Kapitel 1
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Elora
Der Spiegel in meinem winzigen Badezimmer hatte einen feinen, diagonalen Riss, der mein Gesicht in zwei ungleiche Hälften schnitt. Doch selbst durch das beschlagene Glas und das flackernde, gelbliche Licht der nackten Glühbirne an der Decke konnte ich den nackten Widerwillen in meinen eigenen Augen sehen.
Grüne Augen. Sie wirkten heute dunkler, fast wie schattiges Moos im tiefen Wald, umrahmt von dichten, dunklen Wimpern. Ich seufzte leise und griff nach der Bürste, um mein langes, leicht gewelltes braunes Haar zu bändigen. Es fiel mir in schweren Kaskaden über die Schultern, dick und lebendig, ein Erbe meiner Mutter, das mir im Alltag oft nur im Weg war. Meistens trug ich es fest zurückgebunden, um bei der harten Arbeit in den Vorratskellern und Küchen des Rudels nicht aufzufallen. Doch heute Abend durfte ich mich nicht verstecken. Heute Abend war jede wandelnde Wölfin des Vane-Rudels im heiratsfähigen Alter per absolutem Dekret des Alphas zum Erscheinen gezwungen.
Ich musterte mein Spiegelbild mit einer Mischung aus Frust und Angst. Ich wusste, dass ich nicht hässlich war – im Gegenteil. Unter den weiten, abgetragenen Pullovern, die ich sonst trug, um den Blicken der dominanten Krieger zu entgehen, verbarg sich ein Körper, der mir schon oft ungebetene Aufmerksamkeit eingebracht hatte. Ich hatte weibliche, ausgeprägte Hüften, die in einer weichen, harmonischen Kurve von einer schmalen Taille abfielen, und eine vollkommen natürliche, wohlproportionierte Oberweite, die unter dem spärlichen Stoff, den ich gleich anziehen musste, viel zu deutlich zur Geltung kommen würde. Für eine Wölfin meines Rangs – eine Omega aus den untersten, rechtlosen Arbeiterschichten des Territoriums – war Schönheit kein Segen. Sie war eine Zielscheibe. Ein hübsches Gesicht ohne den Schutz eines starken Vaters oder Gefährten war in unserer rauen, hierarchischen Welt Freiwild.
„Elora! Mach schneller, wir müssen los! Die Wachen kontrollieren bereits die Straßen! Wer zu spät kommt, wird ausgepeitscht!“, rief Martha, eine ältere, rundliche Wölfin, die mich nach dem Tod meiner Eltern aufgenommen hatte, besorgt durch die dünne Badezimmertür.
„Ich bin fast fertig, Martha“, erwiderte ich, während meine Stimme leicht zitterte.
Ich trat an das schmale Bett, auf dem das Kleid lag, das ich mir mühsam aus der Kleiderkammer der Gemeinschaft geliehen hatte. Es war ein einfaches, dunkelblaues Stoffkleid, dessen Farbe an den Säumen bereits leicht verblasst war. Es hatte keine feinen Stickereien, keine funkelnden Perlen wie die Roben der High-Society-Wölfinnen. Aber als ich hineinschlüpfte und den Reißverschluss an der Seite mühsam schloss, merkte ich, wie eng es anlag. Es schmiegte sich an meine Hüften und betonte die Rundung meiner Brust auf eine Weise, die mir den Atem raubte – und das nicht nur, weil der Stoff billig und kaum dehnbar war.
Ich strich den Stoff über meinen Oberschenkeln glatt und spürte, wie sich mein innerer Wolf tief in meiner Brust unruhig regte. Ein leises, unheilvolles Drücken machte sich in mir breit. Mein Wolf hasste große Menschenmengen, besonders die erdrückende, aggressive Aura der hochrangigen Alpha-Tiere.
Der heutige Abend war kein normaler Ball. Es war der „Such-Ball“ von Alpha Caleb Vane.
Seit er vor zwei Jahren die Herrschaft über das Rudel nach dem blutigen Tod seines Vaters übernommen hatte, war er als eiskalter, unbarmherziger Tyrann berüchtigt. Caleb war ein Krieger ohne Gewissen, ein Mann, der keine Schwäche duldete und das Rudel mit eiserner Faust regierte. Und heute Abend, so verlangte es das alte Gesetz, musste er seine schicksalhafte Gefährtin finden. Jedes Rudelmitglied, das weiblich, ungebunden und im gebärfähigen Alter war, musste sich im Festsaal des Alpha-Penthouses aufstellen, damit er an ihnen vorbeigehen und die Seelenverbindung prüfen konnte.
Es war eine Demütigung auf Raten. Wir, die Abschaum-Wölfe der unteren Ränge, wurden nur als Pflichtkatalog dorthin getrieben, um die Pracht der Reichen zu untermalen und als Statisten für Calebs große Stunde zu dienen. Niemand glaubte ernsthaft, dass ein hochgeborener Alpha eine namenlose Arbeiterin als seine Luna wählen würde. Wir würden in der Kälte am Rand stehen, während die Alpha-Töchter sich ihm anboten, und danach wieder in unsere staubigen Hütten zurückkehren.
Ich trat aus dem Bad. Martha wartete im winzigen Wohnbereich, gekleidet in ihr bestes, wenn auch altmodisches Gewand. Als sie mich sah, blieben ihre Augen an mir hängen, und ein besorgter, fast mitleidiger Ausdruck trat auf ihr faltiges Gesicht.
„Du bist wunderschön, mein Kind“, flüsterte sie und strich mir sanft eine braune Locke aus dem Gesicht. „Aber bitte... halte den Kopf gesenkt heute Abend. Schau keinen der Krieger direkt an. Und halte dich so weit wie möglich im Schatten. Je weniger man dich bemerkt, desto sicherer bist du.“
„Ich will gar nicht erst hin, Martha“, gestand ich, während ich meine abgetragenen, aber sauber geputzten flachen Schuhe anzog. Meine Hände waren eiskalt. „Warum müssen wir diese Farce mitmachen? Er will uns dort nicht haben.“
„Weil Caleb Vane keine Ausnahmen macht“, sagte Martha ernst. „Er fordert absoluten Gehorsam. Wenn eine von uns fehlt, gilt das als Verrat. Die Enforcer kennen keine Gnade.“
Ein lautes, ungeduldiges Hupen von den Straßen da draußen riss uns aus dem Gespräch. Die Transportbusse des Rudels, die die niederen Arbeiter zum herrschaftlichen Anwesen auf dem Hügel brachten, waren da.
Ich holte tief Luft. Ich versuchte, das unruhige, fast panische Pochen meines Herzens zu ignorieren, während ich die dünne Haustür hinter uns ins Schloss zog und in die kalte, feuchte Nachtluft trat. Der Himmel über den waldigen Bergen des Vane-Territoriums war pechschwarz, und in der Ferne thronte die beleuchtete Festung des Alphas wie ein schlafendes, bedrohliches Raubtier.
Irgendetwas in mir schrie danach, umzukehren und im Wald zu verschwinden. Doch das Gesetz des Alphas duldete keine Flucht. Ich ahnte nicht, dass dieser Abend nicht nur mein Leben, sondern meine gesamte Existenz in Trümmer legen würde.








