.

Ich nehme das Glas und verschwinde damit nach hinten.

Zehn Sekunden.

Mehr brauche ich nicht.

Als ich wiederkomme, bin ich wieder ich.

Die Version von mir, die hierhergehört.






Kurz vor zwei bezahlt Matteos Gruppe.

Ich bemerke es natürlich nicht.

Außer dass ich es sofort bemerke.

Seine Freunde ziehen ihre Jacken an. Einer diskutiert darüber, wohin sie als Nächstes gehen. Ein anderer hat offenbar bereits genug für einen ganzen Monat getrunken und erklärt irgendetwas über Döner.

Matteo kommt zur Bar.

Allein.

Ich räume gerade Gläser in die Spülmaschine.

„Bitte sag mir, dass du nicht noch eine Serviette brauchst.“

„Nein.“

„Wasser?“

„Auch nicht.“

„Oliven?“

„Jetzt wirst du grausam.“

Ich richte mich auf.

„Was dann?“

Er lehnt sich mit einer Hand gegen den Tresen.

Zum ersten Mal an diesem Abend wirkt er fast unsicher.

Fast.

Bei Matteo bedeutet das vermutlich, dass er eine halbe Sekunde länger nachdenkt, bevor er spricht.

„Was machst du nach Feierabend?“

Da ist die Frage.

Einfach.

Direkt.

Ich sollte Nein sagen.

Nicht einmal, weil etwas gegen ihn spricht.

Das wäre leichter.

Er ist lustig. Attraktiv. Er kann einen Satz sagen, ohne dabei ausschließlich an sich selbst zu denken. Er hat mich den ganzen Abend nicht einmal angefasst, obwohl er mehr als genug Gelegenheiten dazu gehabt hätte.

Vielleicht ist genau das das Problem.

Ich habe Regeln.

Keine geschriebenen.

Aber Regeln.

Menschen bleiben auf Abstand.

Männer aus Bars erst recht.

Kein unnötiges Risiko. Keine spontanen Entscheidungen, die man am nächsten Morgen bereut.

Je weniger jemand über mich weiß, desto einfacher bleibt alles.

So funktioniert mein Leben.

Es funktioniert gut.

Matteo sieht mich an.

„Du denkst ziemlich lange nach.“

„Vielleicht versuche ich, eine höfliche Formulierung für Nein zu finden.“

„Du wirkst nicht wie jemand, der dafür lange braucht.“

„Stimmt.“

„Dann habe ich noch Hoffnung.“

Ich könnte lachen.

Tue es aber nicht.

„Was hattest du vor?“

Sein Blick verändert sich sofort.

Nicht triumphierend.

Das gefällt mir mehr, als es sollte.

„Meine Freunde wollen noch weiter.“

„Sehr romantisch.“

„Ich dachte eher, wir lassen meine Freunde da hingehen und tun so, als würden wir sie nicht kennen.“

„Klingt schon besser.“

„Es gibt ein Café zwei Straßen weiter, das die ganze Nacht offen hat.“

Ich ziehe eine Braue hoch.

„Du willst mit mir Kaffee trinken?“

„Ich könnte auch behaupten, ich hätte irgendeinen wahnsinnig ausgefeilten Plan.“

„Hast du den?“

„Nein.“

„Gut.“

Er lächelt.

„Also?“

Hinter ihm sehe ich die Eingangstür.

Die Straße.

Menschen, die vorbeigehen.

Für einen Moment kommt dieses alte Gefühl zurück.

Nicht hier.

Nicht zu nah.

Nicht unvorsichtig werden.

Ich kenne es gut genug, um darauf zu hören.

Normalerweise.

Dann sehe ich wieder Matteo an.

Er wartet.

Drängt nicht.

Versucht nicht, aus meinem Schweigen ein Ja zu machen.

Und vielleicht ist es genau das.

Vielleicht habe ich es satt, jede Entscheidung danach zu treffen, was vernünftig ist.

Vielleicht möchte ich für einen einzigen Abend etwas tun, nur weil ich Lust darauf habe.

Das sollte kein großer Gedanke sein.

Ist es aber.

„Ich brauche noch ungefähr zwanzig Minuten.“

Matteo blinzelt.

Dann lächelt er langsam.

„Das ist ein Ja?“

Ich nehme ein leeres Glas vom Tresen.

„Das ist ein Du-kannst-zwanzig-Minuten-warten.“

„Kann ich.“

„Und wenn du in der Zeit nervst, ändere ich meine Meinung.“

Er hebt beide Hände.

„Kein Wort.“

Ich gehe an ihm vorbei.

Nach drei Schritten höre ich hinter mir:

„Elle?“

Ich drehe mich um.

Er deutet stumm auf seinen Mund und tut so, als würde er ihn mit einem Reißverschluss schließen.

Ich kann nicht anders.

Ich lache.

„Idiot.“

Sein Grinsen sagt mir, dass er das nicht als Beleidigung auffasst.

Natürlich nicht.

Ich wende mich wieder ab und greife nach den nächsten Gläsern.

Mein Herz schlägt ein bisschen schneller als vorher.

Nicht viel.

Gerade genug, dass ich es bemerke.

Ich könnte meine Meinung noch ändern.

Zwanzig Minuten sind lang.

Ich könnte ihm sagen, dass ich müde bin. Dass ich morgen früh rausmuss. Dass mir etwas dazwischengekommen ist.

Stattdessen sehe ich zur Uhr.

Neunzehn Minuten.

Und beginne schneller aufzuräumen.

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