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Die letzte Naht vor Mitternacht

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Summary

Köln, 2025. Nach der Handverletzung ihres Vaters soll Mara Jansen seinen letzten Kostümauftrag retten. Die Probe beginnt morgen. Der Mantel ist noch nicht fertig. Als Mara am nächsten Morgen die Werkstatt aufschließt, sind die fehlenden Nähte geschlossen. Ihr Vater schwört, dass er es nicht war. Bald liegt neben dem Stoff eine Nachricht: Nicht nach uns sehen. Die Hilfe könnte das kleine Theater retten. Doch ausgerechnet das Geheimnis der Werkstatt verspricht die Aufmerksamkeit, die dem Haus fehlt. Mara muss entscheiden, wie viel sie zeigen darf – und ob sie auch ohne das nächtliche Wunder für ihre Arbeit einstehen kann. Eine fortlaufende Geschichte über unsichtbare Helfer, sichtbare Arbeit und den Mut, eine eigene Naht zu setzen.

Genre
Fantasy
Author
sunfun
Status
10h ago
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
16+

Die fremden Stiche

Als ihr Vater zum dritten Mal nach der Nadel griff, legte Mara die Hand darauf.

„Nicht mit links.“

„Ich habe noch eine rechte.“

Er versuchte, den dunkelblauen Mantel mit dem verbundenen Handballen festzuhalten. Der Stoff rutschte. Eine Stecknadel fiel zu Boden, und Rolf bückte sich so hastig danach, als könne er auch das noch verbergen.

Mara hob sie auf. Sie steckte sie ins Kissen, nicht zurück ins Futter.

Auf ihrem Handy leuchtete Leas Nachricht: Morgen zehn. Kann ich diesmal die Arme heben?

Darunter stand Freitag, 14. November. Mara drehte das Display nach unten.

„Der Ärmel war bei der letzten Produktion richtig“, sagte Rolf.

„Da hat ihn ein anderer Mensch getragen.“

„Ich sage nur, dass du nicht alles aufmachen musst.“

Sie hatte nichts aufgemacht, was geschlossen hätte bleiben können. Lea musste in der Szene einen Koffer aus einem hohen Fach nehmen. Bei der Anprobe war der ganze Mantel mit ihren Armen hochgewandert, bis ihr der Kragen gegen die Kehle gedrückt hatte. Mara hatte den Schnitt geändert. Das neue Futter lag zugeschnitten und eingeheftet im Mantel; mehrere lange Strecken mussten noch von Hand befestigt werden.

„Noch zwei Stunden“, sagte sie.

Ihr Vater betrachtete die Nadel zwischen ihren Fingern.

Mara sah hinunter. Sie hatte den Faden vor einer Minute verloren und nähte seitdem mit einer leeren Nadel.

Aus dem Theater nebenan kam ein Stuhlkratzen. Dann klopfte es an die Verbindungstür, und Jonas steckte den Kopf herein. Seine Jacke hing über einer Schulter.

„Ich mache drüben zu. Braucht ihr noch was?“

„Eine zweite rechte Hand“, sagte Rolf.

Jonas lächelte, sah Maras Gesicht und ließ es bleiben.

„Lea kommt morgen schon um neun. Wenn es nichts wird, kann sie erst ohne Mantel proben.“

„Er wird fertig“, sagte Mara.

Jonas nickte ihr zu, nicht ihrem Vater. Dann zog er die Tür hinter sich ins Schloss.

Rolf suchte mit der rechten Hand in seiner Jackentasche. Als er den Schlüssel endlich hatte, legte er ihn auf den Tisch. „Du kannst meinen nehmen. Ich warte zu Hause nicht auf dich.“

Sie zog den Faden vollständig aus dem Mantel. Für morgen lag alles richtig: Futter glatt, die nötige Mehrweite im Rücken, die offenen Strecken mit Heftstichen markiert. Nur fertig war es nicht.

„Wir gehen beide“, sagte sie. „Ich komme früh wieder.“

Rolf öffnete den Mund.

„Ich habe gerade versucht, ohne Faden zu nähen.“

Er nahm seinen Schlüssel zurück.

Mara ließ das Licht am Tisch einen Moment länger an. Der Mantel lag ausgebreitet da, als hätte jemand ihn mitten in einer Umarmung verlassen. Sie strich eine Falte heraus, löschte die Lampe und schloss ab.

*

Am Samstag um kurz nach sieben lag die Nadel neben dem Kissen.

Mara blieb mit dem Schlüssel in der Hand stehen. Sie war sicher gewesen, sie hineingesteckt zu haben. Dann sah sie den Mantel.

Das Futter war angenäht.

Am unteren Rand zog sie den Stoff auseinander. Winzige Stiche hielten ihn fest, regelmäßig bis um die Rundung, wo sie gestern aufgehört hatte. Keine Stecknadel war zurückgeblieben. Die herausgezogenen Heftfäden lagen als lockerer Haufen am Tischrand.

Mara drehte den Mantel um. Auch die zweite Seite war fertig.

„Papa?“

Sie hatte das Wort in den leeren Raum gesagt. Nun rief sie ihn an.

Es dauerte, bis er abhob. Im Hintergrund lief Wasser.

„Warst du hier?“, fragte sie.

„Wo?“

„In der Werkstatt. Heute Nacht.“

„Mara, ich kriege nicht einmal das Brot ordentlich geschnitten.“

„Das Futter ist drin.“

„Welches Futter?“

Sie presste das Handy ans Ohr. „Ich mache keinen Witz.“

„Ich auch nicht. Ich war im Bett. Frag Jonas.“

Jonas antwortete auf ihre Nachricht mit einem Foto seines Frühstücks. Danach kam: Nicht mein Werk. Ich kann dir Kabel ordentlich aufrollen, bei Nähten hört es auf.

Mara prüfte die beiden Türen. Kein Schaden, keine offene Falle. Ihr Vater und sie hatten die Werkstattschlüssel; die Verbindungstür ließ sich von der Theaterseite ohne Schlüssel nicht öffnen. Vielleicht hatte Rolf irgendwann jemandem einen geliehen. Sie würde ihn fragen müssen. Jetzt strich sie mit dem Daumen über eine Reihe Stiche, die weder nach seiner noch nach ihrer Arbeit aussahen.

Die Tür zur Straße klapperte. Mara fuhr herum.

„Zu früh?“, fragte Lea durch die Scheibe.

Es war schon neun.

*

Lea stellte ihren Kaffeebecher auf die Fensterbank und zog den Mantel an. Er fiel bis unter die Knie; im Werkstattlicht war das Blau beinahe schwarz.

„Schön“, sagte sie. „Und jetzt der schwierige Teil.“

Sie hob die Arme. Der Kragen blieb unten. Lea grinste, griff noch höher und verzog das Gesicht.

„Da. Rechts.“

Mara kniete neben ihr. Unter dem Arm spannte sich das Futter zu einer schrägen Falte. Die unbekannte Hand hatte ihre Markierung genau befolgt. Auch dort, wo Mara zu knapp gemessen hatte.

Sie holte den Nahttrenner.

„Muss er wieder aus?“

„Ja. Ich brauche die Zugabe innen.“

Mara öffnete ein kurzes Stück der frischen Naht. Sie löste die zu schmale Stelle, nutzte die vorhandene Nahtzugabe und steckte neu. Lea stand dicht bei ihr und hielt den Stoff, wenn Mara beide Hände brauchte.

Rolf kam, als sie den ersten neuen Stich setzte.

„So viel Weite sieht man von vorn“, sagte er.

Mara hielt inne. Hinter ihm lag ihre eigene Schere oben im offenen Rucksack. Sie nahm sie heraus und schnitt den Faden ab.

„Dann sieh es dir auf der Bühne an.“

Beim zweiten Versuch konnte Lea beide Hände über dem Kopf zusammenlegen. Beim dritten nahm sie Maras schwere Reisetasche vom oberen Regal und setzte sie auf den Boden.

Der Mantel blieb, wo er hingehörte.

*

Um zehn stand Mara seitlich an der Bühne des Theaters im Hof. Ihre Finger rochen nach dem alten Metall des Nahttrenners. Jonas rückte den Koffer auf dem hohen Fach zurecht, dann ging er aus dem Licht.

Lea kam herein, in dem Mantel, den Mara gestern beinahe nicht hätte liegen lassen können. Sie sprach ihren Satz zur leeren Tür, wartete auf die ausbleibende Antwort und griff nach dem Koffer.

Mara spürte, wie sie selbst die Schultern hochzog.

Lea holte ihn herunter. Nichts spannte. Sie hielt ihn vor dem Bauch, als wäre erst jetzt sein Gewicht bei ihr angekommen.

Für ein paar Sekunden dachte Mara nicht an die Nähte.

„Weiter“, sagte Derya aus der dritten Reihe, leiser als sonst.

Neben Mara stand ihr Vater. Er sah noch auf die Bühne, als er sagte: „Vorn fällt er gut.“

Sie wartete auf das Aber.

Rolf schob mit der rechten Hand den leeren Stuhl neben sich zurecht. „Lass ihn so.“

Als die Szene zu Ende war, kam Lea zu ihnen. Sie zog nicht sofort den Mantel aus.

„Jetzt kann ich damit spielen“, sagte sie zu Mara.

*

Später hängte Mara ihn in der Werkstatt auf. Für die nächste Probe war er bereit.

Unter dem Tisch lag ein Knäuel aus blauem Garn, kaum größer als ein Apfelkern. Sie hob es auf. Mehrere kurze Fäden waren eng miteinander verknotet. Keine Spule war dort heruntergefallen.

Sie legte das Knäuel in eine leere Nadelschachtel. Dann zog sie einen Rest Futterstoff zu sich, dazu Papier.

Wenn heute Nacht wieder jemand kam, sollte diesmal eine Frage bereitliegen.

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Strong Dialog

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