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Niemand kann dem Buch entkommen

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Summary

Als June an einem verregneten Herbsttag in ein altes Antiquariat flüchtet, nimmt sie ein namenloses Buch mit nach Hause. Seine Seiten sind leer. Bis plötzlich ihr Name darin steht. Noch in derselben Nacht erscheint ein weiterer Satz: „Du hast mich gefunden.“ June fotografiert die Seite. Auf dem Display ist sie leer. Sie filmt sie. Wieder nichts. Doch das Buch schreibt weiter. Ein zerbrochenes Glas. Ein unerwarteter Anruf. Ein Klopfen an ihrer Tür. Ereignisse, die erst Stunden später geschehen – genau so, wie sie auf den vergilbten Seiten angekündigt wurden. Mit jeder neuen Zeile wird es persönlicher. Es kennt Dinge, die June nie ausgesprochen hat. Es reagiert auf ihre Gedanken. Und egal, wie weit sie es von sich entfernt – es kommt zurück. Doch nichts erschreckt June so sehr wie die Reaktion ihrer Eltern. Sie sind nicht überrascht. Sie haben Angst. Bis eines Abends neue Worte auf dem Papier erscheinen: „Am 31. Oktober wirst du verstehen, warum deine Familie dich nie über deine Geburt sprechen ließ.“ Darunter bildet sich langsam eine zweite Zeile. Die Tinte ist noch feucht. „Bitte versuche diesmal nicht zu fliehen.“

Genre
Horror
Author
DragonLady
Status
7h ago
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Das Buch, das nicht dort war

Eben noch war der Himmel über der Altstadt nur bleiern grau gewesen, dieses typische Spätoktobergrau, das mehr drohte als hielt. Und dann, innerhalb weniger Sekunden, brach er los. Nicht als Nieseln. Als Guss. Als würde jemand einen Eimer über der Straße auskippen.

June hörte ihn, bevor sie ihn spürte. Ein Trommeln auf den Markisen, ein Rauschen, das in Sekunden von einem fernen Grummeln zu einem ohrenbetäubenden Prasseln anschwoll.

„Verdammt“, murmelte sie und zog die Schultern hoch.

Sie hatte keinen Schirm dabei. Natürlich nicht. Sie war nur raus, um den Kopf freizubekommen. Die Wohnung war in den letzten Wochen zu eng geworden, die Luft zu abgestanden. Ein kurzer Spaziergang durch die Altstadt, mehr nicht. Und jetzt stand sie mitten auf dem Kopfsteinpflaster, während um sie herum alle unter Vordächer flüchteten, Radfahrer fluchend in Hauseingänge bogen, eine Frau ihre Einkaufstüten über den Kopf hielt.

June sah sich hastig um.

Zehn Schritte rechts, eingeklemmt zwischen einer Änderungsschneiderei und einem seit Monaten geschlossenen Blumenladen, lag ein Laden. Der Schriftzug über der Tür war so verblichen, dass man ihn kaum noch lesen konnte. Antiquariat stand da, und darunter, kleiner, fast abgeblättert: E. Brenner. Das Vordach war winzig, eine ausgebleichte Markise, die kaum Schutz bot. Aber es war Schutz.

Sie rannte los.

Ihre Schuhe klatschten auf das nasse Pflaster, Wasser spritzte ihr bis zu den Waden. Für einen absurden Moment dachte sie nur: Super. Genau das hat noch gefehlt. Dann war sie unter der Markise, drückte sich gegen die schmale Schaufensterscheibe. Die Scheibe war blind vor Staub von innen, vollgestellt mit Büchern, die niemand mehr ansah.

Die Tür stand einen Spalt offen.

Kein Öffnungszeiten-Schild. Keine Klingel. Nur dunkles Holz mit abgeblätterter Farbe an den Rändern, das sich im Wind leicht bewegte.

Sie zögerte nur einen Atemzug lang. Der Regen peitschte inzwischen fast waagerecht gegen die Fassaden. Sie drückte die Tür auf.

Die kleine Messingglocke darüber gab einen dünnen, zaghaften Laut von sich, der sofort vom Rauschen draußen verschluckt wurde.

Drinnen war es warm. Diese träge, satte Wärme von Räumen, in denen seit Jahrzehnten dieselbe Heizung läuft. June blieb stehen, tropfend, die nassen, dunkelbraunen Haare an die Stirn geklebt, und ließ den Blick wandern.

Es war enger, als sie erwartet hatte. Viel enger. Regale bis zur niedrigen Decke, vollgestopft mit Büchern in jedem Zustand. Leder mit Goldprägung, zerfledderte Taschenbücher, deren Rücken kaum noch lesbar waren. Dazwischen türmten sich auf dem Boden zusätzliche Stapel, so hoch, dass man sich seitwärts durch die Gänge schieben musste. Es roch nach genau dem, was man erwartete: nach vergilbendem Papier, Staub, und darunter etwas Feuchtes, Holziges. Als würde das Gebäude selbst atmen.

Gedämpftes, graues Licht fiel durch die kleinen Schaufenster. Drinnen brannten nur zwei Lampen mit gelblichen Schirmen, die mehr Schatten warfen als Licht spendeten.

„Hallo?“, sagte sie. Mehr aus Höflichkeit. Sie wollte sich nur unterstellen, bis der Regen nachließ.

Keine Antwort. Nur das Prasseln draußen und ein leises Knarren aus dem hinteren Teil des Ladens. Holz, das arbeitete. Oder Schritte.

June wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht. Sie mochte solche Orte eigentlich. Den Staub, die Stille, das Gefühl, dass hier Geschichten lagerten, die niemand mehr kannte. Aber irgendetwas hier fühlte sich falsch an. Nicht gruselig im Film-Sinne. Eher... zu still. Als würde der Laden den Regen draußen nicht richtig durchlassen.

Sie ging ein paar Schritte weiter, seitwärts zwischen zwei Bücherstapeln hindurch. Ihre Finger strichen aus Gewohnheit über Buchrücken. Alte Lyrik. Ein Konversationslexikon aus den Sechzigern. Ein Gebetbuch mit Messingverschluss.

Am Ende der Regalreihe öffnete sich der Raum ein wenig. Genug für zwei abgewetzte Sessel und einen kleinen, runden Tisch aus dunklem Holz dazwischen. Auf dem Tisch lagen ein paar vergilbte Zeitschriften, mit eingerissenen Ecken. Der Spiegel von 1987, irgendwas über Gartenbau.

June wollte weitergehen. Ihr Blick war schon beim nächsten Regal.

Und dann blieb er hängen.

Sie blieb stehen. Nicht dramatisch. Ihr Körper brauchte einfach eine Sekunde länger als ihre Augen.

Auf dem Tisch lag ein Buch.

Sie runzelte die Stirn.

Das war... sie war sich sicher. Als sie um das Regal gebogen war, vor vielleicht zwanzig Sekunden, hatte sie diesen Tisch aus dem Augenwinkel gesehen. Da lagen nur die Zeitschriften. Dieses kleine, schäbige Detail hatte sie sogar registriert. Zwei, drei Hefte, schief aufeinandergelegt.

Jetzt lag da ein Buch. Mitten auf den Zeitschriften. Leicht schräg, so wie man ein Buch hinlegt, das man gerade erst aus der Hand gelegt hat.

Oder? Hatte sie es nur nicht gesehen? Der Laden war dunkel, ihre Brille war nass vom Regen, sie hatte nicht wirklich hingesehen.

Du hast einfach nicht richtig hingesehen, dachte sie. Das war die logische Erklärung. Immer die logische Erklärung. June war gut darin, sich logische Erklärungen zu suchen. Das hatte ihr bisher immer geholfen.

Trotzdem blieb ein kleines Ziehen in ihrem Magen zurück. Ein kaltes, unangenehmes Flattern.

Sie trat näher.

Der Einband war dunkel. Kein Schwarz, eher ein sehr tiefes, verwaschenes Braun. Leder, rissig an den Stellen, wo es am häufigsten angefasst worden war. Kein Titel auf dem Rücken. Kein Name. Keine Verzierung. Nur ein paar dunklere Flecken, wo vielleicht einmal eine Prägung gewesen war, längst verwaschen.

Aus einem Grund, den sie nicht benennen konnte, blieb ihr Blick daran hängen.

„Ist da jemand?“, rief sie, etwas lauter.

Wieder keine direkte Antwort. Aber aus der Tiefe des Ladens, hinter den hohen Regalen, kam ein Rascheln. Papier. Eine Schublade, die zugeschoben wurde.

Jemand war da. Gut. Das beruhigte sie ein bisschen.

Sie sah wieder auf den Tisch. Das Buch lag immer noch da.

Rational betrachtet, sagte sie sich, hat es der Besitzer gerade eben hier abgelegt, während du drei Regale weiter gestanden hast. Vielleicht wollte er es neu einsortieren.

Also streckte sie die Hand aus und nahm es hoch.

Es war schwerer, als es aussah. Dicht und kompakt. Diese eigentümliche Dichte von alten Büchern, deren Papier über Jahrzehnte Feuchtigkeit aufgenommen hat.

Und es war kalt.

Nicht eiskalt. Nicht so, dass sie es hätte fallen lassen. Aber eindeutig kälter als alles andere hier. Kälter als die Luft, kälter als das Holz des Tisches. Es fühlte sich an, als hätte es den ganzen Tag in einem unbeheizten Keller gelegen. Trocken und kalt. Die Kälte zog sofort in ihre Fingerkuppen.

June drehte das Buch in den Händen. Kein Titel, auch vorne nicht. Der Schnitt war unregelmäßig vergilbt, die Seiten dünn, fast durchscheinend.

Sie öffnete es.

Die erste Seite war leer.

Cremefarbenes, leicht fleckiges Papier. Kein Vorsatzblatt, kein Besitzervermerk, kein Impressum. Nichts.

Sie blätterte weiter. Zweite Seite: leer. Dritte: leer. Sie ließ die Seiten unter ihrem Daumen durchrauschen. Ein trockenes, raschelndes Geräusch, das in der Stille laut wirkte.

Leer. Leer. Leer.

Sie hielt etwa in der Mitte an, blätterte testweise weiter hinten auf. Nichts.

„Ein Notizbuch“, murmelte sie leise. Fast erleichtert. Ein altes, nie benutztes Notizbuch. Vermutlich aus einem Nachlass, mit anderen Büchern hierhergekommen, ohne dass jemand genau hingesehen hatte. Unspektakulär. Normal.

Trotzdem klappte sie es nicht zu. Ihre Finger blieben auf dem Einband liegen, auf dieser seltsamen Kälte, die einfach nicht wärmer wurde.

Schritte näherten sich zwischen den Regalen.

June hob den Kopf.

Der Mann, der um die Ecke bog, war vielleicht Anfang vierzig, schmal, Brille, die ihm etwas zu groß war. Dunkelgrüner Cardigan über einem Hemd, dessen Kragen leicht verrutscht war. In der Hand hielt er ein Bündel loser Papiere.

„Oh – Entschuldigung“, sagte er. Seine Stimme war ruhig, ein wenig heiser. „Ich habe die Glocke gehört, aber ich war hinten beim Inventar. Der Regen hat Sie überrascht, ja?“

„Ja“, sagte June und lächelte kurz verlegen. „Ich hoffe, es ist okay, dass ich mich einfach reingestellt habe. Es gießt wie aus Eimern.“

„Natürlich.“ Er nickte knapp und wollte schon an ihr vorbei zu den Regalen, als sein Blick auf ihre Hände fiel. Auf das Buch.

Er blieb stehen.

Es war keine große Geste. Kein Zurückschrecken. Aber etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde er ganz still. Seine Augen weiteten sich minimal hinter den Brillengläsern, sein Kiefer spannte sich an. Dann war es vorbei. So schnell, dass June später dachte, sie hätte es sich eingebildet.

Aber sein Blick blieb auf dem Buch kleben.

„Wo – wo haben Sie das her?“, fragte er.

June deutete mit dem Kinn zum kleinen runden Tisch. „Das lag da. Auf den Zeitschriften.“

Er sah zum Tisch. Nur ganz kurz. Dann wieder zu ihr. Er sagte nichts. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben und in dieser kleinen Stille meinte June, etwas in seinem Gesicht zu lesen, das sie nicht einordnen konnte. Kein Ärger. Eher Vorsicht.

„Auf dem Tisch“, wiederholte er leise, fast zu sich selbst.

„Ja. Gehört das nicht hierher? Tut mir leid, ich wollte nichts –“

„Nein, nein“, unterbrach er sie schnell. Er rieb sich mit dem Daumen über den Nasenrücken. „Es ist nur... ich lege dort eigentlich nie etwas hin. Und die Kunden auch nicht. Der Tisch ist nur zum Blättern.“

„Vielleicht hat es jemand vorhin dort liegen lassen?“, schlug June vor. Sie wollte, dass die Situation wieder normal wurde.

„Möglich“, sagte er. Aber es klang nicht so, als würde er es glauben.

Er trat einen Schritt näher und streckte fast unwillkürlich die Hand aus, als wollte er nach dem Buch greifen. Kurz bevor seine Finger das Leder berührten, zögerte er. Seine Hand blieb in der Luft hängen, dann ließ er sie wieder sinken. Er wollte es nicht anfassen.

June bemerkte solche Dinge. Immer. Normalerweise war das nützlich. Jetzt fühlte es sich an wie ein Fluch.

„Darf ich mal sehen?“, fragte er schließlich.

June reichte es ihm. Er nahm es entgegen, aber mit einer Vorsicht, als wäre es aus sehr dünnem Glas. Als könnte es zerspringen. Er drehte es, betrachtete den Rücken, den Einband, blätterte einmal kurz. Bei jeder leeren Seite wurde sein Mund schmaler.

„Kein Titel. Kein Verlag. Keine Inventarnummer“, murmelte er. Er drehte es um, suchte am hinteren Deckel nach etwas, das nicht da war. „Ich habe für jedes Buch hier eine Karte. Selbst für die unsortierten aus den Nachlässen. Für dieses hier... habe ich nichts. Es steht nicht in meinem System.“

Er klappte es zu und hielt es einen Moment lang nur fest, ohne es anzusehen. Als würde er überlegen, was er damit tun sollte.

„Wollen Sie es behalten?“, fragte er dann. Seine Stimme war bemüht neutral.

June zögerte. Eigentlich hatte sie nicht vorgehabt, etwas zu kaufen. Sie war nur wegen des Regens hier. Aber da war wieder dieses Ziehen. Dieses leise, unbestimmte Gefühl, dass sie es nicht einfach zurücklegen konnte. Es war absurd. Ein leeres, wertloses altes Notizbuch. Und doch fühlte es sich an, als würde sie etwas zurücklassen, das auf sie gewartet hatte.

„Was kostet es?“, hörte sie sich fragen.

Elias – denn das musste E. Brenner sein – sah kurz auf das Buch hinab, als würde er einen Preis schätzen wollen für etwas, das keinen hatte.

„Fünf Euro. Wenn Sie es wollen.“

„Okay.“

Sie ging mit ihm zur kleinen Theke, die fast völlig unter Papieren und Karteikarten verschwand. Über der Kasse hing ein verblasstes Schild: *Antiquariat Brenner - An- und Verkauf seit 1978*. Darunter, mit Kugelschreiber dazugeschrieben: *Elias*.

Er tippte den Betrag in die alte Kasse, die mit einem lauten *Ding* aufsprang. Er riss einen kleinen Bon ab, schrieb mit einem Stift noch etwas dazu.

June bezahlte. Die Münzen klimperten in seiner Hand. Er wickelte das Buch in braunes Packpapier, das er aus einer Schublade zog, und band eine dünne Schnur darum. Eine altmodische Geste. Fast rührend.

Er reichte es ihr über die Theke, zusammen mit dem Bon. Auf dem Bon stand in krakeliger Schrift: *1x Notizbuch alt / ohne Titel - 5,00 €* und darunter *Brenner*.

„Danke“, sagte June und klemmte sich das Päckchen unter den Arm. Der Regen hatte etwas nachgelassen, hörte sie.

Sie war schon fast an der Tür, als er noch einmal etwas sagte. Nicht laut.

„Wenn... wenn Sie noch einmal danach schauen wollen, wegen dem Inhalt oder so. Ich bin meistens hier.“

June drehte sich um und lachte kurz, etwas unsicher. „Es ist doch leer.“

Er nickte nur. Einmal. Zu schnell. „Ja. Ja, natürlich. Nur falls.“

Er sah nicht erleichtert aus, als sie ging. Eher angespannt.

Draußen war die Luft aufgerissen, nass und kalt. June zog die Jacke enger um sich, das eingewickelte Buch fest an die Brust gedrückt, als müsste sie es vor dem Regen schützen, obwohl das Papier ohnehin schon leicht durchweichte. Sie lief schnell, fast hastig, zurück in Richtung ihrer Straße. Sie wollte nach Hause.

Zu Hause war alles wie immer. Das half.

Sie stellte die nassen Schuhe auf die Matte, hängte die Jacke über den Heizkörper im Flur. In der Küche setzte sie Wasser auf. Das Buch legte sie achtlos auf den Wohnzimmertisch, noch in seinem Packpapier. Sie beschäftigte sich mit den kleinen Ritualen des Ankommens. Wasser aufsetzen, den nassen Zopf lösen, die Haare mit einem Handtuch trockenrubbeln, kurz aufs Handy schauen. Keine neuen Nachrichten. Nur Nora, die fragte, ob sie später noch telefonieren wollten.

Es waren vielleicht zwanzig, dreißig Minuten vergangen. Der Tee dampfte in ihrer Lieblingstasse. Sie setzte sich aufs Sofa, zog die Beine unter sich.

Ihr Blick fiel auf das Päckchen auf dem Tisch.

Jetzt, in der warmen, hellen Wohnung, wirkte die ganze Sache im Antiquariat fast lächerlich. Ein Buch, das angeblich nicht da gewesen war. Ein Mann, der es nicht anfassen wollte. Sie hatte sich da wieder in etwas hineingesteigert. Typisch June. Immer brauchte sie Antworten.

Sie zog das Päckchen zu sich, riss das Papier auf. Darunter kam das dunkle Leder zum Vorschein. Im Licht der Stehlampe sah es fast schwarz aus, mit helleren, abgenutzten Flecken.

Und es war immer noch kalt. Das war seltsam. Nach einer halben Stunde in ihrer geheizten Wohnung hätte es längst Zimmertemperatur haben müssen.

Sie strich mit dem Daumen darüber und öffnete es. Aus beiläufigem Interesse. Sie wusste ja, was kam.

Leere Seiten.

Doch als sie die erste Seite aufschlug, blieb ihr die Luft weg.

Dort stand etwas.

Nicht gedruckt. Mit Tinte geschrieben. Dunkel, fast schwarz, unregelmäßig ins Papier gefressen, an manchen Stellen dicker, an anderen fast ausgeblichen, als hätte die Feder immer wieder abgesetzt.

Ein einziges Wort.

*June.*

Sie starrte darauf. Ihr Herz machte einen kleinen, unangenehmen Hüpfer. Ein Flattern in der Brust, das sofort in die Kehle kroch.

Ihr erster Gedanke war, vollkommen rational: *Das hast du übersehen.* Sie hatte im Laden schnell geblättert, im schlechten Licht, nervös wegen des Mannes. Klar konnte man da eine beschriebene Seite übersehen.

Und *June* – kein seltener Name. Vielleicht hatte eine frühere Besitzerin so geheißen. Vielleicht hatte sie ihr Notizbuch mit ihrem Namen versehen. Wie man das eben so macht.

June atmete aus. Ihre Schultern sanken ein Stück. Ja. So war es. Das ergab Sinn.

Sie wollte die Seite umblättern.

In dem Moment passierte es.

Unter dem Wort erschien ein Strich.

Kein plötzlicher Effekt. Kein Leuchten. Einfach ein dünner, dunkler Strich, der sich ganz langsam über das Papier zog. Als würde eine unsichtbare Hand schreiben. June sah es, und ihr Gehirn brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, was es sah.

Die Tinte zog sich über das Papier. Buchstabe für Buchstabe.

Sie konnte nicht wegsehen. Ihr Verstand schrie *Lass es fallen*, aber ihr Körper war starr. Gebannt von diesem leisen, beharrlichen, unmöglichen Vorgang.

Es formte ihren Nachnamen.

Langsam. Zittrig. In derselben unregelmäßigen Handschrift.

June ließ die Teetasse fallen.

Sie hörte das Klirren, spürte die heiße Flüssigkeit, die sich über ihre Socken ergoss, aber das war weit weg. Wie durch Watte. Ihr ganzer Blick hing an dem Buch, an ihrem vollständigen Namen, der sich dort von selbst schrieb, in einem Buch, das vor einer Stunde noch vollkommen leer gewesen war.

Ihre Hände zitterten so stark, dass sie das Buch nicht mehr halten konnte.

Es entglitt ihr, fiel mit einem dumpfen Schlag auf das Parkett. Es blieb einen Moment lang liegen, geschlossen, harmlos.

Dann bewegten sich die Seiten.

Kein Luftzug. Die Fenster waren zu, die Heizung lief leise. Es gab keinen Wind, der das hätte erklären können.

Und doch blätterte das Buch. Von selbst. Seite für Seite, mit diesem trockenen, raschelnden Geräusch, das in der stillen Wohnung wie Donner klang, bis es sich wieder auf der ersten Seite öffnete.

June saß auf dem Sofa, die Knie an die Brust gezogen, die Füße in dem verschütteten Tee, unfähig sich zu bewegen.

Unter ihrem Namen stand jetzt ein weiterer Satz. In derselben zittrigen, dunklen Schrift. Als wäre er schon immer dort gewesen und hätte nur darauf gewartet, dass sie hinsah.

**„Du hast mich gefunden.“**

Draußen war der Regen endlich vorbei. Die Straße war still. Aber June hörte es nicht.

Sie starrte nur auf die vier Worte, die kein Mensch geschrieben hatte.

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