Im Schatten des Vergessens
Der Regen hatte die Stadt seit Stunden nicht mehr losgelassen.
Lydia stand am Fenster ihres kleinen Zimmers und beobachtete, wie die Regentropfen langsam über die Scheibe liefen. Manche blieben aneinander hängen, wurden schwerer und stürzten schließlich nach unten. Andere verloren sich irgendwo auf halber Strecke.
Sie wusste nicht, warum sie ihnen so lange zusah.
Vielleicht, weil sie sich selbst manchmal genauso fühlte.
Als würde sie irgendwo zwischen dem, was sie war, und dem, was sie sein sollte, festhängen.
Lydia legte eine Hand gegen das kalte Glas.
Draußen spiegelten sich die Lichter der Stadt auf dem nassen Asphalt. Autos fuhren vorbei, Menschen liefen mit Regenschirmen durch die Straßen und irgendwo in der Ferne fuhr eine Straßenbahn quietschend um eine Kurve.
Es war ein ganz gewöhnlicher Abend.
Ein ganz gewöhnliches Leben.
Zumindest sollte es das sein.
Lydia schloss die Augen.
Und plötzlich hörte sie wieder das Meer.
Nicht das Meer, das sie kannte.
Nicht den Strand, an dem sie als Kind mit ihren Pflegeeltern gewesen war. Nicht das Rauschen der Wellen, wenn sie im Sommer an der Küste entlangging.
Dieses Meer war anders.
Tiefer.
Dunkler.
Unendlich.
Eine Welle schlug gegen Felsen.
Lydia zuckte zusammen und öffnete die Augen.
Ihr Herz raste.
Sie sah wieder aus dem Fenster.
Nichts.
Nur Regen.
„Schon wieder“, flüsterte sie.
Seit sie denken konnte, hatte sie diese Träume.
Manchmal träumte sie von einem endlosen Ozean.
Manchmal von einem Palast aus weißem Marmor, der hoch über den Wolken stand.
Und manchmal von einem Jungen.
Immer von demselben Jungen.
Sie konnte nie sein Gesicht erkennen.
Doch sie wusste, dass sie ihn kannte.
Nicht aus ihren Träumen.
Aus ihrem Leben.
Aus einem Leben, an das sie sich nicht erinnern konnte.
Lydia hatte lange geglaubt, jeder Mensch hätte solche Träume. Irgendwann hatte sie aufgehört, darüber zu sprechen. Als Kind hatte sie ihre Pflegeeltern damit verrückt gemacht.
„Da ist ein Junge“, hatte sie ihnen einmal erzählt. „Er wartet auf mich.“
Ihre Pflegemutter hatte gelächelt und ihr über das Haar gestrichen.
„Das war bestimmt nur ein Traum, Lydia.“
Aber Lydia hatte gewusst, dass es keiner war.
Denn Gefühle konnte man nicht träumen.
Nicht solche Gefühle.
Wenn sie an ihn dachte, fühlte sich etwas in ihrer Brust gleichzeitig warm und schmerzhaft an.
Als hätte sie jemanden verloren, dessen Namen sie vergessen hatte.
Lydia wandte sich vom Fenster ab.
Auf ihrem Schreibtisch lag ein altes Fotoalbum.
Sie hatte es vor wenigen Tagen aus einer Kiste auf dem Dachboden geholt. Ihre Pflegemutter hatte es ihr gegeben, nachdem sie Lydia dabei erwischt hatte, wie sie nach alten Fotos suchte.
„Vielleicht findest du darin etwas, das du suchst“, hatte sie gesagt.
Lydia hatte damals nicht verstanden, was sie damit meinte.
Jetzt schon.
Sie setzte sich auf ihr Bett und zog das Album zu sich.
Vorsichtig schlug sie die erste Seite auf.
Kinderfotos.
Ein kleines Mädchen mit viel zu großen Kleidern.
Lydia.
Sie blätterte weiter.
Erster Schultag.
Geburtstage.
Sommerferien.
Weihnachten.
Alles war da.
Doch je weiter sie blätterte, desto merkwürdiger wurde es.
Zwischen den Bildern klafften Lücken.
Große Lücken.
Jahre, von denen es keine einzige Aufnahme gab.
Lydia runzelte die Stirn.
„Warum?“
Sie blätterte zurück.
Dann bemerkte sie etwas.
Auf der Rückseite eines Fotos stand ein Datum.
Darunter nur zwei Worte.
Nicht vergessen.
Lydia erstarrte.
Sie drehte das Foto um.
Darauf war sie vielleicht sechs oder sieben Jahre alt.
Sie stand an einem Strand.
Aber nicht allein.
Neben ihr stand ein Junge.
Das Bild war alt und an den Rändern beschädigt. Sein Gesicht war kaum zu erkennen.
Doch Lydia wusste sofort, wer er war.
Ihr Atem stockte.
Der Junge trug dunkle Kleidung und hatte schwarzes, leicht gewelltes Haar.
Und obwohl sie sein Gesicht kaum erkennen konnte, wusste Lydia plötzlich, wie sich seine Hand in ihrer angefühlt hatte.
Wie er gelacht hatte.
Wie er sie früher immer angesehen hatte.
Eine Erinnerung blitzte auf.
„Lydia! Warte auf mich!“
Ein kleiner Junge rannte über einen schwarzen Sandstrand.
Sie selbst – jünger, vielleicht acht Jahre alt – lachte und rannte davon.
„Du bist zu langsam!“
„Das sagst du jedes Mal!“
„Weil es stimmt!“
Er holte sie ein und packte ihre Hand.
Sie blieben stehen.
Vor ihnen erstreckte sich ein Meer, das so dunkel war, dass es fast schwarz wirkte.
Am Horizont leuchtete ein goldener Palast.
Lydia blinzelte.
Die Erinnerung verschwand.
Sie saß wieder auf ihrem Bett.
Ihr Herz schlug so heftig, dass es wehtat.
„Wer bist du?“
Ihre Finger zitterten.
Sie strich über das Gesicht des Jungen auf dem Foto.
Und dann geschah etwas, das sie noch nie zuvor erlebt hatte.
Eine Stimme flüsterte in ihrem Kopf.
Hades.
Lydia ließ das Foto fallen.
Es landete auf dem Boden.
„Hades.“
Sie wiederholte den Namen leise.
Er fühlte sich vertraut an.
Viel zu vertraut.
Wie ein Name, den sie jahrelang auf der Zunge getragen hatte.
Ein Name, den sie geliebt hatte.
Lydia stand auf.
Sie ging zum Spiegel.
Ihr Spiegelbild sah blass aus.
Ihre langen Haare fielen ihr über die Schultern, und ihre Augen wirkten dunkler als sonst.
Sie starrte sich selbst an.
„Wer bin ich?“
Keine Antwort.
Nur das leise Ticken der Uhr.
Dann klopfte es an der Tür.
Lydia zuckte zusammen.
„Lydia?“
Ihre Pflegemutter.
„Ja?“
„Alles in Ordnung?“
Lydia sah auf das Foto am Boden.
Sie hob es schnell auf.
„Ja.“
Eine kurze Pause.
„Bist du sicher?“
Lydia schluckte.
„Ich bin nur müde.“
Die Tür öffnete sich einen Spalt.
Ihre Pflegemutter steckte den Kopf herein.
„Du solltest schlafen.“
Lydia nickte.
„Mach ich.“
Die Tür schloss sich wieder.
Lydia wartete, bis sie die Schritte im Flur nicht mehr hörte.
Dann sah sie erneut auf das Foto.
Etwas daran machte ihr Angst.
Nicht der Junge.
Sondern die Tatsache, dass ihre Pflegemutter offensichtlich wusste, wer er war.
Lydia erinnerte sich plötzlich an ein Gespräch von vor vielen Jahren.
Sie war ungefähr zehn gewesen.
Sie hatte damals gefragt:
„Warum weiß ich nichts über meine richtigen Eltern?“
Ihre Pflegemutter hatte lange geschwiegen.
Dann hatte sie gesagt:
„Weil manche Wahrheiten gefährlich sein können.“
Lydia hatte es damals nicht verstanden.
Heute klang dieser Satz anders.
Sie setzte sich wieder aufs Bett und drehte das Foto um.
Unter Nicht vergessen stand noch etwas.
Eine kaum lesbare Zeile.
Wenn sie sich erinnert, wird er sie finden.
Lydia bekam eine Gänsehaut.
„Wer?“
In diesem Moment flackerte das Licht.
Einmal.
Zweimal.
Dann ging es aus.
Das Zimmer lag in völliger Dunkelheit.
Lydia hielt den Atem an.
Draußen donnerte es.
Und irgendwo weit entfernt schien sie etwas zu hören.
Ein Geräusch.
Tief.
Wie das Rufen einer Welle.
Dann flammte das Licht wieder auf.
Das Foto war verschwunden.
Lydia sprang auf.
„Was zum…?“
Sie suchte den Boden ab.
Nichts.
Sie öffnete die Schubladen.
Nichts.
Das Foto war einfach weg.
Und dann bemerkte sie etwas auf ihrem Fenster.
Wasser.
Nicht Regenwasser.
Eine einzelne dunkle Spur zog sich über das Glas.
Von innen.
Lydia trat langsam zurück.
Ihr Herz raste.
Auf der Scheibe erschienen Buchstaben.
Nicht geschrieben.
Sie bildeten sich aus winzigen Wassertropfen.
Lydia konnte kaum atmen.
Vier Buchstaben.
K O M M.
Dann verschwanden sie.
Lydia stand regungslos da.
Ihr Verstand sagte ihr, dass es unmöglich war.
Doch tief in ihrem Inneren wusste sie etwas anderes.
Das hier war kein Zufall.
Etwas hatte sie gefunden.
Oder vielleicht hatte sie endlich etwas gefunden, das schon die ganze Zeit auf sie gewartet hatte.
In derselben Nacht schlief Lydia kaum.
Als sie irgendwann doch einschlief, träumte sie.
Diesmal war sie nicht am Meer.
Sie stand in einem riesigen Saal.
Säulen aus schwarzem Stein ragten bis zu einer Decke, die von goldenen Sternen bedeckt war. Fackeln brannten an den Wänden, obwohl kein Wind sie bewegte.
Vor ihr stand ein Thron.
Darauf saß ein Mann.
Schwarzes Haar.
Dunkle Augen.
Eine Krone aus Schatten.
Lydia wusste sofort, wer er war.
Hades.
Er erhob sich.
„Du bist zurück.“
Lydia wollte sprechen.
Kein Wort kam über ihre Lippen.
Hades ging auf sie zu.
Mit jedem Schritt wurde sein Gesicht deutlicher.
Und plötzlich war er nicht mehr der fremde Gott aus ihrem Traum.
Er war der Junge vom Strand.
Der Junge, der ihre Hand gehalten hatte.
Der Junge, mit dem sie gelacht hatte.
Ihr bester Freund.
Ihre erste Liebe.
Ihre ganze Welt.
„Warum hast du mich vergessen?“, fragte er.
Lydia spürte Tränen auf ihren Wangen.
„Ich wollte dich nicht vergessen.“
„Aber du hast es.“
Er stand direkt vor ihr.
So nah, dass sie seinen Atem spüren konnte.
„Sie haben dich mir genommen.“
„Wer?“
Hades sah über ihre Schulter.
Sein Gesicht veränderte sich.
Angst.
Zum ersten Mal sah Lydia Angst in seinen Augen.
„Sie dürfen dich nicht finden.“
„Wer darf mich nicht finden?“
Hades griff nach ihrer Hand.
Seine Finger waren warm.
Viel zu warm für einen Gott der Unterwelt.
„Lydia.“
Seine Stimme brach.
„Wenn du dich erinnerst, wird der Krieg beginnen.“
Ein greller Blitz erhellte den Saal.
Lydia sah nach unten.
Auf ihren Händen lag Blut.
Sie schrie.
Und plötzlich hörte sie eine zweite Stimme.
Eine Frauenstimme.
Leise.
Fast liebevoll.
„Meine Tochter.“
Lydia riss die Augen auf.
Sie saß senkrecht in ihrem Bett.
Schweiß stand auf ihrer Stirn.
Ihr Herz raste.
Draußen war es noch dunkel.
Sie tastete nach der Lampe und schaltete sie ein.
Ihr Blick fiel auf ihre Hände.
Kein Blut.
Nur ihre zitternden Finger.
„Meine Tochter.“
Die Stimme hallte noch immer in ihrem Kopf.
Lydia stand auf und ging zum Spiegel.
Sie sah sich an.
Dann bemerkte sie etwas an ihrem Hals.
Ein kleines Zeichen.
Eine Art Symbol.
Drei geschwungene Linien, die sich umeinander bewegten.
Sie berührte es.
Ein stechender Schmerz durchfuhr sie.
Und plötzlich sah sie Bilder.
Eine Frau mit goldenem Haar.
Eine Muschel.
Das Meer.
Ein Dreizack.
Ein Tempel.
Und zwei Stimmen.
Eine männliche.
Tief und gewaltig.
„Sie ist unsere Tochter.“
Eine weibliche Stimme antwortete.
„Dann müssen wir sie verstecken.“
Lydia wich vom Spiegel zurück.
„Unsere Tochter…“
Sie konnte nicht mehr denken.
Ihre Hände zitterten.
Wer waren diese Menschen?
Warum war sie versteckt worden?
Warum hatte man ihre Erinnerungen ausgelöscht?
Und vor allem:
Warum hatte sie das Gefühl, dass irgendwo ein Mann auf sie wartete, der sie liebte, obwohl sie sich nicht einmal an seinen Namen erinnern konnte?
Lydia ging zurück zum Bett.
Dort lag plötzlich das verschwundene Foto.
Mitten auf ihrem Kissen.
Sie hob es langsam auf.
Doch diesmal war etwas anders.
Das Gesicht des Jungen war deutlich zu erkennen.
Und auf der Rückseite stand nicht mehr:
Nicht vergessen.
Dort stand nur ein einziger Satz.
Er hat dich nie vergessen.
Lydia starrte auf die Worte.
Dann hörte sie draußen einen Schrei.
Nicht menschlich.
Tief und fremdartig.
Sie trat ans Fenster.
Am anderen Ende der Straße stand eine Gestalt.
Groß.
Ganz in Schwarz gekleidet.
Lydia konnte das Gesicht nicht erkennen.
Doch sie wusste plötzlich, dass sie beobachtet wurde.
Die Gestalt hob langsam den Kopf.
Und für einen winzigen Augenblick trafen sich ihre Blicke.
Lydia erstarrte.
Schwarze Augen.
Dann war die Gestalt verschwunden.
Ein kalter Windstoß fuhr durch ihr Zimmer, obwohl das Fenster geschlossen war.
Lydia schloss die Augen.
Und ganz leise, kaum hörbar, flüsterte sie einen Namen, den sie seit Jahren vergessen hatte.
„Hades.“
Irgendwo weit entfernt öffnete ein Gott der Unterwelt die Augen.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren wusste er:
Lydia war zurück.








