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Zeitmagier Band 1 - Teufelskind

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Summary

Von der Gesellschaft gehasst. Unerwünscht. Ungeliebt. Aber geformt von einer Legende. Cornelius Mut sorgte in frühen Jahren schon für Schlagzeilen. Tod durch Flammen hätte ihn ereilen müssen. Doch am Tag der Hinrichtung seiner Mutter erwählte ihn das Feuer. Das Drachenvolk schenkte ihn Macht. Nur fürchtet die Welt seine Blutlinie. Dem Ruf folgend wird sich Cornelius nun beweisen müssen und zeigen, ob die Drachen einen Helden oder einen Zerstörer auserkoren haben.

Status
7h ago
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Prolog

„Anklage wird erhoben gegen Millenia Mut!“

Stille!

Grausige Stille!

Unglaube, wohin das Auge blickt.

Furcht vor den Zorn der Familie Mut.

Vor ihrer Grausamkeit.

Flammender Zorn, der sich nicht löschen lässt.

Macht aus einem Adelshaus, das seit vielen Generationen die Welt in Dunkelheit und Furcht tauchte. Gesegnet mit Talenten. Monströser Stärke oder teuflischer Intelligenz. Vampire, die lange Zeit mit Stolz auf ihre Reinrassigkeit blickten. Nur änderte sich alles, als eine Menschenfrau ins Spiel kam und unfreiwillig in die Familie einheiratete. Die jüngste Generation wandte sich von der grausamen Familienideologie ab. Nur deshalb geriet Millenia Mut in die Fänge der Gesetzeshüter. Verraten von ihrer eigenen Tochter. Und doch steht das Biest mit vor Stolz erhobener Brust und einem diabolischen Grinsen auf dem Plateau, als stehe ihr Todestag noch in weiter Ferne.

Unwahrscheinlich!

Diese Frau fürchtet den Tod nicht. Millenia Mut verschrieb sich der Schwarzmagie. Sie kennt sicherlich unzählige Schlupflöcher. Selbst als Zeuge ihrer Hinrichtung kann die Kommandantin nicht mit Gewissheit den Tod dieses Monsters verkünden. Susanne sah viele Verbrecher. Viele Terroristen. Hochmütig, rassistisch und arrogant. Vielen stopfte sie persönlich das Maul und selbst einem Kampf gegen einen Drachen nimmt sie mit Freuden auf. Doch jede Begegnung mit der Familie Mut ließ sie erschaudern. Sie begegnete vielen Familienmitgliedern. Geprägt von Souveränität, Autorität und Gefühlskälte.

Millenia Mut heiratete mit Freuden in die Familie. Als Bewunderin. Krankhaft verliebt in ihren Mann. Bekannt für ihre Schönheit, ihrer furchterregenden, seltenen Gabe und als Reinblüterin. Doch angewidert gegenüber ihren beiden Kindern. Schwäche wird schwer bestraft. Ihre Tochter erfüllt nicht die Erwartungen der Familienideologie und wurde Opfer von häuslicher Gewalt. Trotz Demütigungen und Prügel träumt das Kind von der Karriere einer Soldatin. Nicht irgendwo im Lande Lunsta. Sondern in Susannes Diensten. In der großen Handelsstadt Kristallherz.

Cornelia Mut verbleibt eisern an Susannes Seite und hält Blickkontakt zu ihrer Mutter. In ihren Augen lodert die Kriegsflamme. Trotz Verrat, trotz Kräfteunterschied und trotz Schuldgefühle gegenüber ihren Bruder stiert das Kind, als wende sich ihr Blatt endlich zum Guten. Cornelia mag der geprügelte Hund sein, aber nie verlor sie ihren Lebenswillen. Oder den Mut, sich ihrer Mutter entgegenzustellen. Sie konnte noch so beschimpft und bespuckt werden, Cornelia stand immer auf. Und das für ein Kind, das erst vor wenigen Monaten das zehnte Lebensjahr erreichte.

Das fuchsrote Haar bekamen beide Nachkommen von Millenia. Während Cornelia ihrem Vater aus dem Gesicht geschnitten scheint. Auch seine dunklen Augen bekam das Kind in die Wiege gelegt. Eins der erschreckenden Details, was Susanne am liebsten ausblenden mag. Unmöglich. Ein Blick in das Antlitz des Kindes und Susanne fürchtet, Dennis Mut vor sich zu haben.

Vier Erzengel verweilen vor Ort.

Vier!

Aus Sorge, Millenia Mut könne ihren Fesseln entkommen und in einem Bruchteil einer Sekunde ein Blutbad errichten. Für gewöhnlich schickt der Rat der Engel vielleicht mal einen Erzengel. Oft nur einfache Soldaten. Frisch ausgebildet und noch überfordert mit den Aufgaben. Doch zu viele Leben nahm Millenia Mut. Gemeinsam mit ihrem Mann.

Susannes Augen halten in der Zuschauermenge Ausschau nach versteckten Klingen, nach Spuren von Magie und nach Veränderungen in den Augen des Gewürms. Ein Farbwechsel der Regenbogenhaut oder die veränderte Form der Pupille können bereits Vorboten für einen Hinterhalt sein. Somit kann die Bogenschützin rechtzeitig handeln und das Schlimmste verhindern.

Wie zischende Schlangen behalten die Dorfbewohner jede noch so kleine Bewegung im Auge und verunsichern die Soldaten. Der grüne Kristall, der auf Susannes Stirn eingewachsen ist und sie an die Schatten ihrer Vergangenheit erinnern soll, beginnt zu jucken. Ein zuverlässige Warnung: Gefahr wird drohen!

Grimmig bleckt Susanne die Zähne und baut sich bedrohlich vor dem kriminellen Gesindel auf. Als Beispiel für ihre Soldaten. Die legendäre Bogenschützin fürchtet einen Aufstand. Dabei sind die Bedingungen für einen Gegenschlag nicht gerade optimal. Denn die finstere Nacht beschränkt ihre Sicht und somit ein Vorteil für die Blutsauger. Während Susannes Leute sich im Dunkeln fürchten und mehr das Bild einer ängstlichen Beute abgeben, werden die Vampire eins mit der Nacht. Die wenigen Feuerstellen spenden zu wenig Licht. Die Vampire werden sich in der Dunkelheit verstecken und dann zu ihrer Gunst zuschlagen. Ein Hinterhalt, auf den die Mehrheit der Soldaten nicht vorbereitet sein wird. Außerdem wäre es für die die Kinder der Nacht ein Leichtes, die Lichtquellen zu löschen. Obwohl die Vampire zu ihrer größten Sorge gehören, stuft sie einen jeden Anwesenden, der nicht unter ihrem Kommando dient, als eine große Bedrohung ein. Dörfer in Lunsta leben in tiefer Armut. Hunger und Neid treiben die Unzufriedenheit gegenüber der Regierung in die Höhe. Doch Susanne muss neutral bleiben. Ungeachtet ihrer Gefühle! Lunsta treu ergeben, das fordert ihr Fluch. Daher folgt auch der Name als herzloser Hund von Lunsta.

Treffend!

Bellen und beißen gehört schließlich zu ihren Stärken.

Der Zahl der Feinde unterlegen zu sein, stört Susanne nicht. Nicht, wenn sie im Alleingang agiert. Doch sie wird an jenem trostlosen Ort nicht all ihre Feinde töten können, um all ihre Leute zu beschützen. Daher kalkuliert sie mit hohen Verlusten. Mord und Totschlag auf offener Straße sind hier keine Seltenheit. Gerechtigkeit, Schutz und Geborgenheit sucht sie in Mia Vampi vergebens. Die kriminelle Gemeinschaft diente zuerst als Heimatstätte für Vampire. Gilden, gutbezahlte Arbeit und die wohl bekannteste Schule für Kreaturen der Nacht haben weitere düstere Wesen hierher gelockt. So wurde aus Mia Vampi eine Heimat für andere dunkle Völker. Nah an einer Großstadt und fern von den feindlichen Elfen. Die Fassaden hingegen bröckeln, somit erinnern die Häuser größtenteils mehr an Ruinen. Statt Blumen sind Knochen in vielen Gärten zu finden. Ein Boden uneben und bestehend aus festgetretener Erde. Getränkt in Blut und Tränen.

Anders als auf gepflasterten Wegen werden sich ihre Soldaten hier ein Bein brechen, sie werden über Hindernisse stolpern oder im Matsch versinken. Und die Kommandantin zutiefst beschämen. Und das in der Anwesenheit von Erzengeln, damit würde Susanne zum Gespött ganz Lunsta werden – eine Welt verlassen vom sämtlichen Glück. Ein einzig großes Schlachtfeld ohne Aussicht auf Besserung. Ein Land geführt von blinden Politkern und dem arrogantem Adel, die ihre Lage trotz all der Rückschläge schön reden. Selbst wenn ein jeder Politiker in die mageren Gesichter der armen Dorfbewohner blicken und Orte wie Mia Vampi besuchen könne, würden sie den kritischen Zustand leugnen. Ein Fehler, denn genau das rechtfertigt die vielen Rebellionen im Lande, die hohe Unzufriedenheit in Lunsta und die zahlreichen Seuchen, Überfälle, Raubzüge und Plündereien.

Doch ihr Flucht zwingt Susanne, Neutralität zu wahren!

Ungeachtet ihrer kochenden Gefühle.

Doch in all den Jahren sieht Susanne einen Lichtblick.

Cornelia Mut.

Sie wendet sich von der Familie ab und will den Namen ihrer Familie reinwaschen. Es zeigt sich, dass sie viel Einfluss auf ihren Bruder hegt. Ein kleiner Junge. Ein Pulverfass voll mit mächtiger Magieansammlung. Kaum aus den Windeln raus, schwingt er das Schwert besser als jeder Soldat. Die Familie Mut war schon immer gesegnet mit Talenten. Selbst die unwürdigen Erben. Die Verstoßenen.

Allein die bloße Existenz von Millenias Sproßen verärgert die große Mehrheit Lunstas Einwohner.

Wie könnte Susanne diese Kinder niederstrecken, nur weil ihr Stammbaum eine Schreckensherrschaft verbreitete?

Susannes Zeit ist kostbar, ihr Leben widmet sie ihrem Fluch. Dem Schutz von Kristallherz. Der Ausbildung neuer Rekruten. Und doch besteht der Plan, für Millenias Kinder zu sorgen und ihnen eine neue Bestimmung zu schenken.

Die Kommandantin wird streng, viel beschäftigt und weniger verständnisvoll als andere Leute sein. Dennoch hat die Bogenschützin die Vampirkinder in ihren Schutz genommen und somit den Zorn eines Erzengels auf sich genommen - Daly, die hohe Richterin. Eine Frau, deren Herz aus Stein bestehen soll. Noch immer spürt sie den eisigen Blick des Erzengels auf sich ruhen. Nur mag sich Susanne nicht umdrehen, denn es fällt der Kommandantin nur schwer, ihre Zunge zu zügeln.

Dieser Fall geht Susanne zu nah. Verbunden mit zu vielen Emotionen, die sich nicht länger ausblenden lassen. Dabei war Susanne überzeugt, ihr Herz wäre für immer versiegelt.

Ein gewaltiger Irrtum!

„Susanne! Fahre augenblicklich fort! Dieser Ort schluckt zu viel meiner wertvollen Zeit!“

Ungeduld und abschätzende Worte aus dem Munde des wohl bekanntesten Erzengels von Lunstas. Eine engste Verbündete vom Präsidenten. Eine Kriegerin mit solch mächtiger Macht, die alles übertrifft. Der hohen Richterin Daly kann kaum ein Bewohner Lunsta trotzen. Ihr Wort ist Gesetz. Und doch dient sie treu der obersten Führungsebene. Auf dem Präsidenten Geheiß urteilt Daly vor Ort. Für gewöhnlich schmettert sie ihre Macht selbst nieder und verrichtet das Urteil im Alleingang. Doch auch Daly scheint sich vor einem Fluch oder einem miesen Trick aus dem Hause Mut zu fürchten. Daher verweilt das zierliche Wesen im Hintergrund, wie bei einer Epidemie.

Eine Locke des rubinroten Haares befreit sich aus den zusammengebundenen Knoten und klatscht in Susannes schmales Gesicht. Das vertraute Gekicher erreicht ihre Ohren, mit ihren kupferfarbenen Augen visiert die Bogenschützin Millenia an. Der Wahnsinn steht der Vampirdame ins Gesicht geschrieben. Das Bündnis mit einem Elitedämon schlägt anscheinend böse Wurzeln in Millenia. Bei ihrer letzten Begegnung war Cornelias Mutter noch voller Anmut, aber nun erkennt Susanne die Terroristin kaum wieder. Um jedoch Dalys Gemüt zu besänftigen, beginnt Susanne von neu.

„Anklage wird erhoben gegen Millenia Mut. Aus einem Adelshaus, das zu lange Fäden im Hintergrund zog und Selbstjustiz verübte. Millenia Mut werden die folgenden Verbrechen zur Last gelegt:

Erstens: Die Saat des Terrors!

Millenia und Dennis Mut haben Angst und Terror in den Straßen getragen! Nicht um zu jagen, sondern um zu herrschen. Sie haben ihre Macht zur Schau gestellt, die Leichen der Opfer wie Trophäen auf den Marktplätzen drapiert und den Zorn von Lunsta heraufbeschworen.

Zweitens: Die illegale Ernte und der wilde Blutrausch!

Das Gesetz besagt: Keine Schwarzmagie! Ohne Ausnahme! Gebrauch wird schwer bestraft!

Wie bereits ältere Generationen der Familie Mut wählten die Eheleute Millenia und Dennis Mut den Pakt mit einem bekannten Erzdämon. Für Macht und Wahnsinn! Zum Leid Lunsta. Opfergaben unschuldiger Seelen lieferten die vielen Blutbäder, um dem Unheil noch mehr Macht zu verleihen. Zu welchem Preis? Sehet den Wahnsinn, der von Millenia Mut Besitz ergreift! Fehlende Empathie und monströse Ausstrahlung! Wer sich einem Dämon verkauft, der verliert alles! Macht und Reichtum sind Trug und Schein, wenn das Opfer die eigene Freiheit fordert!

Das Gesetz besagt ebenfalls: Kein Blut für Vampire! Auch ohne die Zunahme von Blut können Vampire existieren! Der Verzicht mag Vampire schwächen, aber nicht töten! Die Eheleute Millenia und Dennis Mut haben sich über die Jagdrechte hinweggesetzt. Getrunken, wo es ihnen untersagt war. Sie haben sich am Blut derer berauscht, die unter dem Schutz des Gesetzes standen. Sie haben sich nicht wie ein Jäger verhalten, sondern wie tollwütige Tiere.

Drittens:

Die offene Rebellion gegen das System!

Die Familie Mut verhöhnte das Wort unserer Präsidenten und dem Hohen Rat! Sie wiegelten weitere Adelsfamilien auf, verweigerten den Gehorsam und sprengten die Ketten der Ordnung. Millenia und Dennis haben den Frieden unserer Gemeinschaft bedroht und den Versuch gestartet, die Führungsposition an sich zu reißen!“

„Genug!“ Daly hebt die Hand mit glühendem Blick. Ein hochwertiges, aber reinlich weißes Kleid symbolisiert ihren Stand. So wie ihre acht Schwanenflügel. Prachtvolle Schwingen, umhüllt von einem Mantel aus purem Licht. Daly konkurriert ganz oben auf der Liste für den Titel der schönsten Frau aus dem Reich Lunsta. Das rubinrote Haar wurde aufwendig geflochten und hochgesteckt. In den eisblauen Augen lässt sich neben der Kälte und der Abscheu auch der Wunsch zum Aufbruch finden. Zu lange weilt der hohe Erzengel an solch einem dreckigen Ort, daher will Daly die Prozedur sicherlich beschleunigen. „Damit kommen bereits genug Anklagepunkte zusammen! Ich verkünde daher mein Urteil!“

Frustriert presst Susanne die Luft zwischen den Zähnen hindurch.

Nicht mal die Hälfte aller Anklagepunkte kamen somit auf den Tisch und eine jede Straftat sollte in den Augen der Kommandantin genannt und erläutert werden. Der Opfer zuliebe. Doch Daly wird keine Widerworte dulden. Zum Schutz von Millenias Nachkommen wird Susanne nachgeben. Daly zu erzürnen könnte einen Sinneswandel heraufbeschwören.

„Für solch einen Terror gibt es keine Vergebung, kein Exil und keine Gnade“, verkündet Daly trocken.

Der Wahnsinn hält kurz inne, denn Millenias Augen entdecken einige Gestalten. Sicherlich Verbindungen. Verbündete. Oder manipulierbare Opfer.

„Eure Chance! Erhebt euch! Kämpft! Befreit mich und ich reiße der hohen Richterin das Herz aus der Brust!“

„Schweigt, Vampir!“, mahnt Daly sie streng.

Statt den Rat zu beherzigen, lacht Millenia lauter. Susanne muss sich nicht umdrehen, um zu wissen, wie die hohe Richterin reinblickt. Mit Spott konnte Daly noch nie gut umgehen, ihr zierliches Gesicht ist sicherlich von Zorn völlig verformt.

Dennoch ruht Susannes Blick auf Cornelia. „Du musst nicht hier sein, Kind.“

„Ich muss!“

Cornelias Hand verkrampft sich so stark auf dem Schwertgriff, dass sich die Knöchel weiß färben.

Die Unruhe unter den Dorfbewohnern verleitet Susanne dazu, denn Bogen in ihren Händen zu spannen und bereits nach einem möglichen Attentat Ausschau zu halten. Die Kinder der Nacht weichen zur Seite und lassen jemanden passieren, ein Grund für die Bogenschützin ihren Posten zu verlassen. Dabei blendet sie Dalys Urteil aus, das der Erzengel nun vor versammelter Mannschaft verkündet.

„Soldaten! Macht euch bereit! Seid wachsam!“, ruft Susanne ihren Leuten zu und blickt umher. „Etwas nähert sich!“

Unter der Menge macht die Kommandantin schwarzen Rauch aus. Eine Form unter den Vampiren, die gerne genutzt wird, um schneller zum gewünschten Ziel zu gelangen. Damit sind die Jäger agiler und vor allem flinker. So bemüht die Bogenschützin auch ist, den schwarzen Rauch im Auge zu behalten, befindet sich der Vampir im Vorteil. Die Dunkelheit erschwert die Sicht, die Spuren des Rauchs lassen sich kaum verfolgen.

„Ihr Feiglinge! Fürchtet ihr euch so sehr vor den Engeln? Beschämend! Genau das ist der Grund, warum wir Vampire langsam aber sicher ausgeräuchert werden!“, schimpft Millenia.

Damit entfacht die Verurteilte einen Funken in den dunklen Geschöpfen und Susannes schlimmste Erwartungen erfüllen sich. Ein Soldat nach den anderen wird in die unzufriedene Menge gezogen, von wo sie verschwinden und kläglich schreien.

„Denkt an eure Formation! So wie wir es immer geübt haben!“, brüllt Susanne.

Die Angriffe lenken vorm eigentlichen Ziel ab. Ein verdammtes Ablenkungsmanöver! Die Zielperson stellt sich dabei nicht als Millenia Mut heraus, denn die befindet sich zu nah an der Richterin Daly. Ihre Tochter hingegen trägt das heißbegehrte Blut der Familie Mut. Haarscharf entreißt Susanne einer dunklen Gestalt Cornelia und jagt dem Entführer kompromisslos einen Pfeil in den Schädel. Um das Kind vor der tobenden Menge zu schützen, wird viel von ihr abverlangt. Denn wenn ein Vampir erst einmal in seiner Rauchgestalt durch die Luft wirbelt, ist der Blutsauger kaum aufzuhalten. Auch für die geübte Bogenschützin erweist sich jeder Erfolg als Glückstreffer. Doch am heutigen Tag stehen die Engel an ihrer Seite, die bereits tatkräftig auf den Aufstand reagieren. Ihre gleißende Magie reißt einige Vampire zu Boden, mit ihren leuchtenden Schwertern stechen sie auf die Rebellen ein. Zeigen keine Gnade und fangen mit ihrem großen Federgewand sämtliche magische Angriffe ab, die lautstark durch die Luft befördert werden. Tödliche Geschoße. Unterschätzte Angriffe. Zu mächtig für Susannes Soldaten. Wohin das Auge späht sind hohe Verluste auszumachen.

In solch einer Situation wünscht sich Susanne mehr Barrierensetzer – Spezialisten, wenn es um die Verteidigung geht. Leider ein Mangelgut. Dabei fangen die magischen Schilde einiges ab und können nicht so leicht durchbrochen werden. In diesem Fall befinden sich ihre drei Barrierensetzer am Scheiterhaufen, wo sie hingehören. Millenia darf ihnen auf keinen Fall entkommen, denn mit dem Tod dieser blutrünstigen Vampirfrau sollt diese schreckliche Ära enden. Wenn die Berichte stimmen, hat es ihren Mann fern von Mia Vampi ebenfalls vor wenigen Tagen erwischt. Die Details kennt Susanne leider nicht, der Bericht wurde angefordert.

Da Cornelia trotz ihres bereits erwachsenen Verhaltens noch ein Kind ist, fühlt sich Susanne immer noch aufgefordert, sie vor sämtlichen Schaden zu beschützen. Dabei kommt Millenias Spross bestens zurecht. Die Körpergröße macht es der Kleinen einfacher, sich unter den Angriffen hinweg zu ducken. Das Vampirmädchen erweist sich als kaltblütige Kriegerin, sie fügt dem angreifenden Gesindel tödliche Wunden mit ihrem Kurzschwert zu. Auf ihr Konto gehen mehr Verbrecher zu Fall, als Susanne Pfeile verschießt.

Seite an Seite und Rücken an Rücken kämpfen die Bogenschützin und die kleine Schwertkämpferin nah beieinander. Die beiden decken sich gegenseitig wie ein festeingespieltes Team und halten die Angreifer vom Scheiterhaufen fern. Bis zu dem Punkt, als sich die Sorge in Cornelias Gesicht breitmacht. Der kleine Rotschopf eilt impulsiv in Richtung Scheiterhaufen und fast kostet diese Ablenkung Susanne das Leben. In letzter Sekunde duckt sich die Bogenschützin und spürt den Windzug der Axt, die nur wenige Zentimeter über ihr hinweg saust. Ein Engel befördert den angreifenden Koloss mit einem Lichterball wie eine Kanonenkugel durch die Luft.

Langsam und unsicher erhebt sich die Kommandantin. Für gewöhnlich unterlaufen ihr solche anfänglichen Fehler nicht. Daher nickt sie dem geflügelten Krieger dankbar zu und schon nimmt die Bogenschützin die Verfolgung von Cornelia Mut auf. Je näher Susanne dem brennenden Scheiterhaufen kommt, desto unerträglicher wird die Hitze. Der Wind pustet die Rauchschwaden genau in ihre Richtung, sodass der beißende Geruch des Feuers ihr die Galle nach oben treibt. Der Rauch gelangt in die Atemwege, verpestet ihre Lungen, lässt sie husten und ihre Augen brennen.

Ein Assassine springt von rechts auf sie zu, er nutzt den Rauch als sicheres Versteck. Für einen Pfeil reicht der Kommandantin die Zeit nicht, daher springt Susanne zurück und zieht aus ihrem Ärmel eine versteckte Klinge hervor. Ein Wurf, und das Messer landet in der Luftröhre ihres Angreifers. Verärgert über die Unterbrechung schnaubt sie. Ein Windzug und laute Schritte kündigen die nächsten Kandidaten an.

Susanne blickt zurück, greift zu und schnappt sich den nächstbesten jungen Mann an seinem dreckigen Lumpen, um ihn kurz darauf über ihren Kopf hinweg zu schleudern. Stöhnend landet der Kerl auf dem unebenen Boden und wenn er Pech hat, steckt ihm ein spitzer Knochen im Rücken. Denn Susanne würde es nicht wundern, wenn das ganze Dorf auf einem riesigen Friedhof erbaut wurde. Keiner der Bewohner wird sich die Mühe machen, einen Toten von der Straße zu kratzen. Sicherlich lassen die Dorfbewohner die Leichen umherliegen, schütten bei guter Laune etwas Erde drauf und kehren dem Toten den Rücken zu. Das würde den unebenen Boden erklären, sowie das nagende Ungeziefer und diesen widerlichen Verwesungsgestank. Dass noch keine Leichenfresser hierher gefunden haben oder es zu spuken begonnen hat, weil die Toten keine vernünftige Ruhestätte haben, verwundert Susanne ungemein.

Während Susanne voran sprintet jagt sie weitere Pfeile los, die zischend durch die Luft fliegen und zielgenau Herzen und Köpfe treffen. Alles nur, weil sich unter den Angreifern kein Vampir befindet. In jenem Moment Glück für Susannes Voranschreiten, doch zum Pech ihrer Leute. Aus der Ferne lässt sich Cornelia ausmachen und Susanne rettet das Kind wie durch ein Wunder vor einem Werwolf und zwei Assassinen, denen das Kind wenig Beachtung schenkt. Denn ihr Augenmerk ruht auf ihren geliebten Bruder, dieser befindet sich oben auf dem brennenden Podest und diskutiert unter Tränen mit seiner Schwester. Aus der Distanz. Wie seine Schwester hat er das Haar seiner Mutter und die Augen seines Vaters. Das Gesicht ähnelt jedoch mehr seiner Mutter. Hoffentlich nicht auch noch sein Charakter.

Die Panik steht Cornelia ins Gesicht geschrieben. Sorge nagt an dem Kind, denn ihr Bruder ist eingekesselt. Die Flammen sind bereits so hoch, dass Susanne ihm nicht helfen kann. All die Vorwürfe und die verzweifelten Beschimpfungen sind Cornelias Art, um ihm zu verdeutlichen, wie sehr sie sich um ihn sorgt. Auch in diesem Fall haben Susannes Soldaten versagt, denn eigentlich sollte der Junge in seinem Hause festgehalten werden. Eigentlich hätte er nicht aufwachen dürfen, denn Susanne verabreichte ihm persönlich eine hohe Dosis Schlafmittel und vergewisserte sich bei der Einnahme. Immer aufs Neue überrascht die Blutlinie der Familie Mut. Vielleicht war sie zu nachlässig, weil sie in den beiden noch immer einfache Kinder sieht.

In jenem Moment verzweifelt der Sohn an Millenias Fesseln. Seine Mutter spricht zu ihm und was auch immer die beiden dort oben besprechen, ihre Stimmen werden von der Geräuschkulisse übertönt. Ob durch das Summen von Magie, das Kreuzen von Waffen, das qualvolle Röcheln, das Wimmern um Gnade und das Bersten von Knochen. Zu viel für Susanne Gehör, um Informationen filtern zu können.

Mit angespanntem Kiefer blickt Susanne zur Seite, ein Vampir materialisiert sich genau vor ihr. Der bleiche Vampir springt wie eine aufgeschreckte Katze zur Seite, als er Susannes zornigen Blick erntet. Die Kommandantin spannt ihren Bogen und zielt bereits auf das Herz des Verbrechers. Zu seinem Glück verduftet der Kerl, sodass Susanne ihre Waffe senkt. Dennoch hat etwas anderes Vorrang, eine halbe Umdrehung zu Millenias erstgeborenem Kind und sie drückt das Kind trotz Gegenwehr an sich. Susanne verdeckt den Scheiterhaufen und würde ihre Waffe nicht in ihrer anderen Hand ruhen, dann hätte sie dem Kind die Ohren zugehalten. Denn die hungrigen Flammen laben bereits an Millenia, lassen das Biest schreien. Schreie, die eigentlich Musik in Susannes Ohren sein müssten, wären die Umstände anders. Denn an Millenia und Dennis hat die Kommandantin gute Freunde verloren.

Endlich lässt Cornelia ihre Maske fallen, sie drückt ihr feuchtes Gesicht in Susannes Jacke und gibt sich den Tränen hin. Die Kommandantin hingegen blickt auf, denn sie hört nur Millenia schreien. Aber was ist mit dem Jungen?

Die Augen weiten sich vor Unglauben, denn das Feuer kann sich noch so hoch türmen und bedrohlich aufbauen, Millenias Sohn bleibt unbeschadet. Die Flammen wirbeln anerkennend um ihn herum, fordern ihn zum Spielen auf. Stupsen ihn an und doch kämpft das Element vergebens um seine Aufmerksamkeit. Ein Kind, das seine Mutter verliert, hat andere Sorgen. Der Junge kniet vor den verkohlten Resten seiner Mutter, und gibt sich laut seiner Trauer hin. Emotionen, die aus ihm herausbrechen. Anders als bei seiner Schwester, die still und leise Tränen vergießt.

Susannes steht der Mund offen, als sie im Feuer ein meisterhaftes Schwert wiedererkennt. Ein Relikt mit einer Botschaft. Eine lange Klinge so rot, als wäre sie im Blut der Feinde getaucht. Der Griff ist rabenschwarz und ein Rubin in der Form einer Flamme mähen jene Zweifel nieder. Dieses Schwert gehört einem Kind des Feuers – eines Feuermagiers. Das Drachenvolk erwählt erneut ein Kind der Nacht, segnet Cornelias Bruder mit der Macht der Flammen. In naher Zukunft wird dieser Junge Drachen knechten und bereits hochwertige Zauber der Feuermagie erlernen. Wofür Feuernutzer hart trainieren und sich ein ganzes Leben widmen, wird dieser junge Vampir bei genügend Ehrgeiz einen Meistertitel in der Feuermagie in spätestens zwei Jahrzehnten erreicht haben. Cornelius wird das Feuer perfektionieren können. Allein der Besitz dieses Schwertes erleichtert den Lernprozess, füttert den Besitzer kontinuierlich mit Magie. Wenn Cornelius schwächelt, kann das Schwert ihm die fehlende Energie geben. Fast, als hätte diese Waffe ein Eigenleben.

Aber die Bürden eines Magiers sind groß, Cornelius wird vor der hohen Richterin und dem Präsidenten das Knie beugen müssen. Trotz der vielen Fördermaßnahmen bleiben Magier Marionetten. Es heißt zum Wohle der Bevölkerung. Wohl eher zum Wohle des Adels. Schließlich werden die militärischen Projekte von den gierigen Kotzbrocken gefördert und die Magier werden mehr als Waffen statt Lebewesen mit einem freien Willen betrachtet. Geknechtet am Militär, den Adel und dem ungerechten System der Politik erwartet den Jungen ein Schicksal, das Susanne keinem wünscht. Der Ruf seiner Eltern, seine wahre Natur und das Recht auf sein Erbe werden den Pfad des Vampires erschweren.

Ein tiefer Atemzug und schon steht Susannes Entschluss fest. Die Kommandantin muss ihre Kontakte springen lassen, ihm Zeit verschaffen. Sie wird ihn nicht unvorbereitet in die Hände des Militärs übergeben. Dieser Junge braucht eine Ausbildung, einen Willen aus Stahl, Ziele vor Augen, eine gesunde Einstellung und vor allem eine starke Mauer, wo all jene Vorwürfe und Vorurteile zerbersten.

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Good Writing

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Strong Dialog

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