Kapitel 1 - Eine schlechte Kopie
Da war es wieder. Dieses flatternde Gefühl im Bauch. Dieses Brennen auf meiner Haut. Die Gewissheit, dass nie mehr etwas so wie früher werden würde. Ich widerstand dem Drang, mich umzudrehen, auch wenn ich deine Nähe spürte. Und den stechenden Blick deiner stahlblauen Augen auf meinem Nacken. Keine Chance. Für uns. Die Show musste weitergehen. Denn es stand zu viel auf dem Spiel.
Dann legte sich eine warme Hand auf meinen Rücken. Bestimmend drückte sie mich weiter. Und gleichzeitig breitete sich wieder diese Kälte in meinem Inneren aus.
»Es ist zu offensichtlich, Sara.« Henriks Atem streifte kühl an meinem Ohr und hinterließ eine Gänsehaut. »Du musst dich mehr anstrengen.«
Ich folgte dem leichten Druck an meinem Rücken. Ging weiter zwischen den mit blauen Kerzen bestückten Tischen nach vorne, in Richtung Bühne. Ich versuchte zu ignorieren, dass ich von der Seite des Raumes wie ein Magnet angezogen wurde, während das große Banner mit dem blau-weißen Logo der Lawall Air Defence Corporation immer näher rückte.
Mittlerweile waren die großen Kronleuchter im hohen Festsaal angegangen und tauchten die in Smoking und Abendkleider gehüllten Gäste und die mit weißen Hussen überzogenen Stühle in ein goldenes Licht.
»Frau Amon.« Vor mir stand Arthur Lawall, der Eigentümer und Gastgeber. Sein breites Grinsen, das seine Augen nicht erreichte, ließ mich erschaudern. Das unnatürliche Weiß seiner Zähne brannte sich in meinen Blick.
Ich spürte seine knorrigen langen Finger schon, als ich ihm meine nur halb entgegengestreckt hatte. Wie ein Krake umfassten sie meine Hand, um sie dann fest zusammenzupressen.
»Herr Lawall.« Ich verzog den Mund zu einem falschen Lächeln, versuchte den durch seinen Händedruck verursachten Schmerz zu ignorieren.
Er weiß es.
»Eine großartige Präsentation«, schritt Henrik ein. Seine Hand wanderte von meiner Schulter zu meiner Hüfte, drückte mich bestimmt an seinen Körper. Ich spürte das kalte Metall seiner Walther PPK wie ein stilles Versprechen durch den dünnen Stoff meines enganliegenden nachtblauen Kleides.
»Das Beste folgt noch«, gab Lawall zurück, ohne seinen Blick von mir abzuwenden oder dem Druck auf meine Hand nachzugeben.
Von der Bühne drang auf einmal leise die Musik einer Violine, als Lawall mich endlich losließ und mit dem Kopf nach vorne deutete. Ich löste Henriks Hand von meiner Hüfte, drehte mich langsam um und erstarrte.
Da stand er, zusammen mit Suzannah, Lawalls Enkelin. Das Streichquartett hinter ihnen spielte den Hochzeitsmarsch von Mendelssohn Bartholdy. Ihre Hände waren ineinander verschränkt, sein Blick starr geradeaus gerichtet, ihrer auf ihm.
Wie in Trance folgte mein Blick Arthur Lawall, der an uns vorbeischritt und lächelnd nach vorne zur Bühne trat.
»Sara …«, flüsterte Henrik. »Wusstest du …«
Er musste den Satz nicht zu Ende reden. Mein Zittern sprach Bände. Ich hatte jegliche Kontrolle über meinen Körper verloren. Mein Kopf war ein explosives Gemisch unvollendeter Gedanken. Bevor ich einen davon fassen konnte, lösten sie sich schmerzhaft in Rauch auf.
»Liebe Freunde …«, hörte ich den alten Lawall wie durch eine Blase. »… liebe Geschäftspartner, sehr geehrte Pressevertreter und alle anderen.« Sein Blick, der bei den Worten auf mich fiel, drang kaum durch den Nebel in meinem Kopf.
»Sie werden sicher schon geahnt haben, was ich ihnen gleich verkünde.«
Er trat zwischen das Paar auf der Bühne, legte beiden jeweils eine Hand auf die Schulter.
»Meine Enkelin Suzannah, die gleichzeitig auch die Rechtsabteilung von Lawall Air Defence leitet – sehr erfolgreich wohlgemerkt – hat sich verlobt.«
Die Leute im Saal klatschten, Lawall grinste gefällig. Aber ER sah weiter nur starr geradeaus. Seine Hände, die heute Nacht unermüdlich meinen Körper erkundet hatten, hingen schlaff herab. Sein Mund, der mich gestern mit Küssen bedeckt hatte, war zusammengepresst. Und seine Augen, in denen ich gestern so viel erkannt hatte, waren auf den Boden vor ihm gerichtet. Er wirkte wie eine schlechte Kopie seiner selbst – verschmiert, unscharf, ohne die vielen Details, die ich an ihm kennengelernt und geliebt hatte.
»Manche von Ihnen kennen ihn schon.«
Ein kurzes Blinzeln. Er schien mich in der Menge erkannt zu haben. Ich meinte, seine Augen kurz aufleuchten zu sehen. Aber dann war es auch schon wieder vorbei.
»Unseren militärischen Berater Silas Vane.«
Wie betäubt verfolgte ich die Szene, als Lawall ihn und Suzannah zusammenschob, sie die Hände ineinander falteten und sich küssten. Nicht mal das versetzte mir einen Stich. Nicht wegen seiner unbeteiligten Miene, sondern weil er nicht der Mann war, den ich kennengelernt hatte. Denn dieser hatte sich mir vor drei Monaten als Aiden Steele vorgestellt.





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