Kapitel 1 – Die Frau, die ihn zu Fall brachte

Emily stand vor dem Spiegel ihres Badezimmers und überprüfte noch mal ihr Make-up und ihre Haare. Nervös legte sie die Strähne zurecht und kontrollierte, ob wirklich keine Mascara verschmiert war, denn das passierte ihr wirklich oft.
Heute wollte sie perfekt aussehen. Ihr erster Arbeitstag als Assistentin bei Blackwood Industries.
Sie zog den Ärmel ihres einzigen guten Blazers glatt – der zweite hing noch in der Reinigung, für die sie diese Woche eigentlich kein Geld gehabt hätte. Auf dem Waschbeckenrand lag ihr Handy, Display nach oben.
Eine Erinnerung, die sie schon zweimal weggewischt hatte: Miete – fällig in 3 Tagen.
Sie hatte gelernt, mit solchen Erinnerungen zu leben, seit sie denken konnte. Erst im Waisenhaus, dann bei Pflegefamilien, die nie lange genug blieben, um ihr das Gefühl zu geben, irgendwo hinzugehören. Niemand hatte je auf sie gewartet, wenn sie nach Hause kam. Also hatte sie sich selbst beigebracht, worauf es ankam: durchhalten.
Diesen Job überstehen, die Probezeit überstehen, und dann würde das mit der Miete kein Problem mehr sein.
„Du schaffst das", sagte sie zu ihrem Spiegelbild.
Ihr Spiegelbild sah nicht ganz überzeugt aus.
Sie packte ihre Tasche, nahm die Schlüssel und fuhr los.
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„Ihre neue Assistentin ist angekommen."
Damian Blackwood unterschrieb den letzten Absatz eines Vertrags, ohne aufzusehen. Er hatte in den letzten drei Jahren siebzehn Assistentinnen verschlissen. Diese würde vermutlich Nummer achtzehn werden, spätestens nach der ersten Woche.
„Schicken Sie sie rein."
Die Tür öffnete sich.
Und etwas in ihm zerriss. Nicht metaphorisch. Er spürte es körperlich, ein Reißen quer durch die Brust, als hätte jemand eine Naht aufgeschnitten, von der er nicht gewusst hatte, dass sie existierte. Sein Stift fiel aus seiner Hand. Er bemerkte es nicht.
Vanille. Regen. Und darunter, kaum wahrnehmbar, etwas, das kein Duft war, sondern eher eine Erinnerung an einen Duft, den er seit dreihundert Jahren nicht mehr gerochen hatte und nicht hätte benennen können, selbst wenn man ihn gefoltert hätte.
Sein Wolf schlug gegen die Innenseite seiner Rippen wie ein Tier, das gerade erst gemerkt hatte, dass der Käfig, in dem es lebte, nie abgeschlossen gewesen war.
Nein, dachte Damian. Nicht das. Nicht jetzt. Nicht sie.
Er wusste nicht einmal, wogegen er sich wehrte. Nur, dass er sich wehrte.
„Guten Morgen", sagte sie professionell.
Er hob den Blick, mit mehr Mühe, als eine so simple Bewegung ihn jemals gekostet hatte. Langes dunkles Haar. Graublaue Augen, die ihn musterten, ohne auch nur eine Sekunde von seinem Ruf beeindruckt zu wirken. Ein einfacher schwarzer Blazer, an dem sie unbewusst den Ärmel zurechtzupfte.
Damian starrte sie an. Länger, als es sich gehörte.
Sie runzelte die Stirn. „Ist alles in Ordnung?"
Nein. Nein, überhaupt nichts war in Ordnung. Sein Herzschlag hatte sich einer fremden Taktung unterworfen, seine Hände wollten sich bewegen, wollten näher, wollten – er wusste nicht, was sie wollten, nur dass es zu viel war für einen Montagmorgen.
„Boss?"
Er blinzelte. „Wie heißen Sie?"
„Emily Carter." Ein Anflug von Belustigung huschte über ihr Gesicht.
„Stand auch auf dem Lebenslauf, den Sie hoffentlich gelesen haben."
Emily. Selbst der Name fühlte sich an wie etwas, das er sich nicht hätte aussuchen dürfen zu wollen.
„Sie sind spät."
„Ich bin zehn Minuten zu früh." Sie hob eine Augenbraue. „Aber gerne, fangen wir mit einer Lüge an."
Damian sah auf seine Uhr. Verdammt. Sie hatte recht. Er hatte in dreihundert Jahren gelernt, sich niemals von irgendjemandem eine Blöße geben zu lassen. Diese Frau hatte es in unter dreißig Sekunden geschafft, ohne es überhaupt zu versuchen.
„Ich habe noch einen ganzen Schreibtisch voller Aufgaben, die wahrscheinlich niemand sonst erledigt", sagte Emily. „Falls Sie mich nur zum Anstarren hergerufen haben, sollten wir das kurz halten."
Etwas in seiner Brust – dasselbe Etwas, das gerade noch aufgerissen worden war – zuckte auf eine Weise, die er nicht sofort als Lachen erkannte, weil es so lange her war, dass er das getan hatte.
Er lachte.
Kurz. Überrumpelt. Als hätte sein eigener Körper ihn dabei überrascht. Seine Brüder würden ihm das niemals glauben.
„Sie haben den Job", sagte er, bevor er wusste, dass er es sagen würde.
Emily blinzelte. „Den Job als Ihre Assistentin hat mir Ihre Personalabteilung vor drei Wochen gegeben. Ich arbeite seit heute Morgen hier."
Für einen Sekundenbruchteil sah er tatsächlich verunsichert aus. Dann verschwand es, ersetzt durch etwas, das aussah wie eine Entscheidung.
„Bringen Sie mir meinen Kaffee. Schwarz."
Sie musterte ihn mit dem Ausdruck einer Frau, die genau wusste, dass gerade etwas Merkwürdiges passiert war, sich aber entschied, es nicht zu hinterfragen, solange das Gehalt stimmte.
„Okay." Sie stand auf. „Ich bin gleich wieder zurück"
Sie drehte sich zur Tür.
Und Damian – der mächtigste Mann der Stadt, gefürchtet von Vorständen und Vampiren gleichermaßen – musste sich zwingen, nicht aufzustehen und ihr zu folgen, nur um herauszufinden, ob dieser Duft ihm noch einmal aus der Nähe folgen würde.
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Am selben Abend saß Emily zuhause auf ihrer Couch und starrte auf ihr Handy, auf dem die Erinnerung aufleuchtete dass die Miete in drei Tagen fällig war.
Sie hatte den ersten Tag überstanden, sie sollte erleichtert sein.
Stattdessen dachte sie an einen Blick, der sie angesehen hatte, als
hätte sie etwas Verlorenes zurückgebracht, das er nicht gewusst hatte, dass es fehlte. „Idiot", murmelte sie – zu sich selbst, nicht zu ihm.
Sie kannte diesen Typ Mann. Reich, gewohnt zu bekommen, was er wollte, mit einem Blick, der wahrscheinlich schon hundert Frauen dazu gebracht hatte, ihre Grundsätze zu vergessen. Sie würde nicht Nummer hundertundeins werden. Sie brauchte diesen Job. Sie brauchte nicht seine Aufmerksamkeit.
Also ignorierte sie das Ziehen in ihrem Bauch, das ihr keinen Namen anbot und trotzdem nicht verschwinden wollte.
Sie schlief unruhig. Und einmal, kurz vor dem Aufwachen, glaubte sie,
Wölfe heulen zu hören – obwohl mitten in der Stadt weit und breit kein einziger Wolf lebte.
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Auf dem Balkon seiner Villa, hoch über dem nächtlichen Meer, stand
Damian und wusste, dass er log, wenn er weiter versuchte, sich einzureden, es sei nichts gewesen.
„Du riechst nach ihr." Lucien war lautlos neben ihm aufgetaucht, wie immer.
Damian antwortete nicht.
„Oh nein." Lucien wurde blass. „Sag mir nicht—"
„Ich weiß nicht, was es ist." Es kostete ihn etwas, das zuzugeben. „Aber es ist nicht nichts."
„Das ist noch beunruhigender, als wenn du 'ja' gesagt hättest."
„Du erinnerst dich an den letzten von uns, der das gespürt hat?"
Lucien schwieg einen Moment zu lange. „Das ist über hundert Jahre her."
„Beantwortet nicht meine Frage."
„Es endete nicht gut." Lucien sah ihn an. „Für keinen von beiden."
Damian starrte hinaus aufs Wasser. Er hatte dreihundert Jahre gebraucht, um zu lernen, nichts an sich heranzulassen, das ihn zerstören konnte.
Und jetzt stand eine Frau mit graublauen Augen und einer scharfen Zunge in seinem Büro und hatte in dreißig Sekunden mehr Kontrolle über ihn gewonnen als jeder Feind, den er je besiegt hatte.
„Sie hat heute angefangen bei mir zu arbeiten", sagte er schließlich.
„Das war keine Antwort auf gar nichts."
„Ich weiß."
Lucien betrachtete ihn lange. Was auch immer er in Damians Gesicht sah, es ließ sein eigenes ernster werden. „Dann pass auf, dass du nicht derjenige bist, der am Ende alles verliert."
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Was keiner der beiden wusste: Weit entfernt, in einem Büro ohne Fenster, hatte ein Mann mit smaragdgrünen Augen gerade eine Akte geschlossen, auf deren erster Seite ein einziger Name stand.
Emily Carter.
Er hatte zwanzig Jahre gewartet, dass dieser Name irgendwo wieder auftauchte.








