Kapitel 1
Valentina saß barfuß auf dem Sofa, die Beine unter sich gezogen und bis zu den Schultern in eine weiche Decke gewickelt, während draußen der Regen in unregelmäßigen Böen gegen die großen Fensterscheiben schlug und die Lichter der Straße hinter einem dünnen Schleier aus Wasser verschwimmen ließ.
Es war weit nach Mitternacht. Marco schlief im Schlafzimmer. Natürlich. Marco konnte immer schlafen. Manchmal beneidete sie ihn darum, wie selbstverständlich er abends die Augen schließen und einfach verschwinden konnte, während ihre Gedanken noch stundenlang durch all die Dinge wanderten, die sie tagsüber erfolgreich verdrängte. Sie dagegen hatte irgendwann vergessen, wie Ruhe funktionierte. Der Kindle lag in ihrer Hand, das warme Licht des Displays fiel auf ihre Finger, doch seit mehreren Minuten starrte sie auf dieselbe Seite, ohne auch nur einen einzigen Satz wirklich gelesen zu haben. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, fanden zurück, verloren sich erneut, bis sie schließlich seufzend den Kopf gegen die Rückenlehne sinken ließ.
Dark Romance. Schon wieder. Ein kleines, beinahe selbstironisches Lächeln huschte über ihre Lippen. Vielleicht las sie diese Bücher deshalb so gerne, weil die Frauen darin gesehen wurden. Wirklich gesehen. Nicht nur angeschaut. Nicht als Ehefrau, die selbstverständlich irgendwann neben einem Mann existierte, weil das Leben es eben so vorgesehen hatte. Nicht als Funktion innerhalb eines Alltags, der sich irgendwann zwischen Terminen, Verpflichtungen und beiläufigen Küssen festgefahren hatte. Und schon gar nicht als hübsche Dekoration neben einem erfolgreichen Mann, von der niemand wissen wollte, was eigentlich hinter ihrem Lächeln geschah. Sondern als Frau. Begehrt. Gefordert. Manchmal gefürchtet. Aber vor allem lebendig.
Valentina griff nach dem Weinglas auf dem niedrigen Tisch vor sich und nahm einen kleinen Schluck, während ihre Augen zurück auf den Kindle wanderten.
„Er beobachtete sie, als hätte er längst beschlossen, dass sie ihm gehörte.”
Ein heißes Kribbeln lief über ihre Haut. Nicht einmal besonders stark. Nur genug, dass sie es bemerkte.
„Lächerlich”, murmelte sie leise und nahm noch einen Schluck.
Mit neununddreißig sollte man vermutlich nicht mitten in der Nacht auf einem Sofa sitzen, Rotwein trinken und sich von einem fiktiven Mann daran erinnern lassen, wie es sich anfühlen könnte, von jemandem so angesehen zu werden, als wäre für einen einzigen Moment nichts auf der Welt interessanter als man selbst. Und doch tat sie genau das. Vielleicht lag es gar nicht an diesen Männern. Vielleicht lag es daran, was sie in den Frauen auslösten. Dieses Kribbeln. Diese Spannung. Das Gefühl, noch immer etwas in sich zu tragen, das nicht aus Vernunft, Gewohnheit oder Verantwortung bestand. Etwas Unberechenbares. Valentina ließ den Kindle langsam auf ihren Schoß sinken. Früher war Marco anders gewesen. Oder vielleicht waren sie beide anders gewesen. Damals in Mailand. Allein der Gedanke daran brachte Bilder zurück, die sich manchmal so weit entfernt anfühlten, als gehörten sie zu einem anderen Leben. Sie sah sich wieder barfuß durch die warmen Straßen laufen, die Schuhe in einer Hand, Marcos Finger fest um ihre andere geschlungen, während sie beide viel zu viel getrunken hatten und über irgendeinen vollkommen belanglosen Unsinn lachten, der ihnen damals wichtig genug erschienen war, um mitten auf dem Gehweg stehen zu bleiben. Sie waren laut gewesen. Unvernünftig. Verliebt. Der Sommer hatte nach aufgeheiztem Asphalt, Rotwein und Freiheit gerochen, und manchmal waren sie erst nach Hause gekommen, wenn über den Dächern bereits das erste Licht des Morgens erschienen war.
Damals hatte Marco sie Val genannt.
Nur Val.
Ein einziges kurzes Wort, das aus seinem Mund trotzdem nach etwas geklungen hatte. Nach Nähe. Nach Vertrautheit. Nach ihnen. Heute sagte er höchstens noch „Liebling”. Und selbst das meist dann, wenn er gleichzeitig auf sein Handy sah. Valentina zog die Decke etwas enger um ihren Körper. Sie wusste nicht, wann genau sich etwas zwischen ihnen verändert hatte, und vielleicht war genau das das Schlimmste daran. Es hatte keinen großen Streit gegeben, keinen einzelnen Moment, auf den sie zeigen und sagen konnte: Da. Genau dort haben wir angefangen, uns zu verlieren. Es waren Kleinigkeiten gewesen. Abende, an denen einer von ihnen später nach Hause gekommen war. Gespräche, die auf morgen verschoben wurden. Berührungen, die kürzer wurden. Fragen, die irgendwann keiner mehr stellte, weil beide glaubten, die Antworten ohnehin zu kennen. Bis aus einem gemeinsamen Leben zwei Leben geworden waren, die zufällig dieselbe Wohnung teilten. Valentina nahm den Kindle wieder auf. Sie wollte nicht darüber nachdenken. Nicht heute Nacht. Vielleicht morgen. Vielleicht irgendwann. Sie blätterte weiter.
Draußen fuhr ein Auto durch die nasse Straße, seine Scheinwerfer zogen helle Streifen über die Zimmerdecke, und Valentina schenkte dem zunächst keine Aufmerksamkeit. Bis das Licht langsamer wurde. Sehr langsam. Ihre Augen lösten sich vom Display. Ein schwarzer Wagen rollte vor dem Gebäude aus. Valentina sah hinaus. Der Wagen fuhr noch einige Meter. Dann blieb er stehen. Nicht auf einem Parkplatz. Einfach am Straßenrand. Der Motor lief weiter. Sie konnte das gedämpfte Brummen selbst durch das geschlossene Fenster hören, während der Regen über das dunkle Dach des Wagens rann und die Straßenlaternen sich auf der nassen Karosserie spiegelten. Valentina bewegte sich nicht. Dunkle Scheiben. Kein Licht im Innenraum. Niemand stieg aus. Vielleicht wartete dort einfach jemand. Auf einen Freund. Eine Frau. Irgendeinen Bewohner des Hauses. Es gab hundert vollkommen vernünftige Erklärungen dafür, warum nachts ein Auto auf einer Straße stand. Trotzdem legte sie den Kindle langsam neben sich. Etwas an dem Wagen störte sie. Sie hätte nicht einmal sagen können, was. Vielleicht gerade die Tatsache, dass nichts geschah. Er stand einfach dort. Wartend. Valentina zog die Decke von ihren Beinen und stellte die nackten Füße auf den Boden, der sich kühl unter ihren Sohlen anfühlte. Langsam trat sie näher ans Fenster, blieb jedoch weit genug dahinter stehen, dass sie nicht unmittelbar im Licht der Stehlampe zu sehen war. Sie versuchte, jemanden hinter der Windschutzscheibe zu erkennen. Nichts. Nur Dunkelheit. Und trotzdem entstand plötzlich dieses vollkommen irrationale Gefühl in ihr. Dass sie nicht den Wagen beobachtete. Sondern der Wagen sie. Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken.
„Hör auf.”
Ihre eigene Stimme klang in der stillen Wohnung merkwürdig fremd. Zu viele Bücher. Zu viel Rotwein. Zu wenig Schlaf. Mehr war es nicht. Trotzdem ging sie zur Balkontür. Einmal zog sie am Griff. Verschlossen. Sie überprüfte ihn ein zweites Mal. Erst danach bemerkte sie, was sie tat. Valentina schüttelte über sich selbst den Kopf, ging zurück zur Stehlampe und schaltete sie aus. Das Wohnzimmer versank augenblicklich in Dunkelheit. Nur das fahle Licht der Straße fiel noch durch die Fenster. Jetzt konnte sie den Wagen besser sehen. Und für einen kurzen Moment bereute sie es. Denn er stand noch immer dort. Regungslos. Der Motor lief. Valentina blieb einige Sekunden im Dunkeln stehen und starrte hinaus, während ihr Herz ein wenig schneller schlug, obwohl sie sich selbst immer wieder sagte, dass es dafür keinen Grund gab. Sie war keine Frau aus ihren Büchern. Niemand beobachtete sie. Niemand wartete vor ihrem Haus. Und ganz sicher verbarg sich hinter dunklen Autos und nächtlichen Telefonaten kein Mann, der irgendwann ihr Leben auf den Kopf stellen würde. Der Gedanke war so absurd, dass sie beinahe darüber lachen musste. Beinahe. Sie nahm ihr Weinglas und den Kindle vom Tisch und ging ins Schlafzimmer.
Marco lag noch genauso da wie zuvor, halb auf dem Bauch, einen Arm unter dem Kissen, vollkommen unbeeindruckt von Regen, Autos oder den Gedanken seiner Frau. Sein gleichmäßiger Atem erfüllte den Raum, und für einen Moment betrachtete Valentina ihn einfach. Sie kannte jede Linie dieses Gesichts. Jede kleine Falte. Die Art, wie sich sein Haar im Schlaf verwuschelte. Diesen winzigen Schatten an seinem Kinn, wenn er sich einen Tag nicht rasierte. Sie kannte diesen Mann. Zumindest hatte sie das immer geglaubt. Valentina stellte das Glas auf ihrer Seite des Bettes ab. In diesem Moment vibrierte Marcos Handy. Das Geräusch war so plötzlich, dass sie zusammenzuckte. Marco reagierte nicht. Natürlich nicht. Das Telefon lag auf seinem Nachttisch, und für einige Sekunden leuchtete das Display hell in der Dunkelheit. Valentina wollte nicht hinsehen. Sie sah trotzdem hin.
Dante Russo
Sie kannte den Namen nicht. Noch nie gehört. Zumindest glaubte sie das. Und trotzdem blieb ihr Blick daran hängen. Dante Russo. Das Handy vibrierte weiter. Marco schlief. Einmal. Zweimal. Beim dritten Klingeln bewegte er sich leicht, drehte lediglich den Kopf tiefer ins Kissen und schlief weiter. Dann verstummte das Telefon. Dunkelheit kehrte zurück. Valentina stand noch immer neben dem Bett. Sie wusste nicht, warum ihr dieser Name nicht aus dem Kopf ging. Vielleicht wegen des Wagens. Vielleicht weil es mitten in der Nacht war und Menschen, die nichts Dringendes wollten, gewöhnlich nicht dreimal hintereinander anriefen. Vielleicht war es auch nur dieses seltsame Gefühl, das sie bereits im Wohnzimmer nicht hatte abschütteln können. Sie legte sich neben Marco. Zog die Decke über sich. Schloss die Augen. Öffnete sie wieder. Nach einigen Minuten drehte sie den Kopf zum Fenster. Von hier aus konnte sie nur einen schmalen Ausschnitt der Straße erkennen. Gerade genug. Der schwarze Wagen stand noch immer dort. Valentina lauschte in die Dunkelheit. Neben ihr schlief ihr Mann. Auf seinem Nachttisch lag ein Telefon, auf dem vor wenigen Minuten der Name eines Mannes geleuchtet hatte, den sie nicht kannte. Und draußen wartete jemand. Vielleicht hatte das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Vielleicht würde sie morgen früh darüber lachen. Doch als Valentina schließlich die Augen schloss, war da etwas in ihr, das sich weigerte, zur Ruhe zu kommen. Eine Ahnung, für die sie noch keinen Namen hatte. Das leise, beinahe körperliche Gefühl, dass sich irgendwo außerhalb dieser Wohnung etwas in Bewegung gesetzt hatte, während sie noch glaubte, ihr Leben würde morgen genauso weitergehen wie gestern.
Sie wusste nicht, wer Dante Russo war. Sie wusste nicht, warum er ihren Mann mitten in der Nacht anrief. Und sie wusste nicht, wer in dem schwarzen Wagen vor ihrem Haus saß. Aber während draußen der Regen weiter gegen die Scheiben fiel, ahnte Valentina zum ersten Mal, dass die gefährlichsten Veränderungen im Leben nicht immer mit einem Knall begannen.

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