Der Mann im Mondlicht
Der Mond stand riesig über den Dächern der alten Stadt. Sein silbernes Licht lag auf den schmalen Gassen, den dunklen Fenstern und den Türmen des Schlosses, das hoch über dem Tal thronte.
Elara stand auf einer steinernen Brücke.
Sie wusste nicht, wie sie dorthin gekommen war.
Unter ihr floss ein schwarzer Fluss, dessen Oberfläche das Mondlicht spiegelte. Kein Wind bewegte das Wasser. Kein Vogel war zu hören. Selbst die Stadt hinter ihr schien den Atem anzuhalten.
Dann hörte sie Schritte.
Langsam drehte sie sich um.
Am anderen Ende der Brücke stand ein Mann.
Er trug einen langen dunklen Mantel. Sein schwarzes Haar bewegte sich leicht im Wind, obwohl Elara selbst keinen Luftzug spürte. Sein Gesicht lag halb im Schatten.
Trotzdem hatte sie sofort das seltsame Gefühl, ihn zu kennen.
Nicht aus diesem Leben.
Nicht aus dieser Stadt.
Irgendwoher.
Der Mann sah sie an.
Lange sagte keiner von beiden etwas.
Schließlich ging er einen Schritt auf sie zu.
„Du bist wieder hier.“
Elara runzelte die Stirn.
„Wieder?“
Ein trauriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Du erinnerst dich nicht.“
„Woran sollte ich mich erinnern?“
Er blieb stehen.
Zwischen ihnen lagen nur noch wenige Schritte.
„An mich.“
In dem Moment begann das Mondlicht heller zu werden.
Elara wollte etwas sagen, doch plötzlich spürte sie seine Hand an ihrer.
Warm.
Wirklich warm.
Sie sah auf ihre Hände.
Seine Finger hielten ihre, als hätten sie diese Berührung schon hundertmal geteilt.
„Wer bist du?“, flüsterte sie.
Der Mann sah ihr direkt in die Augen.
„Jemand, den du vergessen hast.“
Dann zerbrach die Welt.
Elara schreckte hoch.
Ihr Herz raste.
Für einige Sekunden wusste sie nicht, wo sie war. Dunkelheit lag über ihrem Schlafzimmer. Das Fenster stand einen Spalt offen, und der Vorhang bewegte sich im kalten Nachtwind.
Sie setzte sich auf.
Ihre Hand fühlte sich noch immer warm an.
Genau dort, wo seine Finger gelegen hatten.
Elara sah auf ihre Handfläche.
Nichts.
Natürlich war dort nichts.
Es war nur ein Traum gewesen.
Ein Traum, den sie nicht zum ersten Mal geträumt hatte.
Sie griff nach ihrem Handy und sah auf die Uhr.
03:17 Uhr.
Wieder diese Uhrzeit.
Seit fast drei Wochen wachte sie jede Nacht um exakt 03:17 Uhr auf.
Und jedes Mal war da dieser Mann.
Elara stand auf und ging zum Fenster.
Die Stadt schlief.
Doch als sie hinausblickte, blieb ihr plötzlich der Atem stehen.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand jemand.
Ein Mann.
Groß.
Dunkel gekleidet.
Er stand vollkommen still und blickte direkt zu ihrem Fenster hinauf.
Elara erstarrte.
Ihr Herz begann erneut schneller zu schlagen.
Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen.
Aber sie kannte diese Haltung.
Diesen dunklen Mantel.
Dieses Gefühl.
Sie wich einen Schritt zurück.
Der Mann hob langsam den Kopf.
Das Licht einer Straßenlaterne fiel auf sein Gesicht.
Elara hielt sich die Hand vor den Mund.
Es war der Mann aus ihrem Traum.
Für einen Augenblick sahen sie einander an.
Dann lächelte er.
Und verschwand in der Dunkelheit.
Elara riss das Fenster auf.
„Warte!“
Ihre Stimme hallte durch die stille Nacht.
Doch die Straße war leer.
Nur der Mond stand über den Dächern.
Und irgendwo, weit entfernt, schlug eine Kirchturmuhr drei Uhr achtzehn.
Elara blieb am Fenster stehen.
Zum ersten Mal fragte sie sich nicht mehr, ob ihre Träume etwas bedeuteten.
Sie fragte sich nur noch:
Wer war der Mann, der auf sie gewartet hatte?








