Prolog
Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Zimmer schongeputzt habe. Vielleicht hundertmal, vielleicht nur zehn. Die Tage verschwimmen längst zu einem einzigen langen, zähen Augenblick. Meine Hände bewegen sich von selbst. Ich wische das Regal ab, räume Bücher zurecht, falte die Decke, schließe Schubladen. Alles mechanisch, wie eine Marionette, die nur noch durch Gewohnheit aufrecht steht. Ihre Zahnbürste steht noch immer im Becher. Daneben liegt die zerbrochene Haarspange, die sie so geliebt hat. Ich sollte sie wegwerfen. Ich kann es nicht. Der Geruch in diesem Raum hat sich kaum verändert. Lavendel, Zimt, ein Hauch ihres Parfüms. Er trifft mich mit solcher Wucht, dass mein Magen sich zusammenzieht. Ich schlucke Wieder. Und wieder. Der Kloß in meinem Hals ist fest und schwer, als würde er mir jeden Atemzug abdrücken. Ich will weinen, aber es kommt kein Laut. Nur dieses Brennen in der Brust, das sich durch meinen ganzen Körper zieht. Ich ziehe das Laken glatt, streiche über das Kopfkissen, das sie nie wieder zerknittern wird. Meine Fingerspitzen zittern. Nicht stark. Kaum sichtbar. Aber ich spüre es. Dann - ein Geräusch. Etwas fällt zu Boden. Ich knie mich hin. Unter dem Bett liegt ein Buch. Verstaubt. Schwarz. Ich erkenne es sofort. Ihr Tagebuch.
Ich nehme es in die Hand, so vorsichtig, als könnte es in meiner Berührung zerfallen. Als ich es aufschlage, gleitet ein Foto heraus. Und da reißt etwas in mir. Ich sehe sie. Und ihn. Der Mann der sie mir genommen hat. Sie lacht auf dem Bild. Sie sieht... frei aus. Mein einziges Kind. Mein Mädchen. Meine Welt. Sie war alles. Und jetzt ist alles nichts. Tränen füllen meine Augen, langsam, heiß, schwer. Keine Sturzbäche. Nur einzelne Tropfen, die leise über meine Wangen gleiten, so als würden sie sich schämen, gesehen zu werden. Ich beiße mir auf die Lippe, will nichts hören, nicht atmen, nicht existieren. Mein Hals ist trocken, meine Brust eng. Ich möchte schreien. Aber kein Laut ist zu hören. Nur stille. Und dieses Bild. Und ich frage mich, während mir die Tränen das Gesicht hinunterlaufen:
habe ich sie verloren? Oder sie mich? Wer war ich für sie, wenn ich diesen Blick nie kannte? Und wenn sie doch glücklich war mit ihm - warum ging sie verloren?







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