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Quiet At Heart

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Summary

Charlie Whitfield wollte nur ein Interview. Fünfzehn Minuten mit einer Band, für die sich sonst niemand interessiert. Aber er bekommt mehr, als er erwartet hat: einen Tourbus voller Lärm und Schweigen, Menschen die ihn lehren, was echte Leidenschaft bedeutet - und einen Bassisten, der ihn ansieht, als hätte Charlie ihm etwas gestohlen, ohne es zu wissen. Peter White lässt niemanden nah an sich heran. Seit einem Versprechen, das er sich selbst vor Jahren gegeben hat. Eines, das er nie gebrochen hat. Bis jetzt. Was als Auftrag beginnt, lässt sich für Charlie bald nicht mehr sauber trennen - journalistisches Interesse und etwas, das sich verboten anfühlt. Lebendig. Echt. Genau wie Peter. Eine Band, die zusammenhält wie Familie. Ein Roadtrip, der nicht endet, wenn die Story fertig ist. Und zwei Männer, die beide genau wissen, dass sie sich nicht verlieben dürfen. Eine Izzy Road - Story

Status
1d ago
Chapters
6
Rating
n/a
Age Rating
18+

01 - Dust & Dial

Die Nachricht kommt ohne Satz. Nur sein Name, in Großbuchstaben, auf dem internen Chat, den niemand Chat nennt, weil Walt das Wort hasst.

WHITFIELD.

Charlie sieht es auf dem Weg zur Kaffeemaschine. Die Maschine gibt seit März nur noch etwas aus, das nach warmem Spülwasser schmeckt. Er nimmt den Becher trotzdem mit. Wer zu Walt geht und nichts in der Hand hat, hat nichts, woran er sich festhalten kann, wenn es haarig wird.

Das Büro liegt im zweiten Stock eines Gebäudes, das ursprünglich einmal eine Zahnarztpraxis war. Im Flur die Spur einer Rezeption, ein goldenes “Dial” drüber geschraubt, damit es geschäftsmäßig aussieht. Drinnen befinden sich überbordend viele Platten, die niemand mehr auflegt, Tourdaten an einem Whiteboard, ein Ausschnitt aus Charlies letztem Artikel über eine Sängerin, die inzwischen bei einem großen Label unterschrieben hat und nicht mehr ans Telefon geht, wenn er sie zu erreichen versucht. Ein vorhersehbares Phänomen, was es allerdings nicht weniger frustrierend macht, zeigt es doch, wie vergleichsweise klein der Dial eigentlich ist.

Walts Tür steht einen Spalt offen, wie immer. Autorität, die so tut, als wäre sie ein Angebot.

Charlie schlendert hinein, als täte er nichts lieber als das. „Du hast gerufen.”

Walter Kern, ein Mann von Ende fünfzig, meist in einem weißen Hemd, das schon um neun nach Arbeit riecht. Brille auf der Stirn. Vor ihm ein Notizblock. Darauf ein Name, den Charlie von der Tür aus nicht lesen kann, obwohl er es gerne würde.

„Setz dich nicht, Whitfield. Dauert nicht lang.”

Charlie setzt sich trotzdem. Walt registriert es mit einem Blick über die Brille, die gar nicht auf seiner Nase sitzt.

„Wir machen eine neue Sache. Kein Special. Keine Liste. Keine zehn Bands, die Rolling Stone letzte Woche auch hatte. Nein, ich will... was Lokales. Leute, die zu Hause bekannt sind wie ein bunter Hund aber von denen über drei Städte hinweg noch niemand was gehört hat. Aber mit Potenzial, verstanden?”

„Das klingt nach kleinen Bars. So verkaufst du kein Heft,” spricht Charlie halb in seinen Kaffeebecher. Vom Duft im Becher wird ihm übel.

„Die kleine Bar verkauft kein Heft. Neugier schon. Du erinnerst dich an Neugier? Stand früher unter deinen Artikeln.”

Der Jüngere der beiden zieht die Brauen zusammen. „Unter meinen Stücken stand mein Name.”

Walt holt die Brille herunter auf die Nase, nur um ihn anzusehen, als wäre er eine Zeile mit zu vielen Adjektiven.

„Izzy Road.”

Charlie wartet auf den Rest. Es kommt keiner.

„Wer?”

„Die Band. Country Rock. Vier Leute, die die Interstate fünf hochfahren. Spielen Bühnen, für die keiner eine Gästeliste führt. Dritte Single steht an. Album auch irgendwann, so Gott will.” Er schiebt ein Pressefoto über den Tisch. Vier Gestalten vor einem Bus, der nach einer schlechten Entscheidung aussieht und trotzdem immer noch besser als Charlies Wagen.

„Du fährst hin. Du setzt dich rein. Du kommst mit etwas zurück, das nicht nach Pressetext schmeckt.”

Charlie seufzt gereizt. „Du schickst mich zu einer Band, von der niemand den Namen buchstabieren kann.”

„Genau darum geht es.”

„Ich hab’ letzte Woche den Rückruf von Hale bekommen.”

Nun klappt Walt geschäftsmäßig seinen Kalender zu. „Hale ruft jeden zurück, der ihn Hale nennt.”

„Das war ein dickerer Fisch, Walt.”

„Nein. Das war ein Fisch, den zwölf andere auch an der Angel hatten. Du willst die dicken. Ich will die, die noch atmen. Das ist der Unterschied zwischen uns. Und du verwechselst Hales abgedroschene Masche regelmäßig mit einem Kompliment an dich.”

Charlie lacht einmal, kurz, ohne Humor. „Also bin ich bestraft.”

„Du bist beauftragt.”

„Das ist dasselbe, wenn man’s von meiner Seite des Schreibtisches hört.”

Walt sieht ihn an. Nicht unfreundlich. Schlimmer, er ist interessiert.

„Oh ja, du bist mit Arbeit gestraft,” und nach einem scharfen Blick, „Du bist ein guter Reporter, Whitfield. Aber du wirst kein noch besserer Reporter, solange du nur dort hinspazierst, wo schon drei andere um einen Mikrofonständer warten und du nur noch abkupfern brauchst. Izzy Road ist klein. Klein heißt in dem Fall: Die können noch zu jemandes großer Liebe werden. Fahr hin. Hör zu. Schreib nicht das, was dein erster Impuls dir sagt.”

„Und wenn da nichts ist?“, gibt Charlie zu bedenken.

„Dann steht das im Heft. Macht heute auch keiner mehr.”

„Eine Kolumne über nichts also.”

Walt bleibt erstaunlich ruhig für seine Verhältnisse, sodass Charlie beinahe vermutet, er habe sich mit seiner Frau versöhnt. Aber er möchte die Geduld seines Chefs nicht überstrapazieren.

„Eine Kolumne über das, was da ist. Ein Rastplatz, irgendwo an der Fünf bei Eugene. Die lassen dich in ihren Bus. Du bist dankbar und dann bist du unbequem. In dieser Reihenfolge, falls du’s dir diesmal merkst.”

Charlie stellt den Becher auf Walts Schreibtisch, einen Zentimeter zu nah an die Hefte. „Falls das das Abstellgleis ist, will ich’s schriftlich. Für später. Wenn Hale ein Cover bekommt und ich in Städten wie Eugene festhänge.” Den Namen der Stadt spricht er mit einiger Verachtung.

„Mimimi. Hey, nimm das Foto mit. Und Whitfield... wenn’s eine gute Sache ist, merkst du’s nicht am Namen. Du merkst es daran, dass du dein Gerät nicht ausschalten willst.”

Im Flur sieht Charlie das Foto dann doch an. Vier Leute, die auf dem ersten Blick nach nichts Besonderem aussehen: eine Frau, die selbstbewusst in der Mitte steht. Einer, der unverschämt schön lächelt. Einer, der aussieht wie ein Kumpel. Und einer, der ums Verrecken nicht in die Kamera schaut.

Charlie steckt das Blatt weg, als wäre es ein Zahnarzttermin und kein Auftrag.

Cathy schreibt ihm zehn Minuten später, ob er am Donnerstag zum Essen kommen kann.

Er antwortet, dass er es versucht.

Dann fährt er nach Hause und weiß immer noch nicht, ob Walt ihm etwas gegeben oder etwas weggenommen hat. Und noch am selben Abend ist er sich sicher, dass es nur letzteres sein kann.

Diese Band hat genau zwei Lieder veröffentlicht. Keine Alben, sondern Singles. Will Walt ihn verarschen? Das einzig Gute daran... die Recherche-Arbeit hält sich in Grenzen.

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