Valeria
Ich stand vor einem Club, über den es hieß, er sei der heißeste und geheimnisvollste, der jemals existiert hatte. Zumindest, wenn man den Gerüchten Glauben schenken konnte. Schon seit Ewigkeiten munkelte man in der übernatürlichen Welt über diesen Ort, doch sobald man genauer nachfragte, wurde geschwiegen.
Bis heute hatte ich niemanden getroffen, der offen zugegeben hätte, schon einmal dort gewesen zu sein, geschweige denn erzählt hätte, was hinter diesen Türen geschah. Und jetzt stand ich tatsächlich selbst davor.
Vor zwei Tagen hatte ich eine goldene Einladung erhalten. Gold Sin stand darauf, und als ich die venezianische Maske darin entdeckt hatte, wusste ich sofort, dass es sich um diesen geheimnisvollen Club handeln musste. Meine Entscheidung war damit gefallen. Ich meine, hallo? Natürlich würde ich hingehen. Als hätte ich mir diese Chance entgehen lassen.
Ich lief auf die Tür zu und atmete noch einmal tief durch, während meine High Heels auf dem Boden klackten. Unter meinem beigefarbenen Mantel trug ich etwas, das alles andere als unschuldig war. Sündhaft traf es wohl besser, und allein der Gedanke ließ mich grinsen. Meine Aufregung stieg mit jedem Schritt, aber an Umkehren dachte ich ganz sicher nicht.
Bevor ich sie überhaupt erreichte, öffnete sich die Tür wie von selbst. Ich hob eine Augenbraue, zuckte mit den Schultern und trat ein. Kaum hatte ich die Schwelle überquert, schloss sie sich hinter mir. Ich warf einen kurzen Blick zurück, doch besonders beunruhigte mich das nicht. Magische Türen gehörten schließlich noch zu den harmloseren Dingen, die mir begegnet waren.
Als ich mich wieder umdrehte, stand plötzlich ein Mann vor mir. Sein blondes Haar war kurz geschnitten und sein maßgeschneiderter Anzug saß perfekt. Wie ich trug auch er eine schwarze venezianische Maske, die den oberen Teil seines Gesichts bedeckte. Auf seiner Brust prangte dezent der goldene Schriftzug Gold Sin, also gehörte er eindeutig zum Club.
Ich ließ meinen Blick trotzdem ein wenig länger auf ihm ruhen, als es für diese Erkenntnis notwendig gewesen wäre. Er sah nämlich verdammt lecker aus, das musste ich zugeben. Wenn selbst das Personal hier so aussah, hatte man bei den Gerüchten über diesen Club vielleicht doch nicht übertrieben.
„Herzlich willkommen im Gold Sin, Miss Ramírez“, begrüßte er mich professionell mit einem deutlichen englischen Akzent. Er musterte mich kurz und lächelte. „Bevor Sie den Club betreten dürfen, muss ich Sie bitten, unseren Vertrag zu unterschreiben. Er ist an Magie gebunden, und ohne Ihre Unterschrift kommen Sie nicht weiter.“
Ich sah ihn skeptisch an, woraufhin er laut auflachte.
„Keine Sorge, Miss Ramírez. Jeder Gast muss ihn unterschreiben. Alles, was in diesem Club passiert, bleibt auch in diesem Club. Sollten Sie nach Verlassen des Gold Sin darüber sprechen, verlieren Sie sämtliche Erinnerungen an Ihre Zeit hier“, erklärte er ruhig.
Er griff in die Innentasche seines Anzugs und zog einen schwarzen Zettel hervor, auf dem goldene Schrift schimmerte. „Es gibt allerdings noch eine Regel, über die ich Sie aufklären muss. Sobald Sie diesen Vertrag unterschreiben, bindet die Magie Sie für vierundzwanzig Stunden an den Gold Sin. In dieser Zeit bleiben die Türen für Sie verschlossen und öffnen sich erst wieder, sobald die vierundzwanzig Stunden vollständig abgelaufen sind. Den Club vorher zu verlassen, ist nicht möglich.“
Ich hob überrascht die Augenbrauen. „Vierundzwanzig Stunden sind eine ziemlich lange Zeit.“
„Das sind sie“, bestätigte er ruhig. „Deshalb erkläre ich Ihnen das ausdrücklich, bevor Sie unterschreiben. Sobald die magische Bindung geschlossen ist, können weder Sie noch wir sie vorzeitig lösen.“ Er hielt mir den schwarzen Zettel zusammen mit einem Stift hin. „Wenn Sie mit dieser und allen anderen Regeln einverstanden sind, dürfen Sie unterschreiben.“
Mein Blick fiel auf die goldene Schrift, und meine Aufregung wurde nur noch größer. Vierundzwanzig Stunden im Gold Sin waren vielleicht mehr, als ich erwartet hatte, aber nach allem, was ich über diesen Club gehört hatte, klang das für mich eher nach einer Herausforderung als nach einem Grund, wieder zu gehen.
Ich wollte endlich wissen, was hinter diesen Türen geschah, und daran änderte auch die Aussicht nichts, bis morgen hier festzusitzen. Also nahm ich den Stift und setzte ohne weiteres Zögern meinen Namen unter den Vertrag.
Kaum hatte ich den letzten Buchstaben geschrieben, leuchtete meine Unterschrift golden auf und ich spürte, wie die Magie des Vertrages durch meine Hand in meinen Körper strömte. Eine angenehme Wärme zog meinen Arm hinauf und breitete sich unter meiner Haut aus, bis ich die Bindung deutlich wahrnehmen konnte. Mein Herz schlug schneller und mein Grinsen wurde breiter.
Er nahm den Vertrag entgegen, warf einen kurzen Blick auf meine Unterschrift und nickte zufrieden. „Damit ist es besiegelt, Miss Ramírez. Für die nächsten vierundzwanzig Stunden bleiben Sie unser Gast.“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn grinsend. „Vierundzwanzig Stunden in einem Sexclub, aus dem ich nicht einmal verschwinden könnte, wenn ich wollte. Sie verkaufen das erstaunlich höflich.“
„Wir bevorzugen den Begriff exklusiver Aufenthalt“, erwiderte er mit vollkommen ernster Miene, was mich sofort zum Lachen brachte.
„Natürlich tut ihr das. Eingesperrt klingt vermutlich schlecht auf den Einladungen.“
Sein Mundwinkel zuckte. „Sie sind nicht eingesperrt, Miss Ramírez. Sie können sich innerhalb des Gold Sin vollkommen frei bewegen und sämtliche Angebote des Hauses nutzen. Lediglich der Ausgang steht Ihnen bis morgen nicht zur Verfügung.“
„Ach so.“ Ich nickte gespielt erleichtert. „Dann sind es natürlich nur vierundzwanzig Stunden freiwilliger Aufenthalt mit magisch verriegeltem Ausgang.“
„So könnte man es ausdrücken, wenn man unbedingt darauf besteht, unsere Formulierung unnötig unattraktiv zu machen.“
Ich ging neben ihm her, bis wir vor einer weiteren schwarzen Tür stehen blieben. Anders als am Eingang gab es hier weder eine Klinke noch ein Schloss. Lediglich das goldene Emblem des Gold Sin glänzte in der Mitte. Je näher ich der Tür kam, desto deutlicher spürte ich die Magie dahinter.
Der Mann trat zur Seite und sah mich an. „Ab hier brauchen Sie mich nicht mehr. Die Tür erkennt Ihre Bindung und wird sich für Sie öffnen.“
Tatsächlich glitt sie im nächsten Moment auf.
„Dann wünsche ich Ihnen viel Vergnügen, Miss Ramírez“, sagte er hinter mir. „Und falls Sie morgen feststellen sollten, dass vierundzwanzig Stunden doch etwas großzügig bemessen waren, kann ich Sie beruhigen: Diesen Eindruck haben die meisten unserer Gäste erst, wenn sie wieder laufen müssen.“
Ich drehte mich noch einmal zu ihm um und starrte ihn an. Er erwiderte meinen Blick mit einem amüsierten Funkeln in den Augen und zwinkerte mir einfach zu. Grinsend schüttelte ich den Kopf, wandte mich wieder der offenen Tür zu und ging hinein.
Hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Vor mir lag ein langer, dunkel gehaltener Flur, durch den gedämpfte Musik zu hören war. Ich folgte dem tiefen Bass und richtete dabei meine schwarze Maske, bevor ich die Bänder am Hinterkopf noch einmal festzog. Sie saß perfekt. Mit jedem Meter wurde die Musik deutlicher, und bald mischten sich Stimmen und Lachen darunter.
Ich trat durch den Durchgang und blieb mitten im Schritt stehen.
Der Club war riesig und deutlich luxuriöser, als ich erwartet hatte. Schwarz und Gold bestimmten den gesamten Raum, von den dunklen Wänden bis zu den goldenen Verzierungen, und das warme Licht ließ alles noch edler wirken.
Erst auf den zweiten Blick fielen mir die Dinge auf, die ziemlich eindeutig verrieten, was für eine Art Club das hier war. An einigen Wänden hingen Handschellen und Lederriemen an goldenen Halterungen, daneben standen gepolsterte Bänke und andere Spielzeuge bereit, deren Zweck selbst mir nicht erklärt werden musste. Nichts daran wirkte billig oder zusammengewürfelt. Offenbar hatte man im Gold Sin beschlossen, dass Sünde durchaus luxuriös aussehen durfte.
Genau wie ich trugen alle Gäste Masken, die ihre Gesichter größtenteils verbargen.
Links standen Frauen an den Tanzstangen, die außer einem knappen roten Slipund goldenen Masken nichts anhatten, und bewegten sich so offen daran entlang, dass mein Blick zuerst gar nicht weiterwanderte. Sie strippten im Takt, ließen die Hüften kreisen, den Körper am Metall hoch- und wieder hinabgleiten, und ich bekam den Mund nicht mehr zu.
Erst als ich mich von dem Anblick losriss, bemerkte ich die edlen Sofas, die über den ganzen Raum verteilt standen. Fast jedes davon war bereits besetzt.
Direkt vor mir bekam ich auch gleich einen ziemlich eindeutigen Eindruck davon. Auf dem Sofa lag eine Frau schräg im Polster, ein Bein über der Lehne, das andere fest um die Hüfte des Mannes gelegt, der sich zwischen ihren Schenkeln befand. Ihr Kleid steckte unter der Brust, der Slip hing an einem Knöchel, und er hielt sie hart an den Hüften, während er in tiefen Stößen in sie hineinfickte.
Inzwischen wusste ich kaum noch, wohin ich zuerst sehen sollte. Ein paar Meter weiter saß ein Mann breit in den Kissen, die Beine offen, die Hose nur noch bis zu den Oberschenkeln heruntergeschoben. Zwischen seinen Knien kniete eine Frau. Eine Hand hielt sie um seinen Schwanz, den Mund fest darum geschlossen, und nahm ihn so tief, dass ihre Lippen an ihre Finger stießen. Sperma glänzte an ihrem Kinn. Ihr Kopf ging gleichmäßig auf und ab, und er hielt ihren Hinterkopf, ohne sie zu führen.
Mein Blick wanderte weiter und blieb am nächsten Sofa hängen. Dort hatte ein Mann einer Frau ein Bein über die Schulter gelegt und das andere flach auf das Polster gedrückt. Zwei Finger waren in ihr, sein Daumen rieb fest darüber, und jedes Mal, wenn er den Winkel änderte, stöhnte sie laut auf.
Ich stand noch immer am Eingang und wusste kaum, wohin ich zuerst sehen sollte. Vierundzwanzig Stunden hatte ich hier, also musste ich nicht alles in den ersten fünf Minuten schaffen. Mein Blick fiel auf die Bar und ich beschloss, dass ein Drink fürs Erste keine schlechte Idee war.
Auch an der Bar war einiges los. Einige Gäste standen an der Theke, andere saßen auf den Barhockern. Dahinter arbeiteten mehrere Barkeeper. Sie trugen, wie der Mann am Empfang, maßgeschneiderte Anzüge mit dem goldenen Schriftzug des Gold Sin und schlichte schwarze Masken.
Ich ging zur Bar, setzte mich auf einen freien Hocker und legte meine kleine Clutch vor mir auf die Theke. Dabei fing ich den Blick eines freien Barkeepers auf.
Er war eine Fee, was bei den spitzen Ohren kaum zu übersehen war. Sein Haar reichte ihm bis zu den Schultern und sein Gesicht war trotz der Maske so makellos, wie man es von Feen kannte. Selbst für übernatürliche Verhältnisse war er wunderschön. Langsam bekam ich den Verdacht, dass gutes Aussehen hier Teil der Einstellungsvoraussetzungen war.
Ich lächelte ihn an. „Einen Lillet, bitte.“
„Sehr gern.“ Sein Blick glitt kurz über meine Maske, bevor er nach einem Glas griff. „Gerade angekommen?“
Ich hob eine Augenbraue. „Sieht man mir das so deutlich an?“
Ein leichtes Grinsen erschien auf seinen Lippen. „Nur die Neuen stehen am Eingang und versuchen herauszufinden, wohin sie zuerst schauen sollen.“
Na großartig. Und ich hatte gedacht, die Maske würde wenigstens einen Teil meiner Würde retten.








