Prolog
Er stirbt.
Ich weiß es.
Ich weiß es, und trotzdem warte ich darauf, dass er die Augen wieder öffnet.
„Cassian.“
Sein Name kommt nur als Flüstern über meine Lippen.
Der Schnee fällt immer dichter.
Er bleibt in seinem schwarzen Haar hängen. Auf seinen Schultern. Auf den langen Fingern, die reglos neben seinem Körper liegen.
Blut färbt das Weiß unter ihm rot.
Viel zu viel Blut.
„Bitte.“
Er reagiert nicht.
Natürlich nicht.
Niemand kommt, um ihn zu retten.
Niemand ruft nach ihm.
Am Ende bekommt Cassian Vale genau das, wovor er sich sein ganzes Leben lang gefürchtet hat.
Er ist allein.
Und ich hasse es.
Ich hasse ihn beinahe dafür.
Dafür, dass er aufgegeben hat.
Dafür, dass er jeden Menschen von sich gestoßen hat, der ihm vielleicht hätte helfen können.
Dafür, dass er so viele schreckliche Dinge getan hat, dass niemand mehr nach dem Jungen gesucht hat, der irgendwo tief unter all dieser Grausamkeit begraben lag.
Aber ich habe ihn gesehen.
Ich kenne den Jungen, der hungrig in Hauseingängen geschlafen hat.
Ich kenne den Jungen, der geglaubt hat, endlich gerettet worden zu sein.
Ich weiß, was danach mit ihm passiert ist.
Und ich kenne den Mann, zu dem er wurde.
Grausam.
Kalt.
Manchmal unverzeihlich.
Aber ich kenne auch die Momente, die sonst niemand gesehen hat.
Deshalb tut es so weh.
„Du hättest nicht so enden dürfen.“
Meine Sicht verschwimmt.
Cassian bewegt sich nicht.
Die Dunkelheit kriecht bereits nach ihm.
Sie legt sich um seinen Körper, verschluckt erst seine Beine, dann seine Hände.
Bald wird nichts mehr von ihm übrig sein.
„Cassian.“
Eine Träne löst sich aus meinen Wimpern.
„Ich bin hier.“
Dumm.
So verdammt dumm.
Er kann mich nicht hören.
Er konnte mich nie hören.
Trotzdem strecke ich die Hand nach ihm aus.
Meine Fingerspitzen berühren—
Papier.
Ich erstarre.
Der Schnee ist fort.
Das Blut auch.
Vor mir liegt kein sterbender Mann.
Nur ein Buch.
Meine Träne landet mitten auf der letzten Seite.
Direkt auf seinem Namen.
Cassian Vale.
Ich starre auf die letzten Worte.
Und so starb der Black Duke, wie er gelebt hatte.
Allein.
Etwas in meiner Brust zieht sich so schmerzhaft zusammen, dass ich das Buch zuklappen möchte.
Ich kann es nicht.
„Das ist nicht fair“, flüstere ich.
Lächerlich.
Er ist nicht echt.
Nur Tinte.
Papier.
Eine erfundene Figur in einer erfundenen Welt.
Also warum weine ich um ihn, als hätte ich ihn gekannt?
Warum fühlt es sich an, als hätte ich jemanden verloren?
Ich streiche mit dem Daumen über seinen Namen.
„Ich hätte dich nicht allein gelassen.“
Die Buchstaben unter meinem Finger bewegen sich.
Ich reiße die Hand zurück.
Mein Atem stockt.
Nein.
Ich muss mich verguckt haben.
Doch die Tinte verläuft weiter.
Die letzte Zeile verschwindet.
Langsam.
Als würde das Papier sie verschlucken.
Dann erscheinen neue Buchstaben.
Einer nach dem anderen.
Ich kann nur zusehen.
Das hättest du nicht sagen dürfen.
Mir wird kalt.
„Was …?“
Die Lampe neben mir erlischt.
Dunkelheit verschluckt das Zimmer.
Ich springe auf und das Buch gleitet von meinen Knien.
Doch bevor es den Boden berührt, schlagen die Seiten von allein auf.
Ein Windstoß fährt durch den Raum.
Unmöglich.
Meine Fenster sind geschlossen.
„Was passiert hier?“
Die Seiten flattern schneller.
Hunderte auf einmal.
Dann—
Stille.
Das Buch liegt offen vor meinen Füßen.
Eine leere Seite.
Ich sollte weglaufen.
Stattdessen starre ich darauf.
Schwarze Tinte erscheint.
ELARA WYNN
Mein Herz setzt aus.
Mein Name.
In einem Buch, in dem er nicht vorkommt.
Darunter entsteht ein zweiter Satz.
DU GEHÖRST NICHT IN DIESE GESCHICHTE.
Ich weiche zurück.
Der Boden ist nicht mehr da.
Mein Fuß findet keinen Halt.
Ich falle.
Mein Schrei wird von der Dunkelheit verschluckt.
Und unmittelbar bevor alles um mich herum schwarz wird, höre ich etwas, das unmöglich sein sollte.
Eine Männerstimme.
Leise.
Kalt.
Ganz nah an meinem Ohr.
„Dann hättest du mich sterben lassen sollen.“








