Kapitel 1
Der Zug nach Nightshade fuhr durch Nebel, der nicht wie gewöhnlicher Nebel aussah. Er lag zu schwer über den Feldern, kroch in zähen Fetzen an den Fenstern vorbei, als würde er absichtlich vermeiden, dass man zu weit hinaussehen konnte. Ich presste die Stirn gegen die kalte Scheibe und beobachtete, wie sich die letzten Lichter der Kleinstadt hinter mir auflösten, bis nur noch Dunkelheit und das gleichmäßige Rattern der Räder übrig blieben.
In meiner Tasche lag Alirias Studentinnenausweis, das Foto darauf ein Spiegelbild, das nicht ganz zu mir passte, egal wie oft ich es betrachtete. Wir waren eineiige Zwillinge – und doch so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Ich trug eine von Alirias Roben. Eine weitere hatte ich eingepackt, sorgfältig gefaltet. Sie rochen noch nach dem Lavendelwasser, das meine Schwester immer benutzt hatte. Alirias Schrift, mühsam über zwei schlaflose Nächte hinweg kopiert, füllte ein Notizbuch, das ich inzwischen auswendig kannte wie ein Gebet, das man aufsagt, um sich selbst zu beruhigen.
Ich war keine Magierin. Nicht wirklich. Ich kannte die Theorie. Jeder in meiner Familie kannte die Theorie, so wie man eine Nationalhymne kennt, ohne sie je gesungen zu haben. Aber die Praxis, die Präzision, mit der Aliria einen Lichtzauber hatte erblühen lassen wie eine Blume aus dem Nichts, das war meiner Schwester vorbehalten gewesen. Der Begabten. Der Gefeierten. Der Verschwundenen.
Drei Monate, dachte ich, während ich meine Finger um den Ausweis schloss, bis die Kanten sich in meine Handfläche gruben. Drei Monate seit dem letzten Brief, der so untypisch knapp gewesen war, dass ich ihn ein Dutzend Mal gelesen hatte, auf der Suche nach etwas zwischen den Zeilen. Drei Monate seit die Akademie mit wenigen, ausweichenden Worten mitgeteilt hatte, Aliria habe „aus persönlichen Gründen eine Beurlaubung angetreten“. Drei Monate, in denen niemand auch nur eine einzige belastbare Spur gefunden hatte. Nicht die Polizei, die die Akte nach zwei Wochen achselzuckend geschlossen hatte, nicht unsere Familie, die sich in Schweigen und gegenseitige Vorwürfe geflüchtet hatte, nicht meine Eltern, die eher halbherzig Nachforschungen angestellt hatten.
Also würde ich selbst suchen. Als Aliria. Es war ein Plan, der bei Tageslicht am Küchentisch meiner Eltern vernünftig geklungen hatte. Jetzt, im Halbdunkel des Abteils, mit dem Nebel, der sich wie Geister um die Fenster legte, fühlte er sich vor allem wie Wahnsinn an. Wie konnte ich nur glauben, Alirias Platz erfolgreich einzunehmen?
Der Zug hielt mit einem Ruck, der mich aus den Gedanken riss. NIGHTSHADE ACADEMY OF ARCANE ARTS stand in verwitterten, halb von Efeu überwucherten Lettern über dem Bahnsteig, und dahinter erhob sich das Schloss wie ein aus dem Berg gewachsener Dorn. Türme, die sich in tief hängende Wolken bohrten, spitze Giebel, die den Mond zu zerschneiden schienen, Fenster, hinter denen gelbes Kerzenlicht flackerte, obwohl es kaum sechs Uhr abends war und die Sonne gerade erst hinter den Hügeln verschwand.
Ich stieg aus, die Beine steif von der langen Fahrt. Die Luft roch nach nassem Stein, nach altem Laub und seltsamerweise nach etwas Süßlichem, Metallischem, das ich nicht benennen konnte und das mir einen unangenehmen Schauer über den Nacken jagte.
„Aliria Meredin?“
Ich zuckte zusammen. Dann erinnerte ich mich, wer ich war, wer ich sein musste. Ich drehte mich mit einem Lächeln um, das ich tagelang vor dem Spiegel geübt hatte, bis die Muskeln in meinen Wangen es fast von selbst formten. Ein Mann in einer akademischen Robe mit silbernen Verzierungen stand vor mir, eine Liste in der einen, eine Laterne in der anderen Hand, deren Flamme seltsam blau brannte.
„Das bin ich“, sagte ich, und meine Stimme klang fast so, wie Alirias geklungen hatte. Fast.
„Willkommen zurück. Sie haben in Ihrer Abwesenheit einiges verpasst.“ Er musterte mich einen Moment zu lange. Seine Augen wanderten von meinem Gesicht zu meiner Robe, als würde er etwas abgleichen, das nicht ganz stimmte. Ich spürte, wie mein Puls sich beschleunigte, wie meine Handflächen unter dem dünnen Stoff der Handschuhe feucht wurden.
Er weiß es. Er muss es wissen.
Aber dann nickte er nur mit einer Miene, die eher Pflichtgefühl als Argwohn verriet, und deutete mit dem Kinn zum Tor. „Die Aufnahmeprüfung für die Fortgeschrittenenkurse findet morgen früh statt. Ich nehme an, Sie sind vorbereitet, nach allem, was man über Sie hört.“
„Selbstverständlich“, log ich, und der Klang meiner eigenen Lüge hallte in mir noch nach, als ich ihm durch das Tor folgte.
Wir schritten einen Weg entlang, der leicht geschwungen nach oben bis zum Eingang der Akademie führte. Er war gesäumt von Büschen, in denen Spinnweben wie verzauberte Fäden glitzerten.
Der Mann führte mich in das Gebäude und durch eine Eingangshalle, die höher war als jede Kathedrale, die ich je gesehen hatte. Kerzen schwebten ohne sichtbare Halterung unter der Decke. Ihr Licht warf lange, tanzende Schatten auf steinerne Statuen, deren Gesichter ausdruckslos über jeden zu wachen schienen. Studierende in dunklen Roben eilten in Grüppchen vorbei. Ihre Gespräche verstummten kurz, wenn sie an mir vorbeikamen, und wisperten dann wieder los, sobald sie glaubten, außer Hörweite zu sein. Ich fing Blicke auf. Neugierig, misstrauisch, einige sogar mitleidig, als würden sie etwas wissen, das ich nicht wusste.
Sie starren mich an, dachte ich, während ich meine Schritte bewusst verlangsamte, um nicht wie eine Fremde durch den Raum zu hasten. Sie wissen, dass etwas mit Aliria nicht stimmte, bevor sie verschwand.
Wir verließen die Halle und traten hinaus auf eine Balustrade, die einen Innenhof entlangführte. Ich hatte kaum Zeit, mir alles anzusehen, weil der Mann so eilig voranschritt.
Plötzlich blieb mein Blick an einer Gestalt hängen, die allein an einer der hohen Fenstersäulen lehnte, so reglos, dass ich sie zunächst für eine weitere Statue gehalten hatte. Eine junge Frau, blass wie Mondlicht auf frischem Schnee, mit schwarz glänzendem Haar, das ihr in losen, schweren Wellen über die Schultern fiel. Sie trug keine Robe wie die anderen, sondern ein Kleid aus dunkelviolettem Samt, das eher an einen Ballsaal aus einer anderen Zeit erinnerte als an einen Hörsaal. Die Ärmel reichten bis zu den Fingerknöcheln und endeten dort in filigranen Spitzen.
Sie sah mich an. Nicht flüchtig wie die anderen, deren Blicke abglitten, sobald ich zurückschaute. Sondern lange, aufmerksam, mit einer Intensität, die mir das Gefühl gab, dass die Frau etwas in meinem Gesicht las, das ich selbst nicht kannte, eine Wahrheit, die tiefer lag als Alirias geliehener Name.
Ich spürte einen Schauer, der nichts mit der Kälte hier draußen zu tun hatte. Ein sonderbares Gefühl der Vertrautheit durchströmte mich. Fast hätte ich einen Schritt auf sie zu gemacht, doch ich konnte mich noch zurückreißen.
„Nicht hinsehen“, sagte mein Begleiter, ohne die Stimme zu senken, als sei es selbstverständlich, dass niemand außer mir es hören würde – oder als sei es ihm gleichgültig, ob die Frau ihn hörte. „Das ist eine von der Ehrengesellschaft. Man starrt sie nicht an. Man wird von ihr angesehen, wenn sie es für angebracht hält, und nicht umgekehrt.“
„Ehrengesellschaft?“, fragte ich, dabei hätte ich lieber gefragt: Wer sind sie? Haben sie etwas mit meiner Schwester gemacht?
„Die Vantaren.“ Er senkte nun doch ein wenig die Stimme, warf einen raschen Blick über die Schulter, als könnte allein das Aussprechen des Namens Aufmerksamkeit erregen. „Die ältesten Blutlinien der Akademie. Man sagt, sie unterrichten hier schon länger, als das Schloss steht, länger, als irgendjemand es zurückverfolgen kann.“ Ein kurzes, unbehagliches Lachen, das nicht ganz echt klang. „Ignorieren Sie das Gerede über sie. Kommen Sie, Ihr Zimmer wartet, und Sie sollten sich vor der Prüfung morgen ausruhen.“
Er ging weiter, ohne auf eine Antwort zu warten. Ich folgte ihm – aber im letzten Moment, bevor ich um die Ecke bog, warf ich noch einen Blick zurück. Ich konnte nicht anders.
Die Frau im violetten Kleid stand noch immer da, unverändert, als sei keine Sekunde vergangen. Und sie lächelte jetzt, ein Lächeln, das zu sanft war, um beruhigend zu wirken, und zu wissend, um Zufall zu sein.
Aliria, formten ihre Lippen lautlos, kaum mehr als ein Hauch, bevor ich um die Ecke verschwand und die Wand zwischen uns trat. Willkommen zurück.
Mein Herz schlug bis zum Hals, ein hartes, unregelmäßiges Trommeln, das mich zwang, tief durchzuatmen, während ich meinem Begleiter durch enge, gewundene Korridore folgte. Ich kannte diese Frau nicht. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Weder in Alirias Briefen noch in den wenigen Fotografien, die meine Schwester nach Hause geschickt hatte, war sie aufgetaucht. Aber die Frau kannte offenbar Aliria – kannte sie gut genug, um ihr lautlos etwas zuzuflüstern, das wie eine Warnung und ein Versprechen zugleich klang.
Und das bedeutete: Meine Tarnung, die ich mit so viel Mühe zusammengeflickt hatte, musste schon jetzt einer Prüfung standhalten. Und ich war bereits gefährdet, noch bevor ich überhaupt eine einzige Frage gestellt hatte.
Mein Zimmer im Ostturm lag am Ende eines Korridors, dessen Fackeln beim Näherkommen von selbst aufflammten und hinter mir wieder erloschen, als atme das Schloss im gleichen Rhythmus wie die, die durch es hindurchgingen. Mein Begleiter verabschiedete sich mit einem knappen Nicken und ein paar Hinweisen zu Essenszeiten, die ich kaum registrierte, bevor er im Dunkel des Ganges verschwand und mich allein zurückließ.
Ich schloss die Tür hinter mir, lehnte mich mit dem Rücken dagegen und atmete zum ersten Mal seit Stunden richtig aus. Das Zimmer war größer, als ich erwartet hatte, mit einem Himmelbett, dessen Vorhänge aus schwerem, dunklem Stoff waren, und einem Kamin, in dem bereits ein Feuer brannte, obwohl niemand hier gewesen sein konnte, um es zu entfachen. Auf dem Schreibtisch lagen Alirias Bücher noch genau so, wie meine Schwester sie zurückgelassen haben musste – aufgeschlagen, mit Notizen an den Rändern, ein Lesezeichen an einer Stelle, an der Aliria offenbar nie weitergelesen hatte.
Ich trat näher, ließ die Fingerspitzen über die Seiten gleiten. Die Handschrift meiner Schwester wurde gegen Ende unruhiger, hastiger, die Buchstaben liefen ineinander, als hätte Aliria in den letzten Wochen kaum noch die Zeit oder die Ruhe gefunden, ordentlich zu schreiben. Eine Randnotiz sprang mir ins Auge, halb durchgestrichen, als hätte Aliria es sich anders überlegt, es doch niederzuschreiben: Sie fragen zu viel. Ich sollte aufhören zu fragen.
Meine Finger erstarrten auf dem Papier. Wer waren sie? Die Ehrengesellschaft? Die Frau im violetten Kleid?
Ich klappte das Buch vorsichtig zu, als könnte ich damit die Frage verschließen, und trat ans Fenster. Draußen erstreckte sich der Rosengarten hinter der Bibliothek, gerade noch im letzten violetten Schimmer der Dämmerung zu erkennen. Seine Hecken waren zu kunstvollen Formen geschnitten, die im Halbdunkel wie kauernde Gestalten wirkten. Irgendwo dort draußen, dachte ich, lag vielleicht die Antwort, die mich hergeführt hatte.
Ich legte mich schließlich angezogen aufs Bett, unfähig, mich der fremden Umgebung, den fremden Laken vollständig zu überlassen. Der Schlaf, als er endlich kam, war nur leicht und von sonderbaren Träumen durchsetzt. Ich sah schemenhafte Gesichter, die ein Lächeln trugen, das zu sanft war, um beruhigend zu wirken. Immer wieder hallten zwei Worte durch die Dunkelheit wie ein Echo, das sich weigerte, zu verklingen: Willkommen zurück.








