Noch 17 Menschen by Darzz at Inkitt
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Noch 17 Menschen

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Summary

Jeder Mensch kennt seine Zahl. Sie sagt voraus, wie viele Menschen seinen Tod wirklich betrauern würden. Längst entscheidet sie darüber, wer eine Wohnung bekommt, wem man Verantwortung überträgt und wen man übersieht. Milan Ascher hat 17. Mit 39 arbeitet er in einer kommunalen Wohnungsvermittlung. Er kennt die Menschen, denen er helfen müsste, und die Vorschriften, an denen ihre Anträge scheitern. Dann springt seine Zahl über Nacht auf 8.431.227. Millionen würden um ihn trauern. Dabei kennt ihn kaum jemand. Am nächsten Morgen steht dort 8.431.226. Milan will wissen, was sich verändert hat. Doch während er nach einer Erklärung sucht, bekommt er zum ersten Mal die Mittel, tatsächlich etwas zu bewirken. Familien finden ein Zuhause. Menschen erhalten eine zweite Chance. Seine Zahl scheint zu versprechen, dass all das erst der Anfang ist. Bis Milan auf einen Vermerk stößt, der älter ist als sein Aufstieg. Je genauer er seine zukünftige Bedeutung untersucht, desto dringlicher wird eine andere Frage: Wer hat bereits entschieden, welches Leben er führen soll? Und was geschieht mit den Menschen, denen er helfen wollte, wenn er sich weigert?

Genre
Scifi
Author
Darzz
Status
17h ago
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Noch vier Wochen

Als Milan den kleinen Bildschirm auf die andere Seite des Tisches drehte, blieb sein Blick kurz an der Zahl unter seinem Namen hängen.

Er hatte einmal versucht, sie nachzuzählen.

Bei seiner Schwester war es einfach gewesen. Bei seinem Vater auch. Zwei Freunde aus der Schulzeit, obwohl er einen von ihnen seit fast einem Jahr nicht gesehen hatte. Dann Menschen aus dem Studium, ehemalige Kollegen, eine Nachbarin aus seiner alten Wohnung, die ihm noch manchmal schrieb, wenn sie Hilfe mit ihrem Router brauchte.

Bei Jana war er stehen geblieben.

Sie hatten fünf Jahre im selben Büro gearbeitet, zwei davon am Tisch gegenüber. An seinem Geburtstag schickte sie ihm noch immer eine Nachricht. Er antwortete auf ihre. Als ihre Mutter gestorben war, hatte er angerufen. Danach hatten sie fast ein Jahr nichts voneinander gehört.

Er hatte sie mitgezählt. Dann wieder nicht.

Bei sechzehn hatte er aufgehört.

Die Zahl auf dem Bildschirm war geblieben.

Milan schob das Display ein Stück weiter nach rechts, damit Besucher es lesen konnten, ohne sich vorzubeugen, und stellte den Becher mit den Kugelschreibern daneben.

Um neun Uhr drei klopfte es.

„Ja.“

Die Tür öffnete sich nur einen Spalt.

„Herr Ascher?“

„Frau Lenz. Kommen Sie rein.“

Nadine Lenz trat ein und schloss die Tür hinter sich. Ihre Jacke war an den Schultern dunkel vom Regen. Sie setzte sich, ohne sie auszuziehen, und stellte eine große Stofftasche zwischen ihre Füße.

„Entschuldigung. Der Bus.“

„Alles gut.“

Sie zog ihr Telefon hervor und sah auf die Uhr.

„Ich muss um halb zwölf meinen Sohn holen.“

„Das schaffen wir.“

Sie steckte das Telefon weg und holte ein gefaltetes Schreiben aus ihrer Tasche. Milan erkannte es, bevor sie es auf den Tisch gelegt hatte.

„Deswegen bin ich hier.“

„Ja.“

„Unten haben sie gestern gesagt, ich soll Freitag den Schlüssel abgeben.“

Milan zog das Blatt zu sich heran. Ablauf der Kostenübernahme, Freitag, zwölf Uhr. Darunter der übliche Hinweis, dass die weitere Unterbringung vorab zu klären sei.

„Die Zusage endet Freitag. Ob Sie aus dem Zimmer müssen, ist noch eine andere Frage.“

„Aber da steht Freitag.“

„Ja. Deshalb kläre ich zuerst, ob Sie im Zimmer bleiben können.“

Sie sah noch einmal auf das Schreiben.

Milan öffnete ihren Vorgang. Nadine Lenz, drei Personen, zwei Kinder, seit sieben Monaten in der Unterkunft. Ein interner Umzug. Zwei Wohnungsangebote, beide nicht zustande gekommen.

Bei der Wohnung in der Kirchstraße hatte die Verwaltung drei Wochen lang Unterlagen angefordert, bevor sie mitteilte, dass das Haus verkauft werde. Die zweite Wohnung war an eine andere Familie gegangen.

„Ich dachte, Sie hätten vielleicht etwas Neues“, sagte Frau Lenz.

„Noch keine Wohnung.“

„Und Kirchstraße?“

„Fällt weg.“

„Ganz?“

„Ja.“

„Aber die wollten doch noch die Bescheinigung von meinem Arbeitgeber.“

„Die war vollständig. Daran lag es nicht.“

„Woran dann?“

„Das Haus ist verkauft worden. Der neue Eigentümer vermietet im Moment nicht weiter.“

Sie zog das Schreiben wieder zu sich.

„Das heißt, wir haben das alles umsonst gemacht.“

Milan sah auf die Liste der hinterlegten Dokumente. Verdienstnachweis, Schulbescheinigungen, Mietschuldenfreiheitsbescheinigung, Identitätsnachweise. Drei Formulare. Zwei Rückfragen.

„Für diese Wohnung“, sagte er, „ja.“

Frau Lenz faltete das Schreiben entlang der alten Kante und legte es auf ihre Tasche.

Milan öffnete die Belegungsübersicht der Unterkunft. Zimmer 214, zweiunddreißig Quadratmeter, belegt bis Freitag. Für die Wochen danach war noch niemand eingetragen.

„Ich rufe dort an.“

Frau Lenz bewegte sich etwas nach vorn.

„Jetzt?“

„Ja.“

Er wählte die Nummer des Betreibers. Beim zweiten Klingeln meldete sich eine Frau. Milan nannte seinen Namen, die Familie und die Zimmernummer.

„Einen Moment.“

Der Hörer wurde abgelegt. Auf dem Flur ging jemand vorbei; weiter hinten lachte jemand, dann fiel eine Tür ins Schloss.

Frau Lenz hielt beide Hände auf ihrer Tasche.

„Haben Sie schon gepackt?“, fragte Milan.

„Ein bisschen.“

„Wie viel ist ein bisschen?“

„Die Sachen, die wir nicht jeden Tag brauchen.“

„Also halb.“

Sie sah ihn an.

„Fast alles.“

Die Frau meldete sich wieder.

„Vier Wochen kann ich Ihnen geben.“

Milan nahm einen Stift.

„Im selben Zimmer?“

„Wenn die Kostenübernahme kommt.“

„Und danach?“

„Danach ist die Etage anders belegt.“

„Ist Zimmer 214 schon vergeben?“

„Noch nicht namentlich. Aber wir planen damit.“

„Bis wann brauchen Sie die Bestätigung?“

„Morgen Mittag.“

„Können Sie es bis dahin sperren?“

„Bis zwölf.“

„Danke.“

Er legte auf.

Frau Lenz hatte jedes Wort gehört, das auf seiner Seite gefallen war.

„Vier Wochen“, sagte sie.

„Das Zimmer kann für vier Wochen verlängert werden. Die Kostenübernahme fehlt noch.“

„Und wenn die nicht kommt?“

„Dann haben wir ein Problem.“

Sie sah auf das alte Schreiben.

Milan suchte die zuständige Stelle heraus. Die erste Nummer blieb unbeantwortet; bei der zweiten ging die Zentrale dran.

„Frau Demir ist gerade im Termin.“

„Wann ist sie wieder erreichbar?“

„Kann ich nicht sagen.“

„Es geht um eine Verlängerung für eine Familie mit zwei Kindern. Der Betreiber hält das Zimmer nur bis morgen zwölf.“

„Dann schicken Sie eine Mail.“

„Mache ich. Bitte richten Sie ihr trotzdem aus, dass ich angerufen habe.“

Er gab seine Durchwahl durch.

Als er auflegte, zog Frau Lenz den Reißverschluss ihrer Jacke auf.

„Wollen Sie sie nicht ausziehen?“

„Lohnt sich wahrscheinlich nicht.“

„Das kann dauern.“

Sie sah zum Haken neben der Tür, blieb aber sitzen.

Milan begann die Mail. Zuerst schrieb er Dringende Verlängerung erforderlich, löschte dringende dann wieder und fügte das Schreiben des Betreibers sowie die beiden Absagen bei.

„Was schreiben Sie?“, fragte Frau Lenz.

„Dass beide Wohnungen weggefallen sind und es noch kein Anschlussangebot gibt.“

„Schreiben Sie auch, dass die Kinder da zur Schule gehen.“

Milan hielt inne.

„Wie lange brauchen Sie morgens?“

„Gut zwanzig Minuten. Wenn der Bus kommt.“

„Von der alten Unterkunft?“

„Da mussten wir umsteigen. Wenn der erste zu spät war, sind wir manchmal ein Stück gelaufen, damit wir den zweiten noch kriegen.“

Milan schrieb, ein erneuter Wechsel würde die bestehenden Schulwege erschweren.

„Erschweren“, sagte Frau Lenz.

Er sah zu ihr.

„Was würden Sie schreiben?“

Sie dachte kurz nach.

„Dass mein Sohn um sieben Uhr acht aus dem Haus geht und trotzdem manchmal zu spät kommt.“

Milan löschte den Satz.

Er schrieb: Bus 142. Kein Umstieg vom jetzigen Standort.

Frau Lenz las über den Tisch hinweg.

„Besser.“

Er schickte die Mail ab.

„Jetzt warten wir?“

„Jetzt machen wir den Antrag fertig.“

Name, Geburtsdatum, Bedarfsgemeinschaft und bisherige Unterbringung waren vorausgefüllt. Milan ging die veränderlichen Angaben mit ihr durch: Einkommen, Arbeitszeit, Telefonnummer, Schule und Betreuung der Kinder. Nichts hatte sich geändert.

„Wohnungssuche läuft weiter“, sagte er.

„Das weiß ich.“

„Ich muss es fragen.“

„Ich weiß.“

Er setzte den Haken.

„Bei der Größe können Sie auch kleiner nehmen“, sagte sie. „Meine Tochter und mein Sohn können zusammen.“

„Das ist schon berücksichtigt.“

„Und ich brauche kein Schlafzimmer.“

Milan öffnete die Bemerkungen.

„Wohnzimmer kann als Schlafraum genutzt werden.“

„Ja.“

„Steht drin.“

Frau Lenz lehnte sich zurück.

„Dann weiß ich auch nicht.“

Milan kannte den Satz. In unterschiedlichen Fassungen hörte er ihn fast jeden Tag.

Danach war nichts mehr auszufüllen.

Milan ließ den Antrag geöffnet.

Auf dem Flur wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Jemand sprach zu laut mit der Frau am Empfang. Ein Drucker lief im Nachbarzimmer an und verstummte wieder.

Sein Telefon blieb still.

Frau Lenz legte ihres neben sich auf den Tisch. Nach einer Weile tippte sie auf den Bildschirm.

10:41.

Sie schaltete ihn wieder aus.

„Ihre Unterschrift brauche ich“, sagte Milan. „Auf die Zusage müssen Sie nicht warten.“

„Und wenn sie danach Nein sagt?“

„Dann rufe ich Sie an.“

„Dann bin ich wahrscheinlich gerade an der Schule.“

„Dann später.“

Frau Lenz nickte.

Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke wieder hoch und stand auf.

Milans Telefon klingelte.

Frau Demir.

Frau Lenz blieb stehen.

„Ascher.“

„Sie hatten wegen Lenz angerufen.“

„Ja.“

Er erklärte, dass beide Wohnungsangebote erledigt waren und der Betreiber das bisherige Zimmer noch vier Wochen freihalten konnte.

„Und danach gibt es noch nichts?“

„Noch nichts Konkretes.“

Er hörte sie tippen.

„Gut. Die vier Wochen kann ich freigeben. Schicken Sie mir den Antrag unterschrieben zurück.“

„Frau Lenz ist noch hier.“

„Dann stelle ich es heute noch ein.“

„Danke.“

Milan legte auf.

Frau Lenz stand noch immer neben ihrem Stuhl.

„Die Kosten werden übernommen.“

„Und wir bleiben im Zimmer?“

„Ja.“

„Ganz sicher?“

„Für die vier Wochen: ja.“

Sie schloss kurz die Augen.

Dann setzte sie sich wieder.

„Ich habe gestern Abend noch zwei Kisten zugeklebt.“

„Dann können Sie sie wieder aufmachen.“

„Meine Tochter hat gesagt, ich soll warten.“

„Dann hatte sie recht.“

Frau Lenz lächelte.

„Sagen Sie ihr das nicht.“

Der Drucker brauchte länger als sonst. Erst summte er, dann geschah einige Sekunden nichts, bevor die erste Seite herauskam.

Milan legte den Antrag vor sie.

„Hier müssen Sie zweimal unterschreiben. Aber lesen Sie erst.“

Sie zog die Jacke wieder aus und legte sie über die Rückenlehne.

Dann begann sie zu lesen.

Auf der zweiten Seite hielt sie inne.

„Hier steht, dass ich bei einem anderen Angebot ausziehen muss.“

„Wenn eine geeignete Wohnung gefunden wird.“

„Auch vor den vier Wochen.“

„Ja.“

„Das wäre dann ja gut.“

„Ja.“

Sie setzte den Stift an, hielt aber noch einmal inne.

„Und wenn in vier Wochen nichts da ist?“

„Dann prüfen wir neu.“

„Was heißt das?“

„Ob Sie dort weiterbleiben können oder ob eine andere Unterkunft frei ist.“

„Aber Sie haben eben gesagt, danach ist das Zimmer weg.“

„Nach dem jetzigen Stand.“

Frau Lenz legte den Kugelschreiber quer auf das Formular.

„Ich muss meinen Kindern irgendwas sagen können.“

Milan sah sie an.

Hinter ihr lief Regen am Fenster entlang. Dünne Linien, die auf halber Höhe stehen blieben und breiter wurden.

„Sagen Sie ihnen, dass Sie Freitag nicht ausziehen müssen.“

„Und danach?“

„Für danach weiß ich es nicht.“

Sie sah auf das Formular.

„Vier Wochen.“

Milan wartete.

„Das ist nichts.“

Sie strich mit dem Daumen über den Rand der ersten Seite.

„Und gleichzeitig viel.“

Dann unterschrieb sie.

Ihre Schrift war klein und eng; der Nachname passte vollständig in das Feld.

Milan nahm die Blätter zurück, scannte sie und schickte sie an Frau Demir.

„Damit ist es von Ihrer Seite erledigt.“

„Heute?“

„Für die Verlängerung ja.“

„Muss ich unten noch Bescheid sagen?“

„Ich rufe dort noch einmal an.“

Er erreichte dieselbe Frau wie zuvor.

„Kostenübernahme ist bestätigt“, sagte Milan. „Die schriftliche Bestätigung kommt gleich.“

„Dann nehme ich die Abreise raus.“

„Zimmer 214 bleibt bei der Familie?“

„Ja.“

„Danke.“

Er legte auf.

„Sie müssen den Schlüssel nicht abgeben.“

Frau Lenz nickte und nahm ihr Telefon heraus.

„Welches Datum ist das dann?“

Milan nannte es.

Sie öffnete ihren Kalender und tippte.

„Ich schreibe eine Woche vorher rein.“

„Besser zwei.“

Sie sah zu ihm.

„Warum?“

„Falls wir vorher noch etwas klären müssen.“

„Also zwei.“

Sie änderte den Eintrag.

„Und wenn vorher eine Wohnung kommt?“

„Rufen wir Sie an.“

„Auch wenn es wieder nichts wird?“

„Wenn es ein Angebot gibt, melden wir uns.“

Sie steckte das Telefon weg und sah auf das kleine Display am Tisch.

Nur kurz.

Milan folgte ihrem Blick nicht.

„Ist noch etwas?“, fragte er.

„Nein.“

Sie stand auf, nahm ihre Jacke und schob den Antrag, den sie nicht behalten musste, automatisch zu den anderen Papieren in ihrer Tasche.

„Den brauchen Sie nicht.“

Sie hielt inne.

„Sicher?“

„Sicher.“

Sie zog ihn wieder heraus.

„Dann habe ich heute weniger mitzunehmen als sonst.“

„Kommt selten vor.“

An der Tür blieb sie stehen.

„Herr Ascher?“

„Ja.“

„Danke.“

Milan nickte.

Sie hielt die Klinke noch einen Moment fest.

„Ich weiß schon, dass Sie die Wohnung nicht machen können.“

Milan wusste nicht, was er darauf sagen sollte.

„Aber die vier Wochen helfen.“

„Gut.“

Sie ging.

Milan wartete, bis die Tür ins Schloss gefallen war, und öffnete die elektronische Akte. Er trug das neue Enddatum ein, bestätigte den Verbleib im bisherigen Zimmer und ließ das Wohnungsgesuch aktiv.

Der Zettel mit morgen, 12 Uhr lag noch neben der Tastatur. Milan strich die Uhrzeit durch, drehte das Blatt um und legte es zu dem Papier, das er für kurze Notizen weiterverwendete.

Im Flur wurde der nächste Name aufgerufen.

Milan öffnete die nächste Akte.

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