Der Geruch nach verbranntem Gummi
Auf Aethelgard roch die Luft nach frisch gemähtem Gras, steriler Technologie und dem salzigen Wind des Ozeans. Auf Océana-Vanguard roch sie nach Tod, Benzin und verbranntem Gummi.
Ich presste die Lippen aufeinander, um den bitteren Geschmack zu vertreiben, der sich seit Stunden auf meine Zunge gelegt hatte. Das dumpfe, rhythmische Knattern des Motors unter mir vibrierte bis in meine Knochen. Mein Hintern tat weh, meine Finger waren taub vor Kälte und mein Herz hämmerte so heftig gegen meine Rippen, dass ich Angst hatte, der tätowierte Riese, an dessen Lederweste ich mich klammerte, könnte es spüren.
Zwei Jahre, hämmerte es in meinem Kopf. Nur zwei Jahre. Du musst einfach nur durchhalten, bis du einundzwanzig bist. Dann unterschreibst du die Papiere, nimmst das Erbe deiner Mutter und fliegst mit dem nächsten Überschallflieger zurück in die Zivilisation.
Als der Zug mich am Vormittag am Bahnhof von Oak Creek ausgespuckt hatte, hatte ich geglaubt, in der Hölle gelandet zu sein. Der Bahnsteig war rissig, von Unkraut durchwuchert und die Luft war geschwängert von dem grauen Smog, der aus dem benachbarten Ruß-Gürtel herüberwaberte. Mein Vater hatte mich nicht abgeholt. Natürlich nicht. Stattdessen hatten dort zwei Schränke von Männern auf mich gewartet. Sie hatten keine Schilder mit meinem Namen hochgehalten. Sie hatten mich einfach an meinem teuren, weißen Rollkoffer erkannt, der in dieser Umgebung so deplatziert gewirkt hatte wie ein Schwan in einer Schlammgrube.
Einer von ihnen, ein Mann, den sie nur „Sledge“ nannten, hatte meinen Koffer ohne ein Wort gepackt und ihn mit einem dreckigen Spanngurt auf den Gepäckträger seiner schweren, mattschwarzen Maschine geschnallt. Ich hatte das Knirschen des Plastiks gehört, als der Gurt sich hineinfreß. Mein schöner Koffer. Das letzte Stück meines alten Lebens.
„Aufsteigen, Prinzessin“, war das Einzige gewesen, was er mir entgegengeraunt hatte.
Und jetzt fuhren wir durch das Revier der Broken Skulls. Ich wagte es kaum, den Kopf zu drehen, aber die Eindrücke brannten sich trotzdem in mein Gedächtnis. Oak Creek war kein Ort zum Leben. Es war ein Ort zum Überleben. Heruntergekommene Wohnblocks mit eingeschlagenen Fenstern reihten sich aneinander. An den Straßenecken standen Gestalten in speckigen Jacken, die uns misstrauisch hinterhersahen. Die Fassaden waren über und über mit Graffiti besprüht – immer wieder sah ich das stilisierte Logo eines zerschlagenen Totenkopfes. Das Brandmal dieser Stadt.
Sledge legte sich hart in eine Kurve, und ich unterdrückte einen Schrei, indem ich die Augen schloss. Unter meinem Pullover spürte ich das kühle Metall des Medaillons meiner Mutter auf meiner Haut liegen. Es war das Letzte, was sie mir gegeben hatte, bevor sie im Krankenhaus von Aethelgard ihre Augen für immer geschlossen hatte. „Geh zu deinem Vater, Roxy“, hatte sie geflüstert. „Es ist der einzige Ort, an dem sie dich nicht vermuten. Vertrau niemandem. Trag das Medaillon immer bei dir.“
Damals hatte ich ihre Worte nicht verstanden. Jetzt, in diesem Moment, machten sie mir einfach nur Todesangst. Vor wem war meine Mutter geflohen? Und warum hatte sie mich ausgerechnet zu dem Mann geschickt, vor dem sie damals selbst weggelaufen war?Das Motorrad wurde langsamer und rollte schließlich mit einem ohrenbetäubenden Aufheulen des Auspuffs auf den rissigen Asphalt vor einem riesigen, zweistöckigen Gebäude. Es sah aus wie eine alte, stillgelegte Fabrikhalle, aber die verrosteten Buchstaben über dem Eingang verrieten, dass es einmal eine Boxhalle gewesen war. Die Fenster im Erdgeschoss waren mit schweren, dicken Eisengittern gesichert. Über der massiven Stahltür prangte der größte, hässlichste Totenkopf, den ich je gesehen hatte.
„Endstation“, brummte Sledge, stellte die Maschine ab und trat den Ständer aus.Ich löste zitternd meine Hände von seiner Weste und stieg ungeschickt von der Maschine. Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Ich strich meine ordentliche, beige Trenchcoat-Jacke glatt und versuchte, den Schmutz von meinen weißen Sneakern abzustreifen, doch es war zwecklos. Der Boden hier war bedeckt von einer Schicht aus Öl und Ruß.Sledge wartete nicht auf mich. Er riss meinen Koffer vom Gepäckträger – der weiße Kunststoff hatte jetzt eine tiefe, schwarze Schramme – und drückte die schwere Stahltür der Boxhalle mit der Schulter auf. Ein Schwall von Hitze, ohrenbetäubender Heavy-Metal-Musik und dem intensiven Geruch von Schweiß, billigem Alkohol und Leder schlug mir entgegen.Ich atmete tief durch, straffte die Schultern und folgte ihm hinein.
Im Inneren der Halle war es düster. Das einzige Licht stammte von flackernden, nackten Neonröhren, die an den Deckenbalken hingen. Überall standen Männer und ein paar Frauen in Lederwesten. Manche saßen an einer improvisierten Bar aus Europaletten, andere standen um einen abgewetzten Boxring in der Mitte der Halle herum. Das dumpfe, rhythmische Klatschen von Boxhandschuhen gegen schwere Sandsäcke untermalte die Musik.
Als die Stahltür hinter mir ins Schloss fiel, verstummten die Gespräche nacheinander. Die Musik dröhnte weiter, aber die Atmosphäre in der Halle veränderte sich schlagartig. Dutzende Augenpaare richteten sich auf mich. Männer mit Tätowierungen im Gesicht, vernarbten Knöcheln und kalten Blicken musterten mich, als wäre ich ein exotisches Tier, das sich in ihr Gehege verirrt hatte. Manche grinsten hämisch, andere tuschelten. Ich fühlte mich nackt. Schutzlos.
Sledge stellte meinen Koffer mit einem lauten Knall auf den Boden und trat beiseite.
Und dann sah ich ihn.
Er stand direkt neben dem Boxring und hatte die massiven Arme vor der Brust verschränkt. Er war größer als die meisten Männer hier, breitschultrig und strahlte eine rohe, gefährliche Autorität aus. Seine Lederweste war speckig und zerschlissen, getragen direkt auf der nackten Haut, die fast vollständig von dunklen Knast-Tattoos bedeckt war. Auf seiner Brust prangte derselbe zerschlagene Totenkopf wie an der Außenwand. Als er sich umdrehte und auf mich zuging, blitzte im Licht der Neonröhren ein Goldzahn in seinem Mund auf.
Jax „Bone“ Kincaid. Mein Vater.
Ich kannte ihn nur von einem einzigen, verblichenen Foto, das meine Mutter in einer alten Schatulle versteckt hatte. Auf dem Foto hatte er gelächelt. Der Mann, der jetzt vor mir stand, lächelte nicht. Seine Augen waren dunkel, kalt und verengten sich zu Schlitzen, als er vor mir stehen blieb. Er verströmte einen intensiven Geruch nach billigem Tabak und scharfem Rasierwasser.Er sagte nichts. Er sah mich einfach nur an. Minutenlang. Er musterte meine ordentlich frisierten Haare, meine saubere Jacke, meine teuren Schuhe und schließlich den zerkratzten, weißen Rollkoffer. Ein verächtliches Schnauben entwich seiner Nase. Er nahm eine Zigarette aus der Tasche, zündete sie mit einem schweren Zippo-Feuerzeug an und blies mir den grauen Rauch direkt ins Gesicht.
Ich hustete nicht. Ich weigerte mich, ihm diesen Triumph zu gönnen. Ich hob das Kinn und sah ihm direkt in die Augen. Dabei bemerkte ich, dass seine Augenfarbe exakt der meinen entsprach. Es war eine erschreckende Erkenntnis.
„Du siehst genau aus wie deine Mutter, Roxy“, sagte er schließlich. Seine Stimme war rau, tief und klang wie Schmirgelpapier auf Holz. Er sprach meinen Namen aus, als wäre er ein Fremdwort. „Viel zu weich für diesen Ort. Als ich gehört habe, dass Elena den Löffel abgegeben hat, dachte ich erst, es wäre ein schlechter Scherz.“
Bei der Erwähnung des Todes meiner Mutter zog sich mein Magen schmerzhaft zusammen. „Sie ist vor drei Wochen gestorben“, sagte ich, und ich war stolz darauf, wie fest meine Stimme klang, obwohl mein Inneres zitterte. „Und ich wäre auch lieber auf Aethelgard geblieben. Aber das Nachlassgericht sagt, dass du mein gesetzlicher Vormund bist, bis ich einundzwanzig bin. Ich habe keine Wahl.“
Ein hasserfülltes, lautes Lachen drang aus seiner Kehle, das die Aufmerksamkeit der gesamten Gang wieder auf uns lenkte. „Keine Wahl, richtig. Das Gesetz.“ Er trat einen Schritt näher, sodass er mich überragte. Der Schatten seines massiven Körpers schluckte das spärliche Licht. „Lass uns eines sofort klarstellen, Prinzessin: Hier drinnen interessiert sich kein Schwein für die Gesetze von Aethelgard. Und hier weint auch niemand um deine Mutter. Elena hat ihre Entscheidung vor zwanzig Jahren getroffen, als sie von hier abgehauen ist.“
Er blickte kurz auf das silberne Medaillon, das in meinem Ausschnitt zu sehen war. Seine Augen blitzten für den Bruchteil einer Sekunde gierig auf, so schnell, dass ich dachte, ich hätte es mir nur eingebildet. Doch dann wandte er sich ab und trat mit dem schweren Biker-Stiefel gegen einen alten, verstaubten Seesack, der neben einer Bank auf dem Boden lag.
„Gewöhn dich an den Dreck“, rief er mir über die Schulter zu, während er sich bereits wieder dem Boxring zuwandte. „Wenn du die nächsten zwei Jahre hier überleben willst, musst du als Erstes lernen, wie man verdammt noch mal zuschlägt. Ich dulde keine Schwäche in meinem Club.“
Er machte eine vage Handbewegung nach hinten, wo eine dunkle Nische in die tieferen Bereiche der Halle führte. „Da sind deine Sachen. Deine Pritsche ist hinten bei den Duschen. Und jetzt beweg deinen Hintern da hinter, bevor meine Jungs denken, ich hätte ein Maskottchen adoptiert.“
Ein paar der Biker an der Bar lachten laut auf.
Ich stand wie angewurzelt mitten in der Halle. Meine Finger krampften sich um den Griff meines Koffers. Tränen der Wut und der Demütigung schossen mir in die Augen, aber ich blinzelte sie vehement weg. Ich durfte jetzt nicht weinen. Wenn ich jetzt weinte, hatte ich verloren.
Ich packte den Griff meines ramponierten Koffers, drehte Jax den Rücken zu und ging mit erhobenem Kopf an den gaffenden Bikern vorbei, tiefer hinein in die Dunkelheit der Boxhalle. Willkommen in meinem neuen Leben.






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