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Der Prinz der Finsternis

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Summary

Urheberrecht: Alle Rechte vorbehalten. Die Rebellion der Elben scheint niedergeschlagen. Zurückgezogen und an den Rand des Reiches gedrängt, fristet das einst herrschende Volk ein Leben im Schatten der Menschen. Wie viele andere hat auch Valyria sich mit der neuen Rollenverteilung arrangiert und dient als Zofe am Hof eines menschlichen Fürsten. Doch die Ruhe ist trügerisch. Als die Reiche der Menschen von einem Tag auf den anderen von nächtlichen Überfällen heimgesucht werden, geraten die Elben erneut ins Visier - und mit ihnen das elbenfreundliche Fürstenhaus, für das Valyria dient. Als alles, was sie sich über die letzten Jahre aufgebaut hat, zu zerbrechen droht, sieht sich Valyria nicht nur dem Hass der Menschen gegenüber, sondern auch einem alten Feind, dessen Antlitz ihr über Jahre den Schlaf raubte - ein Feind, der aus den Tiefen ihrer Vergangenheit zurückkehrt und mehr als nur ihren Tod begehrt.

Genre
Fantasy
Author
Arya
Status
Ongoing
Chapters
3
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Als Valyria die letzten Häuser Wints hinter sich zurückließ, streckte die Nacht bereits ihre dunklen Fänge in den Grauwald. Über ihr, dort wo das Blattwerk der Erlen die Risse des letzten Sturmes noch nicht wieder gefüllt hatte, schimmerten die den ganzen Tag über so grau gewesenen Wolken nun in einem sachten Rosa. Draußen auf der Steppe senkte sich die Sonne vermutlich gerade den Hügeln entgegen, doch davon ließ sich hier nicht viel erahnen. Die Schatten kehrten zurück, stärker mit jeder Minute - bereit, sich erneut in den Dienst der Nacht zu stellen. Nicht mehr lange und der Wald würde erneut in Schwärze versinken. Bis dahin jedoch wollte Valyria bereits verschwunden sein.

Der Pfad, dem sie folgte, schlängelte sich scheinbar willkürlich zwischen den knorrigen Stämmen hindurch, wand sich bald in die eine, bald in die andere Richtung. An einigen Stellen führte er gar zurück in die, aus der man kam, nur um nach einigen tausend Schritt in einer hundertachtzig Grad Kurve wieder die vorangegangene Richtung einzuschlagen. Das Schlimmste daran waren die Momente, in denen man wusste, dass der Weg einen zurück zwang, man ihn jedoch in einigen hundert Fuß Entfernung durch das Unterholz blitzen sehen konnte. Entsprechend groß war die Versuchung eine Abkürzung zu wagen und die Zahl jener, die es versucht hatten. Doch so willkürlich der Weg auch schien und so lästig er auch sein mochte, er hatte durchaus seine Berechtigung. Denn auch wenn der Wald einen geradezu friedlichen Eindruck vermittelte, so war er nichts Geringeres als eine Todesfalle. Ein Moor, das seines Gleichen vergeblich suchte.

Valyrias Blick schweifte zwischen den Stämmen der Erlen umher und über das nur dürftig vorhandene Unterholz, während sie rasch dahinschritt, das leichte Bündel mit Proviant über einer Schulter. Ihr Gesicht war ausdruckslos, einzig ihre großen grünen Augen verrieten ihre Wachsamkeit. Die lederne Rüstung, die sie trug, war unter einem aus grauen Wolfspelz gefertigtem Umhang verborgen, sodass sich ihr sehniger Bau nur an ihren Armen erahnen ließ. Wären da nicht die geschwungenen, an den Enden spitz zulaufenden Ohren gewesen, die aus dem Schwarz ihrer Haare hervor ragten, hätte man sie fast für einen Menschen halten können. Doch nur auf den ersten Blick. Spätestens an ihrem leichtfüßigen Gang erkannte man die Wahrheit, - die Menschen ihrer Heimat sagten oft, es sei, als schreite sie über ein unsichtbares Blütenmeer. Und auch ihre Haltung war zu aufrecht, zu selbstsicher für einen Menschen.

Inzwischen hatte sich zusammen mit der Dunkelheit eine nächtliche Kühle in den Wald geschlichen. Valyria nahm ein paar bewusste Atemzüge und genoss das prickelnde Gefühl in ihren Lungen, als die kühl-feuchte Luft die Hitze des Tages aus ihrem Körper vertrieb. Sie spürte, wie ihr Schritt leichter wurde und die Luft um sie herum mehr und mehr an ihrer Schwere verlor. Auch wenn sie es jedes Mal genoss, ihrer alten Heimat einen Besuch abzustatten, so war es doch ein befreiendes Gefühl, den Grauwald zu verlassen. Selbst auf der Steppe, wo es keine noch so kleine Schattenquelle gab, waren die heißen Tage erträglicher als in diesem Dampfkessel.

Allmählich begann sich der Grauwald um sie herum zu lichten. Immer häufiger brach das schwarze Gewölbe der Blätter nun auf und ließ die letzten Atemzüge des Tages hinab. Das Unterholz wurde dichter. Dort, wo zuvor Moos und Vorhänge aus Flechten das Bild geprägt hatten, drängten sich die ersten Farne. Zuweilen, wenn das Licht günstig fiel, sah Valyria die zu Schwingen geformten Blätter, die sich, anfangs noch einsam, bald aber in einem dichter werdenden Teppich über den Boden breiteten.

Sie hatte das Ende des Grauwaldes fast erreicht. Viele hundert Male war sie den Weg schon gegangen, deshalb wusste sie, dass er sich noch einmal nach rechts winden und nach etwa einer halben Meile auf die Steppe hinaus führen würde. Sie warf einen Blick hinauf und stellte mit Erleichterung fest, dass die Dämmerung ihren Abschluss noch nicht gefunden hatte.

Ihren Schritt beschleunigend folgte sie der Biegung des Weges, als sie im Augenwinkel plötzlich eine Bewegung wahrnahm. Augenblicklich fuhr sie herum, ließ ihren Beutel fallen und riss die beiden Schwerter, die sie an einem Gürtel unter dem Umhang trug, aus den Scheiden. Während sie in Abwehrhaltung ging, schälte sich vor ihr ein Schatten aus der Dunkelheit. Die Frage, weshalb sie die Gestalt erst so spät wahrgenommen hatte, verschwand in dem Moment, da der Fremde auf den Weg und in das Licht des schwindenden Tages trat. Er war ein Elb. Seine Rüstung, - fast vollständig unter einem Umhang verborgen -, war der ihren ähnlich, nur dass das Leder von eigenartig schwarzer Farbe war, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Fast schien es, als würde es alles Licht in der Nähe aufsaugen.

Der Fremde hob beschwichtigend die Hände. „Ihr müsst Leonora sein", sagte er. Seine Stimme war ungewöhnlich rau, fast wie die eines Menschen.

Valyria versuchte einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen, doch die Kapuze, welche an seinem Umhang befestigt war, hüllte alles darunter in eine undurchdringliche Schattenwand.

„Ich hatte mit Euch nicht vor Einbruch der Dunkelheit gerechnet", sprach er weiter. Nun spürte sie seinen Blick auf sich. Instinktiv wusste sie, dass sie etwas sagen musste. Es war dieses dumpfe Gefühl in ihrem Magen. Ein Gefühl, von dem sie schon lange nicht mehr befallen worden war und das sie davor warnte, auch nur einen Wimpernschlag ihre Achtsamkeit fallen zu lassen.

Sie ging im Kopf die Namen aller Grauwaldelben durch, an eine Leonora jedoch konnte sie sich nicht erinnern. Weder, dass sie eine Elbe mit diesem Namen je getroffen, noch auch nur ihren Namen gehört hätte. „Ihr müsst mich verwechseln", entgegnete Valyria. Tatsächlich hatte sie kurz mit dem Gedanken gespielt, sich als Leonora auszugeben, um mehr über den Fremden herauszufinden und vielleicht wäre sie damit sogar dem entgangen, was nun folgte. Tatsache war jedoch, dass sie nichts über diese Elbe oder die Absicht ihres Treffens mit dem Fremden wusste und dass sie damit früher oder später aufgeflogen wäre.

Valyria konnte förmlich spüren, wie sich der Blick unter der Kapuze verschärfte.

„Das ist bedauerlich." Es war viel weniger das, was er sagte, als vielmehr die Art, wie er es sagte, die in ihr alle Alarmglöcken läuten ließ. „Ich nehme an, Ihr kommt auch nicht im Auftrag Leonoras?"

Valyria unterdrückte den Drang, mit dem Kopf zu schütteln und verstärkte stattdessen den Griff um ihre Klingen. Sie hatte genügend Kämpfe ausgetragen, um die Ausbeulungen zweier Schwerter unter einem Umhang zu erkennen, - ganz abgesehen davon, dass Elben ohnehin nur aus diesem einen Grund Umhänge oder wie in ihrem Fall Mäntel trugen. Sich in einem möglichen Konflikt einen Vorteil zu verschaffen, in dem man das, was man besaß, bis zur letzten Sekunde verbarg, war der einzige Grund für einen Elben sich derart in seiner Bewegungsfreiheit einzugrenzen. Denn anders als bei den Menschen bedurfte es deutlich eisigerer Temperaturen, ehe ihresgleichen auch nur den Ansatz eines Fröstelns verspürte.

Valyria haftete ihren Blick auf die Schatten unter der Kapuze und auf den Punkt, an dem sie die Augen vermutete. „Mit wem auch immer Ihr Euch hier glaubt, treffen zu wollen, ich fürchte, Ihr seid hier nicht willkommen." Ihr Gesicht ließ keinen Zweifel daran, dass sie jedes ihrer Worte Ernst meinte.

Der Fremde neigte den Kopf zur Seite. Sie glaubte zu spüren, wie sich unter der Kapuze ein breites Grinsen zeichnete.

„Ist das so?" Er ließ eine kurze Pause. „Lasst uns ein Spiel spielen", schlug er vor. „Wenn Ihr die nächsten zehn Sekunden überlebt, gebe ich Euch die Chance, Eure Meinung noch einmal zu überdenken. Wenn nicht ... nun ..."

Wäre sie nicht schon in Abwehrhaltung gewesen, wäre das ihr Tod gewesen. Mit einer Schnelligkeit, bei der selbst ihre Augen Probleme bekamen, zog der Fremde zwei Schwerter unter seinem Umhang hervor und preschte noch in der Bewegung nach vorne. Im letzten Moment korrigierte Valyria ihren Stand und zog ihr rechtes Schwert, um den auf sie zukommenden Schlag zu parieren. Mit dem Linken holte sie währenddessen ihrerseits zum Schlag aus, doch ihre Klinge sollte ihren Gegner nicht erreichen.

Die Wucht, mit der ihre Schwerter aufeinander trafen, übertraf alles, was sie aus ihren zahlreichen anderen Kämpfen kannte. Sie spürte nur noch den Schmerz, der ihren Arm hinauf schoss und ihr den Atem nahm, dann war jegliches Gefühl verschwunden. Ihre Finger hatten keine Chance, der Wucht zu widerstehen. Begleitet von einem dumpfen Poltern fiel ihr Schwert einige Armlängen entfernt zu Boden. Doch ihr Gegner ließ ihr keine Zeit sich zu sammeln. Das linke Schwert viel zu nah am Körper, um den nächsten Schlag noch rechtzeitig parieren zu können, sprang Valyria zurück und versuchte verzweifelt, Abstand zwischen sich und ihren Kontrahenten zu bringen. Doch der Fremde setzte ihr sofort nach. Es gab keine Pause, kein noch so kleines Stocken in seinen Bewegungen. Valyria war keine schlechte Kämpferin, doch ihr letztes Duell lag zehn Jahre zurück. Es war nur ihrer Erfahrung und ihren Reflexen zu verdanken, dass sie noch auf den Beinen war. Sie versuchte, den Angriffen mit möglichst wenig Aufwand auszuweichen und eine Lücke in der Verteidigung ihres Gegners ausfindig zu machen, wann immer es ihr möglich war. Auf ein direktes Kräftemessen ließ sie sich nicht mehr ein. Sobald sie gezwungen war, einen Schlag zu parieren, gab sie dem Druck nach und ging die Bewegung ihres Gegners mit, statt sie gegen ihn zu richten.

So ging es hin und her, ohne dass es einem von ihnen gelang, einen entscheidenden Treffer zu landen. Auf eine gewisse Art und Weise schienen sie einander ebenbürtig zu sein, auch wenn es von außen so schien, als hätte der Fremde die Oberhand. Als sich ihre Klingen zum wiederholten Male kreuzten und Valyria ihr Gewicht bereits nach hinten verlagerte, um im Notfall schnell zurückspringen zu können, merkte sie plötzlich, dass die Wucht des Schlages dieses Mal deutlich schwächer ausfiel. Ohne weiter nachzudenken, ließ sie ihre defensive Haltung fallen und lehnte sich mit ihrer ganzen Kraft gegen das Schwert ihres Gegners. Ein schriller Laut ließ die Luft erzittern, als seine Klinge langsam aber unaufhaltsam an der ihren herab glitt. Jetzt hatte sie ihn! Gezwungenermaßen brach der Fremde seinen Angriff ab und sprang zurück. Dieses Mal war sie diejenige, die ihm nachsetzte.

Was ihr zuvor an Kraft gefehlt hatte, machte sie nun durch ihre Ausdauer wett, - etwas, das ihrem Kontrahenten zu fehlen schien. Hieb um Hieb ließ sie auf den Fremden niedergehen. Zwar parierte dieser ihre Angriffe noch immer mühelos, doch es gelang ihm nicht mehr, selbst die Offensive zu ergreifen.

Valyria machte einen weiten Satz zurück und nutzte den so gewonnenen Abstand, um nach vorne zu preschen und ihrem Angriff die nötige Kraft zu verleihen. In einem flachen Bogen schoss die Klinge auf die Schulter ihres Gegners zu. Dieser sah die Gefahr und hob sein Schwert. Wieder klirrte es. Stahl traf auf Stahl. Valyria glaubte schon, der Fremde würde der Wucht nicht standhalten, als er ihre Klinge im letzten Moment ableitete. Er wollte zurückweichen, doch sie war schneller. Mit einer Drehung um die eigene Achse löste sie ihr Schwert von dem seinen und nutzte den Schwung, um es gegen seine Hüfte zu richten. Sie hatte damit gerechnet, dass ihr Gegner versuchen würde, auszuweichen oder sein Schwert noch irgendwie herab zu reißen, doch scheinbar hatte er mehr Kampferfahrung, als sie gedacht hatte.

Mit einem großen Schritt war er an sie getreten. Sie war derart überrumpelt, dass sie viel zu spät reagierte. Die Klinge fuhr hinter ihm ins Leere und statt der tödlichen Schneide, bohrte sich lediglich die Parierstange ihres Schwertgriffs in seine Hüfte, jedoch mit so wenig Kraft, dass er es vermutlich nicht einmal spürte.

Als Valyria aufschaute, blickte sie direkt in das Schwarz seiner Kapuze.

„Was werdet Ihr jetzt tun?", hauchte der Fremde. Heißer Atem streifte ihr Gesicht und ließ es ihr kalt den Rücken hinab laufen. Sie wollte ihr Schwert zurückziehen, um auf Abstand gehen zu können, da packte er plötzlich ihren Arm und riss ihn in einer ruckartigen Bewegung herum. Valyria schrie auf. Sie spürte, wie sich ihre Finger einer nach dem anderen von dem Schwert lösten, konnte es jedoch nicht verhindern. Verzweifelt versuchte sie, sich loszureißen. Vergebens. Mit einem dumpfen Laut fiel auch ihr letztes Schwert zu Boden. Erst jetzt sah sie, dass der Fremde eines seiner Schwerter ebenfalls hatte fallen lassen, um ihren Arm ergreifen zu können. Er hatte seine ganze Deckung in diesem letzten verzweifelten Akt aufgegeben ...

Sie schaute zu dem in Schatten gehüllten Gesicht auf und plötzlich wurde ihr schlecht. Diese Ähnlichkeit, die Art wie er gekämpft hatte ... Sie hatte bisher nur einen Gegner gehabt, der mit einer solchen Präzision und Finesse gekämpft hatte. Doch das konnte nicht sein.

„Wer seid Ihr?" Ihre Frage war kaum mehr als ein Wispern.

Statt einer Antwort verdrehte der Fremde ihren Arm um ein weiteres Stück, sodass Valyria mit einem gequälten Stöhnen in die Knie sank.

„Das gleiche sollte ich wohl Euch fragen", zischte der Fremde, ohne seinen Griff auch nur ansatzweise zu lockern. „Hier ist die Chance, die ich Euch versprach!"

Der Tritt kam nicht unbedingt unerwartet, wohl aber plötzlich. Valyria spürte nur, wie der Schmerz in ihrem Unterleib explodierte und sich in Windeseile in alle Richtungen ausbreitete. Sie krümmte sich zusammen und da endlich ließ der Fremde sie los. Nach Luft ringend, kippte sie zur Seite. Nichts ging. Ihr Brustkorb blieb starr, verschnürt von unsichtbaren Ketten. Jeder Atemzug endete in einem krampfhaften Zittern. Mit letzter Kraft zwang sie sich, nicht noch enger zusammenzubrechen. Stattdessen drehte sie sich auf den Bauch, stemmte sich hoch - keuchend, zitternd, als würde etwas in ihr zerbrechen. Und dann - Luft. Wie ein Riss im Schleier. Gierig sog sie den ersten vollen Atemzug ein.

Noch leicht benebelt, nahm sie wahr, wie sich zwei schwarze Stiefel in ihr Blickfeld schoben.

„Euer Name!", hörte sie die raue Stimme des Fremden. Doch sie dachte gar nicht daran, ihm eine Antwort zu geben. Ihr Blick huschte an den Stiefeln vorbei. Ihr Schwert lag keinen Steinwurf von ihr entfernt. Wenn sie es schaffte ...

Ihr Gedanke fand ein jähes Ende, als sich ihr eine kräftige Hand um den Hals legte. Sie hatte gerade noch Zeit aufzuschreien, da wurde sie auch schon nach oben gerissen. Ihr Schrei wandelte sich in ein Keuchen und schließlich in ein ersticktes Japsen. Sie griff nach dem Arm ihres Gegenübers, schlug ihre Finger in sein Fleisch, fester und fester. Doch er ließ sie nicht los.

„Euer Name!"

Valyria hörte ihn schon nicht mehr. Schwarze Flecken legten sich über ihre Sicht, gewannen mit jedem versuchten Atemzug an Größe. Ihr Kopf wurde schwer, so unendlich schwer, dass sie sich einen Moment tatsächlich fragte, wie ihr Hals ihn all die Jahrzehnte hatte tragen können. Und das war der Moment, in dem ihr Körper die Kontrolle übernahm.

Die Finger noch immer in seinen Unterarm gekrallt, spannte sie ihre ganze Körpermuskulatur an. Sie stieß sich mit den Zehenspitzen vom Boden ab, soweit es ihr möglich war. Den Rest übernahmen ihre Arme. Sie zog sich an dem Arm des Fremden hoch und schlang in derselben Bewegung ihr rechtes Bein um seinen Hals. Das andere Bein presste sie gegen seine linke Hüfte.

Der Fremde stieß einen wütenden Laut aus. Sie spürte, wie er sich nach hinten legte und gleichzeitig seinen Griff um ihren Hals verstärkte. Ihr wurde schwarz vor Augen. Einen Moment war ihr, als würde sie die Kontrolle verlieren, doch irgendwie schaffte sie es, ihre Anstrengungen zu verstärken und sich noch ein Stück weiter an dem Fremden hochzuziehen.

Da endlich verlor er das Gleichgewicht. Begleitet von einem Fluch, stürzte er nach vorne. In dem Moment, da sich seine Hand von ihrer Kehle löste, drückte sie sich mit dem linken Bein gegen seine Hüfte, ließ seinen Arm frei und zog sich mit Hilfe des rechten Beines, welches noch immer um seinen Hals geschlungen war, nach oben. Das Ganze geschah in weniger als einem Wimpernschlag. Noch bevor ihr Gegner auf dem Boden aufschlug, stand sie bereits über ihm. Ohne nachzudenken und die noch verschwommene Sicht ignorierend, ließ sie sich auf seinen Rücken herabfallen, presste die Knie gegen seine Seiten und griff nach seinem im Sturz fallengelassenen Schwert, um es ihm seitlich gegen den Hals zu drücken.

„Wer hat Euch geschickt!?", fragte sie ein wenig zu laut. Ihr Atem ging stoßweise und sie hatte das Gefühl, dass ihr Herz ihr jeden Moment den Brustkorb zerfetzte.

Der Fremde versuchte, den Kopf in ihre Richtung zu drehen, doch sie unterband diesen Versuch noch im Ansatz, in dem sie den Druck gegen seinen Hals verstärkte.

„Wie kommt Ihr auf die Idee, dass mich jemand schickt?", entgegnete er und Valyria hörte mit Genugtuung, dass er ähnlich außer Atem zu sein schien.

„Beantwortet einfach die Frage!", zischte sie und drückte das Schwert noch ein wenig stärker gegen seinen Hals. Sie spürte, wie er unter ihr zusammenzuckte. Er mochte nicht sein, für wen sie ihn in einer Sekunde des Schreckens gehalten hatte. Denn dieser jemand war tot. Für immer. Dafür hatte sie gesorgt. Und doch ... Diese Art zu Kämpfen brachte man sich nicht selbst bei. Was also, wenn Mor zurück war. Allein bei dem Gedanken wurde ihr eng um die Brust. Wenn dem tatsächlich so war, dann musste sie es wissen.

„Wer hat Euch geschickt? Wer lehrte Euch, so zu kämpfen?!"

Der Fremde lachte. „Das Gleiche könnte ich Euch fragen", erwiderte er. „Niemand hat mir bisher erfolgreich die Stirn geboten."

Valyria packte die Kapuze des Fremden und zog seinen Kopf mit einem kräftigen Ruck zu sich, sodass sein Körper sich schmerzhaft nach oben bog. Er stöhnte auf und ließ einen wütenden Laut hören, der sie im ersten Moment mehr an das Knurren eines tollwütigen Tieres erinnerte.

„Wer. Hat. Euch. Geschickt", wiederholte sie betont langsam und legte ihm das Schwert direkt an die Kehle. Der Fremde schüttelte wie wild mit dem Kopf, konnte sich ihrem Griff jedoch nicht entziehen. Als er das zu erkennen schien, wurde er plötzlich ganz ruhig.

„Was wolllt Ihr nun tun?", fragte er. Sie war sich sicher, den Ansatz eines Lachens in seiner Stimme zu hören. „Wenn Ihr gewillt wäret, das Nötige zu tun, befänden wir uns wohl kaum in dieser Stellung. Also ..."

Das war der Moment, in dem in ihr alle Stränge rissen. Sie riss seinen Kopf so weit zu sich, dass seine Worte in einem erstickten Schrei untergingen. Er hatte Recht. Sie würde nicht tun, was nötig wäre, ihm die Wahrheit zu entlocken. Aber sie würde ihn ebenso wenig gehen lassen. Dafür war er zu gefährlich, sowohl im Umgang mit dem Schwert als auch im Umgang mit den Worten. Insbesondere Letzteres. Sie hatte schon einmal gesehen, was Worte für eine Macht besaßen, hatte es am eigenen Leib gespürt.

Valyria drückte das Schwert gegen die Kehle des Fremden.

„Richte Cidiel meine Grüße aus!" Sie wollte gerade zum Zug ansetzen, als ...

„Valyria, nicht!"

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