Prolog- Decode
PROLOG
Decode
— Paramore
Das Blitzlicht brannte in Liams Augen.
Einmal.
Zweimal.
Dann so oft hintereinander, dass die einzelnen Lichtblitze miteinander verschwammen.
„Liam!“
„Liam, stimmt es, dass du deine Freundin betrogen hast?“
„Wer ist die Frau auf den Fotos?“
„Liam! Hast du sie mit in dein Hotel genommen?“
„Wirst du NOVA verlassen?“
„Warum sagst du nichts?“
Er sagte nichts.
Was hätte er auch sagen sollen?
Dass die Bilder eine Geschichte erzählten, die nicht seine war?
Dass die Frau auf den Fotos nicht seine Geliebte war?
Dass niemand die Wahrheit hören wollte, solange die Lüge bessere Schlagzeilen brachte?
Liam zog die Kapuze seiner schwarzen Lederjacke tiefer ins Gesicht.
„Scheiße.“
Sein Manager hatte ihm genau drei Dinge verboten:
Interviews.
Soziale Medien.
Und Frauen.
Besonders Frauen.
Als wäre allein ihre Anwesenheit inzwischen eine Gefahr für seine Karriere.
Liam stieg aus dem Wagen.
Sofort explodierten die Kameras.
Er hörte seinen Namen, Fragen, Rufe.
Er ging trotzdem.
Einfach geradeaus.
Er wollte weg.
Weg von den Kameras.
Weg von NOVA.
Weg von den Schlagzeilen.
Weg von seinem eigenen Gesicht.
ST. AURELIA
Die Stadt empfing ihn mit kalter Nachtluft.
St. Aurelia war anders als die Städte, die Liam kannte.
Keine riesigen Werbetafeln mit seinem Gesicht.
Keine Fans vor Hotels.
Keine Reporter vor Clubs.
Nur alte Backsteinhäuser, enge Straßen und gelbliche Laternen, deren Licht sich auf dem nassen Asphalt spiegelte.
Liam ging.
Ohne Ziel.
Zum ersten Mal seit Tagen wusste niemand, wo er war.
Vielleicht war genau das der Sinn.
Kein Fahrer.
Kein Sicherheitsdienst.
Kein Manager.
Nur Liam.
Er bog um eine Ecke.
Und blieb stehen.
Musik.
Nein.
Eine Stimme.
Eine weibliche Stimme.
Rauh.
Dunkel.
Ein wenig heiser.
Und verdammt gut.
Liam sah zu einem kleinen Kiosk hinüber.
Durch die Scheibe konnte er ein Mädchen erkennen.
Braune, zerzauste Haare fielen ihr wild über die Schultern. Dazwischen schimmerten violette Strähnen. Ein Piercing blitzte an ihrer Nase, ein weiteres an ihrer Lippe.
Sie trug ein zerrissenes Nirvana-Shirt, kurze schwarze Shorts, Netzstrumpfhosen und abgewetzte Doc Martens.
Sie räumte gerade eine Kiste mit Getränken aus.
Und sang dabei.
Einfach so.
Kein Mikrofon.
Keine Begleitmusik.
Kein Publikum.
Nur ihre Stimme.
Decode.
Liam blieb stehen.
Er kannte das Lied.
Doch ihre Version klang anders.
Rauer.
Wütender.
Ehrlicher.
Sie traf nicht jede Note perfekt.
Aber genau das machte es so verdammt gut.
Sie sang, als müsste sie etwas loswerden.
Als wäre der Song nicht einfach ein Song.
Als wäre er ein Teil von ihr.
Liam trat näher an die Scheibe.
Das Mädchen bemerkte ihn zunächst nicht.
Er sah ihr zu.
Vielleicht eine Minute.
Vielleicht zwei.
Dann hob sie plötzlich den Kopf.
Ihre braunen Augen trafen seine.
Sie verstummte.
Liam blieb stehen.
Das Mädchen starrte ihn an.
Er starrte zurück.
Sie legte den Kopf schief.
Ihr Blick wanderte über seine schwarze Lederjacke, die Kapuze, die dunkle Kleidung und schließlich sein Gesicht.
Dann verzog sie das Gesicht.
Nicht beeindruckt.
Eher genervt.
Sie ging zur Tür.
Öffnete sie.
„Kann ich dir helfen?“
Liam räusperte sich.
„Ich wollte nur—“
„Dich verlaufen?“
„Nein.“
„Dann vielleicht ausrauben?“
Er blinzelte.
„Was?“
Sie musterte ihn weiter.
„Du siehst aus wie ein Bankräuber.“
Liam sah an sich hinunter.
Schwarze Lederjacke.
Kapuze.
Dunkle Jeans.
Er konnte ihren Gedanken durchaus nachvollziehen.
„Ich bin kein Bankräuber.“
„Gut.“
Sie nickte.
„Dann bist du wahrscheinlich obdachlos.“
„Was?“
„Oder auf Drogen.“
„Ich bin nicht—“
Sie drehte sich einfach um.
„Warte.“
Liam sah ihr verwirrt hinterher.
Sie verschwand zwischen zwei Regalen.
Ein paar Sekunden später kam sie zurück.
In der Hand eine Wasserflasche.
Sie öffnete die Tür und warf sie ihm entgegen.
Liam fing sie reflexartig auf.
„Hier.“
Er sah auf die Flasche.
Dann wieder zu ihr.
„Was soll ich damit?“
Alice verdrehte die Augen.
„Trinken.“
„Ich brauche kein Wasser.“
„Du siehst aus, als könntest du welches gebrauchen.“
„Mir geht’s gut.“
Sie verschränkte die Arme.
„Klar.“
Ihr Blick fiel wieder auf seine Kleidung.
„Du bist bestimmt drogensüchtig.“
Liam starrte sie an.
„Bitte?“
„Oder zumindest völlig durch.“
Sie deutete mit dem Kopf auf die Straße.
„Also nimm das Wasser und verpiss dich.“
Liam konnte nicht anders.
Er musste lachen.
Ein kurzes, ungläubiges Lachen.
Alice sah ihn an, als wäre er endgültig verrückt geworden.
„Was?“
„Nichts.“
„Dann geh.“
„Du wirfst fremden Leuten einfach Wasser zu?“
„Wenn sie nachts vor meinem Arbeitsplatz herumstehen und aussehen, als würden sie gleich einen Überfall begehen? Ja.“
„Und wenn ich tatsächlich ein Bankräuber wäre?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Dann wäre das vermutlich ziemlich dumm von mir.“
Liam grinste.
„Du hast keine Angst?“
„Vor dir?“
Sie sah ihn von oben bis unten an.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil du dafür viel zu traurig aussiehst.“
Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht.
Alice bemerkte die Veränderung.
Für einen kurzen Moment sah sie ihn einfach an.
Dann wurde ihre Stimme etwas ruhiger.
„Geh nach Hause.“
Liam antwortete nicht.
„Egal, wo das ist.“
Sie wollte die Tür schließen.
Doch bevor sie es tat, hörte er sie wieder singen.
Leise.
Fast nur für sich.
Liam sah durch die Scheibe.
Sie hatte sich bereits wieder ihrem Karton zugewandt.
Als wäre er nie dagewesen.
Er blickte auf die Wasserflasche in seiner Hand.
Dann auf das Mädchen.
Zum ersten Mal seit Tagen hatte jemand mit ihm gesprochen, ohne etwas von ihm zu wollen.
Keine Fotos.
Keine Autogramme.
Keine Erklärung.
Kein Mitleid.
Nur:
Nimm das Wasser und verpiss dich.
Liam lächelte.
Dann ging er.
Er hatte keine Ahnung, wer sie war.
Und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wer er war.
Noch nicht.
Aber irgendwann würde Alice erfahren, dass der angebliche Bankräuber und Drogensüchtige vor ihrem Kiosk niemand anderes gewesen war alsLiam Carter, der Sänger von NOVA.
Und wahrscheinlich würde sie sich dann wünschen, sie hätte ihn einfach reingelassen.
Oder vielleicht auch nicht.








