Zwillingsgefühle by Mitschreiber at Inkitt
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Zwillingsgefühle

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Summary

Die Handlung Max und Moritz sind nicht zwei Lausbuben, sondern eineiige Zwillinge, die wie ihre Eltern Sophie und Sebastian kurz nach ihrer Geburt getrennt werden und in verschiedenen Städten aufwachsen, ohne dass sie voneinander wissen. Mehr als fünfzehn Jahre später hat sich Max zu einem verträumten Teenager entwickelt, der sich nichts sehnlicher wünscht als einen Freund, der für ihn mehr ist als nur ein guter Kumpel. In der Schule wird er deshalb als Schwuchtel oder Pupe gemobbt. Moritz hingegen ist draufgängerisch, ein Mädchenschwarm und Schürzenjäger. Auf der Fahrt in ein fünfwöchiges Feriencamp begegnen sich die Jungen. Bald schon bemerken sie, dass ihre Ähnlichkeit nicht zufällig ist. Wie wird Moritz damit klar kommen, dass sein Zwillingsbruder schwul ist? Werden die Zwillinge vielleicht sogar versuchen, ihre Eltern wieder zusammen zu bringen? Ein Verwirrspiel steht ihnen bevor, in dem beide zugleich ihre erste Liebe entdecken. In dieser Geschichte kommt auch die Liebe zweier Jungs zueinander vor (boyxboy). Wer so etwas nicht mag, sollte beim wunderbaren Original von Erich Kästner bleiben.

Status
Ongoing
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
13+

Das hier kein Zuhause


1. Das hier ist kein Zuhause


Sebastian

„Bruderherz, schreib mir, wann Du mit dem Zug ankommst. Ich werde Dich vom Bahnhof abholen. Hab dich lieb. Kathi.“

„Hä? Wie das?“

Sebastian starrte verblüfft auf die SMS seiner Schwester Katharina. Seine Mutter hatte gesagt, dass sie ihn abholen würde. Vermutlich wäre ihm die Nachricht entgangen, hätte er das Klapphandy nicht mit geöffnetem Display in seiner Hand gehalten. Sein Blick fiel auf den weißhaarigen Opa auf der Sitzbank ihm gegenüber. Hatte der nicht eben noch geschlafen? Und dabei den faltigen Mund soweit aufgerissen, dass darin locker ein ganzer Apfel hineingepasst hätte? Der Opa schien ihn irgendwas zu fragen. Sebastian stellte den Ipod ab und zog die Stöpsel aus den Ohren. Statt „Dance in the dark“ von Lady Gaga hörte er nun das Rattern des Zuges auf den Schienen. Der Opa sah ihn fragend an, die weißen, buschigen Augenbrauen kringelten sich wie riesige haarige Raupen, wenn man sie mit einem Stock antippt.

„Reden Sie mit mir?“

„Ich dachte, du hättest mich gefragt, ob ich auch aus Wiedas bin. Wo liegt dieses Wiedas eigentlich?“

Sebastian runzelte die Stirn. Nahm ihn der Alte auf die Schippe? Oder hatte der Mann sich einfach nur etwas zu lange die Sommersonne aufs von lichtem Haar bedeckte Haupt scheinen lassen?

„Sie haben da bestimmt was falsch verstanden“, antwortete er halbwegs höflich und verbarg ein Augenrollen unter geschlossenen Lidern. Das Gesicht des Alten verblasste, doch aus der Schwärze hinter den geschlossenen Augen tauchte ein anderes Gesicht auf. Das Gesicht eines Mädchens mit dunkelblonden, schulterlangen Ringellöckchen, einem Stupsnäschen mit einer Handvoll Sommersprossen. Auf ihren geschwungenen, rosigen Lippen lag ein Lächeln. Beim Anblick dieser Lippen spürte Sebastian ein Kribbeln im Bauch. Es fühlte sich an, als würden dort tausend Tausendfüßler um die Wette krabbeln. Er hatte diese Lippen auf den eigenen Lippen gespürt, sich an ihnen festgesaugt, an ihnen geknabbert. Doch das Herzchen, das die Lippen des Mädchens eben noch geformt hatten, verwandelte sich in einen Strich. Und die blauen Augen, eben noch so strahlend wie zwei klare Bergseen in der Mittagssonne, verdunkelten sich, als würden tiefschwarze Wolken den Himmel verfinstern.

„Sophie.“

Sebastian bemerkte es selber, dass sich das geflüsterte Wort wie ein Flehen anhörte. Das Mädchen hatte ihm nicht nur diese wundervollen Lippen geschenkt. Sophie hatte ihm alles geschenkt, was ein vierzehnjähriges Mädchen einem vierzehnjährigen Jungen schenken konnte. Und er hatte es gründlich vermasselt. Hatte vor seinen Kumpels Lucas und Johann damit geprahlt, dass er das Mädchen nicht nur geküsst, sondern auch ins Bett bekommen habe. Seit dem hatte sie für ihn statt der drei nur noch zwei Worte übrig: „Hau ab!“

Sebastian spürte Verärgerung, die in ihm aufschäumte wie kochende Milch und die das Bild des Mädchens mit sich riss. Er hatte alles versucht. Ihr Liebesbriefe zugesteckt, ihr SMS von Kathis Handy aus geschickt, weil Sophie seine Nummer blockiert hatte, war ihr nach der Schule bis zur Haltestelle der Straßenbahn hinterher gelaufen und hatte sich hundert Mal oder so entschuldigt. Ihr gesagt, dass ihm die Prahlerei raus gerutscht sei, als er mit Lucas und Johann eine Flasche Korn gekillt hatte.

Ich habe es gar nicht nötig, ihr hinterher zu laufen!

Seine Gedanken wanderten zurück nach Werder, einer Stadt in der Nähe von Potsdam, wo er bei den Großeltern die ersten beiden Ferienwochen verbracht hatte und am Nachmittag in den Zug gestiegen war. Nur zwei Häuser neben dem Haus der Großeltern wohnte Lena, so alt wie er selber und nicht so zickig wie Sophie. Schon am zweiten Tag dort hatten sie sich geküsst und wahrscheinlich hätte er nicht mehr lange gebraucht und sie hätte sich von ihm nicht nur küssen oder an die Brust fassen lassen. Irgendwo in seinem Kopf ertönte eine leise Stimme, die ihn daran erinnerte, dass die Küsse wie Suppe ohne Würze geschmeckt hatten. Die Stimme fragt auch, ob es bei ihm im Bauch gerade kribbelte.

Okay, die Küsse mit Lena waren ziemlich fad. Vielleicht wäre sie dafür im Bett um so schärfer gewesen, erwiderte er trotzig dieser Stimme. Und hey, ein kleines Kribbeln hatte er beim Küssen schon gespürt.Er war nicht mehr dazu gekommen, herauszufinden, wie scharf Lena im Bett gewesen wäre. Seine Schwester Kathi hatte ihn gestern Abend angerufen und gesagt, er müsse so schnell wie möglich nach Hause kommen. Es sei etwas passiert. Sie hatte ihm nicht verraten wollen, was passiert war. Gleich darauf hatte er mit seiner Mutter telefoniert. Und die wiederum hatte behauptet, dass alles in Ordnung sei, er aber trotzdem nach Hause kommen solle. Sie würde ihn vom Bahnhof abholen. Nun verstand er gar nichts mehr. Aber ihm war es natürlich lieber, würde Kathi ihn vom Bahnhof abholen und wenn er ein paar Tage bei ihr bleiben durfte. Zumal heute Freitag war. Freitags kehrte sein Vater, der im ganzen Land Windkraftanlagen baute, von einer Baustelle zurück. Statt sich gerne zu haben, zofften sich seine Eltern an den Wochenenden. Und das, bis der Vater montags in aller Herrgottsfrühe wieder zu einer Baustelle in irgendeinem fernen Winkel des Landes fahren musste.

„Schwesterherz, der Zug ist kurz vor sechs in Dessau. Hab dich auch lieb, Basti“, tippte er ins Handy und schickte die SMS an seine Schwester. Der Opa ihm gegenüber schlief wieder und der sperrangelweit aufgerissene Mund lud regelrecht dazu ein, zu testen, ob ein ganzer Apfel rein passen würde. Sebastian hatte den Apfel in seinem Reiseproviant längst verspeist. Er stopfte sich die Ohrstöpsel zurück in die Ohren und gleich darauf machte Lady Gaga mit ihrem „Dance in the dark“ weiter. Eine halbe Stunde später fuhr der Zug im Dessauer Bahnhof ein. Sebastian huschte als einer der ersten Reisenden aus dem Zug.

Am Zugang zur Unterführung wartete eine junge Frau, etwas über zwanzig Jahre alt. Ihr hellbraunes Haar war kaum länger als eine Daumenbreite. Sebastian nahm an, dass es sich ebenso wie das eigene Haar störrisch erwies gegenüber Kämmen oder Haarbürsten und Kathi es deshalb nicht wachsen ließ. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie ihn erblickte. Das Lächeln passte ganz und gar nicht zur Traurigkeit in ihren Augen.

„Hey Kathi, alles klar? Du guckst so komisch“, begrüßte Sebastian die Schwester. Nebenbei stellte er fest, dass es nicht mehr lange dauern dürfte, bis die große Schwester kleiner sein würde als er. „Probleme mit einem Freund?“

Katherina zog ihn kurz in die Arme und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Basti, du weißt genau, dass ich vorläufig nichts mehr von Männern wissen will.“

Sebastian wusste das natürlich. Seine Schwester war vor vier Jahren, kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag, mit einem reichen Schnösel durchgebrannt, hatte wegen ihm ihre Ausbildung zur Krankenschwester hingeschmissen. Nur zwei Jahre später war sie als geschiedene Frau nach Dessau zurückgekehrt, hatte ihre Ausbildung abgeschlossen und nun sogar neben der Arbeit im Krankenhaus ein Studium begonnen. Und sie hatte geschworen solo zu bleiben. Zumindest so lange sie Studium und Arbeit unter einen Hut bringen musste.

„Du hast geweint, Kathi“, sagte er, während sie die Treppe zur Unterführung hinunter stiegen. So gerötet wie Kathis Augen waren auch Sophies Augen gewesen, wenn sie morgens in die Schule kam. Damals, nachdem er vor den Kumpels mit seinem ersten Mal geprahlt hatte. „Was ist passiert?“

„Das kannst du gleich deine Mutter fragen, Basti!“ Kathis Stimme klang ein bisschen wie das Fauchen einer gereizten Katze.

Deine Mutter? Sebastian runzelte die Stirn. Soweit er wusste, war seine Mutter auch ihre Mutter. „Versteh' ich nicht.“

„In zehn Minuten wirst du es verstehen“, versprach ihm die große Schwester.

Tatsächlich dauerte es etwas länger, ehe sie die elterliche Plattenbauwohnung im Dessauer Norden erreichten. Sie mussten in Kathis Clio zunächst eine Runde um den Block drehen, ehe sie endlich eine Parklücke fanden. Seltsamerweise bedeutete ihm Kathi, den Rucksack im Auto zu lassen. Bereits beim Betreten des Treppenhauses konnten sie hören, dass sich drei Etagen höher die Eltern stritten.

“Ich darf am Wochenende bei dir bleiben, Kathi?“, fragte Sebastian leise. Am liebsten hätte er auf der Stelle kehrt gemacht.

„Bei denen da oben werde ich dich bestimmt nicht lassen!“ Als sie vor der Wohnungstür standen, drang ein gedämpftes Poltern aus der elterlichen Wohnung.

Sebastian fasste sich ein Herz, schloss die Tür auf und blieb wie angewurzelt auf der Türschwelle stehen. Der Korridor war mit Umzugskartons übersät. Ihre Mutter trat mit einem weiteren Karton aus dem Schlafzimmer. Zorn loderte in ihren Augen, legte sich etwas, als sie Sebastian an der Wohnungstür stehen sah. „Basti, gut dass du hier bist. Ich packe gerade deine Sachen. Suche dein Schulzeug, wir verschwinden am Wochenende von hier.“

„Der Junge bleibt hier bei mir!“, donnerte die Stimme des Vaters durch die geöffnete Küchentür. Er stürmte in den Flur, riss der Mutter den Karton aus der Hand und fuhr zu Sebastian herum. „Sie will zu ihrem Lover. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du mit der zu diesem Kerl ziehen willst, oder irre ich mich?“

Sebastian sah sich hilfesuchend zu seiner Schwester um, die ihn sanft in den Flur schob und die Wohnungstür schloss.

„Ach und du?“, brauste die Mutter auf und zerrte nun ebenfalls am Karton, aus dem mehrere von Sebastians Sachen heraus fielen. „Du willst den Jungen wochentags allein in der Wohnung lassen oder was?“

„Ich suche mir einen Job hier in der Stadt!“

Die Mutter lachte auf, beinahe schon hysterisch. „Als was? Als Aushilfskellner?“

„Hört auf!“, fuhr Katharina dazwischen und zog Sebastian an sich. Er klammerte sich an ihre Hüfte, als würde er bei ihr Schutz vor den Eltern suchen. „Basti wird bei keinem von euch bleiben. Ich nehme ihn mit zu mir!“

Für einen Moment herrschte Stille. Sebastian sah, dass sein Vater ernsthaft darüber nachzudenken schien. Seine Mutter hingegen schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Das kommt ja gar nicht in Frage, Katharina.“

„Ach nein? Mutter! Vielleicht fragst du Basti, ob er mit zu deinem... deinem Typen nach Hamburg ziehen möchte?“

„Du willst zu einem Kerl ziehen, der in Hamburg wohnt?“, fragte Sebastian und fühlte, dass seine ohnehin zerrüttete Welt gerade endgültig in Scherben fiel.

„Mit dem sie es schon wer weiß wie lange treibt, während ich mich für uns abgerackert habe“, schnaubte der Vater, worauf die Mutter mit einem freudlosen Auflachen antwortete.

„Ich bleibe hier bei Kathi!“, stieß Sebastian aus und funkelte seine Mutter an. „Versuch nicht, mich zu zwingen. Ich würde dir und deinem Typen das Leben zur Hölle machen.“ Er löste sich von Katherina, stakelte über die Umzugskartons zu seinem Vater, nahm ihm den Karton aus der Hand und stopfte zwei Hoodies hinein, die er vom Fußboden aufgehoben hatte. „Das sind meine Sachen, Papa. Den Rest hole ich morgen.“

Er drehte sich zu seiner Mutter um, die ihn immer noch so anstarrte, als hätte er ihr eine Ohrfeige verpasst. „Dir viel Spaß mit diesem Kerl aus Hamburg.“ Sebastian machte auf dem Absatz kehrt und nickte seiner Schwester zu. „Komm Kathi, wir verschwinden. Das hier ist nicht mehr mein Zuhause.“


Katharina wohnte ebenfalls in einem Plattenbau, allerdings außerhalb des Stadtzentrums, in der Nähe des Städtischen Klinikums. Vor einigen Jahren hatte der Block einen frischen Anstrich erhalten und wirkte deshalb nicht so trostlos wie der Plattenbau, in dem Sebastian mit seinen Eltern gewohnt hatte. Anders als bisher würde Sebastian nicht mehr zu Fuß zur Schule laufen können, sondern entweder mit dem Fahrrad oder mit der Straßenbahn fahren müssen. Er würde sogar an derselben Haltestelle ein- und aussteigen wie Sophie oder ihre ehemalige beste Freundin Laura. Beide Mädchen wohnten in einer Eigenheimsiedlung nur einen Katzensprung vom Wohnblock seiner Schwester entfernt. Noch wusste Sebastian nicht, ob er sich darüber freuen sollte oder ob das doch nicht so toll war.

Und er musste zumindest vorläufig ohne ein eigenes Zimmer auskommen und zum Schlafen mit der Couch im Wohnzimmer vorlieb nehmen. Aber das war immer noch besser, als sich bei dem Zoff seiner Eltern ständig zwischen den Fronten wiederzufinden und Blitzableiter für ihre schlechten Launen zu spielen. In dem Wohnblock standen mehrere Dreiraumwohnungen in der oberen Etage leer. Katharina hoffte, dass sie schon bald ihre Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss gegen eine solche Wohnung würde tauschen können.

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