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HINTER DEN TÜREN DES AURUM PALACE

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Summary

Im Aurum Palace Val d’Or hat Livia Suter gelernt, unsichtbar zu sein. Seit fünf Jahren arbeitet sie im Housekeeping des abgelegensten Luxushotels der Schweizer Alpen. Sie kennt die Gewohnheiten von Milliardären und Staatsgästen, bevor sie ausgesprochen werden. Sie ist gründlich, diskret, makellos - und seit ihrer Schulzeit davon überzeugt, dass jemand wie sie nie die Frau ist, die man wählt. Dann zieht für sechs Wochen eine Familie ein, die das ganze Hotel verändert. Eine Hochzeit soll im Aurum vorbereitet werden. Mit Empfängen, Winterball, Presse und Menschen, die es gewohnt sind, dass sich die Welt nach ihnen richtet. Und mittendrin: Jonah. Einer der wichtigsten Gäste des Hauses. Kontrolliert. Pflichtbewusst. Verlobt. Und der erste Mann seit Jahren, der Livia nicht übersieht. Er sucht ihre Nähe. Stellt Fragen, die sonst niemand stellt. Merkt sich, wie sie ihren Kaffee trinkt. Und sieht sie an, als wäre sie nicht das Mädchen aus dem Housekeeping, sondern einfach - Livia. Was als zufällige Begegnungen zwischen Zimmer 712 und dem Housekeeping beginnt, wird zu etwas, das im Aurum Palace nicht vorgesehen ist. Denn Jonah gehört zu einer Welt, in der Liebe nicht die wichtigste Entscheidung ist. Und je näher er Livia kommt, desto lauter werden die Stimmen von außen - die Presse, zwei Familien, die alles geplant haben, und eine Vergangenheit, von der Livia dachte, sie hätte sie längst hinter sich gelassen. Im Aurum Palace glänzt alles. Nur manche Wahrheiten zeigen sich erst, wenn die Türen geschlossen sind.

Status
3h ago
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Unsichtbar

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal wirklich schön gefühlt habe. Vielleicht gab es diesen Moment nie, oder er ist so weit zurück, dass ich ihn nicht mehr finde, egal wie lange ich in der Erinnerung suche. Ich stehe im Personalbereich des Aurum Palace Val d’Or, ziehe mir die Schürze über die Uniform und sehe für eine halbe Sekunde mein Gesicht im Spiegel neben der Tür. Ich schaue schnell weg. Das mache ich immer so. Hinsehen, aber nicht zu lange, sonst fängt der Kopf an zu reden.

Neunundzwanzig Jahre alt bin ich, und seit fünf Jahren arbeite ich hier im Housekeeping. Fünf Jahre, in denen ich gelernt habe, in welchem Winkel man ein Handtuch faltet, damit es aussieht, als hätte es nie jemand berührt, und wie man einen Raum verlässt, ohne dass irgendjemand merkt, dass man überhaupt darin war. Ich bin gut in dem, was ich mache. Vielleicht die Beste, die sie hier haben, auch wenn das niemand so sagen würde, weil man solche Sätze in einem Haus wie diesem nicht einfach ausspricht.

Es ist komisch, wie zwei Dinge gleichzeitig wahr sein können. Ich weiß genau, was ich wert bin, wenn ich mit einem Wagen durch den Flur schiebe und ein Zimmer in zwanzig Minuten in etwas verwandle, das aussieht, als hätte hier noch nie ein Mensch gelebt. Und ich weiß genauso genau, dass ich, sobald ich aus der Uniform steige, wieder das Mädchen bin, das in der Turnhalle als Letzte gewählt wurde.

Die Schule ist über ein Jahrzehnt her, und trotzdem trage ich sie mit mir herum wie ein Gewicht, das man nicht ablegen kann, weil es unter der Haut sitzt. Es waren nie die großen, dramatischen Dinge. Niemand hat mich geschlagen. Niemand hat mich öffentlich fertiggemacht, sodass es zu einem dieser Vorfälle wurde, über die man später als Erwachsener in Interviews spricht. Es war leiser als das. Es war das Gefühl, ständig beobachtet zu werden, ohne dass man je wirklich gesehen wurde. Es war das Lachen, das aufhörte, sobald ich den Raum betrat, und wieder losging, sobald ich ihn verließ, und ich nie sicher wissen konnte, ob es um mich ging, aber es sich immer so anfühlte.

Die Jungen machten Witze darüber, wer mich angeblich küssen würde, als wäre allein der Gedanke daran eine Art Strafe, ein Mutprobe-Level, das man erst nach dem allerletzten Level im Spiel erreicht. Manchmal wetteten sie, glaube ich. Ich habe es nie beweisen können, aber ich habe es gespürt, so wie man Kälte spürt, bevor man das Fenster überhaupt sieht, das jemand aufgemacht hat.

Am schlimmsten waren nicht die offenen Beleidigungen. Die konnte ich irgendwie einordnen, weil sie so klar böse waren, dass man sie beiseiteschieben konnte wie Müll. Schlimmer waren die Sätze, die aussahen wie Komplimente und es doch nie waren. Du wärst eigentlich hübsch, wenn du dünner wärst. Ich habe diesen Satz zum ersten Mal mit vierzehn gehört, von einem Jungen, dessen Namen ich vergessen habe, dessen Stimme ich aber immer noch hören kann, wenn ich mich nachts nicht ablenken kann. Ich habe ihn seitdem in x-fachen Varianten gehört, von verschiedenen Menschen, in verschiedenen Tonlagen, und jedes Mal hat er dasselbe getan: er hat mir beigebracht, dass mein Körper eine Bedingung ist, die ich nicht erfülle.

Irgendwann fing ich an zu glauben, dass mein Körper der Grund war, warum ich nicht richtig dazugehörte. Nicht meine Art, nicht mein Humor, nicht das, was ich sagte oder dachte, sondern einfach die Zahl auf einer Waage, die ich zu hassen begann, lange bevor ich verstand, dass man Waagen auch einfach ignorieren kann.

Ich habe versucht, etwas dagegen zu tun, natürlich habe ich das. Schon als Jugendliche fing ich an, Dinge auszuprobieren. Diäten, die ich in Zeitschriften fand oder von Mitschülerinnen abschrieb. Sportprogramme, die ich mir vornahm und nach zwei Wochen wieder aufgab, weil ich erschöpft war und mich der Erfolg nicht schnell genug fand. Ich zählte Kalorien, bis die Zahlen in meinem Kopf lauter wurden als alles andere. Manche Phasen hielt ich wochenlang durch, mit einer Disziplin, die mich selbst überrascht hat. Andere brach ich nach ein paar Tagen ab, weil ich einfach nicht mehr konnte, weil der Hunger größer war als der Wille, und weil ich am Ende jedes Mal ungefähr dort ankam, wo ich angefangen hatte.

Ich verstehe bis heute nicht wirklich, warum es für mich so viel schwerer zu sein scheint als für andere Menschen, die ich kenne. Und genau das ist der Teil, der am meisten weh tut, mehr als jedes Wort, das je jemand zu mir gesagt hat. Denn wenn dein Körper sich nicht verändert, egal wie sehr du dich bemühst, dann fängst du an zu glauben, dass das Problem nicht der Körper ist. Das Problem bist du. Deine Disziplin. Dein Wille. Deine Schwäche.

Ich weiß, dass das nicht fair ist. Ich weiß es mit dem Kopf. Aber ich habe nie gelernt, es auch mit dem Rest von mir zu wissen.

Nach der Schule wurde es leiser. Kein Mobbing mehr im klassischen Sinne, keine Sprüche im Klassenraum. Aber die Stimmen blieben, sie hatten sich einfach in mir eingerichtet und sprachen jetzt mit meiner eigenen Stimme, was sie noch schwerer macht, loszuwerden. Ich gewöhnte mir an, möglichst wenig Platz einzunehmen. Nicht auffallen. Nicht zu laut lachen, nicht zu viel reden, nicht zu viel wollen. Ich dachte, wenn ich klein genug bin, kann mich niemand mehr treffen.

Und dann kam Sven.

Ich war vierundzwanzig, als ich Sven Imfeld kennenlernte, und er war der erste Mann, bei dem ich wirklich glaubte, dass mich jemand als Frau gewählt hatte. Nicht aus Mitleid, nicht aus Höflichkeit, sondern weil er mich wollte. Er war freundlich, er nahm meine Hand, wenn wir zusammen unterwegs waren, ohne sich dabei umzuschauen, ob jemand zusah, und er sagte mir, dass er mich liebte, mit einer Selbstverständlichkeit, die mich jedes Mal überraschte.

Für mich fühlte sich diese Beziehung an wie ein Beweis. Als hätten meine Mitschüler doch nicht recht gehabt. Als wäre da draußen tatsächlich ein Mensch, der mich sieht und trotzdem bleibt.

Ich hängte mich emotional sehr an Sven, mehr, als mir damals bewusst war. Seine Liebe bestätigte etwas, das ich selbst nie hätte glauben können, und deshalb behandelte ich sie wie etwas Kostbares, das ich beschützen musste, um es nicht zu verlieren. Ich entschuldigte mich oft zuerst, auch wenn ich nichts falsch gemacht hatte. Ich hatte ständig diese leise Angst im Nacken, dass er irgendwann aufwachen und merken würde, dass er etwas Besseres verdient hätte. Also machte ich mich klein, noch kleiner, als ich es ohnehin schon war, damit er nie einen Grund hatte zu gehen.

Ich glaube heute, dass Sven mich wirklich geliebt hat. Aber ich glaube auch, dass er sich an etwas gewöhnt hatte, ohne es sich vielleicht selbst einzugestehen: dass ich seine Liebe fast wie ein Geschenk behandelte, für das ich dankbar sein musste, und nicht wie etwas, das mir einfach zustand.

Der Moment, der alles kippte, kam nicht mit einem Streit. Er kam mit einem Handy, das auf dem Küchentisch lag, während Sven duschte, und einer Chat-Vorschau, die ich nicht hätte lesen sollen und trotzdem las. Ich erinnere mich noch an das Licht in der Küche, an das Geräusch der Dusche im Hintergrund, während ich die Nachrichten scrollte, die er mit einem Freund geschrieben hatte.

Natürlich mag ich sie. Aber sie weiß selbst, dass sie froh sein kann, mich zu haben.

Ich las den Satz mehrmals, weil ich zuerst dachte, ich hätte ihn falsch verstanden. Aber er stand einfach da, in seiner Handschrift aus Buchstaben, kalt und eindeutig. Weiter unten stand noch etwas, das sich noch tiefer in mich hineinbohrte: Livia geht nirgendwohin. Sie glaubt doch selbst nicht, dass sie jemanden Besseren findet.

Ich weiß nicht, wie lange ich in dieser Küche stand. Ich weiß nur, dass ich zum ersten Mal seit Jahren nicht traurig war, sondern etwas anderes. Etwas, das sich verletzter anfühlte als Angst, weil Angst wenigstens noch Hoffnung übriglässt.

Als Sven aus der Dusche kam, habe ich ihn nicht angeschrien. Ich habe nicht geweint, jedenfalls nicht vor ihm. Ich habe ihn nur gefragt, ruhig, viel ruhiger, als ich mich fühlte, ob er das wirklich so sah. Er versuchte es zuerst zu relativieren. Männer würden eben anders miteinander reden, das habe nichts zu bedeuten, das sei doch nur ein blöder Spruch unter Kollegen gewesen. Und dann sagte er den Satz, der es für mich endgültig machte: Du weißt doch, dass ich dich liebe.

Genau dieser Satz war das Problem. Nicht, dass er log. Sondern, dass er meine eigentliche Frage nicht einmal verstand. Ich fragte ihn nicht, ob er mich liebte. Ich fragte ihn, ob er glaubte, dass ich nur bei ihm blieb, weil ich dachte, niemand anderes würde mich wollen. Und die Antwort auf diese Frage stand längst in seinem Handy, in seiner eigenen Handschrift.

Ich erkannte in diesem Moment etwas, das ich seitdem nie mehr vergessen habe: Liebe reicht nicht, wenn der andere Mensch davon profitiert, dass man sich selbst klein hält. Es ist egal, wie echt die Liebe daneben ist. Wenn sie auf dem gebaut ist, dass du glaubst, du hättest keine andere Wahl, ist sie am Ende kein Geschenk. Sie ist ein Käfig mit weichen Wänden.

Ich beendete die Beziehung. Es tat weh, mehr, als ich zugeben wollte, denn ich liebte ihn zu diesem Zeitpunkt noch, und Liebe hört nicht auf, nur weil man endlich versteht, dass sie einem nicht gutgetan hat. Ich zog aus, in eine eigene kleine Wohnung, ungefähr eine Stunde vom Hotel entfernt, weit genug weg von allem, was an ihn erinnerte, nah genug, um meine Arbeit nicht aufgeben zu müssen. Ich konzentrierte mich auf das, was ich kontrollieren konnte: meinen Job.

Die Beziehung endete, aber Svens Worte blieben. Sie kamen manchmal nachts zurück, wenn ich eigentlich schlafen sollte, und stellten mir dieselbe Frage, die ich mir nie ganz beantworten konnte: Hatte er recht? Wollen Männer mich wirklich nur dann, wenn sie glauben, ich würde keine Ansprüche stellen?

Ich habe darauf nie eine Antwort gefunden, mit der ich wirklich zufrieden war. Also habe ich aufgehört, die Frage laut zu stellen, und mein Leben um sie herum gebaut. Arbeit. Heimweg. Wohnung. Schlaf. Wieder Arbeit. Es ist kein aufregendes Leben, aber es ist ein sicheres, und Sicherheit war mir irgendwann wichtiger als Aufregung.

Ich habe keine engen Freundinnen, und mittlerweile empfinde ich das nicht mehr als Verlust, so wie es sich früher angefühlt hat. Ich mag meine Kolleginnen, ich rede mit ihnen während der Schicht, ich lache mit ihnen über schwierige Gäste oder über den ewigen Streit um die Kaffeemaschine im Pausenraum. Aber wenn der Tag zu Ende ist, geht jede von uns in ihr eigenes Leben, und mein eigenes Leben braucht niemanden, der plötzlich zu tief hineinschaut.

Im Aurum Palace fühle ich mich sicherer als fast irgendwo sonst, und ich glaube, das liegt daran, dass hier alles klare Regeln hat. Ich weiß genau, was von mir erwartet wird. Ich weiß, wie man eine Suite herrichtet, wie man mit schwierigen Gästen umgeht, ohne dass es persönlich wird, wie man in einem Raum unsichtbar bleibt und trotzdem alles erledigt, was erledigt werden muss. In fünf Jahren hier hat sich noch kein Gast ernsthaft über mich beschwert. Nicht die Prominenten, nicht die Politiker, nicht die Unternehmer, die glauben, ihr Geld gäbe ihnen das Recht, jeden anzuschreien, der ihnen ein Handtuch reicht. Ich behandle sie alle gleich, weil ich früh gelernt habe, dass Respekt keine Frage der Kontonummer ist.

Das Hotel gibt mir etwas, das ich privat kaum besitze. Sicherheit. Kontrolle. Das Gefühl, gut zu sein in etwas, das niemand mir wegnehmen kann, auch wenn er alles andere über mich weiß.

An diesem Morgen ist alles noch genauso, wie es immer ist, als ich meinen Wagen im Personalflur vorbereite, die Handtücher in den unteren Fächern ordne und die kleinen Flaschen mit Shampoo und Lotion nachfülle, die kein Gast je richtig ansieht und die trotzdem perfekt sortiert sein müssen. Draußen liegt der Schnee so dicht auf den Bergen, dass die Fenster am Ende des Flurs aussehen wie Gemälde, die niemand gemalt hat, weil die Realität es besser kann als jeder Pinsel. Das Aurum Palace liegt so, dass man von fast jedem Fenster aus die Alpen sieht, tief verschneit, endlos, und ich habe mich in fünf Jahren nie daran gewöhnt, auch wenn ich versuche, es nicht zu zeigen. Man soll ja nicht wie eine Touristin dastehen und den Berg anstarren, wenn man eigentlich arbeiten sollte.

Corinne Huber ruft mich zu sich, noch bevor ich mit dem ersten Stockwerk fertig bin. Sie steht am Ende des Flurs, in ihrer makellosen Uniform, mit dieser Haltung, die sagt, dass gerade etwas Wichtiges passiert, ohne dass sie ein einziges überflüssiges Wort dafür braucht.

Suter, kommen Sie mal kurz.

Ich schiebe den Wagen an die Wand und folge ihr in das kleine Büro neben dem Wäschelager, das eigentlich zu klein ist für mehr als einen Schreibtisch und zwei Stühle, aber genau deswegen die Ruhe hat, in der Corinne alles bespricht, was nicht für den Flur bestimmt ist.

Wir haben eine Buchung bestätigt bekommen, sagt sie, während sie sich setzt und mir gegenüber Platz macht, ohne mich lange zum Sitzen aufzufordern. Eine wichtige. Sechs Wochen, vielleicht etwas kürzer, vielleicht etwas länger. Ein ganzer Bereich wird reserviert. Es geht um eine Hochzeit.

Sechs Wochen, sage ich, mehr, um die Zahl selbst zu hören, als um sie zu bestätigen. Das ist eine Ewigkeit für eine einzelne Gesellschaft.

Corinne nickt, ohne mit der Wimper zu zucken. Es kommen zahlreiche Veranstaltungen dazu. Empfänge, ein Ball, Presse, private Essen. Die Sicherheitsanforderungen sind entsprechend hoch.

Mich interessiert in diesem Moment weniger, wer diese Leute sind, als wie viel zusätzliche Arbeit auf mich und die anderen zukommt. Sechs Wochen bedeuten sechs Wochen ohne Pause, ohne Fehler, ohne einen einzigen schlechten Tag, an dem man mal kurz nicht hundertprozentig ist. Ich rechne im Kopf schon die Schichten durch, während Corinne weiterspricht.

Sie werden dem Kernteam für diesen Bereich zugeteilt, sagt sie, und es klingt, als hätte sie diesen Satz schon einmal geprobt, bevor sie ihn zu mir sagte.

Warum ausgerechnet ich, frage ich, nicht aus Unsicherheit, sondern weil es die logische Frage ist. Es gibt genug Leute hier, die genauso gut arbeiten wie ich.

Corinne sieht mich einen Moment an, mit diesem trockenen Blick, den sie manchmal aufsetzt, wenn sie findet, dass ich eine offensichtliche Antwort selbst hätte finden können. Weil Sie seit fünf Jahren hier arbeiten, Suter, und noch kein wichtiger Gast einen Grund gefunden hat, sich über Sie zu beschweren. Das ist keine Kleinigkeit, wissen Sie.

Ich schlucke den Satz, ohne viel damit anzufangen, obwohl ich merke, dass er mich irgendwo trifft, an einer Stelle, an der ich normalerweise nichts durchlasse. Es ist eines der wenigen Komplimente, die ich tatsächlich annehmen kann, weil es meine Arbeit betrifft und nicht mein Gesicht oder meinen Körper. Meine Arbeit lügt nicht, und niemand kann mir sagen, dass sie nur aus Mitleid gut ist.

Danke, sage ich, und meine es.

Corinne schiebt mir eine dünne Mappe über den Tisch. Hier sind die ersten Informationen. Namen, Termine, besondere Wünsche. Der Rest kommt noch.

Ich öffne die Mappe und überfliege die Seite. Namen, Zimmerzuteilungen, ein Zeitplan, der schon jetzt eng aussieht. Ganz oben, fett gedruckt, steht ein Name, der mir nichts sagt.

Jonah von Salis.

Ist das der Bräutigam, frage ich, weil es die naheliegendste Frage ist.

Corinne antwortet nicht direkt darauf. Sie sagt nur, dass ich die vollständigen Gästeinformationen später bekomme, in einer Weise, die eindeutig macht, dass das Thema für den Moment erledigt ist. Ich zucke innerlich mit den Schultern. Namen von Gästen interessieren mich normalerweise nicht besonders, egal wie prominent sie sind. Ein Bett ist ein Bett, ein Badezimmer ist ein Badezimmer, egal wessen Name im Reservierungssystem steht.

Ich schließe die Mappe und sage, dass ich das übernehme, so sachlich, wie ich es meine. Innerlich denke ich nur daran, dass sechs Wochen mit einer Hochzeitsgesellschaft anstrengend werden, dass es bedeutet, noch früher aufzustehen, noch aufmerksamer zu sein, noch weniger Raum für Fehler zu haben. Ich denke an zusätzliche Schichten und daran, ob ich meinen freien Tag in der übernächsten Woche wohl streichen muss.

Ich ahne nicht, dass diese sechs Wochen mein Leben vollständig verändern werden. Wie sollte ich auch. Ich stehe in einem kleinen Büro neben dem Wäschelager, mit einer dünnen Mappe in der Hand, in der ein Name steht, den ich noch nie gehört habe, und für mich ist er in diesem Moment nichts weiter als das: ein Name auf einem Blatt Papier, zwischen anderen Namen, zwischen Zeitangaben und Zimmernummern, ohne Gesicht, ohne Stimme, ohne irgendetwas.

Ich stecke die Mappe unter den Arm, bedanke mich bei Corinne noch einmal und gehe zurück in den Flur, zu meinem Wagen, zu den Handtüchern und den kleinen Flaschen, zu der Arbeit, in der ich weiß, wer ich bin.

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