Kapitel 1
Hier stand sie also.
Neue Schule – neues Glück.
Ein freudloses Lachen kam über ihre Lippen.
Es war nicht das erste Mal, dass Amelie vor einer neuen Schule stand, und sie war sich ziemlich sicher, dass es auch nicht das letzte Mal sein würde.
Das war der Nachteil, wenn der eigene Vater Notfalloption im Unternehmen war und von seiner Firma überall im Land eingesetzt werden konnte. Immer wenn es ein neues Problem gab, packte die Familie ihre Sachen und zog weiter.
Amelie hatte inzwischen in mindestens fünf Bundesstaaten gelebt. Einige davon waren wunderschön gewesen, andere waren absolut nicht ihr Fall.
Massachusetts gefiel ihr. Die Landschaft, die alten Häuser, die kühle Luft. Vor allem aber war es nicht Texas.
Texas hatte sie gehasst.
Sie konnte die Cowboys an ihrer kleinen Schule dort nicht ausstehen. Nun ja, Cowboys waren das natürlich nicht gewesen. Eher die verzogenen Söhne reicher Rancher, die glaubten, etwas Besseres zu sein, nur weil ihre Familien mehr Land besaßen, als normale Menschen überhaupt ansehen konnten.
Amelie war froh, dass sie von dort weg war.
Sie hatte dort keine Freunde zurückgelassen. Zumindest keine, die man wirklich so nennen konnte. Wahrscheinlich bemerkten die meisten nicht einmal, dass sie verschwunden war.
Das war vielleicht auch besser so.
Sie hatte irgendwann aufgehört, sich an Menschen zu gewöhnen. Es war einfacher, wenn man wusste, dass man ohnehin nicht lange blieb.
Sie strich über den Rock ihrer Schuluniform, richtete die kleine Krawatte, die ihr Hemd zierte, und zupfte an der Weste.
Ihre Eltern bestanden darauf, dass sie eine Privatschule besuchte. Und Privatschule bedeutete in den meisten Fällen nun einmal Schuluniform.
Amelie sah an sich herunter.
Diese hier war wenigstens nicht ganz so hässlich wie die Uniformen mancher anderen Schulen.
Irgendwie sah sie aus, als könnte sie gleich auf eine Cosplay-Veranstaltung gehen.
Es fehlten nur noch pinke Haare.
Sie musste unwillkürlich grinsen.
Für einen Moment war sie versucht, tatsächlich ein Foto von sich zu machen und es ihrer Mutter zu schicken. Sie ließ es bleiben. Ihre Mutter würde vermutlich ohnehin nur antworten, dass sie wunderschön aussah.
Wahrscheinlich schaute sie das Bild nicht einmal richtig an, aber das war Amelie heute egal.
Noch einmal atmete sie tief durch.
Dann setzte sie sich in Bewegung.
Sie war viel zu früh dran. Das war Absicht. Am ersten Tag wollte sie nicht abgehetzt durch die Gänge laufen und auf der Suche nach ihrem Klassenzimmer aussehen wie ein verlorenes Kind.
Trotzdem wunderte sie sich, warum bereits so viele Schüler auf das Schulgebäude zuliefen.
Je näher sie dem Eingang kam, desto mehr junge Leute begegneten ihr.
Neugierig betrachtete sie das alte Gebäude.
Wenn man es mit einem Wort beschreiben sollte, dann war dieses Wort vermutlich: erhaben.
Die drei Türme, die sich auch im Schulwappen wiederfanden, ragten über die Dächer empor. Dunkle Steine bildeten das Mauerwerk, an einigen Stellen von dichten Weinreben überwuchert. Die schmalen Fenster ließen nur wenig Sonnenlicht in das Gebäude.
Die Schule sah nicht aus wie eine Schule.
Eher wie ein altes Herrenhaus, in dem sich zufällig Hunderte Jugendliche aufhielten.
Amelie blieb einen Augenblick stehen.
Vielleicht war das ein Ort, an dem Kinder aus Familien hingingen, die schon seit Generationen hier lebten.
Familien, die dieselben Häuser bewohnten wie ihre Großeltern. Deren Eltern ihre Eltern kannten. Menschen, die wahrscheinlich wussten, wo sie mit dreißig sein würden, obwohl sie noch nicht einmal achtzehn waren.
Amelie hatte nicht einmal eine Ahnung, in welchem Staat sie in drei Jahren leben würde.
Sie schob den Gedanken beiseite.
Darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken.
Je näher sie dem Eingang kam, desto mehr Schüler sammelten sich um sie herum, und schließlich ließ sie sich einfach vom Strom mitreißen.
Im Gebäude angekommen, blieb sie kurz stehen.
Hohe Decken, dunkles Holz und polierter Stein. An den Wänden hingen gerahmte Fotografien früherer Abschlussjahrgänge. Dazwischen alte Mannschaftsbilder.
Amelie ging langsam weiter und betrachtete eines der Fotos.
Jungen in dunklen Trikots standen nebeneinander, einige mit verschränkten Armen, andere mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Eishockey
Natürlich.
Sie hatte bereits vergessen, dass Massachusetts nicht nur aus alten Gebäuden und hübschen Herbstlandschaften bestand.
Ein paar Mädchen blieben vor dem Foto stehen und unterhielten sich aufgeregt.
„Er ist dieses Jahr Kapitän.“
„Ich weiß.“
„Und hast du gehört, was gestern beim Training passiert ist?“
Amelie hörte nur mit halbem Ohr zu.
Sie wusste nicht, wer „er“ war, und eigentlich interessierte es sie auch nicht.
Sie wandte sich von dem Mannschaftsfoto ab und suchte nach dem Sekretariat.
Da der Unterricht noch nicht begonnen hatte, waren die Flure inzwischen brechend voll. Amelie hatte manchmal Mühe, sich ihren Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. Immer wieder murmelte sie Entschuldigungen und drängte sich vorsichtig nach vorne.
Doch im Gegensatz zu ihrer letzten Schule schien ihr hier niemand böse zu sein.
Im Gegenteil.
Sie bekam sogar manchmal ein Lächeln.
Und die Menschen sahen sie an.
Das war sie nicht gewohnt.
„Hey! Du bist neu hier, oder? Suchst du das Sekretariat?“
Eine kleine Gruppe Mädchen betrachtete sie neugierig.
Amelie nickte.
„Ja.“, antwortete sie leise.
Eines der Mädchen sagte ihren Freundinnen etwas zu und kam dann auf sie zu.
„Du bist hier aber völlig falsch. Ich führe dich hin.“
Amelie murmelte ein kurzes „Danke“ und folgte ihr.
„Mein Name ist übrigens Heather. Wie heißt du?“
Amelie seufzte innerlich.
So hatte es an den anderen Schulen auch angefangen.
Ein nettes Mädchen sprach sie an. Man unterhielt sich. Vielleicht saß man schon am nächsten Tag gemeinsam beim Mittagessen. Vielleicht tauschte man Telefonnummern aus.
Und dann erfuhr die andere irgendwann, dass Amelie wahrscheinlich nicht lange bleiben würde.
Meistens hielt eine Freundschaft höchstens ein paar Monate, manchmal sogar ein oder zwei Jahre.
Danach war sie wieder weg.
Amelie hatte irgendwann beschlossen, sich das zu ersparen.
Sie holte tief Luft.
„Mein Name ist Amelie. Heute ist mein erster Tag hier, aber ich habe schon mehrere erste Tage erlebt.“
Heather warf ihr einen neugierigen Blick zu.
Amelie fuhr fort.
„Sei mir nicht böse, Heather, aber ich bin wahrscheinlich nur zwei Jahre hier und dann wieder weg. Deshalb halte ich es für ziemlich sinnlos, enge Freundschaften zu schließen.“
Heather blieb mitten im Flur stehen.
Amelie ging noch zwei Schritte weiter, bevor sie bemerkte, dass ihre Begleiterin ihr nicht mehr folgte.
Sie drehte sich um.
Heather starrte sie an.
Für einen Moment sah Amelie in ihrem Gesicht genau das, was sie erwartet hatte: Unverständnis. Vielleicht sogar Enttäuschung.
Dann begann Heather zu lachen.
„Oh Mann, Amelie.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Du bist wirklich eine Granate.“
Amelie blinzelte.
„Was?“
„Wie alt bist du? Siebzehn?“
„Ja.“
„Ich auch.“
Heather grinste.
„Und soll ich dir ein Geheimnis verraten? Ich bin auch nur noch zwei Jahre hier.“
Amelie sah sie verständnislos an.
„Wie bitte?“
„Danach geht’s aufs College.“
Heather setzte sich wieder in Bewegung und winkte ihr, ihr zu folgen.
„Also hast du gerade zwei Jahre Zeit, dich mit mir anzufreunden.“
Amelie starrte sie einen Moment lang an.
Dann musste sie wider Willen lächeln.
Vielleicht, dachte sie, war diese Schule doch ein bisschen anders.
Heather war eine beeindruckende Erscheinung. Sie lief vor Amelie her und schien genau zu wissen, wohin sie wollte. Wenn es auf dem ohnehin schon vollen Flur zu eng wurde, reichte ein kurzer Pfiff von ihr und die Schüler machten ihnen bereitwillig Platz.
„Du scheinst hier sehr beliebt zu sein.“, vermutete Amelie.
Heather lachte.
„Nein. Auf der Briarwood Academy gibt es so etwas wie eine Bienenkönigin nicht.“
Amelie schnaubte amüsiert.
„Das würde mich aber wundern. Bisher gab es die an jeder Schule.“
Heather kicherte.
„Ja, es gibt immer wieder Mädchen, gerade aus den alteingesessenen Familien, die versuchen, hier so eine Art Macht aufzubauen. Aber das wird meistens von den Älteren unterbunden. Also auch von uns.“
Amelie sah sie von der Seite an.
„Und ihr seid die Älteren?“
„Zumindest sind wir lange genug hier, um zu wissen, wie der Laden funktioniert.“
Heather grinste und bog um eine Ecke.
Sie kamen an einer Gruppe junger Männer vorbei, die an den Spinden lehnten und sich lautstark unterhielten. Als Heather und Amelie vorbeigingen, pfiffen zwei von ihnen hinterher.
Amelie hob nur das Kinn und lief weiter. Sie würdigte die Jungen keines Blickes.
Heather schien das nicht einmal zu bemerken.
Erst als sie einige Meter weiter waren, deutete sie mit einem Kopfnicken zurück.
„Basketballer. Sie halten sich hier für die Könige.“
„Und sind sie es?“
Heather verzog den Mund.
„Vor ein paar Jahren hätte ich ja gesagt. Im Moment eher nicht so. Aber der eigentliche Sport, der hier verehrt wird, ist Eishockey.“
Amelie starrte sie an.
Eishockey.
Damit konnte sie nun wirklich nichts anfangen. Sie war bisher nur im Süden der USA zur Schule gegangen. Schnee und Eis waren dort eher etwas, das sie aus Filmen kannte.
„Da kenne ich mich überhaupt nicht aus. Ich hatte schon mit Footballspielern zu tun, aber das war es auch.“
Heather verzog angewidert das Gesicht.
„Footballer sollen sogar noch schlimmer sein als Basketballspieler.“
Amelie musste lachen.
„Das klingt jetzt nicht gerade vielversprechend.“
„Warte ab. Du wirst sehen, dass die Ravens …“
Heather kicherte plötzlich.
„… nur etwas anders sind. Auch sie sind arrogant. Zumindest waren sie es.“
„Waren?“
„Der neue Captain hält nicht viel davon.“
Amelie zuckte mit den Schultern.
Wahrscheinlich waren die Eishockeyspieler genauso große Angeber wie alle anderen Sportler, die sie bisher kennengelernt hatte. Aber das konnte ihr egal sein. Sie würde sich einfach von ihnen fernhalten.
Das war ohnehin besser.
„Wenn man vom Teufel spricht …“, murmelte Heather plötzlich.
Sie straffte die Schultern.
Amelie folgte ihrem Blick.
Ein Stück weiter standen mehrere junge Männer an den Spinden und unterhielten sich. Im Gegensatz zu den Basketballspielern waren sie auffallend ruhig. Sie lachten nicht laut und versuchten auch nicht, die Aufmerksamkeit der anderen Schüler auf sich zu ziehen.
Trotzdem war sofort zu erkennen, wer von ihnen das Sagen hatte.
Der Junge in ihrer Mitte sagte gerade etwas zu den anderen. Sie hörten ihm aufmerksam zu, während er mit einer Hand auf seinen Spind deutete.
Dann hob er den Kopf.
Sein Blick fiel auf Heather und Amelie.
Er hielt mitten im Satz inne.
Einer der anderen bemerkte es und folgte seinem Blick. Kurz darauf sahen auch die übrigen Jungen in ihre Richtung.
Amelie konnte nicht erkennen, was sie so aufmerksam machte. Auf dem Flur waren inzwischen so viele Schüler unterwegs, dass sie unmöglich wissen konnten, wen die Jungen überhaupt ansahen.
Doch der Junge in ihrer Mitte starrte eindeutig sie an.
Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke.
Sie runzelte die Stirn.
Irgendetwas an seinem Gesichtsausdruck irritierte sie. Er sah nicht aus wie die Jungen, die ihnen eben hinterhergepfiffen hatten. Da war kein überhebliches Grinsen, kein spöttischer Blick.
Er sah sie einfach nur an.
Als würde er versuchen, sich etwas zu erklären.
Amelie wandte den Blick ab und ging weiter.
Wenn sie eines vermeiden wollte, dann war es Aufmerksamkeit. Egal in welcher Form.
Und schon gar nicht von einem Jungen.
Sie wusste seit ihrer vorletzten Schule, dass sie sich nie wieder verlieben würde.
Es war einfach zu schmerzhaft.
Sie kannte das Gefühl noch zu gut. Dieses Kribbeln im Bauch, wenn man ständig darauf wartete, dass er sich meldete. Die Hoffnung, dass er dieselben Gefühle haben könnte. Die kleinen Gesten, die man plötzlich überinterpretierte.
Und dann der Moment, in dem man wusste, dass es ohnehin keine Zukunft gab.
Wenn sie sich verliebte, konnte es nur auf eines hinauslaufen.
Irgendwann musste sie wieder gehen.
Das war bisher immer so gewesen.
Vielleicht würde sie auch von der Briarwood Academy irgendwann wieder verschwinden. Vielleicht würde sie eines Tages erneut ihre Koffer packen und in eine andere Stadt ziehen, an eine andere Schule, zu anderen Menschen.
Sie wollte nicht noch einmal jemanden zurücklassen müssen, den sie liebte.
Deshalb würde sie die Jungs ignorieren.
Zumindest so weit es ging.
Heather schien von dem kurzen Blickkontakt nichts mitbekommen zu haben. Sie lief einfach weiter, bis sie vor einer schweren Eichentür stehen blieb.
„Hier ist das Sekretariat.“
Sie legte die Hand auf die Klinke und sah Amelie an.
„Ich komme mit rein. Vielleicht werde ich dir als Begleitung eingeteilt. Dann bin ich gleich zur Stelle.“
Sie lachte, als ahnte sie bereits, dass es genau so kommen würde.
Amelie lächelte.
Ganz ehrlich, Heather war ihr sympathisch.
Vor allem, weil sie sich offenbar nichts daraus machte, dass Amelie wahrscheinlich nicht lange bleiben würde. Sie behandelte sie nicht wie jemanden, der nur auf der Durchreise war, sondern wie eine Schülerin, die tatsächlich hierhergehörte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich etwas in Amelie nicht mehr ganz so schwer an.
Ein wenig Hoffnung machte sich in ihr breit.
Vielleicht würde es dieses Mal anders werden.










Ich mag Heather❤️ sie scheint wirklich ne klasse Person zu sein und hat ein tolles erstes Verhalten gezeigt 👀😘😁🤭
Schöner Anfang. Ich finde bisher, dass Amelie und Heather gut passen. Klar weiß ich nach einem Kapitel nicht, ob die beiden beste Freundinnen werden, aber ich finde, es könnte passieren.
schöner Anfang, der einen gleich mitreißt und nicht zäh ist