I: Die Prinzessinnen von Tusunia
Das Meer unterhalb des Palastes glitzerte so hell, dass Mariposa die Augen zusammenkneifen musste. Von ihrem Balkon aus konnte sie beinahe die gesamte Bucht überblicken. Weiße Gebäude zogen sich in breiten Terrassen die Küste entlang, unterbrochen von goldenen Kuppeln, offenen Säulengängen und Gärten, deren Pflanzen sich bis über die Mauern hinaus zum Wasser neigten. Zwischen den Inseln bewegten sich kleine Boote durch das tiefe Blau, während weiter draußen die Türme der unterseeischen Stadt unter der Oberfläche schimmerten. Wenn das Licht richtig fiel, konnte man ihre Spitzen erkennen.
Mariposa hatte diesen Anblick schon tausendmal gesehen. Heute half er ihr trotzdem nicht. „Er soll sehr freundlich sein“, sagte ihre Mutter, die hinter ihr an einem kleinen Tisch saß und einen Brief in der Hand hielt. Das rote Wachssiegel war bereits gebrochen. Mariposa kannte das Wappen darauf, obwohl sie den Mann, zu dem es gehörte, erst wenige Male getroffen hatte. „Das habe ich gehört.“ – „Und gebildet.“– „Auch das.“ Ihre Mutter senkte den Brief. „Du könntest wenigstens so tun, als wäre das eine neue Information.“ Mariposa drehte sich vom Meer weg. „Soll ich überrascht schauen?“– „Es würde das Gespräch interessanter machen.“ Ein Lächeln huschte über das Gesicht ihrer Mutter.
Genau das machte alles komplizierter. Niemand befahl Mariposa etwas. Niemand hatte sie vor einen fremden Mann gestellt und ihr erklärt, dass sie ihn heiraten müsse. Ihre Eltern waren keine grausamen Herrscher, die ihre Töchter wie Figuren auf einem Spielbrett verschoben. Sie liebten sie. Und der Mann war tatsächlich freundlich. Das war fast schlimmer. „Wir sagen nicht, dass du ihn heiraten sollst“, sagte ihre Mutter, als hätte sie ihre Gedanken gehört. „Aber es wäre eine gute Verbindung. Für dich und für Tusunia.“ Da war es. Nicht du musst. Nur es wäre gut. Mariposa setzte sich ihr gegenüber. „Und wenn ich nicht möchte?“ – „Dann möchtest du nicht.“ Die Antwort kam ohne Zögern. Trotzdem lag der Brief zwischen ihnen.
Seit ihrer Kindheit hatte Mariposa gewusst, dass ihr Name mehr bedeutete als nur sie selbst. Sie war eine Prinzessin von Tusunia. Nicht die direkte Thronerbin und nicht einmal die wichtigste Person innerhalb der weit verzweigten königlichen Familie, aber sichtbar genug, dass ihre Entscheidungen selten nur ihre eigenen blieben. Welche Veranstaltungen sie besuchte, mit wem sie sprach, was sie trug, wie gut sie die alten Lieder beherrschte und ob ihre Aussprache bei offiziellen Zeremonien korrekt genug war – irgendjemand hatte immer eine Meinung dazu. Meistens störte sie das nicht. Mariposa liebte Tusunia. Sie liebte die Musik, die Feste, das Meer und selbst einige der endlosen Traditionen, über die sie sich regelmäßig beschwerte. Sie mochte es, Menschen zu treffen, bei Veranstaltungen zu sprechen und einen Raum mit Leben zu füllen. Nur manchmal fragte sie sich, wann aus all den kleinen Erwartungen ein Leben geworden war, das bereits fertig geplant wirkte.
Die Tür öffnete sich ohne anzuklopfen. „Ich habe Neuigkeiten.“ Rosabella kam herein, als würde ihr der Raum gehören, was technisch gesehen nicht völlig falsch war. Ihre Mutter seufzte. „Habe ich zwei Töchter großgezogen, die Türen für eine unverbindliche Empfehlung halten?“ „Nur deine älteste“, sagte Rosabella. Mariposa starrte sie an. „Ich bin älter.“ „Historisch umstritten.“ „Du bist doch meine jüngere Schwester.“ Rosabella setzte sich neben sie. „Okay das behauptest du.“ Ihre Mutter blickte zwischen ihnen hin und her. „Warum habe ich nochmal zwei?“ „Politische Absicherung“, antwortete Rosabella. Mariposa lachte, obwohl sie es nicht wollte. Für einen Moment verschwand der Brief aus ihren Gedanken. Ihre Mutter stand auf und legte ihn vor Mariposa auf den Tisch. „Denk einfach darüber nach. Mehr verlange ich nicht.“ Sie küsste beide Töchter auf die Stirn und verließ den Raum. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, griff Rosabella nach dem Brief. „Wieder der nette Mann?“ Mariposa nahm ihn ihr aus der Hand. „Der nette Mann.“ Rosabellas Gesicht veränderte sich nur ein wenig, aber Mariposa kannte sie gut genug. „Was?“ „Ich muss dir etwas erzählen.“ Mariposa legte den Brief beiseite. „Das klingt nie gut.“
„Der Rat hat mit Vater gesprochen.“ „Das klingt noch schlechter.“ Rosabella ignorierte sie. „Sie wollen jemanden aus der Familie in Navîn.“ Mariposa blinzelte. „Im Rat der Sieben?“ „Nein. Noch nicht. Gespräche, Veranstaltungen, diplomatische Aufgaben. Tusunia vertreten, Kontakte halten. All das.“ „Und sie wollen dich?“ „Offenbar wirke ich verantwortungsbewusst.“ Mariposa musste lachen. „Danke.“ „Entschuldige.“ „Nein, tust du nicht.“ „Überhaupt nicht.“ Rosabella verdrehte die Augen, wurde aber schnell wieder ernst. „Vater findet es sinnvoll. Mutter wahrscheinlich auch.“ Mariposa beobachtete sie. „Und du?“ „Ich will gehen.“
Die Antwort kam so schnell, dass Mariposa für einen Moment nichts sagte. Draußen rauschte das Meer gegen die Felsen. „Wirklich?“ Rosabella nickte. „Ich liebe Tusunia. Das weißt du. Aber hier kennt jeder meinen Namen, meine Familie und meistens schon meine nächsten drei Termine, bevor ich selbst davon weiß. Ich möchte einmal irgendwo leben, wo nicht jeder glaubt zu wissen, was als Nächstes für mich kommt.“ Mariposa sah auf den roten Brief vor sich. „Aber wenn der Rat möchte, dass du gehst…“ „Dann sollte ich bleiben, nur damit sie nicht bekommen, was sie wollen?“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Wenn ich nur bleibe, weil ich nicht tun will, was der Rat von mir erwartet, entscheide ich trotzdem nicht selbst.“ Mariposa schwieg. Sie hasste es, wenn ihre kleine Schwester vernünftig war. „Wann?“ „In ungefähr einem Monat.“ „Ein Monat?“ „Ich wollte es dir früher sagen.“ „Du weißt es seit heute.“ „Eben.“
Mariposa schob den Brief mit einem Finger über den Tisch. Rosabella beobachtete sie dabei. „Was willst du eigentlich?“ „Dass du aufhörst, mir unangenehme Fragen zu stellen.“ „Danach.“ Mariposa öffnete den Mund, doch nichts kam. Sie wusste, was von ihr erwartet wurde. Sie wusste, was vernünftig wäre. Sie wusste sogar, was wahrscheinlich ein gutes Leben ergeben würde. Aber das war nicht die Frage gewesen. „Ich weiß es nicht.“ Rosabella nickte, als wäre das die ehrlichste Antwort, die Mariposa ihr hätte geben können. „Dann finde es heraus.“ Ein Windstoß bewegte die hellen Vorhänge. Von irgendwo unterhalb des Balkons drang Musik herauf, begleitet vom Lachen der Menschen auf den Terrassen. Rosabella stand auf. „Komm mit.“ Mariposa sah zu ihr. „Wohin?“ „Nach Navîn.“ Sie lachte. Rosabella nicht. „Du meinst das ernst.“ „Ja.“ „Du willst, dass ich mit dir nach Navîn ziehe?“ „Ich wollte eigentlich auf den Markt, aber wenn du schon fragst.“ „Rosabella.“ „Natürlich meine ich das ernst.“ Mariposa stand auf und ging wieder zum Balkon. Navîn. Die Stadt, die keinem Reich gehörte und gleichzeitig allen. Sie kannte sie aus Erzählungen, offiziellen Besuchen und Bildern. Eine Insel, auf der Sirenen neben Vampiren lebten, Magier mit Hexen diskutierten und niemand zweimal hinsah, wenn ein Wolf durch einen Park lief. „Und was soll ich dort machen?“ „Leben.“ Mariposa drehte sich um. „Sehr konkreter Plan.“ „Du könntest zum ersten Mal keinen haben.“
Das Lächeln verschwand aus Mariposas Gesicht. Sie dachte an ihre Eltern, an das Meer, an die Menschen, die sie liebte und an all die Dinge, die sie hier zurücklassen würde. „Ich habe Angst.“ Rosabella lehnte sich neben sie an die Balustrade. „Ich auch.“ Mariposa sah sie überrascht an. „Du wirkst nicht so.“ „Das ist mein Gesicht.“ Mariposa lachte leise. Rosabella stieß sie mit der Schulter an. „Angst zu haben heißt nicht, dass man etwas nicht will.“ Mariposas Blick fiel wieder auf den Brief. Vielleicht wollte sie nicht vor einem Mann davonlaufen, den sie kaum kannte. Vielleicht wollte sie überhaupt nicht davonlaufen. Vielleicht wollte sie nur einmal selbst entscheiden, wohin sie ging. „Wann wolltest du es ihnen sagen?“ Rosabella runzelte die Stirn. „Was?“ „Dass ich mitkomme.“ Langsam breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. „Ich wusste, dass du vernünftig wirst.“ „Sag das nie wieder.“
Das Gespräch mit ihren Eltern verlief weniger dramatisch, als Mariposa befürchtet hatte. Ihr Vater hörte sich alles an, ohne sie zu unterbrechen. Ihre Mutter saß neben ihm und sah Mariposa mit einem Ausdruck an, den sie nicht ganz deuten konnte. „Ihr habt euch das also bereits überlegt“, sagte ihr Vater schließlich. „Ja“, antwortete Rosabella. Mariposa hob die Hand. „Seit ungefähr einer Stunde.“ Rosabella sah sie an. „Hilfreich.“ „Ich möchte ehrlich sein.“ Ihr Vater konnte ein Lächeln nicht ganz verbergen. „Und was möchtest du in Navîn tun?“ Mariposa hatte auf diese Frage gewartet und trotzdem keine bessere Antwort. „Das möchte ich herausfinden.“ Es wurde still. „Ich hatte gehofft, dass deine Zukunft hier liegt“, sagte ihr Vater schließlich. Es war kein Vorwurf. Genau deshalb traf es sie. Mariposa sah zu ihm. „Vielleicht tut sie das. Aber vielleicht muss ich erst gehen, um zu wissen, ob ich zurückkommen möchte.“ Ihre Mutter atmete langsam aus und nickte. „Dann geh.“
Einen Monat später stand Mariposa am Hafen von Tusunia und fragte sich, ob sie vollkommen den Verstand verloren hatte. Hinter ihr erhob sich die Stadt in Weiß, Gold und Blau, vor ihr lag das offene Meer. Ihre Mutter hielt sie länger fest als sonst. „Schreib.“ „Jeden Tag.“ „Das glaube ich dir nicht.“ „Jede Woche?“ „Besser.“ Ihr Vater umarmte Rosabella und sagte etwas so leise zu ihr, dass Mariposa es nicht verstand. Als er anschließend sie in die Arme nahm, hielt er sie einen Moment fest. „Du musst niemandem beweisen, dass du dort hingehörst.“ Mariposa schluckte. „Ich weiß.“ „Gut.“ Rosabella wartete bereits am Schiff. Mariposa nahm ihre Tasche und ging zu ihr. Kurz vor der Rampe drehte sie sich noch einmal um. Ihre Eltern standen am Hafen. Dahinter glänzte der Palast in der Sonne, und weiter unten brach das Meer gegen die weißen Felsen. Es sah genauso aus wie immer. Nur Mariposa fühlte sich anders. Rosabella hielt ihr die Hand hin. „Bereit?“ Mariposa sah auf das Schiff, dann auf den Horizont. „Nein.“ Rosabella grinste. „Perfekt.“ Mariposa nahm ihre Hand und gemeinsam gingen sie an Bord.








