Kapitel 1: Hoffnung für den Hoffnungslosen
Ich hasse diese Schule. Also nicht per se das Gebäude an sich, sondern eher die Kreaturen, die sie bevölkern. Und mit Kreaturen meine ich meine Mitschüler. Mein Name ist Karl-Heinz und ich bin an die 8. Klasse einer Hauptschule gebunden. Und klar, nun würden manche meinen: „Ihh, Hauptschule!“, allerdings waren die wenigsten von euch auch nur im Entferntesten das Mobbingopfer Nr. 1 an eurer Schule – und als solches lernt es sich einfach nicht gut.
Klar könnt ihr nun Betroffenheit heucheln und euch in euren kleinen Gehirnen ein Bild malen, wie das wohl sein mag für ein Kind und einen Jugendlichen. Nun ja, diese Geschichte soll keine Hasstirade über jene sein, die mein Leben zur Hölle gemacht haben. Nein, es soll vielmehr eine Geschichte über meine erste Liebe werden. Diese ... nun ja, wie soll ich es beschreiben, ist auch der Grund, warum ich mich gerade auf dem Dach der Schule befinde und auf den Asphalt darunter blicke. Aber lasst mich etwas ausholen, damit ihr meinen Standpunkt – also den auf dem Dach – nachvollziehen könnt.
Alles begann an einem schönen, sonnigen Donnerstag, an dem ich verprügelt und zerkratzt hinter der Schule lag. Den Grund kenne ich nicht mehr, aber vermutlich habe ich zu lange in die Richtung einer Mitschülerin geschaut, wodurch diese sich „belästigt“ fühlte. Tja, das hatte ich wohl davon, einmal am Tag zur Tafel aufzuschauen. Wie dumm von mir, etwas vom Unterricht mitbekommen zu wollen.
Nun, auf jeden Fall war das Schöne an diesem Donnerstag nicht der Teil, an dem ich fast etwas von meinem Unterricht mitbekommen hätte. Nein, es war vielmehr das Mädchen, das ich im Schatten eines Baumes stehen sah, als ich wie ein verwundeter Hund am Boden lag. Zuerst hatte ich sie nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen und – wie ihr euch denken könnt – versucht, sie nicht direkt anzuschauen. Allerdings sagte etwas in meinem Inneren, ich sollte einen ganzen Blick wagen. Und verdammt noch mal, der war es wert.
Ich sah sie für einen Augenblick an, wie sie dort im Schatten stand, mit ihrer altertümlichen Kleidung und ihrem wallenden, schwarzen Haar. Ich glaube, ein Lächeln auf ihren Lippen gesehen zu haben, als sie mir zuwinkte, bevor ich ohnmächtig wurde. Ungefähr zwei Stunden später kam ich wieder zu mir – dem Stand der Sonne nach zu urteilen, natürlich. So etwas wie ein Handy besaß ich leider nicht, geschweige denn eine Uhr.
Ich hatte diese Begegnung schon als Halluzination abgetan, aber von jenem Tag an sah ich sie immer öfter aus der Entfernung. Immer stand sie im Schatten, in dunklen Ecken und unter Bäumen. Leider sah ich nie ihre Augen, nur immer ihr schwarzes, wunderschönes Haar und dieses sanfte Lächeln, das mich zu ihr rief.
Ich war verliebt und in meine Gedanken über das mysteriöse Mädchen versunken, was meine Peiniger umso wütender machte, da ich ihnen nicht mehr die gewünschte Aufmerksamkeit schenkte. Ganz ehrlich, sollten sie doch machen, was sie wollen, solange ich nur träumen kann. So dachte ich.
Nun ja, ich bin wohl wirklich ein Träumer, wenn ich dachte, das Ganze würde mich über die Torturen meiner Mitschüler hinwegheben. Je mehr ich mich in mein Schneckenhaus zurückzog, desto aggressiver wurden sie und versuchten immer mehr, eine Reaktion von mir zu erzwingen.
Wenn mir jetzt jemand kommt mit Lehrern oder Eltern – nun, vergesst es. Hatte ich alles schon durch. Am Ende mussten sich einige Rowdys bei mir entschuldigen und haben mir danach gedroht, mich hinter der Schule aufzuhängen, sollte ich noch einmal petzen. Immerhin ist das ja alles meine Schuld. Nun, ich hatte Angst. Sollten einige Eltern von euch das vielleicht lesen: Denkt daran, dass nicht immer alles in Ordnung ist, was so scheint.
Auf jeden Fall wurde es gleichzeitig schöner und schlimmer. Das Mädchen im Schatten kam immer näher und die Schikanen wurden immer härter. Klar würde jetzt jemand einen Zusammenhang vermuten, aber um nur einmal in ihre Augen zu blicken, die hinter diesem schönen Haar versteckt liegen, würde ich jede Schikane der Welt in Kauf nehmen.
Ein gutes Beispiel für diese absurde neue Dynamik war der darauffolgende Dienstag. Große Pause. Der absolute Tiefpunkt eines jeden Schultages, wenn man wie ich am unteren Ende der Nahrungskette steht. Ich stand am Rand des Pausenhofs, den Rücken an die raue Klinkerfassade gepresst, in der Hoffnung, irgendwie mit den Ziegelsteinen zu verschmelzen.
Natürlich funktionierte das nicht. Marco – nennen wir das personifizierte Klischee eines hirnlosen Schulhof-Tyrannen einfach Marco – und seine zwei treuen Schimpansen hatten mich bereits erspäht. Normalerweise wäre mein Puls jetzt auf hundertachtzig hochgeschnellt. Mein Magen hätte sich verkrampft und ich hätte panisch überlegt, wohin ich fliehen könnte. Aber an diesem Tag? Nichts. Nur eine seltsame, wattierte Leere.
Während Marco mir im Vorbeigehen den Rucksack von der Schulter riss, ihn öffnete und meine Schulsachen lachend in eine schlammige Pfütze trat, spürte ich nicht einmal Wut. Mein Blick war über seine breite Schulter hinweg auf den Eingang der alten Turnhalle gerichtet. Besser gesagt: auf den schmalen Spalt zwischen Turnhalle und Geräteschuppen, wo die Sonne niemals hinkam.
Dort stand sie.
Dieses Mal war sie keine hundert Meter entfernt. Es waren vielleicht zwanzig. Ihr schwarzes, altertümliches Kleid – oder war es ein Mantel? – schien das spärliche Licht der Umgebung regelrecht zu verschlucken. Und während Marco mir eine spöttische Ohrfeige verpasste, die schmerzhaft in meinem Ohr klingelte, hob das Mädchen langsam, fast majestätisch, eine blasse Hand aus den Schatten.
Sie winkte nicht. Sie legte nur einen Finger an die Stelle, wo ich ihre Lippen vermutete, als wollte sie mir ein Geheimnis anvertrauen. Pscht.
„Heulst du gleich, Kalle?“, ätzte Marco und schubste mich grob gegen die Wand. Der Schmerz zog durch meine Schulter, doch ich reagierte nicht wie sonst. Stattdessen lächelte ich. Es war ein echtes, fast schon entrücktes Lächeln, das mir unbewusst über die Lippen huschte.
Marcos Gesichtsausdruck entgleiste für eine Sekunde. Er war es nicht gewohnt, dass sein Lieblingsspielzeug kaputt war und nicht mehr wie gewünscht wimmerte. Verwirrung flackerte in seinen Augen auf, dicht gefolgt von Unbehagen. Irgendetwas an meinem leeren Blick irritierte ihn. „Bist du jetzt komplett irre geworden, du Psycho?“, murrte er, spuckte verächtlich vor meine Füße und zog mit seinen Kumpels ab. Sie suchten sich lieber ein Opfer, das noch nach den alten Regeln spielte.
Ich sank an der Wand hinab, ignorierte meine ruinierten Hefte im Schlamm und starrte einfach nur in die Dunkelheit zwischen den Gebäuden. Sie war verschwunden. So lautlos, wie sie gekommen war. Die Ecke war wieder leer und trist. Aber in diesem Moment, mit pochender Wange und einem ruinierten Rucksack, wusste ich, dass ich nicht verrückt war. Sie war real. Und aus irgendeinem Grund hatte sie mich auserwählt.








