Kapitel 1: Ein großes Problem
Der Flur der Langgood Akademie war wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen, bis die schwere Flügeltür zum Westflügel aufschwang. Es brauchte keine Worte, keine Drohungen. Allein das rhythmische Klacken von Janes schweren Boots reichte aus, damit sich die Menge teilte und die Schüler vor Angst keuchend aus dem Weg sprangen.
Mit ihren 1,90 m überragte Jane fast jeden - Schüler wie Lehrer gleichermaßen. Sie genoss das Gefühl, die Welt aus einer Höhe zu betrachten, die anderen Schwindel bereitete. Ihre schiere Körperkraft war kein Geheimnis; sie bewegte sich mit einer festen Sicherheit durch die engen Gänge, die Schultern breit, den Blick kalt. Wer nicht schnell genug Platz machte, wurde mit einem sanften, aber unnachgiebigen Druck zur Seite geschoben - eine Erinnerung daran, dass Jane den Raum kontrollierte.
Dicht in ihrem Windschatten, fast wie ein treuer Schatten, folgte Sydney. Mit ihren 1,70 m war sie keineswegs klein, doch neben Jane wirkte sie fast zierlich. Es war ein Bild, das an der Akademie jeder kannte: Die unbezwingbare Mauer und der Dolch an ihrer Seite.
,,Sie starren wieder", murmelte Sydney, ohne den Kopf zu heben, ein leichtes Grinsen auf den Lippen.
Jane verlangsamte ihren Schritt nicht. ,,Sollen sie. Wer starrt, hat Angst. Und wer Angst hat, steht mir nicht im Weg." Die plötzlich auftretende Ruhe im eigentlichen viel zu schmalen Gang, war ihr nicht entgangen.
Sie ahnte nicht, dass am Ende des Flurs, hinter der Glastür zum Lehrerzimmer, ein Paar Augen auf sie gerichtet war, das weder Angst noch Respekt kannte. Kya Vance beobachtete die großgewachsene junge Frau genau. Sie sah nicht die einschüchternde Statur. Sie sah das Zittern in der dunklen Aura, das Jane so mühsam hinter ihrer physischen Macht verbarg.
Der Unterricht in der 12. Klasse der Langgood Akademie hatte noch nicht begonnen, aber die Hierarchie war längst geklärt. Jane saß in der ersten Reihe, die langen Beine weit in den Gang gestreckt, eine lebende Barrikade aus Trotz und schwarzem Samt.
Der Klassenraum wurde recht trist gehalten, wenig Regale, nur Tische, Stühle und die Tafel. Graue Wände die wie Regenwolken wirkten. Und der typische, stickige Geruch wenn tagelang nicht gelüftet wurde.
Hinter Jane füllte sich der Raum langsam. Etwa 15 weitere Schüler, Mädchen wie Jungen, besetzten die Tische. Jane konnte deren Angst förmlich schmecken.
Sydney saß rittlings auf dem Nachbartisch, die Kopfhörer um den Hals, und beobachtete mit einem müden Lächeln, wie ein jüngerer Schüler fast über Janes Boots stolperte und sich mit einem hastigen "Tut mir leid" in Sicherheit brachte.
,,Du bist heute wieder besonders einnehmend, Jane", murmelte Sydney und unterdrückte ein Gähnen. Sie war die Einzige, die es wagte, in Janes Gegenwart so entspannt zu sein. ,,Hast du die Analyse für Geschichte fertig? Ich hab nach der Hälfte aufgegeben. Zu viel Text, zu wenig Sinn."
Jane warf einen kurzen Blick auf ihren Block, der mit einer akkuraten, fast künstlerischen Handschrift gefüllt war. Die Seiten strotzten vor komplexen Theorien, die weit über das Abitur-Niveau hinausgingen. ,,Zehn Minuten", sagte Jane knapp. ,,Länger hat es nicht gedauert, den Unsinn zu widerlegen."
,,Streberin mit Aggressionspotenzial", grinste Sydney und klopfte ihr auf die Schulter. ,,Ein gefährlicher Mix. Aber wenigstens rettest du meinen Schnitt, wenn ich wieder mal zu faul zum Schreiben bin."
Jane verdrehte die Augen. ,,Deine Eltern zahlen 'nen Haufen Asche für die Akademie und du machst keine Hausaufgaben. Wie ich es doch liebe." Mit einer sarkastischen Geste ließ sie ihren Kopf auf den Tisch sinken. ,,Weck mich, wenn Mister Jan da ist."
,,Jawohl, Chefin", entgegnete Sydney salutierend, wie eine Soldatin mit einem Funken Humor.
Minuten vergingen, in denen nur das leise Gemurmel der Klasse und das Kratzen von Sydneys Fingernägeln auf ihrer Handyhülle zu hören waren. Jane war fast weggenickt, die Dunkelheit in ihrem Kopf fühlte sich für einen Moment friedlich an.
Doch dann änderte sich das Geräusch des Flurs.
Es war kein Schlurfen, kein hastiges Rennen. Es war ein Paar Absätze, das mit einer klinischen Präzision den Boden berührte. Rhythmische, zügige Schritte die näher kamen.
Jane bekam es gar nicht mit. Erst als es zu spät war.
Sydney stieß sie sanft an. ,,Hey, Jane? Wach auf. Wir haben ein Problem. Ein wortwörtlich großes Problem."
Sie klang leicht panisch. Und ihre Hand rüttelte mit jedem Satz heftiger an Janes Arm.
Als Jane den Kopf endlich hob, um die Umgebung zu scannen, saß hinter dem Lehrertisch nicht Mister Jan. Sie kniff die Augen zusammen und musterte die Frau die dort saß.
,,Wer is'n die?", fragte Jane völlig perplex.
Doch Sydney antwortete nicht.
Jane sah die Herausforderung und nahm sie an. Sie erhob sich und ging mit langsamen, schweren und deutlich provokanten Schritten zum Lehrerpult. Wohlwissend, dass ihre Größe Eindruck hinterließ.
,,Und Sie sind wer?" Die Worte kamen so herablassend, es war ein Spektakel für alle im Raum.
Doch die Lehrerin antwortete nicht. Jane drehte sich nach Sydney um. ,,Ich glaubs nicht, wen die hierher geschickt haben." Das Lachen in Janes Ton war kaum zu überhören. Was sie aber nicht sah, die Lehrerin hinter dem Pult erhob sich leise.
Sydney machte eine Geste um Jane zu vermitteln, dass sie sich jetzt lieber ruhig verhalten sollte. Doch die trotzige Rebellin verstand nicht ganz.
Als sie sich umdrehte erschrak sie. Sie musste doch tatsächlich ein klein wenig hoch schauen um die Augen der Lehrerin zu finden. Und der Geruch eines teuren Parfums stieg in ihre Nase.
,,Mein Name ist Kya Vance. Und ich übernehme ab heute diese Klasse." Eine beängstigende Stille durchzog den Raum. Kyas Stimme war unglaublich kraftvoll und tief. Der maßgeschneiderte dunkle Hosenanzug unterstrich die Autorität die sie ausstrahlte.
Jane stand da wie angewurzelt. Und Kya wich keinen Millimeter zurück. Ihr Blick war nicht wütend; er war analytisch, fast schon sezierend.
Sie ließ Jane einen Moment lang in dieser ungewohnten Position verharren - den Kopf leicht angehoben, die Augen geweitet.
,,Setzen Sie sich, Jane", sagte Kya leise. Es war keine Bitte, es war eine Feststellung von Tatsachen. ,,Und nehmen Sie Ihr Ego mit aus dem Gang. Es blockiert die Sicht auf das Wesentliche."
Ein unterdrücktes Kichern ging durch die Klasse, das sofort erstarb, als Kya den Blick über die anderen Schüler schweifen ließ.
Jane spürte, wie die Hitze in ihre Wangen stieg - eine Mischung aus brennendem Zorn und einem kalten Schauer, den sie nicht zuordnen konnte. Niemand sprach so mit ihr. Niemand sah sie so an, als wäre sie nur eine lästige Unregelmäßigkeit im Lehrplan.
Kya widmete sich derweil der Tafel und schrieb ihren Namen an. Eine beeindruckende Handschrift die so leicht und doch so kontrolliert wirkte. Die Kreide quietschte unter ihrem Griff durch die unheimliche Stille im Raum.
Jane wandte den Blick ein wenig zur Seite um erstmal verarbeiten zu können was grade geschehen war.
,,Miss Monarch!" Jane fuhr herum als die Riesin plötzlich neben ihr stand. ,,Ich sagte, Sie sollen sich setzen. Kam es jetzt an?" Die Tonlage war nur minimal verändert, aber sie war dennoch deutlich.
Kyas Gesicht war kühl, doch ihre Stimme vibrierte neben Jane. Dass die sonst so stolze Rebellin tatsächlich mal hoch schauen musste, schien sie vollkommen zu überfordern. Langsam zog sie sich zu ihrem Tisch zurück und ließ sich unbeabsichtigt langsam hinunter auf den Stuhl fallen.
Die Stille, die folgte, war schwerer als alles, was Jane bisher an dieser Akademie erlebt hatte. Es war nicht die ängstliche Stille, die herrschte, wenn sie selbst jemanden in die Enge trieb. Es war eine disziplinierte, fast klinische Ruhe, die von der Frau am Pult ausging.
Jane spürte Sydneys Blick von der Seite - ein Mix aus Unglauben und Besorgnis. Sydney wusste, was in Jane vorging. Sie wusste, dass das Zittern in Janes Fingern, die sich fest in den schwarzen Samt ihrer Hose krallten, kein Zeichen von Schwäche war, sondern die Vorstufe zu einer Explosion.
Kya Vance war in diesem Moment das personifizierte Feindbild, ein Hindernis, das Jane dem Erdboden gleichmachen wollte. Und doch... war da dieser Funke Neugier, den Jane abgrundtief hasste.
Kya legte die Kreide beiseite und drehte sich langsam um. Sie stützte die Hände auf das Pult und fixierte die Klasse - aber ihre Aufmerksamkeit blieb wie ein unsichtbarer Laserpointer an Jane hängen.
,,Ordnung", begann Kya, und das Wort klang wie ein Peitschenknall, ,,ist keine Frage von Regeln. Es ist eine Frage von Respekt vor dem Raum, den man einnimmt. Manche von euch nehmen sehr viel Raum ein."
Ihr Blick glitt kurz zu Janes langen Beinen, die jetzt ordentlich unter dem Tisch verstaut waren. ,,Aber Raum einzunehmen bedeutet nicht, ihn zu beherrschen."
Sie öffnete ihre Mappe. „Wir beginnen heute mit einer Analyse von Machtstrukturen in der Geschichte. Ein passendes Thema, finden Sie nicht auch, Miss Monarch?"
Jane presste die Zähne so fest zusammen, dass es in ihren Ohren knackte. Sie wollte etwas sagen. Etwas Verletzendes. Etwas, das diese kühle Maske von Kyas Gesicht riss. Doch als sie den Mund öffnete, sah sie, wie Kya eine Augenbraue hob - eine stumme Aufforderung, es nur zu versuchen.
Zum ersten Mal fühlte sie sich in ihrem Raum bedrängt. Gedanklich hatte sie schon längst das Kriegsbeil ausgegraben. Wenn Miss Vance Krieg wollte, sollte sie ihn auch bekommen.








