Samstagmorgen
„Och, Noah, ist das dein Ernst?“ Seufzend ließ Melanie den Blick durch die kleine Kammer gleiten, in der sich Waschmaschine und Trockner stapelten. Zu dem ohnehin vorhandenen Wäscheberg, der augenscheinlich nie schrumpfte, gesellte sich ein großer, gelber Koffer. Er stand offen und auf jeder Seite türmte sich schmutzige Kleidung. T-Shirts mit Eisflecken. (Zumindest ging Melanie davon aus, dass das braune Zeug mal Schokoladeneis gewesen war.). Röcke und Hosen, bei denen sie den Ursprung der Flecken wirklich nicht nachvollziehen wollte. Badesachen, die immer noch nicht richtig trocken waren, und Socken, die nicht so aussahen, als wären sie noch zu retten. Alles, was von der jährlichen ‚Lust-auf-Meer-Fahrt‘ des TV Lichtfeld 1905 übrig war. Melanie stöhnte auf, als Sand aus dem Kleid rieselte, das sie hochhob. Man könnte annehmen, der Inhalt des Koffers gehörte einem Kleinkind. „Noah!“, rief sie lauter und trat einen Schritt aus der Kammer rückwärts in die Küche. Ihr Blick fiel auf den Küchentisch und ihre Augen weiteten sich. „Luca, was machst du denn da?“
Im Schlafanzug und aus absolut unschuldigen braunen Augen sah der Neunjährige auf. Vor ihm auf dem Tisch schwamm eine Bananenschale in einer roten Flüssigkeit, die wahrscheinlich von der Melone stammte, die Luca mit einem Messer bearbeitete. „Frühstück?“, erwiderte er. „Obst ist gesund, weißt du?“
„Hab ich von gehört, ja.“ Melanie war bereits neben ihrem Sohn am Esstisch und nahm ihm das Messer ab, dessen Klinge länger als sein Unterarm war. „Könntest du dir dabei bitte keine Gliedmaßen abschneiden? Ich habe heute wirklich keine Zeit, einen Rettungswagen zu rufen“, stellte sie klar. Mit ein paar schnellen Handgriffen teilte sie die Melone in Viertel, legte das viel zu lange Messer in die Spüle (Eine leere Kaffeetasse zeugte davon, dass ihr Bruder bereits auf den Beinen war.) Und reichte dem Jungen ein kleines Küchenmesser. „Hier. Sieh zu, dass du deine Finger heile lässt.“ Sie trocknete sich die Hände an dem Kleid ab, das sie achtlos über eine Stuhllehne gelegt hatte. „Hast du Noah schon gesehen? Schläft sie etwa noch?“
„Nee“, antwortete Luca. Mit der Zungenspitze zwischen den Lippen und dem Messer in der Hand löste er das rote Fruchtfleisch von der Schale. „Die duscht. Ewig. Wie immer.“
„Boah, Digga, chill. Ich bin längst fertig.“
Melanie hob eine Augenbraue zu ihrem Kind. Mit den schulterlangen, gestylten Haaren und der Schminke sah Noah älter aus als fünfzehn Jahre. Ihr Blick wanderte über das locker sitzende T-Shirt, unter dem ein mädchenhafter Busen angedeutet war, und das dank des schmalen Gürtels dennoch figurbetont saß. Eine Brust zu haben, weiblich zu wirken, war Noahs größter Traum. Der Rock darunter reichte nicht bis zu den Knien. Wenigstens trug sie relativ flache Sandalen, was für das heutige Vorhaben absolut sinnvoll war. „Gehst du zu einer Demo oder einem Date?“, wollte Melanie wissen.
„Vielleicht beides?“, antwortete Noah schnippisch und zwinkerte der Mutter zu, was Luca zum Kichern brachte.
„Hey, pass mit dem Messer auf“, mahnte die Mutter und nahm es ihm aus der Hand. Dass die Geschwister einander die Zungen raus streckten, kommentierte sie nicht weiter. Dafür wies sie zur Wäschekammer. „Bevor du irgendwo hingehst, kümmerst du dich um deine Wäsche.“
„Boah, Mama! Anna-Lynn holt mich gleich ab!“
„Dann wird Anna-Lynn warten müssen.“ Melanie hob gleichmütig die Schultern. „Du bist seit drei Tagen zuhause und ebenso lange sage ich dir, dass du deinen Koffer ausräumen sollst. Also, avanti!“ Sie sah zu, wie Noah maulend zu dem grellgelben Koffer stapfte und griff nach ihrer Kaffeetasse. Als sie einen Schluck nahm, verzog sie das Gesicht. Kalt. Natürlich. Wieso sollte sie auch in den Genuss kommen, warmen Kaffee trinken zu können? Sie schaltete den Wasserkocher an.
„Warum willst du eigentlich gleich schon los? Ich dachte, die Demo fängt erst um zwölf an.“
„Larsens fahren schon eher hin“, erklang die Stimme ihrer Tochter gedämpft aus dem Koffer. „Lenas Familie auch. Bosse und Mia brauchen doch immer ein wenig länger, um sich bei so vielen Menschen zurecht zu finden.“
„Mhmm“, machte Melanie. Da sie nicht von dem Thema betroffen war, machte sie sich keinen Kopf über diese Demo. Anders als Sophie Larsen, mit der erschöpften Stimme am Telefon oder Kathi Hoffmann, die beim Einkauf zu gestresst war, um mehr als zwei Worte zu wechseln. Und das, obwohl sie sich kannten, seit ihre Ältesten gemeinsam in den Kindergarten gegangen waren.
Melanie dachte eher praktisch: An einen Parkplatz, wenn alles in die Stadt strömte, an Sonnencreme für Noah, einen Hut für sich und genug Wasser wegen der Hitze.
„Hey, was machst du denn da?“ Aus den Gedanken gerissen nahm sie Luca die Cornflakes Schachtel ab. Auf seiner Schüssel mit Obstsalat aus Banane und Melone türmte sich ein Berg der gelben Maisflocken. „Das isst du doch niemals auf.“
„Doch“, behauptete der Neunjährige und gab, immerhin sehr vorsichtig, Milch in seine Schüssel. „Milch ist alle!“, verkündete er dann.
Melanie seufzte, griff sich die Einkaufsliste vom Kühlschrank und schrieb unter ‚Waschmittel‘, ‚Obst‘ und ‚irgendwas zum Abendessen‘ noch ‚Milch‘ hinzu.
„Du könntest auch mit mir fahren“, bot sie dann laut genug an, damit Noah sie in ihrem Koffer hörte. Theoretisch zumindest. Ein Rums, melodisches Piepen, gefolgt von leisem Rauschen deuteten darauf hin, dass sie nicht nur die Wäsche sortierte, sondern auch gleich die Waschmaschine anstellte. Es geschahen noch Wunder!
„Noah?“ Melanie trat wieder zur Wäschekammer, wo ihre Tochter vor dem halbleeren Koffer hockte und auf ihrem Handy wischte.
„Hm?“, machte diese.
Die Mutter unterdrückte ein weiteres Seufzen und wiederholte: „Du kannst auch mit mir nach Bergstadt fahren.“
„Ähm...“ Noah ließ das Smartphone sinken und richtete sich auf. Sie musste in den zehn Tagen der Freizeit gewachsen sein, denn Melanie erinnerte sich nicht, dass sie gewöhnlich zu ihr aufschauen musste. Wenngleich es höchstens zwei Zentimeter waren.
„Ehrlich, Mama, wir planen das seit fast zwei Wochen. Ich hab Anna fest zugesagt, dass ich mit ihr fahr.“
„Na schön.“ Melanie hob ergeben die Hände. „Dann treffen wir uns nachher am Markt, okay?“
„Boah, Maamaa“, begehrte Noah in einer Tonlage auf, die einer Zweijährigen Konkurrenz gemacht hätte. „Alle vom Verein sind da. Und von der Feuerwehr. Und die halbe Klasse. Und... ernsthaft, Mum, das ist voll chopped.“
„Und du bist fünfzehn und da wird Polizei und alles Mögliche vor Ort sein.“
„Das ist keine Pride-Demo, Mama. Was soll da schon los sein? By the way – darf ich nach Berlin? Und außerdem sind Anna-Lynns und Lenas Eltern auch da.“
Es war bemerkenswert wie Noah innerhalb von Sekunden ihren Tonfall und passend dazu die Mimik verändern konnte. Von höchst genervt und empört zum Hundewelpenbettelblick und zurück.
Melanie hatte Mühe, ein Schmunzeln zu verbergen. Sie hob eine Hand und zählte an den Fingern ab. „Erstens: Solange auch nur eine vage Möglichkeit besteht, dass da DfD-Typen auftauchen, gehst du nicht allein. Zweitens: Definitiv nein. Drittens: Wunderbar! Dann habe ich jemanden, mit dem ich mich unterhalten kann.“ Sie zwinkerte ihrer Tochter zu, ignorierte deren Stöhnen und ging zurück in die Küche, um ihren Kaffee mit heißem Wasser aufzufüllen.
„Räumst du den Tisch auch wieder auf?“, fragte sie an ihren Jüngsten gerichtet, während ihr Blick über das Chaos aus Bananenschale, Melonenstücke, Kakaopulver, Milch und Cornflakes wanderte.
Luca schob die Müslischüssel von sich, die noch zur Hälfte mit Milch und labbrigen Flakes gefüllt war, und schüttelte den Kopf. „Nein, dazu bin ich zu satt.“
Melanie atmete tief durch und beschloss, dass es sie weniger Energie kostete, den Tisch selbst abzuräumen, als diese Diskussion zu führen. „Dann geh und zieh dich an. Jana kommt gleich“, wies sie an, während sie begann, die Reste in die Schüssel für den Bio-Müll zu füllen.
„Wieso Jana?“, wollte Luca wissen. „Ich dachte, heute ist Kai-Tag.“
„Ja, dachte ich auch. Ist aber nicht so“, seufzte Melanie und wischte den Tisch ab. Kai hatte zugesagt, auf Luca aufzupassen, während sie mit Noah zur Demo fuhr – bis gestern Abend. Mit hochrotem Kopf war er aus der Werkstatt gekommen und hatte ihr erklärt, dass ein Kunde kurzfristig ein Auto abgegeben hatte, das bis Montag fertig sein musste, und dass er den Samstag jetzt doch in der Werkstatt verbringen würde.
„Tut mir leid, Mel, ich hätt’s dir früher gesagt, wenn ich’s früher gewusst hätte“, hatte er gesagt, schon halb wieder aus der Tür, weil er noch Teile bestellen musste.
Melanie hatte es ihm nicht übelgenommen – ihr Bruder lebte davon, dass er spontan einspringen konnte, wenn ein Kunde in der Klemme steckte, und ihr Zusammenleben funktionierte nur, weil sie sich gegenseitig Flexibilität zugestanden. Notgedrungen hatte Melanie ihre beste Freundin angerufen und wie so oft hatte Jana Verständnis gehabt und ihre eigenen Pläne umgestellt. „Ihr fahrt zur Rodelbahn“, erklärte sie, was ein Jubeln bei ihrem Sohn auslöste. Hüpfend verschwand Luca in seinem Teil des Kinderzimmers.
„Ich bin weg!“, rief Noah und ehe die Mutter sie an ein Frühstück erinnern oder überhaupt reagieren konnte, fiel die Tür zu.
Ruhe. Endlich. Melanie schloss die Augen, atmete drei Mal tief durch und lehnte sich an den Küchentresen. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie noch zwei Stunden Zeit hatte, ehe sie losfahren musste. Ein weiterer durch die Wohnung zeigte, was alles zu tun war. Doch jetzt war sie dran. Fünf Minuten. Melanie nahm ihr Smartphone und öffnete Snappix, um die Zeit auf ihrem Newsfeed totzuschlagen.








