1. Welcome Home
Dahlia
Hawthorne University.
Endlich.
Ich lasse mich mit meiner dicken Jacke rücklings auf das Bett fallen. Die Matratze quietscht unter mir und gibt dabei ein Geräusch von sich, das verdächtig nach Beschwerde klingt.
Ich verziehe das Gesicht.
„Autsch.“
Meine Tasche steht noch unausgepackt neben dem Schreibtisch. Zwei Kartons liegen auf dem Boden, einer davon halb offen. Viel weiter bin ich bisher nicht gekommen.
Draußen prasselt der Regen gegen die Fensterscheibe.
Zwei Jahre Birmingham.
Zwei Jahre England.
Und jetzt sitze ich wieder in New Hampshire.
Eigentlich hätte sich die Rückkehr anders anfühlen sollen.
Mehr nach Zuhause.
Stattdessen fühlt sich alles noch ein wenig fremd an.
Ich drehe den Kopf zum Fenster. Hinter dem Glas verschwimmen die Gebäude des Campus im Regen. Studenten hasten mit gesenkten Köpfen über die Wege, manche mit Regenschirmen, andere offensichtlich zu spät, um sich noch darum zu kümmern.
Nur zwei Stunden.
Mehr trennen mich nicht von meinen Großeltern.
Der Gedanke bringt ein kleines Lächeln auf mein Gesicht.
Ich könnte am Wochenende einfach ins Auto steigen und bei Grandma auf der Veranda sitzen.
Mein Handy liegt neben mir auf dem Bett.
Dad.
Ich muss unwillkürlich lächeln.
Er hat die Sache mit Hawthorne von Anfang an unterstützt.
„Dann bist du wenigstens wieder in Amerika.“
Was bei meinem Vater meistens bedeutet:
Dann kann ich dich wenigstens wieder besser im Auge behalten.
Ich richte mich auf und sehe mich zum ersten Mal richtig in meinem neuen Zimmer um.
Noch ist alles fremd.
Die kahlen Wände. Der kleine Schreibtisch am Fenster. Die schmale Kommode neben meinem Bett.
Ich greife nach dem Bilderrahmen, den ich vorsichtig zwischen meine Sachen gepackt habe.
Das Glas ist während der Fahrt leicht staubig geworden. Ich wische mit dem Ärmel darüber und stelle das Foto auf die Kommode.
Meine Mutter.
Ihr Lächeln ist auf dem Bild genauso, wie ich es in Erinnerung habe. Warm. Offen. Als könnte sie selbst an einem schlechten Tag noch Licht in einen Raum bringen.
Für einen Moment bleibe ich davor stehen.
Es gibt Tage, an denen ich mir einbilde, ich würde ihre Stimme noch hören, wenn ich lange genug an sie denke.
Heute ist keiner davon.
Trotzdem streiche ich einmal mit den Fingerspitzen über den Rand des Rahmens.
„Du hättest den Ort gemocht.“
Mehr sage ich nicht.
Ich wende mich wieder meinen Sachen zu.
Draußen prasselt der Regen gegen die Scheibe.
Und irgendwo zwischen den Kartons, dem fremden Zimmer und dem Geruch nach nasser Straße beginnt langsam die Erkenntnis, dass ich tatsächlich wieder hier bin.
Zu Hause.
Oder zumindest dort, wo ich es wieder versuchen will.
„Verdammtes Wetter!“
Ich fahre herum.
Ein Mädchen stolpert rückwärts ins Zimmer. Einen schwarzen Rucksack hat sie über eine Schulter geworfen und versucht gleichzeitig, ihre nasse Jacke auszuziehen.
Ihre dunklen Haare kleben an ihren Wangen. Eine Strähne hängt ihr quer über die Augen.
Sie zieht einmal kräftig am Ärmel.
„Ich werde nie wieder freiwillig irgendwohin laufen.“
Dann bemerkt sie mich.
Sie bleibt stehen.
Ich richte mich etwas auf.
Ihr Blick wandert kurz durch das Zimmer und schließlich zu meinem noch halb ausgepackten Gepäck.
„Du bist Dahlia.“
Es ist keine Frage.
Ich nicke
Sofort hellt sich ihr Gesicht auf.
Sie streift ihre Jacke ab und hängt sie über den Haken neben der Tür.
Dann kommt sie auf mich zu und hält mir die Hand hin.
„Lana.“
„Dahlia.“
„Das weiß ich.“
Ein kleines Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht.
Ich ergreife ihre Hand.
„Lia geht auch.“
„Lia.“ Sie probiert den Namen kurz aus.
„Gefällt mir.“
Sie lässt meine Hand los und sieht sich im Zimmer um.
„Ich war mir nicht sicher, ob du schon da bist.“
„Ich bin gerade angekommen.“
„Das erklärt das Chaos.“
Ich sehe zu meinen Kartons.
„Ich nenne es Organisation.“
Sie lacht. „Dann sind wir schon zwei.“
Sie setzt sich auf ihr Bett und zieht ihre nassen Schuhe aus.
„Welches Jahr?“
„Drittes.“
„Ich auch.“
Sie sieht mich an.
„Aber ich hab dich noch nie gesehen.“
„War zwei Jahre in England.“
Ihre Augenbrauen gehen nach oben.
„Echt?“
Ich nicke.
„Birmingham.“
„Und jetzt einfach zurück?“
„Ja.“
Sie wartet kurz.
Ich sehe, dass sie überlegt, ob sie weiterfragen soll.
Tut sie aber nicht. Stattdessen nickt sie nur.
„Dann bist du wenigstens näher bei deiner Familie.“
Ich sehe sie kurz an.
„Bei meinen Großeltern.“
„Sind die hier?“
„Vermont.“
„Das ist ja gar nicht weit.“
„Nein.“
Zum ersten Mal fühlt sich die Entfernung tatsächlich klein an.
Lana lehnt sich zurück.
„Dann muss ich dir wohl irgendwann alles zeigen.“
„Wäre gut.“
„Aber nicht heute.“
Ich sehe zum Fenster.
Der Regen läuft noch immer in dicken Tropfen über die Scheibe.
„Ich glaube nicht.“
„Sehr vernünftig.“
Zwei Stunden später hat der Regen tatsächlich aufgehört.
Lana hat darauf bestanden, mir zumindest den wichtigsten Teil des Campus zu zeigen.
Die Wege sind noch nass und glänzen im Licht der langsam untergehenden Sonne. Von den Bäumen tropft Wasser auf den Boden, und zwischen den Backsteingebäuden hängen noch vereinzelte Nebelschwaden. Die Luft riecht nach feuchter Erde und kaltem Gras.
Ich gehe neben Lana her und lasse meinen Blick über die Gebäude wandern.
„Da ist die Bibliothek.“
Ich folge ihrem Blick.
Das Gebäude liegt etwas abseits vom Hauptweg, umgeben von alten Bäumen. Dunkler Backstein zieht sich über die Fassade, durchbrochen von hohen, schmalen Fenstern, in denen sich der Abendhimmel spiegelt. Über dem Eingang hängen zwei alte Laternen, deren warmes Licht sich auf dem nassen Stein bricht.
Es sieht nicht nach einer typischen Universitätsbibliothek aus.
Eher nach einem Gebäude, das schon lange vor uns hier stand und vermutlich auch noch lange nach uns hier stehen wird.
Die breiten Stufen führen zu schweren Holztüren. Durch die Scheiben kann ich bereits die hohen Bücherregale erkennen, die sich über mehrere Etagen ziehen. Zwischen ihnen stehen kleine Leselampen und dunkle Holztische.
Ich bleibe kurz stehen.
„Die ist schön.“
Lana sieht mich überrascht an. „Du gehst freiwillig in die Bibliothek?“
„Manchmal.“
Sie sieht mich kurz an. „Was studierst du eigentlich?“
„Hospitality Management. Ich will später die Pension meiner Großeltern übernehmen.“
„Das ist cool.“
Mein Blick wandert noch einmal zu den Fenstern.
Irgendwie gefällt mir der Gedanke.
Ein ruhiger Ort mitten auf einem Campus, der ansonsten ziemlich laut wirkt.
Die Universität ist größer, als ich erwartet habe. Zwischen den alten Backsteingebäuden führen breite Wege über den Campus, gesäumt von hohen Bäumen und kleinen Rasenflächen. Überall sind Studenten unterwegs. Manche sitzen auf den niedrigen Mauern vor den Gebäuden, andere haben sich mit ihren Laptops auf den Stufen niedergelassen. Von irgendwoher dringt Musik, dazwischen mischen sich Stimmen und gelegentlich das Lachen einer Gruppe, die an uns vorbeizieht.
Ich lasse meinen Blick über den Campus wandern.
Es ist viel los.
Und trotzdem fühlt es sich nicht überfordernd an.
Eher wie ein Ort, an dem ständig irgendwo etwas passiert.
Lana läuft neben mir und erzählt gerade von einem Diner in der Innenstadt, das angeblich die besten Pancakes der ganzen Stadt macht.
„Und wehe, du bestellst dort irgendwas anderes“, sagt sie. „Die haben zwar hundert Sachen auf der Karte, aber die Pancakes sind der Grund, warum man hingeht.“
„Du scheinst ziemlich überzeugt.“
„Ich habe Standards.“
Ich sehe sie von der Seite an.
„Bei Pancakes?“
„Vor allem bei Pancakes.“
Ich muss lachen.
Dann sehe ich die Eishalle.
Mein Schritt wird langsamer.
Nicht viel. Nur so weit, dass Lana ein paar Schritte vorausgeht, bevor sie bemerkt, dass ich nicht mehr direkt neben ihr bin.
Die große Glasfront fängt die letzten Sonnenstrahlen ein und wirft sie wie schmale goldene Streifen über den nassen Vorplatz. Durch die Scheiben kann ich die Eisfläche sehen, die sich hell und makellos unter den Hallenlichtern ausbreitet. Dahinter zeichnen sich die Tribünen ab, dunkel und beinahe leer. An einer Seite stehen mehrere Bänke und Ausrüstungsboxen, während irgendwo im Inneren gedämpfte Stimmen zu hören sind.
Über dem Eingang hängt das große Wappen der Hawthorne Wolves. Ein silberner Wolf, der die Zähne fletscht, darunter der Schriftzug in dunklen Lettern. Selbst von hier aus wirkt das Gebäude imposant.
Hockey.
Allein das Wort lässt etwas in mir zusammenziehen.
Mein Magen verkrampft sich, und für einen Moment wird mir die Luft eng.
Ich weiß nicht, warum mein Kopf ausgerechnet jetzt dorthin zurückspringt.
Vielleicht liegt es an der Halle.
Vielleicht an dem Geruch von kalter Luft und nassem Asphalt.
Oder vielleicht daran, dass manche Erinnerungen nie wirklich verschwinden. Sie warten einfach darauf, dass irgendetwas sie wieder an die Oberfläche holt.
Plötzlich sehe ich wieder diesen Sommer.
Sonne auf meiner Haut.
Das Gras unter meinen nackten Füßen.
Seine Hand um meine.
Fest.
Warm.
So selbstverständlich, als würde sie genau dorthin gehören.
Ich erinnere mich an seinen Blick.
Dieses Grinsen, das ich damals für ehrlich gehalten hatte.
Daran, wie er mich manchmal einfach angesehen hat, ohne etwas zu sagen.
Und an den Moment, in dem seine Finger meine Wange berührt hatten.
Nur ganz leicht.
Als wäre ich etwas, mit dem er vorsichtig umgehen musste.
Mein Herz macht einen schmerzhaften Sprung.
Ich blinzle.
Die Erinnerung ist weg.
Nur die Eishalle ist noch da.
„Dahlia?“
Lanas Stimme holt mich zurück.
Ich schlucke und zwinge mich, den Blick von der Halle zu lösen.
„Alles gut.“
Meine Stimme klingt ruhiger, als ich mich fühle.
„Magst du Hockey?“
Ich sehe noch einmal kurz zu dem Gebäude.
„Nein.“ Diesmal kommt die Antwort schneller.„Überhaupt nicht.“
Lana mustert mich.
Ich sehe die Frage in ihrem Gesicht, aber sie stellt sie nicht.
Dafür bin ich ihr dankbar.
Sie deutet nur mit dem Kopf auf die Halle.
„Dann wirst du hier trotzdem ziemlich oft davon hören.“
„Das werde ich überleben.“ Ich versuche zu lächeln. Es gelingt mir sogar.
Ich zwinge mich, nicht zurückzusehen.
Doch mein Körper erinnert sich noch immer an etwas, das mein Kopf längst vergessen wollte.
An seine Hände.
Seinen Blick.
Und daran, wie sicher ich mich einmal bei ihm gefühlt hatte.
Bevor ich gelernt hatte, dass Sicherheit manchmal nur eine Illusion ist.








