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Kapitel mit Folgen

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Summary

Sophies Leben ist ziemlich durcheinander geraten. Schuld ist eine Geschichte über ihre Zeit beim Film. Genauer gesagt, eine Geschichte über Träume, Gefühle und das abrupte Ende ihrer Karriere. Fünfzehn Jahre später stellt sie diese anonym ins Netz. Blöd nur, dass die Vergangenheit mitliest. Denn mit der Vergangenheit kommen auch die Männer von damals zurück. Mit im Gepäck: jede Menge Peinlichkeiten, die Sophie der Nachwelt allzu gern erspart hätte. Eine RomCom über verpasste Chancen, zweite Blicke und die unangenehme Erkenntnis, dass die Vergangenheit manchmal eine ganz andere Geschichte erzählt als man selbst.

Status
10h ago
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
18+

Die Sache mit dem Leben

Ab einem bestimmten Alter sollte man ein paar Dinge geklärt haben. Zumindest hatte Sophie sich das früher so vorgestellt.

Mit 40 würde sie wissen, wer sie war. Sie würde eine Wohnung besitzen, in der kein Wäscheständer dauerhaft zum Mobiliar gehörte. Sie würde einen Beruf haben, bei dessen Nennung andere Menschen interessiert nickten. Und irgendwo zwischen alldem würde sich ein Mann befinden, der sie liebte, den sie liebte und der wusste, wo die Ersatzglühbirnen aufbewahrt wurden. Das war jedenfalls der Plan gewesen.

Stattdessen stand Sophie an einem Dienstagmorgen in Socken in ihrer Wohnküche. Sie versuchte gleichzeitig, eine Brotdose zuzupressen, eine Überweisung auf dem Handy freizugeben und herauszufinden, warum ihre Tochter seit drei Minuten in Dauerschleife „Mama“ sagte.

„Mama.“

„Ja?“

„Du hörst nicht zu.“

„Doch.“

„Was habe ich gesagt?“

Sophie sah auf. Ruby stand vor ihr. Zehn Jahre alt, angezogen, gekämmt und auf eine Art vollständig lebensfähig, die Sophie morgens um 7:12 persönlich beleidigend fand.

„Also, du hast gesagt—“, stammelte Sophie und suchte in ihrem Gehirn. Nichts. Leere.

Ruby verdrehte die Augen. Sie war zehn, und Augenverdrehen gehörte zu ihrer Superkraft. Sophie wollte gar nicht wissen, was mit dreizehn passieren würde.

„Ich brauche heute die zwölf Euro für den Ausflug.“

„Welchen Ausflug?“

„Na, den Ausflug.“

„Ruby, das grenzt die Sache jetzt überhaupt nicht ein.“

„Mamaaaa.“

Da war es wieder. Dieses Mamaaa. Es gab mindestens siebzehn verschiedene Arten, es auszusprechen. Dieses hier bedeutete: Ich habe dir das dreimal erzählt und wir wissen beide, dass deine Synapsen es gelöscht haben.

Sophie checkte ihr Handy.

Kontostand: ein Trauerspiel.

Noch neun Tage bis zum Gehalt.

Die offene Überweisung forderte 89 Euro Stromabschlag. Sie drückte die App weg „Natürlich bekommst du die zwölf Euro.“

„Frau Berner hat gesagt, spätestens heute.“

„Frau Berner ist eine sehr konsequente Frau“, erwiderte Sophie.

„Du magst doch Frau Berner.“

„Ich mag sie sehr. Besonders wenn sie Geld von mir möchte.“

Sophie riss die Schublade neben dem Herd auf. Sie wühlte zwischen alten Batterien, Tesafilm, zwei Geburtstagskerzen, einem einzelnen Essstäbchen und ungefähr siebenhundert Dingen, die niemand jemals bewusst dort hineingelegt hatte. Sie fischte einen Zehn-Euro-Schein heraus. „Zehn.“

„Ich brauche zwölf.“

„Ich arbeite dran.“

„Wir müssen los, Mama.“

„Ich arbeite schneller.“

Aus dem Fernseher an der Wand, den sie eigentlich nur zur Geräuschkulisse laufen ließ, drang plötzlich ein Name, der Sophies Hand in der Schublade erstarren ließ.

„... schwere Vorwürfe gegen den mehrfach ausgezeichneten Produzenten Lennard Berg. Nachdem sich am Wochenende erstmals ein Schauspieler öffentlich geäußert hatte, berichten inzwischen weitere ehemalige Mitarbeiter von—“

„Mama!“

„Ich komme!“

Sophie fand zwei Euro. Triumph: „So, jetzt sind es zwölf.“

Ruby schnappte sich das Geld, drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und stürmte Richtung Flur.

Sophie griff nach ihrer Tasche, trat barfuß auf einen Legostein und sagte ein Wort, das ihre Tochter offiziell nicht benutzen durfte.

„Mama.“

„In Ausnahmesituationen gelten andere Regeln.“

„Du sagst das ziemlich oft.“

„Wir haben ziemlich viele Ausnahmesituationen.“

Bevor sie den Fernseher ausschaltete, sah Sophie für zwei Sekunden auf den Bildschirm. Lennard Berg. Fast jeder kannte dieses Gesicht. Filme, Premieren, Preise. Diese dunkelblauen Anzüge, die aussahen, als kosteten sie mehr als Sophies Auto – falls sie eins besessen hätte. Interviews, in denen er sich gern ein bisschen über sich selbst lustig machte. Dieser Typ Mann, bei dem Talkshowmoderatorinnen noch mit sechzig sagten, er habe etwas neckisch Jungenhaftes.

Heute hatte er nichts Jungenhaftes. Er wurde von Kameras belagert, hielt eine Hand vors Gesicht und verschwand in einer schwarzen Limousine.

„Dem Produzenten werden seit Jahren ein extrem rauer Umgangston und wiederholte Demütigungen von Mitarbeitern vorgeworfen.“

Sophie schnaubte. „Überraschung.“

Sie drückte auf den Ausschaltknopf. Fünfzehn Jahre war es her. Fünfzehn Jahre, seit sie weinend auf dem Klo dieses Sets gesessen hatte. Man vergaß den Geruch von billigem Catering und nasskaltem Asphalt offenbar nie. Sie sah auf die Uhr. Sechs Minuten zu spät. Ein guter Tag.

_____________________

Manchmal fragte Sophie sich, wann genau ein Leben eigentlich entschieden wurde.

Bei den großen Dingen wusste man es. Geburt. Tod. Hochzeit. Scheidung. Da war klar: Danach ist etwas anders.

Aber was war mit all den anderen Situationen dazwischen? Bei denen einem niemand sagte, dass sie gerade wichtig waren.

Ein Job zum Beispiel, den man annahm, weil man Geld brauchte.

Eine Wohnung, die eigentlich nur für zwei Jahre gedacht war.

Ein Mann, bei dem man irgendwann aufhörte zu fragen, warum man unglücklich war.

Ein anderer Mann, den man vielleicht übersah.

Ein Satz, den man nicht sagte.

Oder ein Zug, in den man nicht einstieg.

Wie viele solcher unscheinbaren Kreuzungen gab es? Und wie oft verstand man erst fünfzehn Jahre später, dass man an einer davon falsch abgebogen war?

Sophie dachte an diesem Morgen nicht weiter darüber nach. Sie dachte an die U-Bahn, die ihr genau in diesem Moment vor der Nase wegfuhr. „Scheiße.“

Eine ältere Frau auf dem Bahnsteig sah sie missbilligend an.

„Ausnahmesituation“, erklärte Sophie und hob entschuldigend die Hände.

_____________________

Drei Monate später wurde ihr Vertrag nicht verlängert. Es geschah an einem Donnerstag, 14:35 Uhr. Sophie wusste das später noch so genau, weil sie um 15:15 Uhr losmusste, um rechtzeitig bei Rubys Schulauftritt zu sein.

Ihre Chefin faltete die Hände auf dem Schreibtisch. Das war nie ein gutes Zeichen. Menschen falteten ihre Hände nicht, bevor sie sagten: Wir sind wahnsinnig zufrieden mit Ihnen, und übrigens, hier sind mehr Geld und sechs Wochen Urlaub.

„Sophie, wir schätzen deine Arbeit hier wirklich sehr.“

Was für eine Einleitung, dachte Sophie. Sie nickte tapfer. „Aber?“

Ihre Chefin lächelte gequält. „Wir haben in den letzten Monaten gemerkt, dass wir für die Position jemanden brauchen, der flexibler einsetzbar ist.“

„Ich bin flexibel.“

„Bis zu einem gewissen Punkt.“

Sophie wusste bereits, worauf das hinauslief. „Es geht um die Messen?“

„Unter anderem.“

„Ich habe dafür die komplette Nachbereitung übernommen“, hielt Sophie dagegen. „Und die Präsentation. Ich habe abends gearbeitet, wenn Ruby geschlafen hat. Teilweise bis zwei Uhr nachts.“

„Das weiß ich.“

„Ich habe allein in den letzten drei Monaten zweiundvierzig Überstunden gemacht.“

„Und das wissen wir auch zu schätzen.“

Sophie hasste diesen Satz. Man konnte offenbar sehr viele Dinge schätzen, ohne sie im Geringsten zu berücksichtigen.

„Aber wir brauchen jemanden, der eben auch mal drei Tage woanders hinfahren kann“, fuhr ihre Chefin fort. „Gerade in Zeiten von KI kannst du dich nicht nur auf Textschreiben und Konzeption ausruhen. Du musst dein Profil erweitern.“

„Ich kann meine zehnjährige Tochter nicht spontan und regelmäßig drei Tage irgendwo abgeben“, erwiderte Sophie. „Nicht mitten in der Schulzeit.“

„Andere Eltern organisieren das ja auch.“

Eltern, dachte sie sich bitter. In der Regel war sie allein. Sophie schwieg.

Es war erstaunlich, wie wenig Worte man brauchte, um einem Menschen das Gefühl zu geben, in seinem eigenen Leben grundsätzlich etwas falsch gemacht zu haben.

Sie sah ihre Chefin an. „Wann?“

„Was?“

„Wann endet mein Vertrag?“

„In sechs Monaten.“

Sechs Monate. Sophie nickte. „Okay.“

„Sophie, das hat wirklich nichts mit der Qualität deiner Arbeit zu tun.“

Natürlich nicht. Es hatte nur mit ihrem Leben zu tun.

_____________________

Um 15:45 Uhr rannte Sophie zur Aula. Die ersten Kinder standen bereits auf der Bühne. Sie blieb hinten an der Tür stehen. Außer Atem, den Mantel noch an, die Tasche über der Schulter.

Ruby suchte im Publikum.

Sie schaute nach links.

Rechts.

Noch einmal.

Dann sah sie Sophie. Und lächelte.

Es war nur ein kleines Lächeln. Aber manchmal passte ein ganzes Leben in vier Sekunden.

Sophie hob die Hand. Ich bin da.

Ruby hob ebenfalls kurz die Hand. Ich weiß.

Später liefen sie nach Hause. Ruby erzählte ungefähr vierzehn Minuten am Stück von einem Einsatz, den jemand vergessen hatte. Von Lina, die fast ihren Text nicht gewusst hätte. Und davon, dass Frau Berner gesagt hatte, sie hätten es „für die kurze Probenzeit wirklich toll gemacht“, was Ruby als schwere Beleidigung empfand.

Dann sagte sie: „Lina fährt im Sommer ins Feriencamp.“

Sophie ahnte etwas. „Schön.“

„An die Ostsee.“

„Noch schöner.“

„Eine Woche.“

„Und?“

„Kann ich auch?“

Sophie sah geradeaus. Sie wusste nicht, was das Camp kostete. Aber ihr Gehirn hatte bereits entschieden, dass es mehr war, als sie gerade besaß. „Wann ist das?“

„In den Sommerferien.“

„Schick mir mal den Zettel.“

„Du sagst immer, ich soll dir den Zettel schicken.“

„Weil Zettel wichtige Informationen enthalten.“

„Und dann liegen sie auf dem Küchentisch.“

„Dort enthalten sie die Informationen weiter.“ Sophie legte einen Arm um die Schultern ihrer Tochter. „Ich gucke es mir an, ja?“

„Heißt das vielleicht?“

„Das heißt: Ich gucke es mir an.“

„Das heißt meistens nein.“

Sophie blieb stehen und sah sie an. „Nein. Es heißt, dass ich gerade nicht weiß, ob es geht. Aber ich versuche es, okay?“

Ruby nickte. „Okay.“

Sie gingen weiter. Sophie hätte in diesem Moment gern versprochen, dass es ging. Sie hätte überhaupt gern viel mehr Dinge versprochen.

Eine größere Wohnung.

Das Feriencamp.

Später ein Studium, falls Ruby studieren wollte.

Reisen.

Klassenfahrten.

Stattdessen sagte sie: „Was wollen wir essen?“

„Pizza.“

„Sehr gute Wahl, um deinen Auftritt zu würdigen.“

_____________________

In den folgenden Wochen wurde Lennard Berg zu einem Menschen, dem Sophie nicht begegnete und der trotzdem ständig präsent war.

Beim Bäcker lag sein Gesicht auf einem Magazin: DER TYRANN VOM SET?

Auf dem Handy: EIN WEITERER MITARBEITER ERHEBT VORWÜRFE.

In der U-Bahn: KANN SICH DIE FILMBRANCHE EINEN SOLCHEN UMGANG NOCH LEISTEN?

Sophie las nichts davon. Zumindest behauptete sie das. Sie kannte diese Welt nicht mehr. Sie hatte vor fünfzehn Jahren mal bei einer Produktionsfirma gearbeitet. Zweite Produktionsassistenz. Ein Jobtitel, der weitaus eindrucksvoller klang als die eigentliche Tätigkeit.

Danach war sie gegangen. Das war alles.

Man ging schließlich ständig irgendwo weg.

Aus Jobs.

Aus Beziehungen.

Aus Wohnungen.

Aus Träumen.

Manche Türen schlug man zu.

Andere zog man ganz vorsichtig hinter sich ins Schloss und erzählte sich anschließend so lange, dass man sowieso nie hinein gewollt hatte, bis man es selbst glaubte.

An einem Sonntag saß Sophie auf dem Boden vor dem Sofa und sortierte Wäsche. Ruby schlief. Auf dem Tisch lag die Rechnung einer Ärztin. Daneben die Ankündigung einer Mieterhöhung und der Zettel für das Feriencamp.

Sophie faltete ein T-Shirt. Im Fernseher lief irgendeine Talksendung.

„… nach Monaten erstmals ausführlich zu den Vorwürfen geäußert.“

Sophie griff nach einer Socke. Dann hörte sie seine Stimme.

„Natürlich habe ich Fehler gemacht.“

Sie sah auf.

Lennard Berg saß in einem Sessel. Kein roter Teppich. Kein Premierenlächeln. Grauer Pullover. Müdes Gesicht.

„Ich habe mich bei Menschen entschuldigt. Auch persönlich“, sagte er in die Kamera. „Ich habe ein sehr hartes Jahr hinter mir.“

Sophie faltete die Socke. „Mhm.“

„Und ich sage Ihnen ganz offen: Was mich vielleicht am meisten enttäuscht hat, war das Schweigen einiger Kollegen.“

Sophie hörte auf zu falten. „Ach.“

„Menschen, mit denen ich zwanzig, dreißig Jahre gearbeitet habe. Denen ich Rollen gegeben habe. Chancen. Mit denen ich Erfolge gefeiert habe.“ Lennard schluckte. „Und plötzlich war niemand mehr da.“

Sophie legte die Socke auf den Boden.

Der Moderator sagte etwas, Lennard nickte. „Ich hätte in dieser Zeit vielleicht auch ein bisschen Trost gebraucht.“

Sophie starrte den Bildschirm an. „Trost?“ Sie stand auf. „Du hättest Trost gebraucht, du Trottel?“

Lennard sprach weiter. Sophie nahm einen Schuh vom Boden. Es war nicht einmal ihr eigener. Es war Rubys Sneaker. Größe 35. Rosa Schnürsenkel.

„Mama hat auch ein hartes Jahr“, sagte Sophie. Und warf.

Der Schuh traf den Fernseher. Der Bildschirm erlosch mit einem dumpfen Knall. Schwarz. Stille.

Sophie stand mitten im Wohnzimmer. Sie sah den Schuh an. Dann den toten Fernseher.

„Sehr erwachsen“, sagte sie zu sich und hob den Sneaker auf.

Und genau in diesem Moment geschah etwas, das sie fünfzehn Jahre lang erfolgreich vermieden hatte.

Sie erinnerte sich.

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