Kapitel 1: Die Wahrheit
Prolog
Ein Raum voller junger Rekruten, die jeweils die Besten aus ihren Sparten repräsentieren, sitzt angespannt vor einer leeren Leinwand. Sie rutschen ungeduldig auf ihren Stühlen hin und her, als plötzlich ein Mann im Anzug den Raum betritt und sich mittig vor der großen Leinwand positioniert. Alle Augen richten sich gebannt auf ihn, während er mit einer Fernbedienung das Licht im Raum dimmt und einen Projektor aktiviert, der ein einziges Wort an die Wand wirft: „Tulpa“…
Kapitel 1: Die Wahrheit
Mein Name ist Mikel Anderson. Ich habe eine Ausbildung beim BND absolviert und wurde zu einem geheimen Vorstellungsgespräch von einer Organisation geladen, die eigentlich gar nicht existieren dürfte. Informationen darüber? Fehlanzeige. Vermutlich, weil das weit über meiner Gehaltsklasse liegt. Ich hätte die Einladung für einen Scherz gehalten, hätte sie mir nicht mein Vorgesetzter persönlich überreicht. Er hüllte sich in eisernes Schweigen, und das Einzige, was ich aus ihm herausbekam, war ein drängendes: „So eine Chance bekommen Sie nie wieder. Lehnen Sie bloß nicht ab.“ Nach diesem Satz hatte er mich. Wer zum BND geht, steht schließlich auf Geheimniskrämerei.
Nun sitze ich hier mit 15 anderen auf den Stühlen und mustere meine Sitznachbarn. Niemand wechselt ein Wort. Die fragenden, angespannten Blicke verraten mir, dass sich hier keiner kennt. Ich überlege kurz, das Eis zu brechen, als die Tür aufschwingt. Ein Mann im Anzug, schätzungsweise Mitte 50, betritt den Raum, dimmt das Licht und lässt das Wort auf die Leinwand projizieren: „Tulpa“.
Bevor wir lange rätseln können, nimmt er die Runde ins Visier: „Willkommen. Sie alle wurden aufgrund exzellenter Empfehlungen eingeladen. Dass Sie hier sitzen, ohne das Ziel zu kennen, beweist Ihre Neugier – und genau die brauchen wir.“ Er macht eine kurze Pause, geht zwei Schritte vor. „Die Geheimhaltungsvereinbarungen haben Sie unterzeichnet. Sie wissen, was bei einem Bruch passiert. Also kommen wir direkt zur Sache: Kennt jemand den Film Men in Black?“ Vereinzeltes Nicken. „Nun, wir sind im Grunde die Men in Black. Nur dass wir keine Außerirdischen jagen, sondern etwas, das hier entsteht: Tulpas.“
Ein ungläubiges Tuscheln geht durch den Raum. Ein Rekrut namens Kral meldet sich zu Wort: „Tulpas? Sie wollen uns ernsthaft erzählen, dass gedankliche Manifestationen real sind? Bin ich hier im falschen Film?“ „Keineswegs, Mr. Kral“, antwortet der Agent gelassen. „Alles, was ich Ihnen sage, ist die nackte Wahrheit.“ „Das können Sie uns nicht einfach so verkaufen!“, poltert Kral los. Sofort fallen andere mit ein: „Genau!“, „Soll das ein Witz sein?“, „Reine Zeitverschwendung!“
Statt lange dagegen anzureden, schmunzelt der Mann im Anzug nur. Er gibt ein kurzes Pfeifen von sich. Die Tür öffnet sich und ein Wachmann rollt einen kleinen Wagen herein, auf dem ein verhüllter Käfig steht. „Überzeugen Sie sich selbst“, sagt der Agent und zieht das Tuch ab.
Im Käfig sitzt eine handgroße, menschenähnliche Kreatur mit spitzen Flügeln. Sie presst ihr Gesicht gegen die Gitterstäbe, offenbart ein Gebiss voller nadelspitzer Zähne und krächzt uns entgegen: „Was glotzt ihr denn alle so bescheuert?“ Danach kichert das Ding hysterisch und überschlägt sich im Käfig. Totenstille im Raum.
„Eine etwas ältere Tulpa, vermutlich irischen Ursprungs“, erklärt der Agent ruhig. „Gehen Sie ruhig näher heran.“ Die nächsten dreißig Minuten vergehen wie im Flug. Wir umringen den Käfig, untersuchen jedes Detail. Als ein Rekrut trotz Warnung seinen Finger durch die Stäbe steckt, schnappt die Kreatur blitzschnell zu. Ein schmerzerfüllter Aufschrei, gefolgt von wildem Gekicher des kleinen Wesens. Das Ding ist weder eine Puppe noch ein Hologramm. Es ist echt.
Der Agent tritt wieder vor. „Ich bin übrigens Agent Smith. Ja, klischeehaft, aber treffend. Wir fangen diese Wesen ab. Und nein, Sie jagen hier keine niedlichen Feen. Die meisten Tulpas entspringen den dunkelsten Abgründen des menschlichen Verstandes.“
Ich hebe die Hand. Smith deutet auf mich. „Mikel Anderson“, stelle ich mich vor. „Wenn Tulpas gedankliche Manifestationen sind... warum ist die Welt dann nicht voll von ihnen? Warum liest man davon nichts?“ Smith lächelt. „Sehr gute Frage, Mr. Anderson. Erstens, weil wir Vorfälle konsequent vertuschen. Und zweitens: Eine Tulpa entsteht nicht einfach, weil man kurz an etwas denkt. Die genauen Voraussetzungen erforschen wir noch. Glauben Sie mir, wenn wir Tulpas nach Belieben erschaffen könnten, müssten wir Sie jetzt nicht rekrutieren – wir würden uns einfach die perfekten Agenten erträumen.“
Er blickt in die Runde. „Wer jetzt lieber in seine heile Welt zurückmöchte, darf gehen.“ Niemand bewegt sich. „Hervorragend. Dann beginnen wir mit dem Auswahlverfahren.“
„Sie alle kommen aus Sparten, in denen Aufklärung und Ermittlung Ihr Alltag waren“, beginnt Smith. „Heute sind ungefährlichere Tulpas wie diese Fee selten. Das Internet und der ungefilterte Glauben an Mythen füttern ganz andere Kreaturen.“
„Wäre es dann nicht klüger, die Menschheit aufzuklären, damit niemand mehr Tulpas erschafft?“, ruft ein Rekrut dazwischen. Smith schüttelt den Kopf. „Bedenken Sie das Risiko: Wenn Sekten, Terroristen oder Diktatoren wüssten, dass intensiver Glaube Wesen erschaffen kann – was glauben Sie, wozu sie das nutzen würden? Tulpas handeln exakt so, wie sie erdacht wurden. Das wäre das Ende der Welt.“
Er macht eine kurze Pause. „Wir haben drei freie Stellen. Und Sie sind sechzehn. Zeit für die Tests.“
Der erste Test verlangt ein Umdenken: Wir sollen alle potenziellen Tulpas aufschreiben, die uns einfallen. Ich fülle eine ganze Seite mit Fabelwesen, Großstadtmythen und biblischen Gestalten. Meine Liste bringt mich in die nächste Runde: Ein Fitnesstest und ein Schießstand im Nachbarraum. Am Ende bleiben vier von uns übrig.
Agent Smith tritt vor uns vier: „Glückwunsch. Der letzte Test dauert dreißig Minuten pro Person und findet einzeln statt.“
Er führt die ersten drei nacheinander fort, bis ich an der Reihe bin. Ich folge ihm in einen Raum mit einer Einwegscheibe, einer zweiten Tür und einem Tisch mit Mikrofon. Vor dem Fenster stehen vier Männer in einem sterilen Raum auf Stühlen. „Durch das Glas sehen Sie vier Personen, die von sich behaupten, Jesus Christus zu sein“, erklärt Smith. „Sie haben dreißig Minuten Zeit und genau eine Frage pro Person, um herauszufinden, wer eine echte Tulpa ist und wer ein Schauspieler. Auf dem Zettel kreuzen Sie Ihre Wahl an. Viel Erfolg.“
Damit lässt er mich allein. Auf dem Zettel steht viermal „Proband 1 bis 4“ mit je einem Kästchen. Durch das Glas beobachte ich die vier. Sie tragen Headsets. Mein Mikrofon hat vier Tasten für jeden Probanden.




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