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Mein Nachtvogel

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Summary

An der elitären St. Augustin Akademie tut die siebzehnjährige Juno alles, um unsichtbar zu bleiben. Doch nachts schreibt sie heimlich Webnovels – bisher ohne Erfolg. Das ändert sich schlagartig, als sie den eiskalten, makellosen Ren Takahashi unbemerkt beobachtet und als Vorbild für ihre neue Liebesgeschichte nutzt. Die Klickzahlen explodieren über Nacht, und die Leser verlangen mehr. Um Nachschub zu liefern, muss Juno Ren noch genauer studieren. Doch eine Unachtsamkeit in der Bibliothek lässt ihr Geheimnis auffliegen: Ausgerechnet Ren findet ihr ausgedrucktes Manuskript – und erkennt sich in jeder Zeile wieder.

Status
12h ago
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
16+

1

Ich drücke das Gesicht tief in meinen übergroßen Strickpullover und atme einmal tief durch. Der Osttrakt der St. Augustin Akademie riecht wie immer: altes Papier, Bohnerwachs und miese Schulkantinen-Luft. Perfekt. Je langweiliger es hier riecht, desto weniger Leute wollen sich freiwillig hier aufhalten. Das bedeutet weniger Augen, die auf mich gerichtet sind.

Ich ziehe die Schultern nach oben, schiebe die Brille mit dem Mittelfinger hoch und passe mein Tempo exakt an zwei Zehntklässlerinnen an, die vor mir durch den Flur schlendern. Gleicher Schritt, gleiches Tempo. Kunst des Unsichtbarseins, Lektion eins: Wer genau wie die Masse geht, fällt niemals auf. Sobald du deinen eigenen Rhythmus hast, schauen die Leute dich an. Wenn du nur die Welle mitreitest, bist du ein schattenhafter Teil der Kulisse.

„Juno, stopp!“, zischt plötzlich eine vertraute Stimme direkt neben meinem Ohr.

Bevor ich reagieren kann, taucht eine Hand auf und reißt mich am Ärmel meines Pullovers nach rechts. Im nächsten Moment knalle ich rückwärts zwischen zwei knarzende Bücherschränke im Flur. Trockener Holzstaub wirbelt auf und bringt meine Nase zum Kitzeln. Ich blinzle benommen.

Cleo steht vor mir. Sie hält ihren viel zu teuren Hafer-Latte aus der Kantine wie eine Trophäe in der Hand und starrt mich mit großen Augen an. Ihr perfekt unperfekter Dutt wackelt bei jeder heftigen Bewegung. „Du läufst schon wieder im Trance-Modus. Hast du überhaupt mitbekommen, was da draußen abgeht?“

„Ich war auf dem Weg zu Geschichte“, murmele ich und rücke meine Brille gerade. Mein Herz klopft kurz unangenehm im Hals. „Frau Weber bringt mich um, wenn ich schon wieder zu spät komme. Sie hat beim letzten Mal gedroht, mich ganz nach vorne neben das Lehrerpult zu setzen. Direkt ins Scheinwerferlicht.“

„Geschichtsunterricht kann warten!“, winkt Cleo energisch ab und gestikuliert so wild mit ihrem Kaffeebecher, dass ein weißer Schaumtropfen auf den dunklen Bodendielen landet. „Vergiss die Weimarer Republik, Juno. Wir haben ein seismisches Erdbeben der Stufe zehn im Foyer. Der Neue ist da.“

Ich blinzle kurz. „Der Neue?“

„Ren Takahashi. Mitten im Semester gewechselt. Die halbe Schule steht da draußen im Foyer und starrt ihn an wie ein Weltwunder.“ Cleo greift nach meinem Handgelenk und zieht mich ohne Vorwarnung aus unserer kleinen, schützenden Nische. „Komm schon, das musst du dir einfach ansehen!“

„Cleo, nein! Ich muss echt...“

„Gequatsche!“, fällt sie mir ins Wort und schiebt mich gnadenlos durch den dichten Schülerstrom.

Cleo ist das genaue Gegenteil von mir. Während ich versuche, mit den Tapeten der Akademie zu verschmelzen, marschiert sie durch die Flure, als würde ihr der ganze Laden gehören. Wir sind vermutlich nur befreundet, weil sie genug Energie für uns beide hat.

Wir quetschen uns an einer Gruppe Zwölftklässler vorbei, die aufgeregt auf ihre Handys tippen, bis wir hinter der kühlen Steinnische neben der Marmorbüste unseres Schulgründers stehen. Perfekte Deckung. Von hier aus hat man freie Sicht auf die riesige, lichtdurchflutete Empfangshalle. Die Flure sind brechend voll. Überall herrscht Getuschel, neugierige Blicke fliegen hin und her. Mädchen ziehen sich hektisch im Spiegelbild der Fenster den Lippenstift nach, und Jungs versuchen, ultracool an den verzierten Geländern zu lehnen.

Und dann sehe ich ihn.

Er steht mitten in der Halle, die Hände locker in den Taschen seiner dunklen Stoffhose vergraben. Seine Schuluniform sitzt unfassbar makellos. Kein einziger Knitter auf dem maßgeschneiderten Sakko, keine schiefe Krawatte, das silberne Schulemblem auf seiner Brust wirkt frisch poliert. Aber was mich wirklich stoppen lässt, ist sein Gesicht. Er schaut die Mitschüler an, als wären wir alle aus durchsichtigem Glas. Völlig kalt. Absolut unbeeindruckt.

„Krass, oder?“, flüstert Cleo mir direkt ins Ohr. „Der sieht aus, als hätte er eben eine Million geerbt und fände es einfach nur tödlich langweilig.“

„Wer wechselt bitte Mitte September die Schule?“, murmele ich und beobachte ihn genauer. „Das macht doch niemand freiwillig.“

„Gerüchteküche sagt: Er wurde von der Eliteschule in der Hauptstadt geworfen“, raunt Cleo und nimmt einen tiefen Schluck Kaffee. „Machtkämpfe im Schülerrat oder so. Und seine Familie hat hier wohl ordentlich Scheine auf den Tisch gelegt, damit Direktor Baumann ihn überhaupt mitten im Schuljahr nimmt.“

In diesem Moment steuert Herr Dankwart, der Chef der Theater-AG, auf den Neuen zu. Dankwart ist bekannt dafür, jeden Mitschüler mit einer Welle aus Worten und ausladenden Handbewegungen regelrecht zu überrollen. Er fuchtelt mit einem Stapel gelber Skripte in der Luft herum und strahlt über das ganze Gesicht, dass seine Goldkronen im fahlen Herbstlicht blitzen.

„Herr Takahashi! Wunderbar!“, ruft Dankwart schwungvoll und bleibt einen Meter vor ihm stehen. „Ich habe gehört, Sie sind neu bei uns. Wir suchen noch dringend Besetzungen für unser großes Herbststück! Ein Mann mit Ihrer Ausstrahlung— Sie wären die absolute Idealbesetzung für den eiskalten Grafen!“

Ren bleibt stehen. Er sieht Dankwart nicht einmal direkt in die Augen, sondern fixiert einen Punkt irgendwo weit hinter dessen linker Schulter. Er lässt den Lehrer einfach reden. Kein Kopfnicken, kein Blinzeln, keine Muskelzuckung.

„Nein“, unterbricht Ren ihn schließlich.

Die Stimme ist nicht einmal laut, aber sie ist tief, ruhig und so schneidend trocken, dass Dankwart mitten im Satz erstarrt.

„Wie... bitte?“, stammelt der Lehrer, und sein breites Grinsen friert auf der Stelle ein.

„Ich habe kein Interesse an Laienspiel“, sagt Ren, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. „Verschwenden Sie nicht meine Zeit.“

Er dreht sich einfach um und geht. Nicht schnell. Nicht wütend. Einfach so, als existiere der Theaterlehrer von einer Sekunde auf die andere nicht mehr auf dieser Erde. Die Traube von Schülern vor ihm teilt sich automatisch wie das Meer. Niemand wagt es, sich ihm in den Weg zu stellen. Dankwart bleibt mit offenem Mund stehen, lässt die Hand mit den Skripten langsam sinken und läuft von den Ohren abwärts dunkelrot an.

Neben mir stößt Cleo einen leisen Pfiff aus. „Okay. Der Typ hat ein Ego von hier bis zur Küste. 'Verschwenden Sie nicht meine Zeit.' Alter, der ist ja wie ein Bösewicht aus einem Film!“

Ich antworte nicht. Mein Herz klopft eine Spur schneller, als Ren geradewegs auf unsere Steinnische zukommt. Er schaut starr nach vorne. Er registriert mich nicht einmal. Für ihn bin ich nur ein unbedeutender Teil der Wand.

Aber genau in dem Moment, als er an uns vorbeizieht, bemerke ich etwas. Seine linke Hand ballt sich in der Hosentasche ganz leicht zur Faust. Ganz kurz. Eine minimale, fast mechanische Bewegung, bevor seine Finger wieder locker werden.

Er ist gar nicht so entspannt, wie er tut. Die kühle Fassade kostet ihn verdammt viel Kraft.

„Juno? Halloooo? Erde an Juno!“, Cleo schnippt hektisch mit den Fingern vor meinen Augen herum. „Bist du eingefroren?“

„Nein“, sage ich schnell und wende den Blick ab. „Ich... ich muss wirklich zu Geschichte.“

„Du bist unmöglich“, stöhnt Cleo, schlingt ihren Arm um meinen und zieht mich mit in Richtung Treppenhaus. „Komm, ich begleite dich, bevor du wieder im Stehen einschläfst.“

Der restliche Vormittag zieht sich wie Kaugummi. In Geschichte redet Frau Weber gefühlt drei Stunden ohne Pause über die Weimarer Republik. Ich sitze in der letzten Reihe am Fenster, kritzele kleine Strichmännchen an den Rand meines Heftes und versuche, nicht laut zu gähnen.

In der Mittagspause sitzen Cleo und ich draußen auf den abgewetzten Steinstufen vor der Mensa. Die September-Sonne brennt noch erstaumlich warm auf das Pflaster des Innenhofs. Cleo haut sich eine halbe Portion Pommes rein und beobachtet starr den Hof.

„Schau mal da drüben“, sagt sie plötzlich mit vollem Mund und deutet mit einer einzelnen Pommes nach links.

Am Ausgang zum Osttrakt stehen drei Jungs aus der Zwölften. Allen voran Julian, der Kapitän der Schul-Footballmannschaft. Julian trägt seine Sportjacke wie einen Königsmantel und hat dieses typische, arrogante Grinsen auf den Lippen, das bedeutet: Ich mache jetzt jemanden fertig.

Und genau in diesem Moment kommt Ren aus dem Gebäude. Er hat einen Thermosbecher in der Hand und steuert auf die Bänke am Park zu. Julian und seine Kumpels stellen sich breitbeinig in den Durchgang. Sie versperren den kompletten Weg.

„Hey, Neuer!“, ruft Julian laut genug, dass es über den ganzen Hof schallt und die Gespräche der anderen Schüler verstummen. „Hast du keine Manieren gelernt? Man stellt sich hier ordentlich vor, wenn man neu ist.“

Normalerweise knicken Mitschüler bei Julian sofort ein. Sie entschuldigen sich, stammeln herum oder versuchen, sich irgendwie einzuschmeicheln. Ren verlangsamt nicht einmal seinen Schritt. Er zieht nicht einmal die Brauen hoch. Er geht einfach stur weiter, direkt auf die Wand aus Muskeln zu.

„Hey! Ich rede mit dir, du arroganter Penner!“, blafft Julian und macht einen aggressiven Schritt nach vorne. Er hebt den Fuß und tritt gezielt nach Rens Rucksack, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Doch Ren weicht nicht zurück. Er dreht sich nicht einmal richtig um. Er wirft Julian nur einen einzigen Blick aus dem Augenwinkel zu – kalt, absolut emotionslos und mit einer eisigen Autorität, die Julian mitten in der Bewegung einfrieren lässt. Julians Fuß bleibt in der Luft hängen. Er schluckt sichtlich, weicht zwei Schritte zurück und lässt Ren wortlos passieren.

Auf dem Hof ist es totenstill. Ren geht weiter, als wäre nichts gewesen, setzt sich auf eine Bank und schraubt seinen Becher auf.

Cleo atmet tief aus. „Heilige Scheiße. Hast du das gesehen? Der Typ ist lebensgefährlich.“

Ich nicke nur langsam und starre hinüber zu der Bank. Mein Magen zieht sich flau zusammen. Ja, er ist gefährlich. Und ich werde alles tun, um diesem Jungen niemals in die Quere zu kommen.



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Good Writing

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Compelling Plot

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Great Character

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