Kapitel 1
Kapitel 1
Tessa
Wie eine Wahnsinnige raste ich durch die winzigen Zimmer meiner Altbauwohnung, während mir die kostbare Zeit unerbittlich zwischen den Fingern rann. Heute war mein erster Arbeitstag bei Blackwood Contracts einer dieser legendären, gläsernen Giganten im Herzen des Finanzdistrikts, bei denen man entweder ganz nach oben kletterte oder auf der Strecke blieb. Und ich hatte absolut nicht vor, zu scheitern. Schon gar nicht an etwas Trivialem wie der perfekten Nuance auf den Lippen.
»Hannah, sag mir bitte, dass du meinen Lippenstift gesehen hast!«, rief ich mit erstickter Stimme durch den Flur, während ich fieberhaft die Badablage absuchte und den Inhalt des Spiegelschranks auf den Fliesen verteilte.
»Nein, habe ich nicht«, kam Hannahs ruhige, fast schon melodische Entgegnung aus der Küche, gefolgt vom vertrauten, leisen Klappern einer Kaffeetasse auf der Untertasse. Sekunden später lehnte sie sich entspannt in den Türrahmen meines Schlafzimmers, verschränkte die Arme und musterte mein heilloses Chaos mit einer amüsanten Mischung aus Mitleid und unerschütterlicher Gelassenheit. »Hast du mal in deiner Handtasche nachgesehen? Da steckst du ihn doch sonst auch immer weg, wenn du in Eile bist.«
Ich stieß einen frustrierten Schnaufer aus, der irgendwo zwischen hysterischem Lachen und purer Panik lag. »Glaubst du etwa, da hätte ich nicht als Erstes nachgesehen? Diese Tasche gleicht einem schwarzen Loch, aber in diesem Moment ist sie leer bis auf den letzten, nutzlosen Kassenbeleg!«
Mit einer fahrigen Handbewegung riss ich die oberste Schublade meines Nachttischs auf, wo sich neben uralten Quittungen, Ladekabeln und Haargummis ein chaotisches Sammelsurium angesammelt hatte. Ich wühlte mit nervösen Fingern durch den Plunder, vollkommen entschlossen, das winzige Stäbchen zu finden. Und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit des Suchens, sperten meine Finger endlich nach dem vertrauten, kühlen Metall.
»Ha, hab dich!«, triumphierte ich, zog das kleine Schmuckstück siegessicher hervor und warf Hannah einen strahlenden, fast erleichterten Blick zu.
In diesem exakten Moment fiel mein Blick auf die Digitaluhr auf meinem Nachttisch. Sie leuchtete in gnadenlosem Rot auf und zeigte eine Uhrzeit, die jeglichen Spielraum für morgendliche Trödeleien oder Verzögerungen gnadenlos zunichte machte.
Noch zwanzig Minuten, bis die U-Bahn abfuhr. Zwanzig Minuten für einen Fußweg von normalerweise zehn Minuten – das bedeutete exakt null Minuten Puffer für unvorhergesehene Katastrophen wie eine rote Ampel, eine verspätete Bahn oder eine stolpernde Passantin.
Bei Blackwood Contracts zählte der erste Eindruck wie das Gesetz eines unerbittlichen Kodex. Hier trug man makellose Maßanzüge, perfektes Business-Make-up und eine unerschütterliche Aura von eiskalter Kompetenz. Ein blasses Gesicht ohne den Hauch von Frische wirkte dort nicht wie dezentes Understatement, sondern wie eine bedingungslose Kapitulation noch vor dem allerersten Meeting. Jeder Schritt, jede Geste und jedes Detail wurde von einer unsichtbaren Jury bewertet, bevor man überhaupt den Stuhl im Konferenzraum berührte.
Hannah nahm seelenruhig einen Schluck aus ihrer Tasse, während sie mein verzweifeltes Treiben mit der stoischen Gelassenheit einer Zen-Meisterin beobachtete. Sie kannte mich in- und auswendig; sie wusste genau, dass ich dazu neigte, bei den kleinsten beruflichen Herausforderungen sofort in den ultimativen Notfallmodus zu schalten.
»Du atmest viel zu schnell, Tess«, bemerkte sie trocken, ohne auch nur ansatzweise Anstalten zu machen, mir beim Einpacken meiner sieben Sachen zu helfen. »Niemand wird dich am ersten Tag feuern, nur weil du vielleicht aussiehst, als hättest du die halbe Nacht durchgemacht. Das tun diese seelenlosen Manager dort schätzungsweise erst ab Tag zwei.«
Ich warf ihr einen gespielten Todesblick zu, während ich mir mit dem Handrücken eine verirrte Haarsträhne aus der verschwitzten Stirn strich.
»Sehr witzig, wirklich zum Brüllen komisch«, fauchte ich leicht außer Atem, während ich in meine Pumps schlüpfte. »Du hast gut reden, du musst dich heute schließlich nicht vor einen Vorstand aus eiskalten Zynikern setzen, die wahrscheinlich schon zum Frühstück junge Karrieren verspeisen und zum Nachtisch die Träume von Anfängern trinken.«
Hannah lächelte nur milde, trat einen Schritt zur Seite und hielt mir aufmunternd die Hand hin, in der sie überraschenderweise meinen Haustürschlüssel bereithielt. »Eben deshalb solltest du jetzt losgehen. Zeig ihnen einfach, dass die bissigsten Haie im Becken nicht nur in Maßanzügen stecken, sondern auch aus deiner Heimatstadt kommen.«
Ich verließ schnellen Schrittes das schmale, etwas in die Jahre gekommene Mehrfamilienhaus und lief mehr, als dass ich ging eine eigenartige Mischung aus sportlichem Ehrgeiz und panischer Flucht vor der unbarmherzigen Uhr. Auf den Straßen von Boston herrschte bereits am frühen Morgen ein hektisches, fast elektrisierendes Treiben, das die Luft zum Knistern brachte. Es war dieses gewohnte, alltägliche Nebeneinander von ganz normalen Menschen wie mir und jenen Wesen, die vor gut zehn Jahren wie aus einer anderen Zeit in das grelle Licht der Öffentlichkeit getreten waren: den Werwölfen. Mittlerweile gehörte ihre physische Präsenz zum gewohnten Stadtbild, zu einer neuen, unumstößlichen Normalität, an die sich im Grunde niemand mehr ernsthaft störte auch wenn man ihnen auf den überfüllten Bürgersteigen des Finanzdistrikts instinktiv immer noch ein paar Zentimeter mehr Platz einräumte.
Sie überragten gewöhnliche Männer mühelos um eine halbe Kopfeslänge. Ihre breiten Schultern, der federnde, kraftvolle Gang und die unverkennbare, stets lauernde Anspannung in ihrer Muskulatur verrieten eine körperliche Präsenz, die selbst im völlig ruhigen Zustand wie eine bis zum Äußersten gespannte Feder wirkte. Doch das absolut Auffälligste, das unverkennbare Markenzeichen, das sie von jeder Menschenmenge abhob, waren ihre Augen. Bernsteinfarbene Iriden, die im trüben, diesigen Morgenlicht der Stadt wie geschmolzenes Gold leuchteten und jeden flüchtigen Blickkontakt zu einer intensiven, fast einschüchternden Prüfung machten, der man sich nur schwer entziehen konnte.
Klar, ich hatte mir in einsamen, mondhellen Nächten schon so meine Gedanken gemacht. Wer tat das im Zeitalter der Metamorphose schon nicht? Es gab diese stillen Fantastereien darüber, wie es wohl sein musste, die auserwählte Gefährtin eines solchen Werwolfes zu sein dieses absolute, völlig kompromisslose Verbundensein, von dem die dicken Romane in den Buchhandlungen und die reißerischen Klatschblätter in den Auslagen Woche für Woche berichteten. Ein unsichtbares Band, das stärker war als jede menschliche Vernunft, tief verwurzelt in animalischen Instinkten, und dem man nachsagte, es gipfle in einer atemberaubenden, fast zerstörerischen Intensität, besonders was das unstillbare sexuelle Verlangen nacheinander anging.
Doch in der harten, nüchternen Realität meines ersten Arbeitstages bei Blackwood Contracts war das pure, naive Romantik, die absolut keinen Platz in meinem ohnehin schon überfüllten Kopf verdiente. Mein Handy vibrierte plötzlich unheilvoll und langgezogen in meiner Manteltasche, während ich die Stufen zur U-Bahn-Station hinabstürzte entschlossen, mein Schicksal und meine Karriere heute erst einmal ganz ohne pelzige Komplikationen in die Hand zu nehmen.








