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EIGENRAUSCHEN - Band 1: Vierunddreißig Tage

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Summary

Vivienne Petersen ist achtzehn und kellnert an der Küste. Spätschicht, altes Fett in der Luft, Trinkgeld in der Schürze, ein Blister in der Hosentasche für die Abende, an denen der Kopf nicht aufhört. An Tisch sieben sitzt seit Tagen derselbe Gast und guckt zu lange. Ein paar Abende später liegt ihr Fahrrad mit plattem Vorderreifen am Straßenrand. Sie wacht auf Stein auf. Knebel, Binde, Gurte, und in den Kopfhörern ein weißes Rauschen, in dem nichts ist. Kein Wort, keine Forderung, kein Grund. Nur jemand, der regelmäßig kommt, sie wäscht, ihr zu trinken gibt und sie wieder liegen lässt. Ihr Körper bekommt alles. Ihr Kopf bekommt nichts. Viv kann benennen, was mit ihr gemacht wird. Sie hat monatelang darüber gelesen, nachts, mit dem Laptopdeckel halb zu. Es hilft ihr nicht. EIGENRAUSCHEN ist die Geschichte einer Unterwerfung von innen — ohne Abmachung, ohne Erlösung und ohne einen einzigen Satz, der erklärt, warum.

Status
3h ago
Chapters
8
Rating
n/a
Age Rating
18+

Prolog

Der Ball drückte die Zunge nach unten.

Hartes Gummi, glatt, zu groß. Der Kiefer war so weit aufgesperrt, dass die Gelenke vor den Ohren bei jeder kleinen Bewegung knirschten, und die Muskeln an den Schläfen brannten, als hätten sie stundenlang gegen etwas gearbeitet, das nicht nachgab. Vielleicht hatten sie das. Stundenlang. Sie wusste es nicht.

Über dem Mund klebte etwas. Breit, in mehreren Lagen, glatt an der Oberfläche und scharf an den Rändern. Es zog an der Haut, sobald sie schluckte oder den Unterkiefer einen Millimeter verschob, und an der Oberlippe riss es an den feinen Härchen.

Speichel lief. Sie konnte ihn nicht aufhalten. Er sammelte sich unter der Zunge und hinter dem Ball, und weil sie auf dem Rücken lag, lief er nach hinten, dahin, wo der Hals anfing. Schlucken ging nicht. Nicht richtig. Die Zunge kam unter dem Gummi nicht hoch, und jeder Versuch endete in einem nassen Zucken tief im Rachen, einem Würgen ohne Ausgang. Was nicht nach hinten lief, drückte sich an den Mundwinkeln unter dem Rand des Tapes durch und rann seitlich die Wangen hinunter, erst warm, dann kalt, bis unter die Polster über den Ohren.

Das Rauschen war alles.

Die Polster saßen eng wie Saugnäpfe, und dahinter war nur Weiß. Kein Wellenrauschen, kein Wind, kein Tropfen. Ein gleichmäßiges, hohes, mechanisches Weiß, das sich in den Schädel fraß und dort jeden anderen Laut auslöschte. Den Puls spürte sie trotzdem. In den Schläfen, im Hals, unter dem Tape, wo die Haut gegen den Kieferknochen klopfte. Wenn sie den Kopf zur Seite drehen wollte, stieß die Muschel nach einem Zentimeter gegen Stein.

Luft kam nur durch die Nase.

Viv merkte es in dem Moment, in dem sie tief einatmen wollte und der Mund nichts hergab. Die Brust hob sich, und oben kam zu wenig an. Zwei schmale Löcher. Mehr lag nicht zwischen ihr und der Luft. Sie zog, die Nasenflügel legten sich nach innen, und für einen halben Atemzug war da ein Pfeifen, das sie nicht hören konnte, nur fühlen, hoch oben hinter den Augen.

Mit der Luft kam der Geruch. Salz und etwas Grünes, Nasses, und darunter etwas Fettes, Rauchiges. Er zog nicht an ihr und drückte nicht.

Der Geruch war das Einzige, was ihr noch gehörte.

Nicht weinen.

Der Gedanke war da, bevor sie wusste, woher. Wenn sie weinte, lief die Nase. Wenn die Nase lief, schwoll sie zu. Das kannte sie vom Kopfkissen, von Nächten, in denen sie mit dem Gesicht darin gelegen und irgendwann durch den Mund geatmet hatte, weil oben nichts mehr durchging.

Durch den Mund ging hier nichts.

Also nicht weinen.

Die Augen brannten schon.

Über ihnen lag Stoff, dick, mehrfach gewickelt, der Knoten drückte am Hinterkopf gegen den Stein. Kein Lichtspalt. Nicht einmal das Nachbild einer Lampe. Sie konnte nicht sagen, ob die Augen offen waren oder zu. Der Unterschied war weg. Schweiß stand ihr auf der Stirn und lief in die Augenwinkel, und dort, unter dem Stoff, mischte er sich mit dem, was sie nicht weinen wollte, und brannte.

Die Handgelenke lagen über dem Kopf.

Etwas Breites, Festes hielt sie dort, Leder oder dicker Gurt. Die Arme waren so weit nach oben gezogen, dass die Rippen sich spannten und die Brust flach blieb, egal wie sehr sie atmen wollte. Die Oberarme waren taub, die Finger kalt. Die Knöchel genauso. Gespreizt. Die Innenseiten der Oberschenkel zitterten, sobald sie versuchte, die Knie zusammenzubringen. Es ging nicht. Sie lag aufgespannt auf dem Stein und konnte sich nicht zusammenrollen, nicht drehen, nicht auf die Seite, wo der Speichel hätte ablaufen können.

Die Panik kam nicht als Schrei.

Sie kam als Ring um die Brust, der enger wurde, und der Ring saß genau da, wo die Luft hinmusste. Viv atmete schneller, und schneller hieß flacher, und flacher hieß, dass die Nase nicht hinterherkam. Sie zog. Zu wenig. Zog noch einmal. Das Herz schlug gegen die Rippen, hinten im Hals stieg der Speichel, der Würgereiz drückte ihn zurück, und für eine Sekunde, die nicht aufhören wollte, war da gar nichts. Keine Luft. Nur Gummi und Nässe und Weiß.

Dann kam doch etwas. Durch die Nase, dünn, pfeifend. Genug.

Sie lag da und zitterte. Die Oberschenkel zuckten, ein feines, andauerndes Beben, das sie nicht abstellen konnte.

Das war einmal gewesen. Es würde wieder passieren. Und sie wusste nicht, wie oft es gutging.

Sie versuchte die Übung.

Die aus der Therapie. Der zweiten. Zwei Wochen lang, mit siebzehn, bevor sie nicht mehr hingegangen war.

„Fünf Dinge, die du sehen kannst.“

Nichts. Sie war schon bei der ersten Zahl raus. Dass jemand bei der Fünf durchfällt, hatte die Therapeutin nicht vorgesehen.

„Vier Dinge, die du hören kannst.“ Weiß.

„Drei Dinge, die du fühlen kannst.“ Die Gurte. Den Ball. Den Stein. Das ging, das ging sogar zu gut, sie hätte dreißig nennen können, und jedes davon tat weh.

„Zwei Dinge, die du riechen kannst.“ Seegras. Räucherschinken.

„Ein Ding, das du schmecken kannst.“ Gummi. Speichel. Und darunter etwas Saures, das von weiter unten kam.

Die Übung half nicht.

Sie war nie gut darin gewesen. Die Therapeutin hatte gesagt, man müsse üben. Viv hatte nicht geübt. Sie hatte die Termine sausen lassen und nachts in Foren gelesen, bis die Augen brannten. Die Übung war sowieso für Wartezimmer gemacht, für die Schlange an der Supermarktkasse. Für einen Körper, der aufstehen und rausgehen kann, wenn die fünf Dinge durch sind.

Der Räucherschinken war noch da.

Sie kannte ihn. Das war das Schlimme. Oma. Die Speisekammer. Der Holzboden, der im Sommer knarrte, wenn man barfuß darüber ging. Weiter kam sie nicht, der Speichel drückte wieder nach hinten, und es war weg. Nur der Geruch blieb. Und der half nicht. Er machte es schlimmer. Weil er vertraut war. Weil er sagte, du kennst das, du warst schon einmal an einem Ort, der so roch. Und damals konntest du gehen.

Jetzt konnte sie nicht.

Die Kälte kam von unten. Der Stein zog an den Schulterblättern, am Kreuz, an den Waden, und die Stellen, die auflagen, fühlten sich inzwischen an wie Haut von jemand anderem. Speichel war ihr seitlich in den Nacken gelaufen und lag dort als kalter Streifen. Die Brustwarzen zogen sich zusammen, Kälte und Adrenalin. Der Magen krampfte, ein scharfer, leerer Schmerz. Tiefer meldete sich die Blase. Druck. Wachsend. Sie konnte nichts dagegen tun, und sie konnte nirgendwohin.

Die Panik wurde lauter.

Nicht im Rauschen, das blieb gleich, gnadenlos gleich. In ihrem Kopf. Die Gedanken rannten los und fanden nirgends Halt. Wie lange lag sie schon hier. Wie lange hielt ein Körper das aus. Was passierte, wenn der Speichel nicht mehr abfloss, wenn er einfach hinten stehen blieb und stieg. Was passierte, wenn sie sich übergab.

Der Magen antwortete sofort. Ein Heben, ganz unten. Sie lag starr und presste alles, was sie hatte, gegen dieses Heben, und es sank zurück.

Diesmal.

Was passierte, wenn die Blase nicht mehr hielt. Was passierte, wenn die Nase zuging. Was passierte, wenn niemand kam.

Die Therapiestimme versuchte es noch einmal. Atme. Zähle. Such dir einen Anker. Sie zählte. Ein, aus, eins. Ein, aus, zwei. Bei sieben zog sich der Hals zu, und sie fing bei eins an, und bei vier war sie wieder weg. Es gab keinen Anker. Nur den Ball, der die Zunge platt drückte, und das Tape, das an der Haut riss, und die Gurte, die nicht nachgaben.

Sie schrie.

Der Laut kam nicht aus dem Mund. Er blieb im Gummi stecken und ging nach innen, ein dumpfes, nasses Vibrieren, das sie in den Zähnen spürte und in den Knochen hinter den Augen, im eigenen Schädel eingesperrt wie in einem Glas. Das Rauschen schluckte den Rest. Niemand hörte es. Niemand konnte es hören.

Das war der Punkt.

Der Körper wollte weg.

Die Beine rissen an den Gurten. Die Handgelenke drehten sich, bis die Haut brannte und dann nicht mehr brannte, nur noch stumpf war. Der Rücken wölbte sich vom Stein, sank zurück, wölbte sich wieder. Nichts bewegte sich. Die Gurte hielten. Der Ball blieb. Das Rauschen blieb. Die Dunkelheit blieb.

Und jedes Ziehen kostete mehr Luft, als durch die Nase wieder hereinkam. Sie merkte es erst, als der Kopf anfing, sich zu drehen, obwohl er lag. Sie hörte auf. Lag still, weil Stillliegen das Einzige war, was Luft sparte, und hasste jede Sekunde davon.

Die Finger über dem Kopf spürte sie nicht mehr. Die Schultern zogen bis in den Nacken. Der Stein sog die letzte Wärme aus ihr heraus. Sie zitterte jetzt am ganzen Körper, nicht mehr nur in den Oberschenkeln, ein feines Beben, das die Gurte leise klirren ließ, oder vielleicht bildete sie sich das ein. Im Rauschen gab es kein Klirren. Nur Weiß.

Sie dachte an nichts Konkretes mehr.

Nur noch an den Geruch. Seegras. Marmelade. Räucherschinken. Oma. Und daran, dass die Übung nicht funktionierte. Dass nichts funktionierte. Dass der Kopf allein war mit einem Körper, der nicht mehr gehorchte, und dass beide zusammen im Dunkeln lagen und darauf warteten, dass irgendetwas geschah.

Oder dass nichts geschah.

Der Ball blieb.

Das Tape blieb.

Das Rauschen blieb.

Viv atmete.

Flach. Nass. Gegen den Gummi.

Weil der Körper es noch tat.

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Strong Dialog

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