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Vespera- Die fünfte Linie

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Summary

Sie war nie dafür bestimmt, nach Vespera zu kommen. Zumindest hat man Riven das ihr ganzes Leben lang glauben lassen. Zwischen mächtigen Gestaltwandlern, alten Blutlinien und den vier gefürchteten Royal-Alphas sollte ein Mädchen wie sie eigentlich nicht auffallen. Doch schon an ihrem ersten Tag wird klar: Riven passt in keine der Regeln, nach denen Vespera funktioniert. Befehle verlieren in ihrer Nähe ihre Macht. Instinkte reagieren auf sie, die sie nicht versteht. Und ausgerechnet Crown – das uralte Wesen, das über die Rangordnung der Akademie wacht – beginnt, sich für sie zu interessieren. Je tiefer Riven nach Antworten sucht, desto deutlicher wird, dass ihre Vergangenheit mit Geheimnissen verbunden ist, die seit Generationen verborgen werden. Doch Riven hat nicht vor, die Rolle zu spielen, die andere für sie vorgesehen haben. Denn vielleicht ist die wichtigste Frage nicht, was sie ist. Sondern wer sie sein will.

Status
Ongoing
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
16+

Prolog – Das Kind im Regen

Es regnete, als der Mann das Kind brachte.

Nicht dieser feine Regen, der sich höflich auf Dächer legte und irgendwann wieder verschwand.

Es schüttete.

Wasser lief durch die engen Straßen von Distrikt 1, sammelte sich in Schlaglöchern und zog den Schmutz der Stadt mit sich. Die wenigen Laternen warfen verschwommene Kreise auf das Pflaster.

Maeve war gerade dabei, das Fenster zu schließen, als es klopfte.

Dreimal.

Sie blieb stehen.

Es war weit nach Mitternacht.

Um diese Uhrzeit bedeutete Klopfen selten etwas Gutes.

„Wenn du wieder kein Geld hast, kannst du gleich verschwinden“, rief sie.

Keine Antwort.

Maeve verdrehte die Augen, griff nach dem kleinen Messer auf dem Tisch und ging zur Tür.

„Ich meine es ernst.“

Wieder nichts.

Sie öffnete.

Ein Mann stand davor.

Alt.

Zumindest älter als die Männer, die normalerweise nachts an ihre Tür kamen.

Sein Mantel war völlig durchnässt. Graues Haar klebte an seiner Stirn. Blut zog sich über eine Seite seines Hemdes.

Maeve sah zuerst das Blut.

Dann das Bündel in seinen Armen.

Das Bündel bewegte sich.

Sie senkte das Messer.

„Was ist das?“

Der Mann sah sie an.

„Ein Kind.“

Maeve blickte auf die Decke.

„Das sehe ich.“

„Sie braucht Hilfe.“

„Dann geh zu einem Heiler.“

„Kann ich nicht.“

„Warum?“

Der Mann schwieg.

Maeve begann, die Tür zu schließen.

Seine Hand schoss vor.

Nicht gegen sie.

Nur gegen die Tür.

„Bitte.“

Maeve hielt inne.

Etwas an seiner Stimme störte sie.

Nicht Macht.

Angst.

Echte Angst.

Sie sah wieder auf das Kind.

„Ist sie verletzt?“

„Nein.“

„Krank?“

„Nein.“

„Dann warum stehst du blutend vor meiner Tür?“

Der Mann blickte über seine Schulter in die dunkle Straße.

„Weil sie niemand finden darf.“

Maeve hätte die Tür schließen sollen.

Später dachte sie oft darüber nach.

Sie hätte Nein sagen können.

Sie kannte den Mann nicht.

Kannte das Kind nicht.

Und Menschen, die mitten in der Nacht mit Blut auf der Kleidung auftauchten, brachten selten ein ruhiges Leben mit sich.

Aber dann bewegte sich die Decke.

Eine winzige Hand erschien.

Maeve fluchte leise.

„Komm rein.“


Der Mann hieß Edris.

Zumindest behauptete er das.

Maeve stellte keine weiteren Fragen zu seinem Namen.

Menschen in Distrikt 1 lernten früh, dass Namen nicht immer Geschenke waren.

Manchmal waren sie Gefahren.

Edris legte das Kind auf Maeves Bett.

Maeve zog vorsichtig die Decke zurück.

Rotes Haar.

Nicht das blasse Rot mancher Babys.

Dieses Haar leuchtete beinahe im schwachen Licht der Lampe.

Maeve runzelte die Stirn.

„Das ist nicht normal.“

Edris antwortete nicht.

Das Baby öffnete die Augen.

Maeve erstarrte.

Es sah sie an.

Nicht einfach in ihre Richtung.

An.

Für einen absurden Moment hatte Maeve das Gefühl, von diesem winzigen Wesen geprüft zu werden.

Dann gähnte das Mädchen.

Maeve atmete wieder.

„Wie alt?“

„Wenige Wochen.“

„Mutter?“

Edris’ Gesicht veränderte sich.

Das genügte.

„Vater?“

„Nicht hier.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Es ist die einzige Antwort, die ich dir geben kann.“

Maeve sah ihn lange an.

„Du bist schlecht darin, um Hilfe zu bitten.“

„Das wurde mir schon gesagt.“

„Glaube ich sofort.“


Edris zog einen Umschlag aus seinem Mantel.

Dick.

Maeve musste ihn nicht öffnen, um zu wissen, was darin war.

„Nein.“

„Du weißt nicht einmal—“

„Geld.“

„Ja.“

„Nein.“

„Maeve.“

Sie wurde still.

„Woher kennst du meinen Namen?“

Edris sah sie an.

Fehler.

Ein kleiner.

Aber einer.

Maeve nahm das Messer wieder fester.

„Woher kennst du meinen Namen?“

„Ich habe nach jemandem gesucht.“

„Nach mir?“

„Nach jemandem, der ein Kind nimmt, ohne zuerst zu fragen, was es wert ist.“

Maeve lachte kalt.

„Und da dachtest du an eine Hure aus Distrikt 1.“

Edris zuckte nicht zusammen.

Gut.

Wenigstens das.

„Ich dachte an eine Frau, die drei Monate lang das Kind ihrer Nachbarin versorgt hat, als diese krank war.“

Maeves Lächeln verschwand.

„Du hast mich beobachtet.“

„Ja.“

„Das solltest du nicht noch einmal tun.“

„Nein.“

Sie deutete auf den Umschlag.

„Nimm dein Geld.“

„Das Kind kostet—“

„Kinder kosten immer.“

„Maeve.“

„Wenn ich sie nehme, nehme ich sie. Nicht dein Geld.“

Edris sah sie an, als hätte er diese Antwort erwartet und gleichzeitig gehofft, sie nicht zu bekommen.

Langsam steckte er den Umschlag zurück.


„Wie heißt sie?“

Stille.

Maeve blickte auf das Baby.

„Sie hat doch einen Namen.“

„Riven.“

Maeve wiederholte ihn leise.

„Riven.“

Das Baby bewegte die Hand.

Maeve berührte einen winzigen Finger.

Er schloss sich sofort um ihren.

Verdammt.

„Und der Nachname?“

Edris zögerte.

„Keiner, den sie behalten sollte.“

Maeve hob den Blick.

„Dann bekommt sie meinen.“

Edris sagte nichts.

„Arden.“

Etwas in seinem Gesicht wurde weich.

„Riven Arden.“

Maeve nickte.

„Klingt besser.“


Dann legte Edris etwas neben das Kind.

Einen Anhänger.

Alt.

Dunkles Metall.

Maeve wollte ihn nehmen.

„Nicht.“

Sie hielt inne.

„Du legst etwas auf mein Bett und sagst mir dann, ich soll es nicht anfassen?“

„Versteck ihn.“

„Was ist das?“

„Etwas, das ihr gehört.“

„Wertvoll?“

„Für die falschen Menschen.“

Maeve nahm ein Tuch und wickelte den Anhänger darin ein.

„Noch etwas?“

Edris sah Riven an.

Sehr lange.

Dann sagte er:

„Wenn jemand kommt und behauptet, sie gehöre ihm, lüg.“

Maeve verschränkte die Arme.

„Kinder gehören niemandem.“

Edris sah sie an.

Zum ersten Mal lächelte er.

Nur kurz.

„Deshalb bist du die Richtige.“


Maeve mochte das nicht.

„Was ist sie?“

Das Lächeln verschwand.

„Ein Kind.“

„Versuch es noch einmal.“

„Mehr musst du nicht wissen.“

„Du bringst mir mitten in der Nacht ein Baby, bist verletzt, wirst offensichtlich verfolgt und sagst mir, dass Leute nach ihr suchen werden.“

Maeve trat näher.

„Ich muss sehr wohl mehr wissen.“

Edris schwieg.

Dann:

„Sie ist nicht menschlich.“

Maeve blickte zum Bett.

Riven hatte die Augen wieder geschlossen.

„Was dann?“

„Das darf ich dir nicht sagen.“

„Darfst du nicht oder weißt du es nicht?“

Edris sah sie an.

„Beides.“

Das war zumindest ehrlich.


„Wird sie gefährlich?“

Edris antwortete sofort.

„Nein.“

Zu schnell.

Maeve bemerkte es.

„Du weißt es nicht.“

„Nein.“

„Gut.“

Edris runzelte die Stirn.

„Gut?“

„Menschen, die behaupten zu wissen, was ein Baby einmal wird, sind meistens Idioten.“

Edris lachte leise.

Diesmal wirklich.

„Ihre Mutter hätte dich gemocht.“

Maeve sah ihn an.

„Ist sie tot?“

Das Lachen verschwand.

„Ich weiß es nicht.“


Draußen ertönte ein Geräusch.

Weit entfernt.

Ein Heulen.

Edris erstarrte.

Maeve bemerkte es.

„Wolf?“

Er stand auf.

Zu schnell.

Seine Hand ging an seine Seite.

„Ich muss gehen.“

„Warte.“

„Ich kann nicht.“

„Wer sucht sie?“

Edris sah zur Tür.

„Menschen, die glauben, Ordnung sei dasselbe wie Gehorsam.“

Maeve verstand kein Wort davon.

„Das ist keine Antwort.“

„Mehr kann ich dir nicht geben.“

Er ging zur Tür.

Maeve folgte ihm.

„Kommst du zurück?“

Seine Hand blieb auf der Klinke liegen.

„Wenn ich kann.“

„Das klingt nach Nein.“

„Vielleicht.“

Maeve hasste dieses Wort.


Edris öffnete die Tür.

Der Regen war noch stärker geworden.

„Edris.“

Er drehte sich um.

Maeve stand mitten in ihrem kleinen Zimmer.

Hinter ihr schlief ein fremdes Baby in ihrem Bett.

„Wenn du mir irgendwann erklären kannst, was hier eigentlich passiert, tust du es.“

„Ja.“

„Kein vielleicht.“

Edris sah sie an.

„Ich verspreche es.“

Dann ging er.


Maeve schloss die Tür.

Verriegelte sie.

Zweimal.

Danach stand sie eine Weile einfach da.

„Gut“, murmelte sie.

Keine Antwort.

„Natürlich.“

Sie ging zurück zum Bett.

Riven schlief.

Maeve setzte sich neben sie.

„Nur damit das klar ist.“

Das Baby schlief weiter.

„Ich habe keine Ahnung von Babys.“

Eine winzige Nase verzog sich.

„Und du wirst nicht nachts schreien.“

Riven öffnete die Augen.

Maeve seufzte.

„Das war offensichtlich zu viel verlangt.“

Das Baby begann zu weinen.

Maeve nahm es hoch.

Ungeschickt.

Vorsichtig.

„Ja, ja. Ich weiß.“

Riven beruhigte sich erstaunlich schnell.

Ihr Kopf lag an Maeves Brust.

„Riven Arden“, murmelte Maeve.

Das fühlte sich seltsam an.

Zu schnell richtig.


Draußen, auf dem Dach gegenüber, saß etwas im Regen.

Klein.

Dunkel.

Still.

Es beobachtete das Fenster.

Nicht das Haus.

Nicht Maeve.

Das Kind.

Riven öffnete die Augen.

Ihr Blick wanderte zum Fenster.

Direkt dorthin.

Die dunkle Gestalt bewegte sich nicht.

Das Baby auch nicht.

Für einen langen Moment sahen sie einander an.

Dann senkte die Gestalt den Kopf.

Nicht vor einer Königin.

Nicht vor einer Auserwählten.

Vor einem Kind.

Und wandte den Blick ab.

Bewusst.

Zum ersten Mal.

Damit Riven Arden die Chance bekam, zunächst nichts weiter zu sein als das.

Ein Kind.

Und siebzehn Jahre lang schwieg Crown.

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Good Writing

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Great Character

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Strong Dialog

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