Kapitel 1 – New School, New Life
Der Karton vor meinen Füßen ist wahrscheinlich schwerer als ich selbst.
Zumindest fühlt es sich gerade so an.
Ich sitze mitten auf dem Boden meines neuen Zimmers und starre auf das Chaos, das sich um mich herum ausgebreitet hat. Überall stehen Kartons. Manche sind ordentlich beschriftet, andere sind einfach nur mit einem schwarzen Edding markiert. Auf meinem Bett liegen mehrere Pullover, die ich eigentlich schon längst in den Schrank räumen wollte. Daneben stapeln sich Bücher, Hefte und irgendwelche Kleinigkeiten, bei denen ich mich nicht einmal mehr daran erinnern kann, warum ich sie überhaupt eingepackt habe.
Ich greife in einen der Kartons und hole einen kleinen Gegenstand heraus.
Eine alte Kinokarte.
Ich drehe sie zwischen meinen Fingern und muss nicht einmal lange überlegen, um mich daran zu erinnern, wann ich dort gewesen bin.
Berlin.
Meine alte Schule.
Meine alten Freunde.
Mein altes Leben.
Für einen Moment starre ich einfach nur auf die Karte.
Es fühlt sich seltsam an, all diese Dinge hier zu sehen, während ich gleichzeitig weiß, dass sie zu einem Leben gehören, das gerade hinter mir liegt.
Ich lege die Kinokarte vorsichtig zurück in den Karton und schiebe ihn ein Stück von mir weg.
„Neues Leben“, murmle ich leise.
Die Worte klingen irgendwie komisch.
Als wäre mein bisheriges Leben einfach abgeschlossen worden und jemand hätte beschlossen, dass ich jetzt ein neues anfangen muss.
Dabei habe ich gar nicht gefragt, ob ich das will.
Natürlich weiß ich, warum wir umgezogen sind. Ich weiß, dass meine Eltern ihre Gründe haben und dass München eigentlich eine tolle Stadt ist. Ich weiß auch, dass ich mich irgendwann daran gewöhnen werde.
Aber dieses Wissen macht es nicht leichter.
Vor drei Tagen weiß ich noch genau, wo alles ist. Ich kenne jeden Weg zu meiner Schule, weiß, welcher Bäcker morgens am schnellsten ist, und welche Plätze in der Klasse meistens frei bleiben.
Hier weiß ich gar nichts.
Morgen gehe ich zum ersten Mal durch die Tür meiner neuen Schule.
Allein der Gedanke daran lässt meinen Magen unangenehm kribbeln.
Was, wenn niemand mit mir reden will?
Was, wenn alle schon ihre festen Gruppen haben?
Was, wenn ich den ganzen Tag irgendwo sitze und nicht weiß, mit wem ich reden soll?
Ich verziehe das Gesicht und lasse mich mit den Händen hinter mir auf dem Teppich abstützen.
„Okay, Mia. Jetzt hör auf.“
Ich weiß selbst, dass ich mich gerade völlig verrückt mache.
Vielleicht wird es gar nicht so schlimm.
Vielleicht finde ich sofort Freunde.
Vielleicht fühle ich mich in München irgendwann sogar wohler als in Berlin.
Vielleicht.
Dieses Wort ist momentan irgendwie mein Lieblingswort.
Vielleicht.
Plötzlich klopft es an meiner Tür.
„Mimi?“
Ich erkenne sofort die Stimme meiner Mutter.
„Ja?“
Die Tür öffnet sich und sie steckt den Kopf herein. Ihr Blick wandert einmal durch mein Zimmer, bevor sie zu mir schaut.
„Du hast ja richtig viel geschafft.“
Ich sehe auf den Berg aus Kleidung neben mir.
„Das ist ironisch gemeint, oder?“
Sie lacht leise und kommt ins Zimmer. Dann setzt sie sich neben mich auf den Boden und nimmt einen Pullover aus dem Karton.
„Ein bisschen.“
Ich muss ebenfalls kurz lachen.
Es tut gut, wenigstens für einen Moment nicht über morgen nachzudenken.
Meine Mutter legt den Pullover neben sich und sieht mich an.
„Du musst heute nicht alles fertig bekommen.“
„Ich weiß.“
„Und du musst morgen auch nicht perfekt sein.“
Ich schaue sie an.
„Ich weiß.“
Sie mustert mich einen Augenblick. Ich sehe sofort, dass sie merkt, dass etwas nicht stimmt.
„Bist du nervös?“
Eigentlich will ich automatisch Nein sagen.
Ich will sagen, dass alles okay ist und dass ich überhaupt keine Angst vor morgen habe.
Aber irgendwie bringe ich es nicht über mich.
„Ein bisschen.“
Meine Mutter lächelt verständnisvoll. Und streichelt mir über meine braunen Locken.
„Das ist völlig normal.“
„Es fühlt sich trotzdem blöd an.“
„Natürlich fühlt es sich blöd an. Du bist in einer neuen Stadt, in einem neuen Haus und morgen gehst du in eine neue Schule. Das wäre wahrscheinlich für jeden komisch.“
Ich schaue auf meine Hände.
„Was, wenn ich niemanden finde?“
„Dann gibst du dir ein bisschen Zeit.“ Sie sagt es so ruhig, als wäre die Lösung ganz einfach.
„Du musst nicht am ersten Tag zehn neue Freunde finden, Mimi. Es reicht, wenn du einfach hingehst und versuchst, offen zu sein.“
Ich nicke langsam.
„Und wenn der erste Tag nicht perfekt wird, ist das auch kein Weltuntergang“, fügt sie hinzu.
„Ich weiß.“
„Das sagst du ziemlich oft.
Ich muss grinsen.
„Vielleicht brauche ich es gerade einfach ein paar Mal.“
Sie lächelt und steht auf.
„Du solltest dich später langsam für morgen fertig machen.“
Ich sehe sie überrascht an.
„Jetzt schon?“
„Mimi, es ist fast acht.“
Mein Blick wandert zur Uhr.
Tatsächlich.
„Oh.“
Sie grinst.
„Und bitte schlaf heute nicht wieder bis Mitternacht.“
„Mach ich nicht.“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Sie geht aus meinem Zimmer und schließt die Tür hinter sich.
Ich bleibe noch einen Moment sitzen.
Dann lasse ich mich langsam nach hinten fallen und starre an die Decke.
Morgen.
Meine neue Schule.
Neue Leute.
Neue Lehrer.
Neue Klasse.
Ich schließe für einen Moment die Augen.
Vielleicht wird es tatsächlich gut.
Vielleicht muss ich einfach aufhören, mir ständig auszumalen, was alles schiefgehen könnte.
Ich atme tief durch.
Ich muss es einfach versuchen.
*
Am nächsten Morgen stehe ich ungefähr zehn Minuten vor meinem Kleiderschrank und habe trotzdem das Gefühl, überhaupt nichts zum Anziehen zu haben.
Ich ziehe ein Oberteil heraus, halte es vor mich und betrachte mich im Spiegel.
Zu auffällig.
Ich lege es wieder zurück.
Das nächste.
Zu langweilig.
Auch zurück.
Ich greife nach einem anderen.
Irgendwie sieht es auch nicht richtig aus.
„Warum ist das so schwierig?“, murmle ich.
Ich seufze und lasse das Oberteil wieder auf mein Bett fallen.
Es ist nur Schule.
Nur ein ganz normaler Schultag.
Eigentlich.
Ich entscheide mich schließlich für eine Jeans, ein schlichtes Oberteil und meine Lieblingsschuhe.
Nichts Besonderes.
Genau das ist mein Plan.
Ich möchte nicht gleich am ersten Tag das Gefühl haben, dass jeder mich ansieht.
Obwohl wahrscheinlich sowieso jeder weiß, dass ich neu bin.
Als ich nach unten komme, sitzt meine Mutter bereits am Frühstückstisch.
„Guten Morgen.“
„Morgen.“
Sie sieht mich an und lächelt.
„Bereit?“
Ich nehme mir ein Stück Toast.
„Nein.“
Sie lacht.
„Wenigstens bist du ehrlich.“
„Ich könnte auch einfach behaupten, dass ich total entspannt bin.“
„Das würde ich dir sowieso nicht glauben.“
Ich schüttele grinsend den Kopf.
Trotz meiner Nervosität tut es gut, dass sie mich nicht mit irgendwelchen riesigen Motivationsreden überhäuft.
Nach dem Frühstück nehme ich meine Tasche und gehe zur Tür.
Als ich draußen stehe, bleibe ich für einen Moment stehen.
Die Luft ist kühl, aber angenehm. Die Straßen sind schon voller Menschen. Irgendwo fährt ein Bus vorbei und aus einem Café an der Ecke kommt der Geruch von frischem Kaffee und Gebäck.
Alles wirkt so normal.
Nur für mich fühlt sich nichts normal an.
Ich ziehe die Tasche ein bisschen höher auf meine Schulter.
„Okay“, murmle ich. „Los geht’s.“
Dann setze ich mich in Bewegung.
Der Weg zur Schule kommt mir viel länger vor, als er tatsächlich ist.
Vielleicht liegt es daran, dass ich alle paar Minuten auf mein Handy schaue und überprüfe, ob ich noch richtig laufe. Die Adresse habe ich inzwischen mindestens fünfmal kontrolliert, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass sie stimmt.
Als das Schulgebäude schließlich vor mir auftaucht, werde ich automatisch langsamer.
Da ist sie.
Meine neue Schule.
Vor dem Eingang stehen bereits viele Schüler. Einige sitzen auf einer niedrigen Mauer, andere stehen in Gruppen zusammen und unterhalten sich. Manche laufen mit ihren Freunden über den Hof und lachen miteinander.
Ich bleibe am Rand stehen.
Plötzlich fühle ich mich unglaublich fehl am Platz.
Alle scheinen genau zu wissen, wo sie hingehören.
Nur ich nicht.
Ich nehme mein Handy heraus und schaue auf die Uhr.
Noch ein paar Minuten bis zum Unterricht.
Vielleicht kann ich einfach noch ein bisschen hier stehen bleiben.
Oder ich gehe nach Hause.
Bei dem Gedanken muss ich selbst kurz lachen.
Ja klar, Mia. Du gehst einfach wieder nach Hause und sagst deiner Mutter, die Schule war heute leider geschlossen.
„Sehr glaubwürdig“, murmle ich.
„Redest du gerade mit dir selbst?“
Ich erschrecke und drehe mich um.
Ein Mädchen steht hinter mir und grinst mich an.
„Ähm … nein.“
Sie hebt eine Augenbraue.
„Doch.“
Ich muss lachen.
„Okay. Vielleicht ein bisschen.“
„Keine Sorge. Ich hab auch schon mit mir selbst geredet.“
Sie streckt mir ihre Hand entgegen.
„Ich bin Julia.“
Ich zögere keine Sekunde und nehme ihre Hand.
„Mia.“
„Du bist neu, oder?“
„Sieht man das wirklich so deutlich?“
„Ein bisschen“, gibt sie zu und grinst. „Aber keine Angst, das ist nicht schlimm.“
Irgendwie gefällt mir ihre Art sofort.
Sie wirkt nicht aufdringlich, aber gleichzeitig auch nicht so zurückhaltend, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll.
„Ich war an meinem ersten Tag genauso“, erzählt sie. „Ich bin damals ungefähr zehn Minuten vor dem Eingang gestanden und habe ernsthaft überlegt, ob ich einfach wieder nach Hause gehen soll.“
„Echt?“
„Ja.“
Ich muss lächeln.
„Und was hat dich davon abgehalten?“
„Meine Mutter.“
„Natürlich.“
Julia lacht.
„Komm, wir sollten reingehen. Wenn wir noch länger hier stehen, verpassen wir am Ende wirklich den Unterricht.“
Ich sehe kurz zum Eingang.
„Du weißt, wo wir hinmüssen?“
„Natürlich.“
Sie dreht sich um und geht los.
Ich folge ihr.
Nach ein paar Schritten schaut sie über ihre Schulter zu mir.
„Welche Klasse bist du eigentlich?“
„In der 9d“
Julia bleibt mitten auf dem Flur stehen.
„Warte. Echt jetzt?
„Was?“
„Wir sind in derselben Klasse.“
Für einen Moment weiß ich gar nicht, was ich sagen soll.
Dann muss ich lächeln.
„Das ist irgendwie praktisch.“
„Sehr praktisch“, meint sie. „Dann bist du zumindest nicht komplett allein.“
Und plötzlich fühlt sich der Knoten in meinem Bauch ein kleines bisschen weniger schlimm an.
Als wir das Klassenzimmer betreten, wird es sofort lauter.
Stühle werden verschoben, Taschen landen auf Tischen und irgendwo hinten diskutieren zwei Jungs darüber, wem ein Platz gehört.
Julia zeigt auf einen freien Tisch.
„Setz dich ruhig hier hin.“
„Danke.“
Ich stelle meine Tasche neben den Tisch und setze mich.
Während Julia mir leise erklärt, wer ungefähr zu wem gehört, lasse ich meinen Blick durch den Raum wandern.
Ich versuche, mir die Gesichter zu merken.
Ein Mädchen mit langen blonden Haaren sitzt vorne am Fenster. Zwei Jungs lachen über irgendetwas, das einer von ihnen auf seinem Handy zeigt. Weiter hinten unterhalten sich mehrere Leute miteinander.
Ich merke schnell, dass ich mir unmöglich alle Namen merken kann.
Zu viele neue Menschen.
Dann öffnet sich die Tür.
Unser Lehrer kommt herein. Nach und nach wird es ruhiger.
„Guten Morgen zusammen.“ Ein eher müdes „Guten Morgen“ kommt aus der Klasse zurück.
Der Lehrer legt seine Sachen auf den Tisch und schaut einmal durch den Raum.
Dann bleibt sein Blick bei mir hängen.
„Du musst Mia sein.“
Ich nicke.
„Ja.“
„Dann stell dich doch bitte kurz vor.“ Mein Herz macht einen kleinen Sprung.
Ausgerechnet das.
Ich stehe langsam auf. Plötzlich fühlt sich jeder Blick im Raum an, als würde er direkt auf mir liegen. Ich spüre, wie meine Hände leicht warm werden.
„Also … ich bin Mia“, beginne ich und versuche, nicht zu schnell zu sprechen. „Ich bin 15 und wir sind vor Kurzem nach München gezogen, deshalb bin ich neu hier.“
Ich will mich gerade wieder setzen.
Da kommt eine Stimme von hinten.
„Das war’s schon?“
Ein paar Leute lachen.
Ich drehe mich um.
Der Junge, der dort sitzt, lehnt halb in seinem Stuhl zurück und sieht mich mit einem ziemlich selbstsicheren Grinsen an.
Blonde lockige Haare.
Frecher Blick.
Und offensichtlich viel zu viel Selbstvertrauen.
„Was soll ich denn noch erzählen?“, frage ich. Er zuckt mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Schuhgröße … damit wir wenigstens irgendwas über dich wissen.“
Ich verschränke die Arme.
„Meine Schuhgröße geht dich ehrlich gesagt ziemlich wenig an.“
Für einen kurzen Moment wird es still.
Dann grinst er noch breiter.
„Okay.“
Der Lehrer sieht ihn genervt an.
„Noah.“
Der Junge hebt unschuldig die Hände.
„Was denn? Ich wollte nur nett sein.“
„Dann versuch es beim nächsten Mal.“
Ein paar Schüler kichern.
Ich setze mich wieder und öffne mein Heft.
Julia beugt sich sofort ein kleines Stück zu mir.
„Das war Noah.“
„Das hab ich mir gedacht.“
„Er ist eigentlich ganz okay.“ Ich sehe sie skeptisch an.
„Eigentlich?“
Sie zuckt mit den Schultern.
„Er kann manchmal ziemlich nervig sein.“
Ich werfe einen kurzen Blick nach hinten.
Noah unterhält sich inzwischen mit seinem Nachbarn, als wäre überhaupt nichts passiert.
„Das Wort passt“, flüstere ich.
Julia muss lachen.
Ich wende mich wieder nach vorne. Ich will ihn vergessen.
Schließlich bin ich nicht hierhergezogen, um mich direkt am ersten Tag mit irgendeinem Jungen herumzuärgern.
Doch gerade als ich mich wieder auf den Unterricht konzentrieren will, spüre ich einen Blick.
Ich schaue aus dem Augenwinkel nach hinten.
Noah sieht mich an.
Unsere Blicke treffen sich.
Nur für einen kurzen Moment.
Dann grinst er. Ich verdrehe die Augen und schaue sofort wieder auf mein Heft.
Super.
Er ist gerade einmal zehn Minuten in meinem neuen Leben aufgetaucht und geht mir jetzt schon auf die Nerven. Ich hasse Noah.








