Kapitel 1 - Intro - Blake Whitmore

Eine schwere Hand donnerte direkt neben meinem Kopf gegen den Spind. Ich zuckte zusammen und presste mein Tablet fester an meine Brust, während Rex Ferraros heißer Atem über mein Gesicht strich.
„Dich hab ich hier noch nie gesehen. Aus welchem Loch bist du denn gekrochen?“
Die Stimme des bulligen Millionärssohns war aggressiv und triefte vor Hohn, während er sich bis auf wenige Zentimeter zu mir herunterbeugte. Ich zog die Schultern ein und wandte den Blick ab. Der Geruch seines Spearmint-Kaugummis stieg mir in die Nase.
„Hey, Cacasotto. Hat’s dir die Sprache verschlagen, oder was?“, fauchte der Italiener und schlug noch einmal mit der flachen Hand gegen den Spind.
Das metallische Scheppern ließ mich erneut zusammenzucken. Hinter ihm lachten seine Kameraden leise. Ferraros gesamte Clique umringte mich und schnitt mir so den Fluchtweg ab. Rechts von mir stand einer seiner Freunde so dicht, dass ich nicht einmal an ihm vorbeigekommen wäre, ohne ihn zu berühren. Auf der anderen Seite versperrte Rex mir mit seinen breiten Körper den Weg.
Ich brachte kein Wort heraus. Es fiel mir schwer, einem wie ihm direkt in die Augen zu sehen. Besonders, weil ich noch keine vierundzwanzig Stunden auf dem Unigelände war und es bereits eines der reichsten Arschlöcher hier auf mich abgesehen hatte. Eigentlich hatte ich Aufmerksamkeit wie diese hier um jeden Preis vermeiden wollen.
Großartig.
Einfach großartig.
Ferraro beugte sich noch weiter über mich. Der schwere Geruch seines Aftershaves vermischte sich mit dem Spearmint, und ich drückte mich so eng gegen den Spind, wie ich nur konnte. Seinen Namen kannte ich lediglich, weil sein Gesicht in letzter Zeit gefühlt in jeder größeren Stadt auf irgendeinem riesigen Werbeplakat zu sehen war.
Der Kerl war das perfekte italienische Supermodel. Groß, breite Schultern, dunkles Haar und ein markantes Gesicht, das vor einer Kamera vermutlich noch besser wirkte als auf den riesigen Plakaten. Immer makellos gekleidet, bevorzugt in dreiteiligen Anzügen, die wahrscheinlich mehr kosteten als das Jahresgehalt eines Normalos. Dazu dieses perfekte Lächeln, das er jedes Mal aufsetzte, sobald eine Kamera auf ihn gerichtet war.
Wenn die Öffentlichkeit zusah. Gerade zeigte er sich wohl eher von seiner echten Seite. Der eines widerlichen Arschlochs.
„Hey Rex, ich glaub dem Kleinen ist die Puste ausgegangen. Hat er sich schon in die Hose gepisst oder was?“, höhnte einer der Kerle der direkt hinter Ferraro stand.
Ich zog die Schultern noch mehr ein. Ferraro packte mich am Kragen meiner dünnen Sportjacke und zog mich ruckartig zu sich. Mein Atem stockte.
Seine Finger gruben sich fest in den Stoff, während sein Gesicht so nah war, das mein Herz wild und unkontrolliert gegen meine Rippen zu hämmern begann. Sein Blick glitt tiefer und fixierte mich auf eine Weise, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Sicher, dass du dich nicht verlaufen hast? Diese Uni hier ist nichts für Loser.“
Er lachte leise, als ihm sein Kumpel auf die Schulter klopfte. Jetzt musste ich ihm direkt in die Augen sehen, und der Blick aus seinen stechend grünen Augen jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Da war nichts mehr von dem charmanten Lächeln auf den Werbeplakaten. Nur blanker Hohn.
Ich schluckte mühsam und schüttelte langsam den Kopf.
Mist.
Würde ich jetzt wirklich schon am ersten Tag hier verprügelt werden?
„Hast du verlernt zu sprechen, Cacasotto? Ich sollte dir wohl Manieren beibringen“, fauchte er direkt vor meinem Gesicht.
Mir wurde eiskalt.
Eine sonnengebräunte Hand, eine goldene Rolex am Handgelenk, schloss sich plötzlich um Ferraros Arm und sorgte dafür, dass er mich losließ.
„Lass den Scheiß, Rex. Die Vorlesung fängt gleich an.“
Mein Blick schnellte für den Hauch einer Sekunde nach oben und fing den stechenden Blick dunkelblauer Augen auf, der direkt auf uns gerichtet war.
Damien Caravelli.
Mühelos beugte sich der fast zwei Meter große Mann über Ferraro und zog ihn von mir zurück. Er war noch größer als Rex und wirkte in seinem maßgeschneiderten dunklen Anzug beinahe fehl am Platz zwischen all den Studenten. Breite Schultern, dunkles Haar, ein markantes Gesicht und eine Haltung, die so selbstverständlich selbstsicher wirkte, als würde ihm dieser verdammte Campus gehören.
Sofort erlosch das Lachen der ganzen Meute.
Rex trat einen Schritt zurück.
Mein Rücken krachte gegen den Spind, und ich sah zu Caravelli auf, der mich abschätzend betrachtete. Sein Gesicht blieb dabei vollkommen ausdruckslos.
„Hast du den hier schon einmal gesehen, Boss?“, fragte Ferraro.
Caravellis Miene veränderte sich nicht.
„Kümmere dich um deine Angelegenheiten und lass den Jungen in Ruhe“, sagte er nur kühl.
„Ja, Boss“, murrte Ferraro, bevor er mich noch einmal angewidert ansah.
Vielleicht hätte ich dankbar sein müssen, dass die Kerle so gut auf Caravelli hörten. Aber es kam kein Laut über meine Lippen, als Caravelli seelenruhig die Manschettenknöpfe an seinem Ärmel richtete und den Kerlen mit einem knappen Wink befahl, weiterzugehen.
Und das taten sie.
Ohne zu murren.
Ich starrte dem Pulk hinterher. Besonders Caravelli. Mein Blick blieb an seinem breiten Rücken hängen. Ihn umgab etwas Eiskaltes, während er die Hände lässig in die Hosentaschen seines maßgeschneiderten Anzugs steckte und mit hoch erhobenem Kinn davonging.
Er sah mich kein zweites Mal an.
Kaum war ich hier, hatte ich bereits mit den reichsten und verwöhntesten Kerlen zu tun, die auf diesem verdammten Campus herumliefen. Die Familien Caravelli und Ferraro waren schlichtweg die Namen, wenn es um Geld ging.
Ich ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen und lockerte langsam meine Finger um das Tablet. Erst jetzt bemerkte ich, wie fest ich es die ganze Zeit an mich gepresst hatte.
So hatte ich mir meinen ersten Tag ganz sicher nicht vorgestellt.
Scheiße.
Mein erster Tag.
Ich warf einen Blick auf die Uhr und stieß mich hastig vom Spind ab. Ich kam zu spät zu meiner Vorlesung, wenn ich mich nicht beeilte. Dabei war ich ohnehin schon spät dran, weil der Zug eine Panne gehabt hatte.
Ich musste mich zusammenreißen.
Wenn ich es auch an dieser Uni verkackte, würde mir mein Vater den Kopf abreißen. Es gab ohnehin schon genug Probleme, mit denen ich mich herumschlagen musste.
Also beeilte ich mich, in den Vorlesungssaal zu kommen, den mir die Administration für heute zugewiesen hatte. Wirtschaftspolitik zu studieren war zwar nicht meine Wahl gewesen, aber was sollte es schon? Ich war gut im Lernen, und wenn es etwas gab, womit ich mich bei meinem Vater erkenntlich zeigen konnte, dann damit, dass ich in sein Geschäft einstieg, sobald ich meinen Master in der Tasche hatte.
Eigentlich ganz einfach, oder nicht?
Schließlich war die Fox Academy weltweit eine der besten und renommiertesten Universitäten, wenn es um Wirtschaft und Politik ging. Von hier kamen einige der besten Absolventen, und auf dem Campus fanden sich nur jene Studenten, die entweder von Anfang an genug Geld hatten, um sich ein Studium hier leisten zu können, oder ein wirklich gutes Stipendium ergattert hatten. Es sollte keinen Unterschied machen, auf welche Weise man sich hier eingeschrieben hatte, doch ich war bereits eines Besseren belehrt worden.
Ich zog die Kapuze meines Hoodies tief ins Gesicht und schob mich leise durch die Tür des Vorlesungssaals, wo die Vorlesung bereits in vollem Gange war. Der Professor hob nur kurz den Kopf, als ich eintrat. Es interessierte ihn offenbar nicht sonderlich, wenn jemand zu spät kam.
Schnell setzte ich mich auf einen freien Platz in der hintersten Reihe, legte mein Tablet auf den Tisch und versuchte zu ignorieren, dass sich einige Köpfe in meine Richtung gedreht hatten.
Ich hasste Aufmerksamkeit. Am liebsten hatte ich es, wenn die Leute mich einfach übersahen und ich still und heimlich in irgendeiner Ecke verschwinden konnte. Das war vermutlich meine größte Schwäche und der Grund, weshalb ich niemals die Leitung von Dads Firma übernehmen könnte. Ich schaffte es ja nicht einmal, mehr als einem Augenpaar gegenüberzustehen, ohne zu zittern.
Mein Vater wusste das. Und trotzdem hatte er mich für dieses Studium angemeldet, weil er der Meinung war, es würde mich stärken und mir das Rückgrat zurückgeben, das ich vor zehn Jahren verloren hatte. Nur kannte er mich verdammt schlecht, wenn er glaubte, das allein würde reichen.
Es würde niemals reichen.
Während ich dem Prof zuhörte und mir meine Notizen machte, fuhr ich langsam über die Stelle an meinem Hals, an der Ferraro mich am Kragen gepackt hatte. Es pochte verräterisch, und ich war mir sicher, dass ich später im Spiegel einen blauen Fleck sehen würde. Ich bekam von Natur aus leicht blaue Flecken und meine Haut war blass. Mein Körper war schmal, und es war mir schon immer schwergefallen, Muskelmasse zuzulegen, obwohl ich regelmäßig Sport machte. Stand ja schließlich alles auf dem Plan, den mein Vater und mein Therapeut mir gemacht hatten. Die Regelmäßigkeit darin half mir, meinen Alltag in den Griff zu bekommen, auch wenn es mich manchmal nervte.
Plötzlich rutschte jemand nah an mich heran, und ich zuckte zusammen, als sich eine schlanke, manikürte Hand in mein Blickfeld schob.
„Hey“, flüsterte sie leise. „Ich bin Emelie. Bist du neu auf der Uni?“
Ihre Stimme war weich und freundlich. Vorsichtig sah ich unter meiner Kapuze zu ihr. Sie hatte lange blonde Haare, die ihr locker über die Schultern fielen, und große blaue, neugierige Augen.
Als sie mein Gesicht richtig sah, bildete ihr Mund plötzlich ein kleines O.
„Wow“, sagte sie, bevor ich ihr überhaupt antworten konnte.
Ich wandte sofort wieder den Blick ab.
„Blake“, sagte ich leise.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass sie verwirrt blinzelte. Dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.
„Oh, sorry“, sagte sie. „Ich wollte nicht starren. Aber du bist wirklich hübsch.“
Oh shit.
Wurde das jetzt irgendeine billige Anmache?
„Ähm.“ Sie räusperte sich leise. „Das sollte einfach nur ein Kompliment sein, verstehst du?“
Sie versuchte, meinen Blick einzufangen.
„Keine Sorge, ich steh nicht auf Kerle.“
Kurz wanderte mein Blick wieder zu ihr. Dann streckte sie mir ihre schlanke, manikürte Hand erneut hin.
„Freut mich, dich kennenzulernen. Hast du schon einen Supervisor?“
Meine Wangen wurden feuerrot und ich schüttelte den Kopf, bevor ich meine Hand vorsichtig in ihre legte. Ein strahlendes Lächeln erfasste ihr Gesicht.
„Wenn du nichts dagegen hast, mache ich das für dich. Brauch ich noch fürs Portfolio.“
Ein kleines Lächeln huschte über mein Gesicht.
Klar.
Fürs Portfolio.
Aber warum eigentlich nicht? Schließlich konnte es nicht schaden, jemanden zu haben, der einem das Gröbste zeigte. Also nickte ich. Sie stieß ein begeistertes Geräusch aus, gefolgt von einem deutlichen Räuspern des Professors.
„Miss Clark. Es wäre schön, wenn Sie der Vorlesung aufmerksam folgen würden. Ihre Gespräche können Sie gerne danach fortsetzen.“
Emelie kicherte erneut und warf die Hand in die Luft.
„Klar, Professor! Sorry!“
Sie machte sich nicht einmal die Mühe, auf das Gemeckere des Profs einzugehen, und dafür hatte sie meinen Respekt. Trotzdem zog ich die Schultern ein und versuchte auszublenden, dass sich die Reihe vor uns umgedreht hatte und nun Emelie anstarrte, als hätte sie gerade Essen anbrennen lassen.
Gott, war das peinlich.

Hey guys! ❤️
Ja, ich konnte es nicht lassen und mache jetzt auch hier noch mit. 😂🙈
Aber die Idee mit Blake sitzt mir tatsächlich schon länger im Nacken – nur wollte sich daraus bisher einfach keine richtige Geschichte formen lassen.
Aber jetzt ist es doch so weit! 👀❤️
Viel Spaß beim Lesen! <3
Cheriooo!
🌙 Eure Luna









Ich habe die neue Geschichte schon entdeckt und schon das erste Kapitel hat mich neugierig auf mehr gemacht.
LG reni
Ich bin auch mit an Bord!👍🙂