Prolog
Adrian
Liv Hartmann war siebenundzwanzig Minuten zu spät, und obwohl es lächerlich gewesen wäre, daraus irgendeine Bedeutung zu ziehen, bemerkte ich es sofort.
Seit kurz nach vier stand ich immer wieder am Fenster, zunächst mit dem Vorwand, nur auf die Straße zu sehen, später ohne mir überhaupt noch die Mühe zu machen, mich selbst zu belügen. Der Regen hatte am frühen Nachmittag begonnen und inzwischen diesen gleichmäßigen, feinen Schleier über die Stadt gelegt, der die Autoscheinwerfer auf dem nassen Asphalt verzerrte und die Fassaden gegenüber dunkler erscheinen ließ, als sie waren. Menschen liefen mit eingezogenen Köpfen durch die Straßen, drängten sich unter Vordächer oder fluchten über vergessene Regenschirme, während ich in meiner Wohnung stand und auf einen weißen Transporter wartete, dessen Kennzeichen ich längst kannte.
Als er schließlich am Straßenrand hielt, stellte ich die Kaffeetasse auf die Fensterbank.
Liv stieg auf der Beifahrerseite aus.
Für einige Sekunden blieb sie einfach neben dem Wagen stehen und betrachtete das Haus, in das sie von nun an jeden Abend zurückkehren würde. Ihre dunklen Haare waren offen und der Regen legte sich fast augenblicklich auf die langen Strähnen. Sie schien es nicht zu bemerken. Stattdessen stemmte sie die Hände in die Hüften und legte den Kopf in den Nacken, als würde sie versuchen, sämtliche Fenster gleichzeitig zu erfassen.
Ich kannte dieses Haus inzwischen besser als die meisten Menschen, die darin lebten.
Die alte Dame im ersten Stock verließ jeden Dienstagmorgen um kurz nach neun ihre Wohnung und kam meistens mit zwei Tüten aus dem Supermarkt zurück. Der Mann über ihr arbeitete im Schichtdienst. Im Hinterhaus wohnte seit Monaten niemand mehr, obwohl abends gelegentlich Licht in einem der Räume brannte. Der Vermieter war geschieden, hatte zwei erwachsene Töchter und eine Schwäche für schlechte Rotweine.
Und seit heute wohnte Liv im dritten Stock.
Direkt gegenüber.
Sie sah anders aus als auf den Bildern.
Das war das Erste, was mich störte.
Fotos ließen sich betrachten, analysieren und weglegen. Sie hielten still. Sie änderten ihren Gesichtsausdruck nicht plötzlich, lachten nicht über irgendeinen dummen Kommentar und strichen sich auch keine nasse Haarsträhne aus der Stirn, während sie mit dem Fahrer des Transporters diskutierten.
Die Frau dort unten tat all das.
Und damit wurde aus einem Namen etwas Unberechenbares.
Ich beobachtete, wie sie die hintere Tür des Transporters öffnete und nach dem ersten Karton griff. Schon an ihrer Haltung war zu erkennen, dass er zu schwer für sie war, doch Liv zog ihn trotzdem heraus. Sie setzte ihn gegen ihre Hüfte, machte ein paar Schritte und verlor beinahe das Gleichgewicht, bevor sie ihn mit dem Knie abfangen konnte.
Sie fluchte.
Selbst durch die Entfernung konnte ich es an ihren Lippen erkennen.
Unwillkürlich musste ich lächeln.
Es war nur eine kleine Bewegung meiner Mundwinkel, nicht mehr, und trotzdem verschwand sie in dem Moment, in dem ein Mann aus dem Hauseingang trat und ihr die Tür aufhielt.
Ich kannte ihn nicht.
Noch nicht.
Er sagte etwas zu ihr. Liv antwortete, woraufhin er den Karton übernahm und ihr mit der freien Hand kurz an den Rücken fasste, um sie an sich vorbeizulassen.
Zu vertraut.
Mein Blick blieb einen Augenblick länger auf ihm liegen.
Es gab keinen vernünftigen Grund, sich seinen Mantel zu merken. Oder seine ungefähre Größe. Oder die Tatsache, dass sein rechter Schuh an der Spitze leicht abgenutzt war.
Ich tat es trotzdem.
Dann verschwanden beide im Haus.
Für einige Minuten geschah nichts.
Ich trat vom Fenster zurück, setzte mich nicht und schaltete auch kein Licht ein. Meine Wohnung lag bereits seit Stunden im Halbdunkel. Es war einfacher so. Von draußen konnte man höchstens Konturen erkennen, solange man nicht wusste, wonach man suchte.
Dann ging gegenüber Licht an.
Zuerst im Flur.
Wenig später im Wohnzimmer.
Liv erschien am Fenster und sah sich langsam in dem Raum um, in dem sie wahrscheinlich noch vor wenigen Wochen nicht einmal gewusst hatte, dass sie jemals leben würde.
Ich hatte dafür gesorgt, dass sie es tat.
Nicht direkt.
Direkte Eingriffe erzeugten Fragen.
Fragen führten zu Misstrauen, und Misstrauen ließ Menschen aufmerksam werden.
Also hatte ich lediglich Möglichkeiten geschaffen.
Ein Vormieter, der überraschend früher ausziehen konnte.
Ein Vermieter, der sich plötzlich wieder an ihre Bewerbung erinnerte.
Eine andere Interessentin, deren Unterlagen auf einmal nicht mehr vollständig waren.
Kleine Dinge.
Nichts, was irgendjemand miteinander verbunden hätte.
Zufälle waren eine ausgesprochen praktische Erfindung. Die meisten Menschen nahmen sie dankbar an, weil die Alternative weitaus unangenehmer gewesen wäre.
Liv trat näher ans Fenster.
Mein Körper reagierte, bevor ich darüber nachdenken konnte.
Ich trat einen halben Schritt zurück.
Nicht weit genug, um vollständig aus ihrem Blickfeld zu verschwinden, aber weit genug, damit mein Gesicht im Schatten blieb.
Sie sah auf die Straße hinunter, dann in einige der anderen Wohnungen und schließlich direkt zu mir.
Ihre Augen blieben an meinem Fenster hängen.
Nur zwei Sekunden.
Vielleicht drei.
Länger brauchte sie nicht.
Ich sah, wie sich ihre Haltung veränderte. Kaum sichtbar, aber eindeutig. Ihre Schultern spannten sich an und ihre Augen wurden schmaler, als hätte ihr Körper etwas bemerkt, das ihr Verstand noch nicht erklären konnte.
Liv hatte gute Instinkte.
Das wusste ich längst.
Sie sah weg.
Dann wieder zurück.
Diesmal blieb ihr Blick länger.
Ich bewegte mich nicht.
Sie konnte mich unmöglich richtig erkennen. Das Wohnzimmer hinter mir war dunkel, und zwischen unseren Häusern lagen fast dreißig Meter. Trotzdem legte sie die Finger an den Vorhang.
Für einen Moment dachte ich, sie würde ihn schließen.
Sie tat es nicht.
Natürlich nicht.
Liv war vorsichtig, aber sie war noch immer überzeugt davon, dass die Welt im Großen und Ganzen berechenbar war. Dass eine abgeschlossene Tür Sicherheit bedeutete. Dass fremde Menschen fremd blieben, solange man ihnen nicht selbst die eigene Geschichte erzählte.
Sie wusste es noch nicht besser.
Später stand sie in ihrer Küche, mit einem Glas Rotwein in der Hand und einem Rauchmelder, der sich wegen einer verbrannten Tiefkühlpizza beinahe hysterisch gebärdete.
Ich hätte mich längst vom Fenster entfernen sollen.
Stattdessen blieb ich.
Sie öffnete das Küchenfenster, fächerte Rauch mit einem Geschirrtuch hinaus und redete dabei offenbar mit sich selbst. Irgendwann nahm sie einen viel zu großen Schluck aus ihrem Glas und verzog das Gesicht.
Wieder musste ich lächeln.
Es gefiel mir nicht, wie leicht sie mir Reaktionen entlockte.
Menschen wie Liv waren gefährlich, gerade weil sie selbst keine Ahnung davon hatten.
Sie glaubten, Gefahr müsse laut sein.
Aggressiv.
Offensichtlich.
Dabei begann sie meistens damit, dass man eine Gewohnheit änderte.
Einmal zu oft an einem bestimmten Ort vorbeifuhr.
Einen Namen in ein Suchfeld eingab.
Ein Bild abspeicherte, das man eigentlich nur kurz ansehen wollte.
Oder anfing, auf eine Frau zu warten, die nicht wusste, dass sie beobachtet wurde.
Mein Telefon vibrierte auf dem Tisch.
Ich ließ Liv aus den Augen und griff danach.
Die Nachricht bestand aus drei Worten.
Sie ist drin.
Keine Begrüßung.
Kein Name.
Nichts, was eine Verbindung zwischen Absender und Empfänger hergestellt hätte.
Ich sah wieder zum Fenster gegenüber.
Liv stand jetzt mit dem Rücken zu mir und tippte auf ihrem Handy.
Wahrscheinlich schrieb sie Maja.
Ich kannte ihre Nachrichten nicht.
Nicht mehr.
Einige Grenzen waren notwendig, auch wenn sie sich lächerlich anhörten, sobald man bereits Dinge getan hatte, die für andere Menschen längst weit jenseits jeder Grenze lagen.
Ich antwortete nur:
Ich sehe sie.
Die Nachricht wurde gelesen.
Wenige Sekunden später erschien eine Antwort.
Dann bist du also wieder da.
Ich löschte den Verlauf, ohne darauf zu reagieren.
Draußen fuhr ein schwarzer Wagen langsam die Straße entlang.
Mein Blick folgte ihm automatisch.
Er war zu langsam.
Nicht ungewöhnlich langsam, aber langsam genug, dass ich ihn bemerkte.
Die Heckscheiben waren dunkel. Die Kennzeichenbeleuchtung funktionierte nicht. Als der Wagen an Livs Haus vorbeifuhr, verringerte er das Tempo noch einmal, bevor er an der nächsten Kreuzung rechts abbog.
Das leichte Gefühl von Unbehagen, das mich seit Beginn des Abends begleitet hatte, wurde stärker.
Ich griff erneut nach meinem Telefon.
Nicht wegen des Wagens.
Wegen der Benachrichtigung, die gerade auf dem Bildschirm erschien.
Bewegung im Treppenhaus.
Ich öffnete die Kamera.
Ein Mann hatte das Gebäude betreten.
Schwarze Jacke.
Kapuze.
Sein Gesicht war kaum zu erkennen.
Er ging an den Briefkästen vorbei, ohne langsamer zu werden, drückte keine Klingel und wandte sich direkt der Treppe zu.
Erster Stock.
Dann zweiter.
Ich sah wieder zu Liv.
Sie bemerkte nichts.
Stand noch immer in ihrer Küche, hielt das Weinglas in der Hand und war wahrscheinlich gerade damit beschäftigt, sich selbst einzureden, dass der erste Abend allein in einer neuen Wohnung etwas Befreiendes hatte.
Auf meinem Bildschirm erreichte der Mann den dritten Stock.
Livs Etage.
Mein Körper wurde augenblicklich ruhig.
Diese Form von Ruhe kannten Menschen meistens falsch.
Sie hielten sie für Gelassenheit.
Dabei war sie nur die Phase unmittelbar vor einer Entscheidung.
Ich nahm meine Jacke vom Stuhl.
In diesem Moment vibrierte das Telefon ein zweites Mal.
Eine Nachricht.
Unbekannte Nummer.
Ich öffnete sie.
Sie sieht genauso aus wie damals.
Für mehrere Sekunden tat ich nichts.
Der Satz war harmlos.
Für jeden anderen jedenfalls.
Für mich war er es nicht.
Es gab nur drei Menschen, die wussten, was damit gemeint war.
Einer davon war tot.
Der zweite war ich.
Und der dritte hätte niemals erfahren dürfen, dass Liv Hartmann heute in diese Wohnung gezogen war.
Mein Blick wanderte langsam zurück zu ihrem Fenster.
Sie stand noch immer dort.
Lebendig.
Ahnungslos.
Viel zu sichtbar.
Zum ersten Mal seit Beginn des Abends wünschte ich mir, sie hätte den verdammten Vorhang geschlossen.
Ich öffnete meine Wohnungstür.
Im Haus gegenüber ging das Licht im Flur an.
Dann wieder aus.
Liv wusste noch nicht, wer ich war.
Sie wusste nicht, weshalb ich ihren Namen bereits kannte, bevor sie überhaupt einen Fuß in diese Straße gesetzt hatte. Sie wusste nichts von den Wochen zuvor, nichts von den Dingen, die ich verändert hatte, damit sie heute genau hier stand.
Und vor allem wusste sie nicht, dass jemand anderes sie gefunden hatte.
Vielleicht würde sie eines Tages Angst vor mir haben.
Wahrscheinlich sogar.
Damit konnte ich leben.
Was ich nicht zulassen würde, war, dass sie lange genug lebte, um herauszufinden, weshalb sie vor dem anderen Mann sehr viel mehr Angst haben sollte.








