Raketenjungs by Absinthmoor at Inkitt
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Raketenjungs

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Summary

Mark Kaschinski ist achtzehn und wohnt am Arsch der Welt, wo seine exzentrische Familie für immer neuen Dorfklatsch sorgt. Sein jüngerer Bruder rutscht immer mehr in die rechte Szene ab, seine Mutter ist nach ihrem dritten Entzug plötzlich schwer religiös – und Mark selbst hat absolut keine Ziele und nichts im Griff. Nicht einmal seine sexuelle Orientierung, wie es scheint. Sex mit dem ehemaligen besten Freund zu haben ist nämlich selbst für seine Verhältnisse irgendwie abgefuckt.

Genre
Lgbtq
Author
Absinthmoor
Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Wenn Jesus einem beim Wichsen zusah, und es einen nicht mal großartig störte, wusste man, dass bei einem echt irgendwas im Kopf kaputt war.

Ich meine, mir ging dieser langhaarige Typ ja persönlich ziemlich am Arsch vorbei, aber seit Ankes dritter Entzugskur tauchte sein Gesicht nahezu überall im Haus auf. Das Ding war, Anke Kaschinski hatte sich nie groß für diesen Religionsquatsch interessiert. Doch kaum war sie letzten Herbst aus der Klinik entlassen worden, hatte sie plötzlich damit angefangen, hässliche Holzkreuze und die leidenden Fressen von Heiligen wie Konfetti wild im Haus zu verteilen.

Ihr »Nüchternes Ich« hatte quasi über Nacht zu Gott gefunden, oder so. Ich hatte bis dahin ja immer geglaubt, so etwas würde nur abgefuckten Hollywood-Stars passieren, aber Anke klammerte sich mit an Wahnsinn grenzender Heftigkeit an ihren neuen Glauben.

Nicht einmal das kleine und von Schimmel befallene Bad blieb verschont. Wobei Jesus mit seinem enttäuschten Blick nicht gerade so wirkte, als würde er seinen Platz über dem alten Wasserboiler genießen.

Ich saß breitbeinig auf der laufenden Waschmaschine, während meine rechte Hand echte Höchstleistung an den Tag legte. Wer behauptete, es wäre albern, sich kurz vor einem Treffen mit einer Frau einen runterzuholen, hatte keine Ahnung. Vor allem, wenn die Frau Natalie war. Ihr blöder Macker hatte mal wieder mit ihr Schluss gemacht. Was für mich bedeutete, dass Natalie frustriert war. Und genau da kam ich ins Spiel. Ich war genau der richtige Kerl für so etwas. Eine kurze Textnachricht reichte und ich kam angerannt wie der letzte Idiot.

Badezimmer-Jesus sah mir enttäuscht bei meinem Vorhaben zu. Bruder, schien sein Blick zu sagen, du hast echt NULL Selbstwertgefühl.

Stimmt. Aber so war das Gleichgewicht im Universum immerhin wieder hergestellt. Der eine war ein selbstloser Heiliger. Der andere ein verzweifelter Wichser.

»Mark, du Arsch!«

Ich konnte selbst durch den Lärm der Waschmaschine hören, dass sich Ludo mit voller Kraft gegen die Badezimmertür warf. Für einen so kleinen Scheißer hatte mein Bruder verdammt viel Kraft.

»Verpiss dich, Hackfresse.«

»Verpiss du dich, ey. Ich hab Training!«

Ludo warf sich erneut gegen die Tür. Er brüllte irgendwas, jedoch wurde der Schleudergang der Waschmaschine nun so laut, dass ich nur Fetzen von dem Gebrüll verstand. Sollte mir nur recht sein. Es war schwer genug, in diesem Irrenhaus auch nur zwei Minuten lang seinen Frieden zu haben. Doch der traurige Rest meiner Geilheit, der nicht von Ludos penetrantem Gehämmer abgeschreckt worden war, löste sich schlagartig in Luft auf, als der Schleudergang der Waschmaschine ruhiger wurde und ich nicht nur die Stimme meines Bruders vor der Badezimmertür hören konnte, sondern auch die von meiner Oma.

»Mark? Bist du ins verdammte Klo gefallen?«

Ich nahm die Hand von meinem Schwanz und warf Badezimmer-Jesus einen kurzen »Kannst du diesen Scheiß glauben, Alter?«- Blick zu, ehe ich von der Waschmaschine glitt. Die halbe Familienversammlung vor der verdammten Badezimmertür hatte mir ganz offiziell sämtliche Lust geraubt.

»Endlich, ey!«

Ludo schob sich an mir vorbei, kaum hatte ich die Badezimmertür geöffnet. Er trat gegen die Waschmaschine, als diese erneut einen Schleudergang einlegte, obwohl sie laut ausgewähltem Waschprogramm eigentlich schon längst fertig sein müsste.

Meine Oma musterte mich missbilligend, während sie rauchend und mit Lockenwickler auf dem Kopf dramatisch dastand. Wenn man meine Oma fragte, wie alt sie war, log sie stets das Blaue vom Himmel. Sie verließ das Haus nie ohne Make-Up und legte selbst für den kurzen Gang zum Briefkasten künstliche Wimpern und roten Lippenstift an den Tag. Immerhin könnte sie ja wer sehen.

Nicht, dass ihr krankhafter Schönheitswahn irgendwas an unserem beschissenen Ruf als die Dorf-Assis änderte. Wir waren die Familie, über die man sich regelmäßig das Maul zerriss. Wir waren die Kaschinskis; zu wenig Geld und zu viele Kinder.

»Wo willst du hin?« Oma war mir den Flur entlang zur Haustür gefolgt, wo ich mir meine weißen Sneakers anzog.

»Zu Tschemmi«, log ich. Mit dem Penner redete ich schon seit über zwei Jahren kein Wort mehr. Nicht, dass meine Oma über dieses stille Drama informiert wäre. Sie hatte genug mit ihren eigenen Problemen zu tun. »Kann ich das Auto haben, Gesa?«

Meine Oma hasste es, wenn man sie Oma nannte. Selbst mit fünf Enkelkinder sah sich Gesa Kaschinski noch lange nicht als “Großmutter”.

Anke war das genaue Gegenteil. Sie wurde von allen nur “Anke” genannt, obwohl sie stets auf “Mama” bestand. Doch selbst die Jüngste im Haus, die 6-jährige Fenja, hatte längst gerafft, dass Anke echt kein Mama-Material war.

Im Stockwerk über uns krachte es. Theo lachte. Emil heulte. Die übliche Kombination, wenn die Zwillinge länger als vier Minuten alleine waren. Auch der beißende Gestank nach verkohltem Plastik war eine typische Begleiterscheinung. Im Bad schlug Ludo auf die Waschmaschine ein.

Meine Oma holte die Kippe aus dem Mund und brüllte:

»Theo! Lass den Scheiß! Emil! Hör auf zu heulen. Ludo! Wasch deine verdammten Klamotten früher, wenn du sie so dringend brauchst!«

Dann, wesentlich leiser an mich gerichtet:

»Vergiss es. Ich brauch das Auto.«

»Aber-«

»Du hast zwei gesunde Beine, Mark. Oder Tschemmi soll dich holen kommen.«

Nie. Im. Leben. Selbst wenn wir noch befreundet wären, würde der Penner mit seinem suizidalen Schrottauto noch länger brauchen als ich zu Fuß. Auch ohne Kontakt zu ihm wusste ich, dass er mit der Karre ständig irgendwo liegenblieb.

Es war zwecklos.

»Schön, von mir aus.« Ich zog gereizt meine Übergangsjacke an. Es war zwar ziemlich heiß draußen, aber der Weg bis zu Natalie ins Nachbardorf ging durch den Wald. Ich war einer dieser armen Schweine, die von Mücken gefressen wurden, sobald sie sich zwischen Bäumen aufhielten. »Ich penn vermutlich da.«

Zumindest hoffte ich das. Meine Oma hatte aber bereits das Interesse an meinem Abendprogramm verloren und brüllte Ludo an, der immer noch wie gestört auf die Waschmaschine einschlug.

Die Zwillinge kämpften gefährlich nah an der Treppe miteinander. Ihrem Streit nach zufolge hatte Theo Emils Spielzeugauto mit einem von Omas Feuerzeugen in einen Klumpen geschmolzenen Plastik verwandelt. Das erklärte immerhin den Gestank und das Geheule.

Ein ganz normaler Abend im Hause Kaschinski, eben.


Natalie wohnte mit ihren Eltern in einem großen Haus, wo sie eine eigene und vom Rest der Familie abgetrennte Wohnung mit einem separaten Zugang hatte.

Sie hatte sogar ein eigenes Auto, fuhr jedoch nicht gern damit. Lieber tat sie sich die fast dreistündige Hin- und Rückreise per Bummelbahn zu ihrer Berufsschule in der Stadt an, als sich hinter das Lenkrad ihres nagelneuen BMWs zu setzen.

Natalie hatte Angst vor dem Autofahren. Sie konnte zwar Autofahren, sehr gut sogar, aber ihr war immer schlecht dabei. Bei ihrer Fahrprüfung hätte sie fast vor Angst gekotzt. Sie wollte so wenig wie möglich fahren - und damit basta. Wie der Rest der Welt mit ihrer Entscheidung klar kam, war nicht ihre Sache. Ich kannte Natalie seit der Grundschule. Sie war schon immer stur gewesen, leider wurde diese Sturheit immer mehr zu einer Art Grausamkeit, die sie vor allem an mir ausließ.

Alles, aber auch wirklich A-L-L-E-S an mir schien sie extrem zu nerven. Mein neuer Haarschnitt war blöd, meine abgekauten Fingernägel waren peinlich und ich war Natalie zu »Vanilla« beim Sex. Dennoch war ich es, den sie nach einer weiteren Trennung von ihrem On-Off-Macker anschrieb. ICH war es, der jedes Mal auftauchte. Selbst nach einem einstündigen Fußmarsch durch einen Wald voller brutaler Stechmücken, die nur auf mich leichtes Opfer gewartet hatten.

»Härter!«

Natalie riss an meinen Haaren. Ich hasste es, wenn sie das tat. Meine Haare waren wie meine Zähne ziemlich empfindlich. Dennoch wurde der Schmerz, den ihre Finger in meinen kurzen Haaren auslösten, von dem Gefühl übertrumpft, in ihr zu sein. Das Gefühl ihres Körper versöhnte mich selbst darüber hinweg, dass sie mich bei meiner Ankunft nicht einmal umarmt hatte. Kaum war ich die Tür rein, hatte sie mich in ihr chaotisches Schlafzimmer gezerrt.

Und ihr Schlafzimmer war nicht einfach nur unordentlich. Es war unsauber. Alte Kaffeetassen, benutzte Teller und leere Chipsverpackungen lagen wie nach einer Explosion im Raum verteilt. Vielleicht war ich echt ein »peinliches Sensibelchen«, wie Natalie immer mit einem genervten Augenverdrehen meinte, aber es störte mich irgendwie.

Es störte mich, dass sie sich nicht mal die Mühe machte, wenigstens ein bisschen aufzuräumen, wenn ich schon knapp fünf Kilometer für sie durch die halbe Weltgeschichte latschte. Generell war Natalies eigener Wohnbereich im Haus ihrer Eltern ein echtes Schlachtfeld. Sie behandelte ihr Reich mit einer solch groben Fahrlässigkeit, als wäre sie die wütende Göttin des Chaos.

Natalie schlug mir ins Gesicht.

»Fuck!« Ich stieß sie von mir runter.

»Was ist denn jetzt schon wieder?« Natalie setzte sich nackt auf ihrem Bett auf. »Wenn du kein Bock auf Sex hast, musst du es mir nur sagen. Kein Grund gleich rumzuheulen.«

»Du hast mir wehgetan, verdammt.«

Natalie starrte mich kurz an, dann lachte sie. Es war ihr fieses und gehässiges Lachen.

»Armes Baby. Komm her, lass Tante Nati mal pusten.«

Natalie hatte nach einer Trennung in der Regel immer schlechte Laune, aber heute war sie selbst für ihre Verhältnisse scheiße drauf.

Es war eine Sache, wenn Natalie wieder ihre Launen hatte und auf ihre übliche Weise fies war, mit mir Idiot konnte man es ja scheinbar machen, aber es war eine völlig andere Sache, wenn sie mir beim Sex wehtat. Mit purer Absicht.

»Du hast mich geschlagen.« Ich zog das Kondom ab und setzte mich auf. »Du weißt, dass ich das nicht mag. Macht dich so ein Gewaltscheiß etwa echt an?«

»Zumindest mehr als dein ständiges Gejammer.«

Natalie hatte wirklich einen schönen Körper, aber jetzt, wo sie so nackt zwischen ihrem achtlosen Müll in ihrem Zimmer dastand, vermisste ich die Natalie von früher. Generell vermisste ich uns von früher. Selbst Tschemmi, ein bisschen. Den blöden Penner.

Natalie, Tschemmi und ich. Damals hatte noch so etwas simples wie das gleiche Geburtsjahr ausgereicht, um beste Freunde zu werden. Zumindest bis zur Pubertät. Dann hatte ich mich in Natalie verknallt, Tschemmi war deswegen komplett ausgeflippt und Natalie hatte angefangen, mit allen möglichen Jungen zu gehen, außer mit mir. Und Tschemmi. Aber der Idiot war als chronischer Klassenclown schon seit der sechsten Klasse bei allen Mädchen unten durch.

Jetzt waren wir achtzehn. Tschemmi und ich redeten nicht mehr miteinander und Natalie behandelte mich wie Dreck, seit wir letztes Jahr das erste Mal miteinander geschlafen hatten. Kurz nach ihrer ersten Trennung von ihrem On-Off-Macker.

Ich starrte kurz an die Decke über Natalies Bett und atmete tief durch. Diese ganze Sache hier fühlte sich nicht richtig an. Eigentlich hatte es sich noch nie richtig angefühlt, aber ich kapierte mal wieder alles viel zu spät. Natalie hatte das eigentlich Unmögliche vollbracht und meinen kaum vorhandenen Stolz verletzt.

»Ich muss los«, sagte ich und hörte selbst, wie blechern meine Stimme klang. Ich sah Natalie nicht an, während ich mich hektisch anzog. Ich hätte am liebsten geheult, wie so der letzte Loser auf Erden. »Lass mich in Zukunft einfach in Ruhe.«

Natalie tickte aus. Sie schrie mir so laute Beleidigungen nach, dass ihr Vater mit einem Glas Rotwein auf der Terrasse auftauchte, als ich gerade auf die gut beleuchtete Einfahrt hinaustrat. Natalies Geschrei hatte den Sinn ihres privaten Eingangs zunichte gemacht und sorgte nun für folgenden Alptraum; peinliche Begegnungen mit ihren Eltern.

»Mark«, sagte Herr Berger überrascht. »Dich habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen. Alles klar, Kumpel?«

Alles im grünen Bereich, Herr Berger. Abgesehen von der Tatsache, dass Ihre Tochter eine gewalttätige Verrückte ist. Glauben Sie mir, mit Verrückten kenne ich mich aus. Meine Mutter hat kürzlich zu Gott gefunden und mein 14-jähriger Bruder behauptet, er würde ins “Training” gehen, während er jeden dritten Abend mit zehn bis zwanzig Jahre älteren Skinheads beim alten Bolzplatz abhängt.

Ich sagte natürlich nichts davon, sondern winkte übertrieben in Richtung Terrasse und wünschte Herr Berger noch einen schönen Abend. Natalies Vater hatte mich schon immer irgendwie nervös gemacht. Er hatte eine übertrieben höfliche Art an sich, die mich irritierte. Mit höflichen Vätern kam ich einfach nicht klar. Generell kam ich allgemein mit VÄTERN nicht klar.

Ich lief durch den dunklen Wald nach Hause. Ich rannte, bis meine Lunge zu zerplatzen drohte.

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