Kapitel 1
Hinweis: Diese Geschichte enthält zahlreiche Inhalte und Bezüge zum Nationalsozialismus. Einige Figuren vertreten rassistische, nationalsozialistische oder anderweitig diskriminierende Ansichten. Diese dienen ausschließlich der Darstellung und Charakterisierung der Figuren und entsprechen nicht meiner eigenen Haltung. Ich unterstütze weder den Nationalsozialismus noch die von diesen Figuren vertretenen Ideologien. Der Originaltext wurde vollständig von mir selbst verfasst, überwiegend auf Koreanisch und teilweise auf Deutsch. Für die deutsche Übersetzung und die Gestaltung des Covers wurden KI-Tools verwendet.
Deutschland ist so ein komisches Land. Ganz zu schweigen vom Ausländeramt. Da sich ohnehin schon unzählige Ausländer darüber beschweren, muss ich mich in dieser Geschichte nicht auch noch darüber auslassen.
Das Einzige, was noch ein Glück im Unglück war, war die Tatsache, dass ich eine sehr günstige Wohnung gefunden hatte. Nach dem Vertragsabschluss kam mir zwar im Nachhinein der Verdacht, ob es nicht vielleicht ein Betrugsangebot war, aber die Wohnung gab es wirklich. Ich nahm die Wohnungsschlüssel vom Hausmeister entgegen und trug meine Umzugskartons nach oben. Das Gebäude sah aus, als wäre es mindestens ein paar hundert Jahre alt, aber ich war einfach nur froh, überhaupt eine Unterkunft zu haben. Die Treppenstufen knarrten und es roch nach diesem typischen alten Holzgebäude. Wenn das Kisten-Schleppen vorbei ist, muss ich wohl erst mal Schimmelentferner kaufen.
Als ich die Wohnungstür öffnete, brüllte mich direkt jemand an:
“Wer zum Teufel ist das!?”
Ich schlug die Tür mit einem lauten Knall sofort wieder zu. Die Wohnung sollte eigentlich leer sein! Wer um alles in der Welt war da also drinnen? Die tiefe Stimme verriet, dass es ein Mann war. Sollte ich die Polizei rufen?
Zum Glück hatte ich ein Messer unter meinen Sachen. Damit konnte ich mich zumindest verteidigen. Wenn ich die Situation ganz höflich erklärte, ließ sich das Ganze vielleicht lösen, ohne dass ich das Messer überhaupt benutzen musste. Ich nahm das Messer, versteckte es hinter meinem Rücken und klopfte langsam dreimal an die Tür. Hinter der Tür hörte man ihn wieder brüllen, aber was genau er sagte, verstand ich nicht. Ich holte tief Luft und öffnete langsam die Tür.
Ich musste nicht einmal den Fuß in die Wohnung setzen, denn der Mann stand bereits „freundlicherweise“ direkt vor der Tür. Er hatte das Gesicht tief in Falten gelegt und starrte mich an. Er trug eine Uniform, die aussah, als entstamme sie direkt einem Buch über deutsche Zeitgeschichte, und an der gut gebügelten Uniform prangten einige Orden. Aber das Wichtigste war, dass sein Körper und seine Kleidung halb transparent waren.
“...Wer sind Sie?”
Er antwortete mit einer ziemlich mürrischen Miene: “Das habe ich doch zuerst gefragt, Fräulein.”
Sehe ich etwa gerade einen Geist? Ausgerechnet in Deutschland!?
Ja, genau. Meine Großmutter ist eine koreanische Schamanin. Da ich ihre Enkelin bin, hatte sie mir erklärt, dass ich eines Tages vielleicht Geister sehen könnte. Ehrlich gesagt hatte ich nie geglaubt, dass das wirklich passieren würde. Ich hatte mir nie groß Gedanken darüber gemacht, ob Geister überhaupt existieren. Großmutter hatte mir gesagt, wenn ich jemals einen Geist sähe, solle ich als Erstes so tun, als würde ich ihn nicht sehen, aber...
“Warte, können Sie mich sehen?”
Das hatte sich wohl erledigt!
Ich steckte das Messer, das ich in einer Hand hielt, heimlich zurück in den Umzugskarton und sagte:
“Darf ich bitte hineingehen...? Ich bin die neue Bewohnerin.”
“Antworten Sie, wenn Sie eine Frage gehört haben! Können Sie mich sehen?”
“Ähm... Ich kann Sie sehen.”
“Wieso?”
“Ich weiß es nicht. Aber ich denke, weil meine Oma Schamanin ist...”
Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, befürchtete ich, heute gar nicht mehr in die Wohnung zu kommen. Aus lauter Verzweiflung faltete ich die Hände und flehte ihn an:
“Ach, bitte! Es ist schon zu spät und ich habe sonst keinen Ort, wo ich hin kann! Lassen Sie mich bitte wenigstens heute Nacht rein.”
“...Kommen Sie herein.”
Seine Uniform war zwar mehr als suspekt, aber er selbst schien doch kein so schlechter Mensch zu sein. Ich stellte meine Kartons und Koffer in den Flur. Das Erstaunliche war, dass er mir tatsächlich beim Auspacken half.
“Ich habe die Bücher auf das Regal gestellt.”
“Wie bitte!? V-vielen Dank...! Das hätten Sie doch nicht tun müssen.”
“Wie sollte ein Fräulein wie Sie auch solche körperliche Arbeit verrichten? Wie es scheint, kommen Sie von weit her. Überlassen Sie so etwas einem arischen Mann wie mir und räumen Sie die Sachen weg, die in die Küche gehören.”
Das war das erste Mal seit meiner Ankunft in Deutschland, dass ich mir rassistische und sexistische Sprüche anhören musste. Aber... es ist doch praktisch! Ich räumte die Sachen auf, genau wie er gesagt hatte. Hinter mir hörte ich ihn vor sich hin murmeln: „So etwas wie diese Kisten gibt es also auch...“ Er sah sich den elektrischen Reiskocher aufmerksam an und fragte mich:
“Was ist das?”
“Das nennt man Reiskocher.”
“Funktioniert das etwa ohne Feuer?”
“Ja, heutzutage läuft das alles mit Strom.”
“Interessant, die Technologie des Ostens scheint sich in der Zwischenzeit wohl mächtig weiterentwickelt zu haben.”
“Naja...”
Nachdem das Auspacken erledigt war, saßen wir uns am Tisch gegenüber und unterhielten uns über dies und das.
“Ich heiße Yu Hana. Wie heißen Sie?”
“Friedrich Weber. Nennen Sie mich Herr Weber. Warum sind Sie überhaupt nach Deutschland gekommen?”
“Seit diesem Jahr studiere ich Germanistik hier in Deutschland.”
“Sind Sie Asiatin?”
“Ja, ich komme aus-”
“Wie lebt man in Japan?”
Japan? Warum fragte er mich auf einmal nach Japan? Ich war Koreanerin und wusste nicht sonderlich viel über Japan, aber anscheinend war Japan das Einzige, was diesem Nazi-Offizier in den Sinn kam, wenn er an Asien dachte. Schließlich hatten Deutschland und Japan damals wohl eine ganz “besondere“ Beziehung zueinander.
“Ich bin mir da nicht sicher, aber... sie leben ganz gut, glaube ich.”
Er nickte und stellte die nächste Frage.
“Ist es in Japan im Winter auch so kalt?”
Ich hatte gehört, dass es im Norden Japans im Winter auch extrem kalt wird.
“Ja, so habe ich das gehört.”
“Essen Sie gerne Fisch?”
Warum fragte er mich jetzt auf einmal nach Fisch?
“...Ich habe zumindest nichts dagegen.”
“Was hält man dort von deutschen Universitäten?”
“Viele kommen nach Deutschland, um Jura oder Kunst zu studieren. Und natürlich ist es auch toll, um Germanistik zu studieren. So wie ich.”
Als mein Gesichtsausdruck angesichts des unaufhörlichen Fragenhagels immer finsterer wurde, bemerkte er es wohl und räusperte sich.
“Entschuldigung, es ist schon lange her, dass ich jemanden zum Reden hatte.”
“Schon gut. Darf ich Sie auch ein paar Dinge fragen?”
“Meinetwegen.”
“Darf ich hier wohnen?”
Bevor er das Gesicht verziehen und den Mund aufmachen konnte, redete ich schnell weiter.
“Bitte! Ich habe so lange gebraucht, um diese Wohnung zu finden. Und überhaupt, auf dem Papier bin ich ab jetzt die Mieterin dieser Wohnung!”
Bei dem Wort “Papier“ veränderte sich sein Gesichtsausdruck.
“Zeigen Sie mir diese Unterlagen.”
Ich holte den Mietvertrag und zeigte ihn ihm. Er lag ordentlich in einer Mappe und war kein bisschen zerknittert – das makellose Original.
“...Was soll dieses ‘EUR’ sein? Wo steht denn der Mietpreis?”
Ah, damals gab es ja noch keinen Euro.
“Das ist die Währungseinheit. Ist schon eine Weile her, dass sie geändert wurde.”
“Wie viel ist das in Mark?”
“Die Warmmiete beträgt...”
Ich suchte auf meinem Smartphone nach einem Mark-Euro-Währungsrechner im Internet. Erstaunlicherweise gab es tatsächlich einen. Ich wusste zwar nicht, warum jemand so etwas programmiert hatte, aber egal.
“Was machen Sie da?”
“Einen Moment, ich schaue gerade nach.”
“Von wegen nachschauen... Was wollen Sie denn mit dieser merkwürdigen, leuchtenden Platte anfangen...”
“...Es sind nicht mal ganz 400 Mark.”
“Das gibt’s doch gar nicht. Warum ist die Miete so spottbillig?”
“Ich weiß nicht. Gerüchten zufolge sind die bisherigen Mieter immer sehr schnell wieder ausgezogen.”
“...Ah, diese unhöflichen Leute waren also alle Mieter.”
“Was haben Sie mit denen gemacht?”
“Ich habe sie rausgeworfen.”
“Haben Sie nicht selbst den Preis für die Wohnung nach unten getrieben...?”
“So sieht es wohl aus.”
“Wie auch immer, ich werde hier wohnen.”
“Ihre Haltung hat sich aber schnell geändert.”
“Wenn ich so darüber nachdenke, finde ich, dass ich ruhig etwas selbstbewusster auftreten kann.”
Er seufzte und murmelte etwas vor sich hin.
“...panische Weiber sind bescheiden, aber nicht alle.”
“Wie bitte? Ich bin nicht panisch.”
“Ach, nichts. Sie dürfen hier wohnen.”
Ziemlich nervig. Aber ich schob meinen Ärger beiseite und beschloss, mehr über ihn herauszufinden.
“Warum sind Sie eigentlich immer noch hier, wo Sie doch schon tot sind?”
“Ach, das ist eine lange Geschichte...”
“Erklären Sie es bitte kurz.”
Er zeigte mir so etwas wie einen Schnipsel Papier. Selbst dieser Fetzen Papier war halb transparent, sodass ich die Augen zusammenkneifen musste, um etwas zu erkennen. Darauf stand die Wartenummer 88000000.
“Ich warte auf mein Urteil.”
Eine Wartenummer? 88 Millionen. Die Zahl passte zu ihm.
“Gibt es in der Hölle etwa auch Wartenummern?”
“Natürlich, für ein ordentliches Verwaltungsverfahren ist das unumgänglich.”
“Wie lange warten Sie schon?”
“So... etwa 80 Jahre.”
“Seit 80 Jahren!? Wie lange müssen Sie denn noch warten?”
“Keine Ahnung. Ist das wirklich das Einzige, was Sie die Seele eines arischen Mannes wie mich fragen wollen?”
Schon wieder dieses Gelaber über Arier.
“Was sollte ich Sie denn sonst fragen?”
“Sie studieren doch Germanistik! Sie könnten mich nach Goethe, Kant oder der überlegenen deutschen Kultur fragen! Oder auf welchem Schlachtfeld ich gekämpft habe oder welche Auszeichnung ich trage!”
Er zeigte stolz auf die metallenen Abzeichen an seinem Revers. Überall waren Adler, Zahlen oder das Eiserne Kreuz zu sehen. Da ich kein Hobby für so etwas hatte, interessierte es mich nicht wirklich.
“Kant... ist schon sehr typisch deutsch. Aber seine Philosophie ist mir einfach zu schwer.”
“Nun ja, Kant ist für einen Asiaten wohl ohnehin schwer zu begreifen. Ich dachte allerdings, eine Japanerin würde zumindest ein wenig davon verstehen.”
Was zum Teufel? Selbst für jemanden aus dieser Epoche hätte ich nie gedacht, dass er so weit gehen würde. Noch nerviger war die Tatsache, dass er das nicht einmal sagte, um mich zu provozieren, sondern weil er ernsthaft davon überzeugt war.
Ich verstand auch nicht, warum er ständig Japan erwähnen musste. Auch wenn es diesen Begriff des „Ehrenariers“ gab, schmeckte es mir ganz und gar nicht, dass er wohl dachte, ganz Asien sei Japan.
“Ja, ja... Hm, wir sind ab jetzt ja schließlich so etwas wie Mitbewohner, oder? Wie wäre es, wenn wir ein paar Regeln aufstellen?”
“Richtig, Disziplin ist schließlich das Allerwichtigste. Endlich reden wir dieselbe Sprache. Erstens: Machen Sie in meiner Wohnung keinen Lärm, besonders nicht am Sonntag. Zweitens: Die Wohnung hat stets sauber und ordentlich zu sein. Ich helfe Ihnen zwar bei schweren Sachen wie heute, aber der Haushalt ist Sache des Weibes. Und zu guter Letzt: Ordnung muss sein.”
Wer hat ihn gebeten, Regeln aufzustellen? Zu Schulzeiten wäre ich wohl hochgegangen wie eine Rakete und hätte mich gewehrt, aber jetzt, müde vom Umzug, hatte ich schlicht keine Lust dazu.
“Ja, ja. Stören Sie mich bitte nicht, wenn ich in jenem Zimmer bin. Falls Sie mich mal suchen sollten, klopfen Sie bitte, bevor Sie eintreten. Ein ‘großartiger Arischer Mann’ wie Sie wird doch wohl so etwas hinbekommen, oder?”
“Selbstverständlich! Deutsche sind schließlich ein Volk mit Anstand!”
Und so... bekam ich einen braunen Mitbewohner...







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