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Summary

Manchmal ist die Wahrheit gefährlicher als jede Lüge. Officer Damian Anderson glaubt an seinen Beruf, an das Gesetz und daran, dass das Abzeigen auf seiner Brust für alle Brüder in Blau das gleiche bedeutet. Bis zu einer Nacht am Hafen. Eine zufällige Beobachtung lässt ihn an dem zweifeln, was er bisher für selbstverständlich gehalten hat. Damian beginnt Fragen zu stellen und stößt dabei auf etwas, das besser verborgen geblieben wäre. Je näher er der Wahrheit kommt, desto größer wird das Risiko. Denn manche Geheimnisse haben einen hohen Preis. Und Damian ahnt noch nicht, was es ihn kosten wird, die falschen Fragen zu stellen.

Status
17 mins ago
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Anacostia Waterfront

Damian blickte zum wiederholten Mal auf seine Uhr. Es war kurz nach Mitternacht. Von Tom fehlte noch immer jede Spur. Vielleicht hielt sein Date einfach nichts von Pünktlichkeit. Oder er hatte es sich anders überlegt und brachte nicht den Mut auf, es ihm zu sagen. Damian ließ die Hand sinken und steckte sein Handy zurück in die Jackentasche. Sein Blick wanderte über den kleinen Anleger. Der private Steg lag abseits der belebteren Bereiche der Anacostia Waterfront, verborgen zwischen alten Lagergebäuden und einem schmalen, verwilderten Uferstreifen. Ein paar Laternen standen entlang des Zugangs und warfen matte Lichtkegel auf die feuchten Holzplanken. Dazwischen blieb genug Dunkelheit, dass man sich beinahe unsichtbar fühlen konnte. Hinter dem Anleger lag der Fluss wie eine schwarze Fläche unter dem Nachthimmel. Nur hin und wieder kräuselte sich das Wasser und schlug leise gegen die hölzernen Pfosten. Zwei kleine Boote waren am Steg vertäut und bewegten sich sacht mit der Strömung. An einem rostigen Geländer hingen alte Rettungsringe, deren ehemals weiße Oberfläche im fahlen Licht grau wirkte.

Von Washington selbst war hier kaum etwas zu sehen. Ein paar entfernte Lichter schimmerten zwischen den Gebäuden hindurch. Der Verkehrslärm der Stadt erreichte den Anleger nur noch gedämpft. Stattdessen hörte Damian das Knarren der Taue, das leise Plätschern des Wassers und das gelegentliche Knacken des alten Holzes unter seinen Schuhen. Er zog den Reißverschluss seiner Lederjacke ein Stück höher. Eigentlich war dieser Ort ziemlich perfekt für ein heimliches Treffen. Genau deshalb hatte er ihn ausgesucht. Um diese Uhrzeit würde kaum jemand hierherkommen.

Sein Handy vibrierte in der Tasche. Damian zog es heraus.

Tom: Bin gleich da. Sorry. Musste noch mal umdrehen.

Damian musste unwillkürlich schmunzeln. Musste noch mal umdrehen. Was auch immer das heißen sollte. In den vergangenen zwei Wochen hatte Tom jedenfalls einen völlig anderen Eindruck vermittelt. In ihren Nachrichten war er selbstbewusst gewesen, manchmal geradezu frech. Damian hatte mehr als einmal mit einem Grinsen auf sein Handy geschaut. Der Mann hinter dem Profil hatte ihn neugierig gemacht.

Damian steckte das Handy wieder ein. Kaum hatte er sich umgedreht, hörte er Schritte hinter sich.

„Damian?“

Er wandte sich um. Tom trat aus dem Schatten einer riesigen, ausgemusterten Frachtcontainerbrücke. Er wirkte dort zwischen den Stahlträgern fast verloren. Der 35-Jährige trug einen schlichten grauen Anzug, der gerade gebügelt aussah, und seine kurzen, schwarzen Haare waren sorgfältig nach hinten gekämmt. Seine Brille glänzte im spärlichen Licht der weit entfernten Straßenlaternen. Als Damian näher kam, rückte Tom nervös hin und her, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Er sah aus wie ein Buchhalter, der sich verlaufen hatte, und nicht wie der selbstbewusste Mann aus ihren Nachrichten.

„Na, da bist du ja“, sagte Damian mit einer tiefen, rauen Stimme, während er auf ihn zuging.

Damian ließ Tom kaum Zeit zu reagieren. Er griff nach seinem Kragen und drückte ihn gegen die kalte Stahlwand des Containers. Nicht grob, aber bestimmt genug, dass Tom sofort verstand, was Damian wollte. Sein Atem ging schneller, und als sich ihre Blicke trafen, bemerkte Damian die Unsicherheit in seinen Augen. Gleichzeitig war da diese gespannte Erwartung, die er schon aus ihren Nachrichten kannte.

„Entspann dich“, sagte Damian leise und strich mit der rauen Hand über Toms Wange bis hinunter zu seinem Kinn. Tom zitterte leicht unter der Berührung. „Wir machen das, wofür du hergekommen bist. Hier sieht uns niemand.“

Tom nickte. Seine Kehle bewegte sich sichtbar, als er schluckte. Sein Blick wich Damians Augen aus und glitt stattdessen über die Tätowierungen, die unter dem Kragen von Damians T-Shirt hervorschimmerten. Damian bemerkte es und musste unwillkürlich grinsen. Offenbar war der Mann aus ihren Nachrichten doch noch irgendwo da. Er legte eine Hand an Toms Schulter und drängte ihn ein wenig fester gegen die Stahlwand.

„Auf die Knie.“

Tom zögerte nur kurz, dann ging er vor Damian auf die Knie. Das Geräusch seiner Knie auf dem rauen Beton war kaum mehr als ein dumpfes Schaben. Er sah zu Damian auf, die Augen hinter den Brillengläsern weit geöffnet. Damian öffnete den Knopf seiner Jeans und zog den Reißverschluss ein Stück herunter.

„Nimm ihn.“

Tom kam der Aufforderung nach. Seine Hände zitterten leicht, und Damian merkte schnell, dass ihm die Sicherheit fehlte, die er in seinen Nachrichten ausgestrahlt hatte. Trotzdem blieb Tom bei ihm. Er ließ sich auf das ein, was sie beide wollten, und Damian genoss für einen Moment die Kontrolle über die Situation.

Damian stöhnte leise auf, als die feuchte Wärme ihn umschloss. Er legte eine Hand in Toms kurze Haare, schlang seine Finger darin und drückte den Kopf sanft, aber unmissverständlich nach vorne.

„Ja, genau so“, hauchte Damian, während er den Kopf in den Nacken legte und den Nachthimmel betrachtete. Toms Bewegungen wurden etwas sicherer.Das leise Stöhnen füllte die Stille zwischen den Lagerhallen. Tom wirkte völlig in der Rolle aufgehend, ein williges Werkzeug für Damians Vergnügen, seine Hände klammerten sich an Damians Oberschenkel, als wäre es sein einziger Halt.

Damian ließ den Moment wirken, genoss die Macht und die körperliche Befriedigung, aber ein Teil seines Gehirns, geschärft durch Jahre auf Streife, blieb immer wachsam. Während Tom ihn mit wachsendem Eifer bearbeitete, ließ Damias Blick über die Schulter schweifen, hin zum Flussufer.

Dort, wo die alten Anlegestege ins Wasser ragten, bewegten sich Schatten. Damian ließ den Blick über die dunkle Uferlinie wandern. Zunächst hielt er die Männer für irgendwelche Gestalten, die sich dort herumtrieben, vielleicht Drogendealer oder Obdachlose. Doch je länger er hinsah, desto vertrauter kamen ihm ihre Bewegungen vor. Drei Männer standen dicht beieinander. Sie trugen Zivil, doch ihre Haltung, die Art, wie sie sich umsahen und miteinander kommunizierten, verriet sie. Major Crime Unit. Damian kannte ihre Gesichter aus Akten und von Überwachungsfotos. Hochrangige Detectives.

Doch sie waren nicht allein. Ihnen gegenüber standen vier weitere Männer in maßgeschneiderten Anzügen, mit teuren Schuhen und selbstbewusstem Auftreten. Keine Polizisten. Damian kannte diese Art von Leuten. Organisiertes Verbrechen, möglicherweise russische oder osteuropäische Banden, die in den vergangenen Monaten immer weiter in die Stadt vorgedrungen waren. Was ihn irritierte, war die Ruhe zwischen den beiden Gruppen. Niemand wirkte angespannt. Es sah beinahe wie ein Geschäftstreffen aus.

Damian spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. Sein Kopf schaltete automatisch um. Beobachten. Einordnen. Abwarten. Einer der Detectives sah auf seine Uhr und gab ein kaum merkliches Nicken. Daraufhin griff einer der Männer im Anzug in seine Jackentasche, zog drei dicke, weiße Umschläge hervor und reichte sie nacheinander den Detectives. Drei Umschläge – drei Männer. Die Detectives nahmen sie entgegen und ließen sie sofort in ihren Jacken verschwinden. Keiner öffnete seinen Umschlag. Keiner stellte eine Frage.

Damian musste nicht wissen, was darin war. Er hatte genug gesehen. Bestechungsgeld. Polizisten, die sich von Kriminellen bezahlen ließen. Und es waren keine kleinen Streifenbeamten, die sich für ein paar Dollar bestechen ließen. Es waren hochrangige Detectives, Männer, die eigentlich dafür zuständig waren, genau diese Leute zur Strecke zu bringen. Damian wusste in diesem Augenblick, dass er gerade etwas gesehen hatte, das er niemals hätte sehen sollen.

Tom bemerkte nichts von dem, was wenige Meter entfernt am Fluss geschah. Damian dagegen hatte die Männer keine Sekunde mehr aus den Augen gelassen. Etwas in ihm hatte sich verändert. Die Anspannung, die eben noch andere Gründe gehabt hatte, war mit einem Schlag einer kalten, konzentrierten Wachsamkeit gewichen. Jeder Muskel war angespannt, sein Blick erfasste Abstände, mögliche Fluchtwege und die Position der einzelnen Männer, während sein Kopf die Situation bereits neu ordnete.

„Hör auf“, sagte er plötzlich, so hart, dass Tom sofort innehielt und verwirrt zu ihm aufsah.

„Was ist los?“

„Geh.“ Damian zog seine Jeans hoch, ohne den Blick von der Gruppe am Wasser zu nehmen. „Hau ab. Sofort.“

„Aber ich dachte …“

Damian machte eine kurze, abweisende Handbewegung. „Ich sagte, geh.“

Er packte Tom am Jackettkragen und zog ihn hoch. Der Mann stolperte, fing sich wieder und schob hastig seine verrutschte Brille zurück. Für einen Moment sah er Damian fragend an.

„Vergiss, dass du mich hier gesehen hast.“

Tom nickte zögernd.

„Und jetzt verschwinde.“

Tom drehte sich um und ging zunächst schnell, dann immer hastiger in Richtung Ausfallstraße. Damian verfolgte ihn aus dem Augenwinkel, bis er zwischen den Lagerhallen verschwunden war. Erst dann wandte er sich wieder vollständig dem Fluss zu. Seine Aufmerksamkeit gehörte jetzt nur noch den sieben Männern. Er ging einige Schritte zurück und verschwand im Schatten einer Palette mit gestapelten Holzkisten. Geduckt suchte er sich eine Position, von der aus er die Gruppe beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Er bewegte sich langsam und kontrolliert, jeden Schritt bedacht, während sein Blick zwischen den Detectives und den Männern aus dem organisierten Verbrechen wechselte.

Er musste herausfinden, wer genau diese Männer waren und wohin sie nach diesem Treffen verschwinden würden.

Damian blieb regungslos hinter den Holzkisten und beobachtete die Männer. Die Geldübergabe war bereits vorbei, daran konnte er nichts mehr ändern. Trotzdem zog er langsam sein Handy aus der Tasche. Er zoomte so weit heran, wie es die Kamera erlaubte, und begann systematisch zu fotografieren. Keine hektischen Schnappschüsse, sondern mehrere Aufnahmen von jedem Gesicht aus unterschiedlichen Winkeln. Danach hielt er Kleidung, Schuhe und auffällige Merkmale fest. Er fotografierte die Gruppe als Ganzes und anschließend einzelne Männer, soweit sie ihm eine brauchbare Sicht boten. Die Bilder würden die Übergabe nicht beweisen, aber sie konnten ihm helfen, die Beteiligten zu identifizieren.

Dabei behielt Damian ständig die Umgebung im Auge. Er achtete auf Fahrzeuge, Kennzeichen, mögliche Begleiter und darauf, wer mit wem sprach. Ein Detective stand etwas abseits, ein anderer hatte während des Gesprächs mehrfach zur Straße gesehen. Damian prägte sich die Bewegungen ein und versuchte, die Männer einander zuzuordnen. Zeit und Ort würde er später ebenfalls notieren, solange die Erinnerung noch frisch war.

Gerade als er das letzte Foto machte, kam Bewegung in die Gruppe. Einer der Detectives sagte etwas, woraufhin sich die Männer voneinander lösten. Keine Verabschiedung, kein gemeinsamer Aufbruch. Sie gingen in verschiedene Richtungen auseinander. Damian wartete einen Moment und beobachtete, wohin jeder Einzelne verschwand. Eine Verfolgung kam für ihn nicht infrage. Dafür waren es zu viele Personen und zu wenig Informationen. Wenn er einem folgte, verlor er die anderen. Außerdem wusste er nicht, ob irgendwo noch weitere Männer postiert waren.

Er machte noch zwei letzte Aufnahmen von den Männern, bevor sie endgültig aus seinem Sichtfeld verschwanden, und steckte das Handy ein. Sein Magen fühlte sich unangenehm schwer an. Er hatte keinen Beweis für einen konkreten Geldbetrag und keine Ahnung, worüber die Männer gesprochen hatten. Aber er hatte ihre Gesichter. Und er hatte gesehen, wie drei Detectives Umschläge von Männern aus dem organisierten Verbrechen entgegengenommen hatten.

Auf dem Heimweg ging Damian die Szene immer wieder durch. Er rief sich Gesichter und Bewegungen ins Gedächtnis, solange sie noch frisch waren, und wiederholte in Gedanken Uhrzeit und Reihenfolge der Ereignisse.

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