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UNZERTRENNLICH

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Summary

Andy weiß, wie es sich anfühlt, sich selbst in einem anderen Menschen zu verlieren. Eigentlich hat er sich geschworen, dass ihm das nie wieder passiert. Dann trifft er Mika. Was mit einem zufälligen Blick auf einem Wiener Sportplatz beginnt, wird schneller zu einem Wir, als Andy erwartet hätte. Mika ist laut, chaotisch, liebevoll – und mit ihm fühlt sich Liebe plötzlich so leicht an, wie sie immer hätte sein sollen. Bis sich etwas verändert. Erst sind es nur Kleinigkeiten. Ein Blick. Ein Gefühl. Diese eine Stimme im Kopf, die Andy unbedingt ignorieren möchte. Denn was, wenn man den Menschen, den man liebt, nicht verliert, weil die Liebe vorbei ist? Was, wenn Liebe manchmal einfach nicht genug ist? UNZERTRENNLICH erzählt von Liebe, Freundschaft und dem schmalen Grat zwischen Festhalten und Loslassen – und von der Frage, wie viel von sich selbst man verlieren darf, bevor man sich wiederfinden muss.

Genre
Romance
Author
Agrin
Status
Complete
Chapters
26
Rating
n/a
Age Rating
18+

Mein ganz normales Chaos (I)

Ich besitze siebenundvierzig Parfums. Das ist keine Information, auf die ich besonders stolz bin, aber auch keine, für die ich mich schäme. Andere Menschen sammeln Briefmarken. Oder Schuhe. Oder irgendwelche kleinen Figuren, die sie originalverpackt in Regale stellen und niemals angreifen dürfen. Ich sammle eben Parfums. Und ja, ich benutze sie alle. Zumindest rede ich mir das ein.

An diesem Montagmorgen stand ich seit ungefähr fünf Minuten in Unterhose vor meinem Regal und versuchte herauszufinden, welcher Duft am besten zu „Ich habe beschissen geschlafen, möchte mit niemandem reden und muss gleich so tun, als hätte ich mein Leben unter Kontrolle“ passte. Ich nahm einen Flakon in die Hand. Zu süß. Den nächsten. Zu frisch. Noch einen. „Nein.“ Ich stellte ihn zurück und nahm den nächsten. „Auch nein.“ Es war kurz nach sieben Uhr morgens und ich führte bereits Selbstgespräche. Ein vielversprechender Start in die Woche.

Irgendwann entschied ich mich für etwas Sauberes, leicht Holziges. Ein Duft, der so roch, als hätte sein Besitzer seine Wäsche zusammengelegt, genug Wasser getrunken und bereits vor dem Schlafengehen gewusst, was er am nächsten Tag anziehen würde. Nichts davon traf auf mich zu, aber das musste ja niemand wissen. Ich sprühte zweimal auf meinen Hals, einmal auf mein Handgelenk und hörte im selben Moment das Geräusch, das jeder Mensch hasst, der morgens spät dran ist. Meine Kaffeemaschine piepste. Nicht dieses freundliche Dein Kaffee ist fertig-Piepsen. Das andere. Wasser leer. „Na geh bitte.“ Ich sah auf die Uhr. 7:13. Um 7:30 musste ich los. Mein Blick wanderte zur Maschine, dann zur Uhr, wieder zur Maschine. „Weißt was? Dann halt nicht.“ Zwei Minuten später füllte ich natürlich Wasser nach. Ich bin nicht stark genug, einen Arbeitstag mit Kindern ohne Kaffee anzutreten.

Meine Wohnung lag im zweiten Bezirk der lebenswertesten Stadt der Welt. Angeblich. Die Wohnung war jetzt nicht besonders groß, aber groß genug für mich. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad und überall kleine Dinge, von denen ich irgendwann beschlossen hatte, dass sie Gemütlichkeit bedeuteten. Pflanzen, von denen manche überraschenderweise noch lebten. Bücher. Kerzen. Fotos. Viel zu viele Decken. Mein Laptop lag auf dem Wohnzimmertisch neben einem Notizbuch, das seit drei Tagen auf derselben Seite aufgeschlagen war. Oben stand Kapitel 6, darunter ungefähr vier Sätze. Ich blieb kurz davor stehen, während ich meinen Kaffee trank. „Heute“, sagte ich. Der Laptop antwortete nicht. „Nach der Arbeit.“ Auch darauf kam nichts. Ich zeigte mit dem Finger auf ihn. „Fix.“ Falls ihr euch fragt: Nein. Ich schrieb an diesem Abend nicht weiter. Aber zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch fest daran.

Ich schnappte mir meine Tasche, kontrollierte dreimal, ob ich Schlüssel, Geldbörse und Handy hatte, lief aus der Wohnung, kam wieder zurück, weil ich meine Kopfhörer vergessen hatte, lief ein zweites Mal hinaus und stand knapp zwanzig Minuten später vor der Schule. Ich mochte meinen Job. Das sage ich nicht in dieser übertriebenen Art, in der Menschen behaupten, sie würden jeden Morgen voller Leidenschaft aus dem Bett springen, weil ihre Arbeit ihre Berufung sei. Wenn jemand freiwillig um sechs Uhr morgens voller Leidenschaft aus dem Bett springt, stimmt meiner Meinung nach grundsätzlich etwas nicht. Aber ich mochte meinen Job wirklich.

Ich mochte Kinder. Ihre Ehrlichkeit vor allem. Erwachsene konnten dich jahrelang kennen und dir trotzdem nicht sagen, dass deine neue Frisur scheiße aussah. Ein achtjähriges Kind brauchte dafür ungefähr drei Sekunden. „Herr Andy, deine Haare schauen heute komisch aus.“ Das waren tatsächlich die ersten Worte, die ich an diesem Morgen in meiner Klasse hörte. Ich blieb mitten im Raum stehen. „Guten Morgen wäre auch gegangen.“ Ein paar Kinder kicherten. Der Schuldige – Elias – sah mich vollkommen ernst an. „Aber sie schauen wirklich komisch aus.“ Ich stellte meine Tasche auf den Tisch und fasste mir automatisch in die Haare. „Danke, Elias. Genau dieses Selbstbewusstsein hab ich heute gebraucht.“ – „Bitte.“ – „Das war kein Kompliment.“ Elias überlegte kurz. „Ah.“ Ich musste lachen.

So begann mein Montag. Ich unterrichtete eine dritte Klasse. Dreiundzwanzig Kinder, dreiundzwanzig Persönlichkeiten und mindestens achtundvierzig verschiedene Bedürfnisse gleichzeitig. An guten Tagen fühlte ich mich wie ein Lehrer. An schlechten wie ein überbezahlter Streitschlichter, Schnürsenkelbinder, Psychologe, verlorene-Bleistifte-Ermittler und menschliches Google. „Herr Andy, darf ich aufs Klo?“ – „Ja.“ – „Ich auch?“ – „Du warst vor zehn Minuten.“ – „Aber ich muss wieder.“ – „Dann geh.“ Sofort meldete sich die Nächste: „Kann ich mit?“ Ich sah sie an. „Warum müsst ihr gemeinsam aufs Klo?“ Schulterzucken. Ich beschloss, manche Fragen nicht weiterzuverfolgen.

Trotzdem liebte ich genau diese Momente. Nicht unbedingt das Toilettenproblem, aber dieses Chaos. Dass kein Tag gleich war. Dass Kinder innerhalb von fünf Minuten von einem Weltuntergang wegen eines verschwundenen Radiergummis zu hysterischem Lachen wechseln konnten. Vielleicht mochte ich das auch deshalb so sehr, weil ich selbst nie besonders gut darin gewesen war, Dinge einfach nur halb zu fühlen. Wenn ich glücklich war, war ich richtig glücklich. Wenn ich traurig war, wusste es meistens spätestens mein gesamtes Umfeld. Und wenn ich jemanden mochte … na ja. Das war ein anderes Problem.

In der großen Pause vibrierte mein Handy. Mama. „Hast du heute nach der Arbeit Zeit?“ Direkt darunter eine zweite Nachricht. „Wir essen um sechs.“ Und noch eine. „Deine Tante kommt auch.“  Ich starrte auf den Bildschirm. Das war keine Frage gewesen. „Du hast gerade gefragt ob ich Zeit hab und direkt entschieden dass ich Zeit hab 😂“, schrieb ich zurück. Die Antwort kam sofort. „Also kommst du?“ Ich grinste. „Ja.“ Ein Herz erschien. Dann noch eine Nachricht: Bring Brot mit. Natürlich.

„Andy?“ Ich hob den Kopf. Meine Lieblingsarbeitskollegin u.a. Workbestie Christina stand in der Tür des Lehrerzimmers und hielt ihren Kaffee in beiden Händen. „Hm?“ – „Du lächelst dein Handy an.“ – „Meine Mama zwingt mich zum Abendessen.“ – „Romantisch.“ – „Sehr.“ Sie setzte sich mir gegenüber. „Ich dachte schon, du hast wen kennengelernt.“ Ich verzog das Gesicht. „Bitte verschrei's nicht.“ – „Wieso?“ Ich zuckte mit den Schultern und steckte das Handy weg. „Weil ich grad eigentlich ganz zufrieden bin.“

Und das war nicht einmal gelogen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich dieses Wort – zufrieden – wahrscheinlich mit langweilig verwechselt hätte. Mittlerweile wusste ich es besser. Ich hatte meine Wohnung. Meinen Job. Menschen, die mich liebten und die ich liebte. Ich konnte am Freitagabend ausgehen und am Samstag zwölf Stunden lang niemanden sehen, ohne daran zugrunde zu gehen. Ich konnte alleine essen gehen. Alleine einkaufen. Alleine zuhause Musik aufdrehen und so tun, als wäre mein Wohnzimmer eine Bühne. Ich war gut alleine. Das hatte ich lernen müssen.

Meine letzte Beziehung hatte mir ziemlich eindrucksvoll gezeigt, wie einsam man sich neben einem Menschen fühlen konnte. Es war nichts, worüber ich gerne dramatische Reden hielt. Ich war nicht zerstört worden. Dachte ich zumindest. Ich war nicht „beziehungsunfähig“. Und ich hatte auch nicht beschlossen, dass alle Männer scheiße waren. Nur hatte ich damals sehr lange geglaubt, wenn ich mich noch ein bisschen mehr bemühte, noch verständnisvoller war, noch weniger verlangte, würde irgendwann alles gut werden. Spoiler: wurde es nicht. Danach hatte ich mir versprochen, nie wieder so viel Platz für jemanden zu machen, dass für mich selbst keiner mehr übrig blieb. Ich fand, ich hielt mich ziemlich gut daran. Damals zumindest.

„Das war gerade ein sehr tiefgründiges Schulterzucken“, meinte Christina. Ich blinzelte. „Was?“ – „Ich hab gefragt, warum ich's nicht verschreien soll, und du bist geistig komplett verschwunden.“ – „Sorry.“ – „Dating-Trauma?“ – „Montagmorgen.“ Sie nickte verständnisvoll. „Auch schlimm.“

Die Glocke rettete mich. Nach der Pause hatten wir Deutsch, und nachdem ich ungefähr fünfzehn Minuten lang versucht hatte, den Unterschied zwischen seit und seid zu erklären, fragte mich ein Kind, warum man nicht einfach beide Wörter gleich schreiben könne. Ich hatte keine gute Antwort darauf. „Weil die deutsche Sprache uns hasst“, sagte ich schließlich. Mehrere Kinder lachten. „Herr Andy!“ Ich hob die Hände. „Was? Stimmt doch.“

Am Nachmittag war ich müde, aber auf diese angenehme Art. Die Kinder waren weg, im Gang wurde es langsam stiller und ich saß noch an meinem Tisch, um ein paar Sachen für den nächsten Tag vorzubereiten. Draußen war es überraschend schön. Von meinem Fenster aus konnte ich einen Teil unseres Außenbereichs sehen. Hinter dem Zaun lag das Nachbargebäude, eine Mittelschule. Beide Schulen standen so nah beieinander, dass man manchmal das Gefühl hatte, sie gehörten zusammen. Ein größerer Sportplatz und Teile des Hofes wurden von beiden genutzt, was organisatorisch ungefähr so gut funktionierte, wie man es erwarten würde, wenn zwei Schulen versuchten, sich irgendetwas zu teilen. Also gar nicht.

Irgendwo draußen flog ein Ball gegen einen Zaun. Ich sah kurz hin und arbeitete weiter. „Andy.“ Keine Reaktion. „Andyyy.“ Ich hob den Kopf. „Was?“ Christina stand wieder in der Tür. „Gehst du irgendwann heim?“ – „Ja.“ Sie sah auf meinen Schreibtisch. „Heute noch?“ – „Frechheit.“ – „Du sitzt seit zwanzig Minuten vor demselben Blatt.“ Ich sah hinunter. Sie hatte recht. „Ich denk nach.“ – „Natürlich.“ – „Ich arbeite sehr hart.“ – „Mhm.“

Sie kam herein und lehnte sich an einen Tisch. „Morgen mit deiner Klasse draußen?“ – „Wenn das Wetter so bleibt, ja. Warum?“ – „Weil ich glaub, die Mittelschule hat den Platz am Vormittag auch eingetragen.“ Ich stöhnte. „Nicht schon wieder.“ – „Klär's einfach mit denen.“ – „Ja, sicher. Ich geh rüber und sag: Hallo, eure Kinder müssen weg, meine sind kleiner.“ Sie grinste. „Starke pädagogische Argumentation.“ – „Danke.“

Sie blieb stehen. Ich kannte diesen Blick. „Was?“ – „Nichts.“ – „Du willst irgendwas sagen.“ – „Nein.“ – „Doch.“ Sie verzog den Mund, als müsste sie sich das Lachen verkneifen. „Ich wollte nur fragen … hast du eigentlich schon den neuen Lehrer von drüben gesehen?“ Ich runzelte die Stirn. „Welchen neuen Lehrer?“ – „Na, den Neuen.“ – „Danke. Jetzt weiß ich genau, wen du meinst.“ Sie lachte. „Keine Ahnung, wie er heißt. Dunkle Haare. Ist erst seit Kurzem dort.“ Ich begann meine Sachen zusammenzupacken. „Und warum sollte ich den gesehen haben?“ – „Nur so.“ – „Nur so“, wiederholte ich. „Ja.“ – „Aha.“

Sie grinste.

Ich zeigte auf sie. „Nein.“ – „Ich hab gar nichts gesagt.“ – „Dein Gesicht hat sehr viel gesagt.“ – „Vielleicht ist mein Gesicht einfach ausdrucksstark.“ – „Vielleicht solltest du dein ausdrucksstarkes Gesicht aus meinem Klassenraum bewegen.“ Sie lachte und ging zur Tür. „Morgen siehst ihn vielleicht eh.“ – „Wen?“ Sie drehte sich noch einmal zu mir um. „Den Neuen.“ Ich verdrehte die Augen. „Du bist anstrengend.“ – „Bis morgen, Andy.“ – „Servus.“

Als sie weg war, schüttelte ich den Kopf und musste trotzdem grinsen. Ich dachte keine dreißig Sekunden später schon wieder an etwas anderes. An das Brot, das ich noch kaufen musste. An das Abendessen bei meiner Familie. An die Arbeitsblätter für morgen. Daran, dass ich wirklich endlich Kapitel sechs weiterschreiben wollte. Und daran, ob ich zuhause noch genug Waschmittel hatte.

Der neue Lehrer aus der Mittelschule war irgendwo ganz unten auf dieser Liste. Eigentlich nicht einmal das. Er war nur irgendein Mensch in einem Gebäude neben meinem. Und ich hatte keine Ahnung, wie er hieß.

Noch nicht.

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