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RESTWERT

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Summary

Jeder Mensch hat einen Restwert. Er bestimmt, wie viel seine Zukunft noch wert ist - und wie viel davon sich schon heute zu Geld machen lässt. Das System hat Millionen Menschen Chancen eröffnet: Studium, Eigentum, medizinische Behandlung, ein neues Leben. Auch Leonie verdankt ihm ihre Karriere. Sie arbeitet dort, wo seine Berechnungen geprüft werden, und hat keinen Grund, an seiner Logik zu zweifeln. Bis in einem Datensatz ein Wert auftaucht, den es nicht geben kann: RESTWERT: −4.718.203 € Negative Restwerte sind mathematisch ausgeschlossen. Zunächst hält Leonie den Eintrag für einen Fehler. Dann findet sie weitere. Und je genauer sie untersucht, was diese Menschen verbindet, desto gefährlicher wird eine Frage, die das gesamte System berührt: Was, wenn der Restwert nicht mehr nur vorhersagt, welche Zukunft einem Menschen bleibt - sondern längst mitentscheidet, welche Zukunft er überhaupt noch haben darf?

Genre
Scifi,Thriller
Author
Darzz
Status
21h ago
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

01 – 24,8

„Der hängt schief.“

Simon sah vom Küchenschrank zu Leonie.

„Der hängt nicht schief.“

„Doch.“

„Die Wand ist schief.“

Leonie lehnte sich mit dem Rücken an die Arbeitsplatte und verschränkte die Arme.

Simon hielt noch immer den Schraubendreher in der Hand. Die obere Schranktür stand offen, darunter lagen zwei Schrauben, ein Dübel und die kleine Wasserwaage, die er seit zehn Minuten nicht benutzt hatte.

„Beweis es.“

Er sah sie an.

„Morgen.“

„Dachte ich mir.“

Simon schnaubte und drehte sich wieder zum Scharnier.

Leonie nahm ihr Glas vom Tisch. Der Wein war inzwischen zu warm, aber sie trank trotzdem einen Schluck.

Draußen war es schon dunkel. Im Fenster spiegelte sich die Küche, heller als der Raum dahinter: Simon auf dem Stuhl, den Oberkörper halb im Schrank, sie selbst am Tisch, das Tablet zwischen einer Schale mit Zitronen und der ungeöffneten Post.

„Wenn du den jetzt noch dreimal ein- und ausbaust, wird er davon auch nicht gerader.“

„Ich baue ihn nicht aus.“

„Was machst du dann?“

„Ich korrigiere ihn.“

„Seit einer halben Stunde.“

„Präzision braucht Zeit.“

Leonie lächelte.

„Das sage ich morgen im Büro.“

„Bitte mit Quellenangabe.“

Das Tablet vibrierte einmal.

Leonie sah hin.

Eine kleine Anzeige erschien am oberen Bildschirmrand und verschwand wieder.

Neubewertung abgeschlossen.

Sie stellte das Glas ab.

Simon bemerkte es nicht. Er fluchte leise, weil ihm die Schraube aus den Fingern rutschte.

Leonie zog das Tablet zu sich heran.

Die Übersicht öffnete sich dort, wo sie sie am Nachmittag verlassen hatte.

Konten. Verträge. Rücklagen.

Darunter Restwert.

Sie tippte darauf.

24,8 %

Leonie merkte, dass sie lächelte.

Es war erstaunlich, wie wenig passierte.

Kein grüner Haken. Keine Gratulation. Keine Meldung, dass sie ein Ziel erreicht hatte.

Nur die Zahl.

Darunter standen dieselben Positionen wie immer.

Prospektiver Erwerbswert.

Gebundene Ansprüche.

Aktuelle Belastung.

Verfügbarer Restwert.

Beleihungsgrad.

Sie tippte auf die Detailansicht.

„Was ist?“

Leonie blickte auf.

Simon hatte den Schraubendreher zwischen die Zähne geklemmt und hielt die Schranktür mit beiden Händen fest.

„Vierundzwanzig Komma acht.“

Er nahm den Schraubendreher aus dem Mund.

„Ah.“

„Ah?“

„Ist gut, oder?“

„Unter fünfundzwanzig.“

„Dann ist es gut.“

„Ja.“

Simon hielt die Tür los. Sie blieb, wo sie war.

Er betrachtete sie kritisch.

Leonie sah wieder auf das Tablet.

Die Tilgung hatte beigetragen, aber weniger, als sie erwartet hatte. Der größere Sprung kam aus dem Erwerbswert. Die Vergütungsrunde war vollständig eingerechnet worden, dazu eine leicht bessere Langfristprognose. Die Karrierekomponente lag höher als in ihrer eigenen letzten Rechnung.

Sie öffnete die Veränderungsübersicht.

„Interessant.“

„Hm?“

„Die Karrierekomponente ist stärker gestiegen.“

Simon war wieder mit dem Scharnier beschäftigt.

„Ist doch gut.“

„Ja.“

Leonie scrollte zurück.

Es war gut.

Nur anders als gerechnet.

Sie hatte den Zeitpunkt vor Monaten ziemlich genau abgeschätzt. Tilgung, Zinsentwicklung, erwartete Einkommensanpassung, konservative Fortschreibung. Dass die Bewertung sie früher unter die Grenze bringen würde, war kein Problem. Im Gegenteil.

Sie schloss die Detailansicht.

„Wie viel hattest du eigentlich zuletzt?“

„Keine Ahnung.“

Leonie sah ihn an.

„Ungefähr.“

„Zwölf irgendwas.“

„Elf Komma sieben.“

Simon drehte sich zu ihr um.

„Warum weißt du das?“

„Weil wir darüber gesprochen haben.“

„Du hast darüber gesprochen.“

„Du warst dabei.“

„Das stimmt.“

Er hob die Hände, als sei die Frage damit geklärt, und wandte sich wieder dem Schrank zu.

Leonie schüttelte den Kopf.

„Elf Komma sieben ist nicht besonders wenig.“

„Hab ich auch nicht behauptet.“

„Du weißt es nur nicht.“

„Du weißt es ja.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Für mich schon ein bisschen.“

Sie musste lachen.

Simon grinste, ohne sie anzusehen.

Das war einer der Gründe, warum solche Gespräche mit ihm so schwer eskalierten. Nicht, weil er ihnen auswich. Er nahm nur vieles nicht persönlich genug, um sich daran festzubeißen.

Leonie sah wieder auf die Zahl.

24,8.

Unter fünfundzwanzig.

Sie hatte damals dreißig gesagt. Später fünfundzwanzig.

Sie hatte es gerechnet. Mehrmals.

Nach dem Kauf würde es zunächst höher sein, das war klar gewesen. Dann sollte es sinken. Erst langsam, später schneller. Sie hatte nicht gewollt, dass ein zu großer Teil ihrer nächsten Jahre bereits fest verplant war.

Dreißig war vernünftig gewesen.

Fünfundzwanzig fühlte sich vernünftiger an.

„Dann sind wir jetzt da“, sagte Simon.

Leonie sah zu ihm.

„Wo?“

Er deutete mit dem Schraubendreher auf das Tablet.

„Da.“

„Unter fünfundzwanzig.“

„Genau.“

„Ja.“

Simon wartete.

Leonie kannte dieses Warten.

Es war kein demonstratives Schweigen. Er füllte nur nicht automatisch jede Lücke.

Sie legte das Tablet auf den Tisch.

„Was?“

„Nichts.“

„Du guckst.“

„Ich gucke immer.“

„Nicht so.“

Simon setzte sich auf die Stuhlkante und legte den Schraubendreher neben sich.

„Und jetzt?“

Leonie runzelte die Stirn.

„Was jetzt?“

„Jetzt, wo wir da sind.“

„Dann bleiben wir erst mal da.“

„Okay.“

„Was heißt okay?“

„Okay heißt okay.“

„Bei dir gibt es mindestens vier verschiedene Okays.“

„So viele?“

„Das echte Okay. Das Ich-hab-keine-Lust-mehr-Okay. Das Ich-halte-das-für-Quatsch-aber-lass-dich-Okay. Und das Okay, bei dem du schon weißt, dass du gleich eine Frage stellst.“

Simon dachte kurz nach.

„Welches war das?“

„Das letzte.“

„Okay.“

Leonie sah ihn an.

Er grinste.

„Sehr lustig.“

„Danke.“

Sie nahm ihr Glas wieder.

Simon stand auf und ging zum Kühlschrank.

„Willst du auch Wasser?“

„Ja.“

Er stellte zwei Gläser auf die Arbeitsplatte und füllte sie.

„Ich dachte nur, du wolltest irgendwann wieder über die anderen Sachen reden.“

Leonie schwieg einen Moment.

„Welche anderen Sachen?“

Simon hob den Blick.

Sie wusste natürlich, welche.

„Wir reden doch darüber.“

„Tun wir.“

„Eben.“

Er reichte ihr ein Glas.

„Meistens darüber, wann wir darüber sprechen.“

Leonie nahm das Wasser.

„Das stimmt nicht.“

Simon sagte nichts.

„Nach dem Kauf war es sinnvoll zu warten.“

„Ja.“

„Dann hatten wir gesagt, nach fünf Jahren.“

„Auch ja.“

„Dann kam die Zinsanpassung.“

„Mhm.“

„Und da warst du derjenige, der gesagt hat, dass wir nicht gleichzeitig alles aufmachen sollten.“

„War ich.“

Sie hatte mit einem Widerspruch gerechnet.

Dass er ihr recht gab, war störender.

„Also.“

„Also was?“

„Dann haben wir es nicht einfach immer verschoben.“

„Hab ich nicht gesagt.“

„Es klang so.“

„Ich meine nur: Wir hatten jedes Mal einen Grund.“

„Genau.“

„Und jedes Mal eine neue Marke.“

Leonie trank einen Schluck.

Simon nahm sein Glas und lehnte sich an die gegenüberliegende Arbeitsplatte.

„Nach fünf Jahren“, sagte er. „Dann nach der Zinsanpassung. Dann unter dreißig.“

„Unter dreißig war sinnvoll.“

„Sag ich doch.“

„Und unter fünfundzwanzig auch.“

„Hab ich auch nie bestritten.“

Leonie stellte das Glas etwas zu fest ab.

„Was möchtest du denn hören?“

„Gar nichts.“

„Doch.“

Simon sah sie an.

„Ich wollte wissen, ob sich jetzt was ändert.“

Leonie antwortete nicht sofort.

Das war eine einfache Frage.

Sie mochte einfache Fragen.

Meistens.

„Nicht wegen einer einzelnen Neubewertung.“

„Okay.“

„Und vierundzwanzig Komma acht ist jetzt auch nicht plötzlich ein völlig anderer Zustand als fünfundzwanzig Komma eins.“

„Stimmt.“

„Dann wäre es doch absurd, jetzt so zu tun, als müssten wir sofort irgendwas entscheiden.“

„Müssen wir nicht.“

„Gut.“

Simon nahm sein Glas.

„Wir sind nicht unter Zeitdruck.“

„Nein.“

Das kam zu schnell.

Leonie hörte es selbst.

Simon vermutlich auch.

Er sah sie einen Moment länger an, sagte aber nichts.

Sie nahm das Tablet wieder hoch, obwohl es keinen Grund dafür gab.

Die Zahl war noch dieselbe.

24,8.

„Es ist einfach ein Puffer“, sagte sie.

„Ich weiß.“

„Und der war mir wichtig.“

„Weiß ich auch.“

„Weil sich Dinge ändern können.“

„Ja.“

Sie scrollte durch die Übersicht.

Erwerbswert.

Ansprüche.

Belastung.

24,8.

„Vor zwei Jahren hätte ich mich über die Zahl gefreut.“

Simon stellte sein Glas ab.

„Du freust dich doch.“

„Tue ich auch.“

„Gut.“

„Ich dachte nur, es würde sich anders anfühlen.“

Jetzt sagte er eine Weile nichts.

Leonie hasste es ein wenig, dass genau das half.

Nicht seine Antworten. Dass er keine gab.

Sie blickte wieder zur Küche.

„Der hängt immer noch schief.“

Simon drehte sich zum Schrank.

„Nein.“

„Doch.“

Er ging hinüber, öffnete die Tür, schloss sie wieder und trat einen Schritt zurück.

„Minimal.“

„Aha.“

„Die Wand.“

„Natürlich.“

Er nahm die Wasserwaage.

„Jetzt beweise ich es.“

„Du wolltest es morgen beweisen.“

„Ich habe meine Planung angepasst.“

Leonie lachte leise.

Simon legte die Wasserwaage oben auf den Schrank.

Die Blase wanderte.

Er beugte sich näher heran.

„Scheiße.“

„Was?“

„Nichts.“

„Simon.“

„Der Schrank.“

„Was ist mit ihm?“

Er nahm die Wasserwaage wieder herunter.

„Er hängt schief.“

Leonie grinste.

„Ich weiß.“

„Genieß den Moment.“

„Mach ich.“

„So schlimm?“

„Es geht.“

„Vierundzwanzig Komma acht und recht gehabt. Großer Abend.“

„Ziemlich.“

Er zog den Stuhl wieder heran.

„Soll ich ihn noch richten?“

Leonie sah auf die Uhr.

„Heute?“

„Die Alternative wäre, dass ich morgen mit dem Wissen aufwache, dass du recht hattest.“

„Damit musst du lernen zu leben.“

„Dann mach ich ihn jetzt.“

Er stieg wieder auf den Stuhl.

Leonie räumte die Gläser in die Spüle.

Das Tablet blieb auf dem Tisch liegen.

Eine Weile hörte man nur das leise Kratzen des Schraubendrehers, das Klacken der Schranktür und von draußen ein Auto auf der nassen Straße.

„So“, sagte Simon schließlich.

Leonie drehte sich um.

„Was?“

„Jetzt.“

Er öffnete die Tür.

Schloss sie.

Trat zurück.

„Gerade.“

Leonie kniff die Augen zusammen.

„Fast.“

„Leonie.“

„Ist gut.“

„Ist das echtes gut?“

„Vielleicht.“

„Wie viele Guts gibt es?“

„Mehr als Okays.“

„Natürlich.“

Er sammelte die Schrauben ein.

Leonie nahm das Tablet und trug es mit ins Wohnzimmer.

Später lag es mit der Vorderseite nach unten auf der Kommode.

Sie saßen noch eine Weile auf dem Sofa. Simon sah etwas, das er seit Tagen weitersehen wollte. Leonie hatte nach zwanzig Minuten vergessen, worum es ging.

Als er sich irgendwann streckte und aufstand, um die Küche abzuschließen, nahm sie das Tablet noch einmal.

Nicht um etwas nachzurechnen.

Nur um nachzusehen.

24,8.

Die Zahl war ruhig.

Sie auch.

Fast.

Simon kam zurück.

„Alles gut?“

„Ja.“

Leonie sperrte das Tablet und legte es wieder weg.

„Wir können am Wochenende mal schauen.“

Simon blieb stehen.

„Worauf?“

Leonie sah ihn an.

Einen Moment lang sagte keiner etwas.

Dann musste sie lachen.

Simon auch.

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