Kapitel 01 | Davor

Razor war siebzehn Jahre alt, als sein Vater ihm erklärte, dass der Frieden nicht von Dauer sein würde.
Sie standen gemeinsam vor der gewaltigen Scheibe eines Beobachtungsraums auf einer militärischen Station nahe der Grenze. Dahinter lag der Weltraum in beinahe vollkommener Dunkelheit, durchzogen vom Licht ferner Sterne und den Positionssignalen unzähliger Schiffe. Auf beiden Seiten der unsichtbaren Linie standen Flotten bereit. Verteidigungsstationen, Satelliten und Minenfelder bildeten eine Barriere zwischen zwei Reichen, die einander seit Jahren beobachteten und doch kaum etwas voneinander wussten.
Der Imperator hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und betrachtete die Schiffe des Königreichs lange, bevor er sprach. Razor stand einen halben Schritt hinter ihm. Schon als Kind hatte er gelernt, niemals neben seinem Vater zu gehen.
„Sie glauben, diese Grenze würde sie schützen.“
Razor ließ den Blick über die fernen Lichter wandern.
„Eines Tages werden wir diese Barriere durchbrechen“, fuhr sein Vater fort. Seine Stimme blieb ruhig, beinahe beiläufig, doch Razor kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht von einer Möglichkeit sprach. „Und wenn dieser Tag kommt, beginnt der Krieg der Planeten.“
„Und wer wird gewinnen?“, fragte Razor.
Der Imperator lächelte.
„Wir.“
Krieg gehörte zu Razors Leben, seit er denken konnte. Er begegnete ihm in den Akademien, in den Gesprächen der Offiziere und in den Reden seines Vaters. Selbst die Soldaten in den Korridoren erinnerten ihn jeden Tag daran, wenn sie beim Vorübergehen den Blick senkten und jene Worte sprachen, die im Imperium längst so selbstverständlich geworden waren, dass kaum noch jemand über ihre Bedeutung nachzudenken schien.
Sieg dem Imperator. Tod den Abtrünnigen.
Razor wusste damals noch nicht, wann dieser Krieg beginnen würde. Dass er kommen sollte, daran hatte sein Vater nie einen Zweifel gelassen.
Band 1.docx
Der Imperator zweifelte selten. Nicht an seinen Entscheidungen, nicht an seiner Macht und schon gar nicht daran, dass Menschen gehorchten, wenn man ihnen nur deutlich genug zeigte, was eine Weigerung kostete.
Razor hatte das früher gelernt als die meisten.
Wenn er an seine Mutter dachte, erinnerte er sich nicht zuerst an ihren Tod. Es waren ihre Hände, die manchmal zurückkehrten, oder ihre Stimme, die immer etwas leiser wurde, sobald sein Vater in der Nähe war. Manchmal sah er den Garten vor sich, den sie im Palast hatte anlegen lassen, mit echten Bäumen, Blumen und einem kleinen Bach, dessen Wasser zwischen hellen Steinen hindurchfloss. Dort hatte Razor als Kind spielen können, ohne bei jedem Geräusch darüber nachzudenken, wer hinter ihm stand.
Seine Mutter hatte versucht zu fliehen.
Sie hatte fortgewollt aus dem Palast, fort vom Imperator und vielleicht sogar fort aus dem gesamten Reich. Razor war noch ein Kind gewesen, als er erlebte, was aus ihr wurde. Vieles davon lag später nur noch in Bruchstücken in seiner Erinnerung: ihre Stimme, der Garten, Blut und die Worte, mit denen ihm erklärt worden war, dass sie hatte sterben müssen, weil sie nicht gehorcht hatte.
Mit den Jahren hatte Razor verstanden, dass dieser Tag nicht nur seiner Mutter gegolten hatte. Sein Vater hatte auch ihm etwas zeigen wollen. Im Imperium gab es keine Ausnahme von seinem Willen, nicht für Liebe und nicht für Familie.
Auch nicht für den eigenen Sohn.
Band 1.docx
Als Razor viele Jahre später tief unter einer militärischen Raumstation vor einem fünfzehnjährigen Jungen stand, brauchte sein Vater ihm das nicht mehr zu erklären.
Der Junge hieß Benny.
Er hatte eine verdorbene Frucht aufgehoben, die bereits auf dem Boden gelegen hatte. Mehr war nicht geschehen. Er hatte Hunger gehabt.
Der Imperator sprach das Urteil aus, während Benny mit seinem Vater, seiner Mutter und seiner kleinen Schwester an der hinteren Wand eines kalten Raumes stand. Für dieses Verbrechen sollte der Junge zunächst seine Hände verlieren. Danach sollte seine Familie sterben und zuletzt er selbst.
Razor hörte zu und wartete darauf, dass sein Vater den Raum wieder verlassen würde.
Dann bemerkte er die Klinge auf dem Tisch.
Er verstand sofort.
Es war keine Prüfung, deren Ausgang offenstand. Sein Vater hatte längst entschieden, was geschehen würde, und Razor wusste ebenso genau, was eine Weigerung bedeutete. Wenn er sich widersetzte, würden an diesem Tag nicht vier Menschen sterben, sondern fünf.
Benny sah ihn an, als Razor die Klinge nahm. In seinem Gesicht lag nichts, woran Razor sich hätte festhalten können. Keine Wut, keine Rebellion und nicht einmal Hass. Der Junge verstand nur nicht, warum das alles mit ihm geschah, und diese Frage lag so offen in seinem Blick, dass Razor sie noch lange danach vor sich sehen würde.
Warum ich?
Razor wusste keine Antwort darauf.
Er begann trotzdem.
Später erinnerte er sich nicht mehr an jeden einzelnen Augenblick. Irgendwann schienen die Stimmen im Raum weiter entfernt zu sein, obwohl die Menschen nur wenige Schritte von ihm standen. Er hörte Bennys Vater sagen, dass sein Sohn nichts falsch gemacht hatte, und sah die Mutter, die ihre kleine Tochter an sich drückte. Die Bewegungen blieben vor seinen Augen, doch sie verloren nach und nach etwas von ihrer Wirklichkeit, als hätte sein Verstand begonnen, sich von dem zu entfernen, was sein Körper weiterhin tat.
Als Razor schließlich die Waffe in der Hand hielt, waren seine Finger ruhiger als zuvor an der Klinge.
Der erste Schuss traf Bennys Vater, danach seine Mutter und seine Schwester.
Zuletzt blieb nur noch Benny.
Für einen kurzen Moment sahen sie einander an. Razor hätte sich beinahe gewünscht, dass der Junge ihn hasste. Vielleicht wäre es leichter gewesen, wenn in seinem Gesicht Zorn gelegen hätte.
Doch da war noch immer nur diese Frage.
Razor hob die Waffe und drückte ab.
Benny fiel.
Der Imperator trat danach neben seinen Sohn und ließ den Blick über die Toten gleiten. Schließlich sah er Razor an.
„Gut“, sagte er.
Mehr nicht.
Dann wandte er sich zur Tür, und Razor folgte ihm.
Das Leben im Imperium ließ wenig Raum dafür, bei einem einzelnen Tod stehenzubleiben.
Razor bewegte sich weiter durch Raumstationen, Paläste und Schiffe, hörte Berichte über Produktionszahlen, Grenzsicherung und militärische Bereitschaft und sah Menschen verschwinden, deren Namen schon am nächsten Tag niemand mehr erwähnte. Mit der Zeit wurde es einfacher, vieles nicht mehr zu fragen.
Bis er einen der Industrieplaneten seines Vaters mit eigenen Augen sah.
Von oben wirkte die Welt grau und krank. Fabriken bedeckten ganze Landschaften, Rauch hing über den Städten, und das Sonnenlicht erreichte den Boden nur noch als fahler Schimmer. Die Offiziere, die Razor durch die Produktionsanlagen führten, sprachen von Auslastung, Effizienz und steigenden Zahlen. Für sie funktionierte diese Welt.
Razor sah etwas anderes.
Männer und Frauen arbeiteten mit Verletzungen weiter, Kinder bewegten sich zwischen Maschinen, deren Bauteile größer waren als ihre Körper, und in den Gesichtern vieler Menschen lag eine Müdigkeit, die nichts mehr mit einem langen Arbeitstag zu tun hatte.
Er hatte gewusst, dass es solche Welten gab. Er hatte nur nie gesehen, was dieses Wissen bedeutete.
Die Gruppe der Offiziere ging weiter, während Razor zwischen zwei Maschinen stehen blieb. Dort bemerkte er eine Familie. Der Vater humpelte und belastete eines seiner Beine kaum. Die Mutter hustete so heftig, dass sie sich immer wieder an ihm festhalten musste. Zwischen ihnen stand ein kleiner Junge, vielleicht sechs Jahre alt, dünn und blass, mit dunklen Ringen unter den Augen.
Razor ging zu ihm.
Vielleicht hätte er an einem anderen Tag einfach weitergehen können wie alle anderen. Diesmal tat er es nicht.
Er kniete sich vor den Jungen und erinnerte sich an etwas, das er in seiner Tasche trug. Ein kleines Stück Schokolade, das er irgendwann im Palast eingesteckt und längst vergessen hatte.
Razor hielt es ihm hin.
Der Junge nahm es vorsichtig.
Dann veränderten sich seine Augen.
Zuerst glaubte Razor, dass sich nur eines der Lichter der Maschinen darin spiegelte, doch die Farbe verschwand vollständig. Keine Iris und keine Pupille waren mehr zu erkennen. Nur ein fremdes Weiß blieb zurück, und als der Junge den Mund öffnete, klang auch seine Stimme nicht mehr wie zuvor.
„Na a hut masambre tak nue.“
Razor kannte die Sprache nicht.
Trotzdem verstand er jedes Wort.
Ich habe lange nach dir gesucht.
Noch bevor er etwas sagen konnte, blinzelte das Kind. Seine Augen waren wieder normal, und der Junge betrachtete die Schokolade in seinen Händen, als wäre nichts geschehen.
Dann biss er hinein.
Razor sah zu, wie sich der Ausdruck des Kindes langsam veränderte. Zuerst kam Überraschung, danach hob sich vorsichtig ein Mundwinkel.
Der Junge lächelte.
Es war kaum mehr als eine kleine Bewegung in seinem Gesicht, und doch hielt sie Razor länger fest als alles andere, was er in diesen Fabrikhallen gesehen hatte.
Als er schließlich weiterging, begleiteten ihn die fremden Worte.
Ich habe lange nach dir gesucht.
Band 1.docx
Wenig später hörte Razor schwere Schritte zwischen den Maschinen.
Zwei Wächter kamen auf die Familie zu. Sie sahen nicht den verletzten Vater oder die kranke Frau, sondern nur Arbeiter, die nicht an ihren Plätzen standen.
Der erste Schlag traf den Mann.
Der zweite die Mutter.
Sie brach hustend zusammen, während der kleine Junge danebenstand und noch immer die Schokolade in der Hand hielt.
Der Wächter hob seinen Schlagstock erneut, diesmal über dem Kind.
„Stop.“
Razor hatte das Wort ausgesprochen, bevor er darüber nachdenken konnte.
Der Mann hielt inne und drehte sich um. Sobald er erkannte, wer vor ihm stand, verschwand die Härte aus seinem Gesicht.
Razor ging an ihm vorbei, half zuerst dem Vater und danach der Mutter auf. Erst dann wandte er sich wieder den Wächtern zu.
„Dieser Familie wird kein Leid mehr zugefügt. Sie erhalten Nahrung und medizinische Versorgung. Ab sofort stehen sie unter meinem Schutz.“
Niemand widersprach.
Razor trat noch einen Schritt näher.
„Wer darüber spricht oder meine Entscheidung infrage stellt, wird mit dem Tod bestraft.“
Die beiden Männer senkten die Köpfe.
„Ja, Prinz.“
Razor sah noch einmal zu dem Jungen. Die Schokolade lag weiterhin in seiner Hand.
Dann ging er den Offizieren hinterher.
Band 1.docx
Als Razor später mit seinem Vater zum Palast zurückkehrte, war der große Hof davor kaum wiederzuerkennen.
Tausende Menschen standen dort.
Razor kannte die Abläufe. Der Platz wurde für Hinrichtungen genutzt, und wenn sein Vater im Palast war, fanden sie täglich statt. Verließ der Imperator den Planeten für längere Zeit, wurden die Urteile der kommenden Tage einfach vorgezogen.
Diesmal sollten offenbar sehr viele Tage vorgezogen werden.
Vom Transportschiff aus sah Razor Männer und Frauen dicht gedrängt auf dem Hof stehen, alte Menschen und Kinder zwischen ihnen. Manche würden wegen Diebstahls sterben, andere wegen eines falschen Blicks, einer Pause bei der Arbeit oder irgendeines Vergehens, das nur deshalb eines war, weil sein Vater es dazu erklärt hatte.
Zwischen den Kindern dort unten hätte auch der kleine Junge aus der Fabrik stehen können.
Vor wenigen Stunden hatte Razor einen von ihnen beschützt.
Hier waren es Hunderte.
Der Imperator bemerkte seinen Blick nicht oder interessierte sich nicht dafür. Kurz vor der Landung erklärte er Razor lediglich, dass er für einige Zeit fort sein würde. Bis zu seiner Rückkehr sollte sein Sohn im Palast bleiben und alles in seinem Interesse weiterführen.
Razor nickte.
Die Rampe öffnete sich, und sein Vater ging über den Hof zu den wartenden Menschen.
Razor blieb zurück.
Band 1.docx
Später trat er in einem der hohen Korridore des Palastes an ein Fenster. Über ihm standen noch immer die gewaltigen Kriegsschiffe der imperialen Flotte im Orbit.
Ein Offizier blieb neben ihm stehen.
„Morgen brechen sie auf.“
Razor sah weiter in den Himmel.
Das Ziel lag weit entfernt. Ein neutraler Planet, der weder zum Imperium noch zum Königreich gehörte. Es gab dort eine große Stadt, einige kleinere Dörfer und irgendwo in den Bergen ein Kloster. Man erwartete wenig Widerstand.
Der Name dieser Welt bedeutete Razor zu diesem Zeitpunkt nichts.
Coccon.
Band 1.docx
Am nächsten Morgen war der Hof leer.
Keine Gefangenen standen mehr dort, keine Plattformen und keine Soldaten. Nichts erinnerte daran, dass am Tag zuvor Tausende Menschen auf ihr Urteil gewartet hatten. Der Stein war sauber, der Platz still, und hoch über dem Palast war auch die Flotte verschwunden.
Nur weit entfernt stieg eine schmale Rauchsäule in den Himmel.
Der Wind trug einen schwachen, süßlichen Geruch bis zu den geöffneten Fenstern.
Razor kannte ihn.
Er blieb noch einen Moment dort stehen, bevor er sich abwandte und seinen Tag begann.
Band 1.docx
Später ging er in den Garten.
Seine Mutter hatte ihn vor vielen Jahren anlegen lassen. Zwischen all dem schwarzen Stein, Metall und den kalten Hallen des Palastes existierten dort noch Bäume, Blumen, Gras und fließendes Wasser. Schon nach wenigen Schritten roch die Luft anders, und an diesem Morgen schien sogar die Sonne durch die sonst so hartnäckigen grauen Wolken.
Razor legte sich ins Gras. In der Nähe plätscherte der kleine Bach, und über den Blüten lag ein süßer Duft. Irgendwann wurden seine Augen schwer, und er schlief ein.
In seiner Erinnerung war er wieder ein Kind.
Seine Mutter stand auf der anderen Seite des Gartens und lachte, als er einen Ball zu fest in ihre Richtung schoss. Sie fing ihn auf, rief seinen Namen und breitete die Arme aus, als Razor auf sie zulief. Später knieten sie am Bach und spritzten sich gegenseitig mit Wasser nass.
Für einen kurzen Augenblick war alles wieder so, wie es einmal gewesen war.
Dann lag sie im Gras.
Blut breitete sich unter ihr aus.
Jemand erklärte ihm, sie habe sterben müssen. Sie habe nicht gehorcht und versucht zu fliehen.
Razor wachte auf.
Über ihm bewegten sich die Blätter im Wind, das Wasser floss durch den Bach, und die Wärme der Sonne lag noch immer auf seiner Haut.
Eine Träne lief über seine Wange.
Er wischte sie fort, als er Schritte im Gras hörte.
Band 1.docx
Der Offizier vom Vortag kam auf ihn zu und blieb einige Schritte entfernt stehen.
„Alles in Ordnung?“
Razor nickte.
„Alles in Ordnung.“
Der Mann betrachtete ihn etwas länger.
„Schlecht geschlafen?“
„Nur eine Erinnerung.“
Mehr sagte Razor nicht.
„Deine Mutter?“
Er senkte den Blick.
Der Offizier fragte nicht weiter. Nach einer Weile streckte er ihm stattdessen die Hand entgegen.
„Ich bin Gimm.“
Razor nahm sie.
Gimm hatte gesehen, was auf dem Industrieplaneten geschehen war. Er wusste von der Familie und davon, dass Razor sich über die Gewohnheiten des Imperiums hinweggesetzt hatte.
„Was du gestern getan hast, war ehrenhaft“, sagte er.
Razor sah ihn an.
„Leichtsinnig“, ergänzte Gimm. „Gefährlich. Dumm vielleicht. Aber ehrenhaft.“
Dann fragte er, warum Razor es getan hatte.
Razor ließ sich mit der Antwort Zeit.
„Ich wollte.“
Gimm musterte ihn einen Moment und nickte schließlich, als würde ihm genau das genügen.
Band 1.docx
Razor fragte ihn, ob die Wächter seinen Befehl tatsächlich befolgen würden, ob die Familie wirklich Essen und medizinische Versorgung erhalten hatte.
Gimm glaubte es. Wächter stellten keine Fragen, erklärte er, schon gar nicht dann, wenn ein Befehl vom Sohn des Imperators kam.
Erst danach erzählte Razor ihm von dem Jungen, von den weißen Augen und der fremden Stimme. Von den Worten, die ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf gingen.
Schließlich fragte er Gimm, ob er ihm helfen würde, die Familie wiederzufinden.
Der Offizier sah ihn einen Moment an und begann plötzlich zu lachen.
„Du weißt schon, dass du hier gerade der Chef bist, oder?“
Razor schwieg.
Gimm grinste und verneigte sich leicht.
„Ich muss tun, was du mir befiehlst, Junior-Imperator.“
Es war nicht böse gemeint. Trotzdem blieb Razor stehen, als Gimm sich wenig später verabschiedete.
„Gimm.“
Der Offizier drehte sich noch einmal um.
„Ja?“
„Razor.“
Gimm runzelte die Stirn.
„Nicht Junior-Imperator. Mein Vater ist der Imperator.“
Razor hielt seinen Blick.
„Ich bin Razor. Und ich bin nicht wie mein Vater.“
Gimm sagte zunächst nichts. Dann nickte er langsam.
„Verstanden.“
Er ging weiter.
Erst einige Schritte später murmelte er so leise, dass Razor es nicht hören konnte:
„Das hoffe ich.“
Band 1.docx
Am folgenden Morgen machten sie sich gemeinsam auf die Suche.
Es dauerte länger als erwartet. Auf den Industrieplaneten gab es kaum Spuren, denen man folgen konnte. Viele der Menschen hatten keine Namen in den Systemen, keine Akten und nichts, das erklärte, wohin jemand gebracht worden war. Razor und Gimm fragten Schichtleiter und Aufseher, gingen durch dieselben Anlagen wie am Vortag und sahen dabei erneut in die Gesichter der Menschen, die dort lebten.
Schließlich fanden sie einen Hinweis.
Die Familie war nicht in ihre Baracke zurückgebracht worden. Man hatte sie ins Werksspital verlegt.
Das Gebäude war kalt und steril. Helle Metallwände zogen sich durch lange Gänge, das Licht war grell, und überall roch es nach Desinfektionsmitteln. Die Menschen wurden hier nicht behandelt, damit sie gesund wurden. Ihre Körper wurden so weit wiederhergestellt, dass sie an ihre Arbeitsplätze zurückkehren konnten.
Niemand hielt Razor auf. Der Sohn des Imperators brauchte keine Erlaubnis.
Vor einem der Zimmer blieb er stehen und sah durch das Fenster.
Der Vater saß auf einem Bett, sein verletztes Bein dick verbunden und ruhiggestellt. Die Mutter lag einige Schritte entfernt. Ein Tropf hing an ihrer Hand, doch ihre Haut hatte wieder etwas Farbe bekommen und ihre Atmung war ruhig.
Auf dem Boden saß der Junge und spielte mit einigen einfachen Stofftieren.
Erst als Razor sie alle vor sich sah, bemerkte er, wie viel Anspannung er auf dem Weg hierher mit sich getragen hatte.
Sie lebten.
„Bleib hier“, sagte er zu Gimm.
Der Offizier nickte.
Razor öffnete die Tür.
Band 1.docx
Die Eltern richteten sich sofort auf, als sie ihn erkannten. Razor fragte, ob sie genug zu essen bekamen und ob ihnen etwas fehlte. Der Vater versicherte ihm viel zu schnell, dass alles in Ordnung sei, während die Mutter ihn schweigend beobachtete.
Der Junge spielte weiter.
Razor setzte sich neben ihn auf den Boden und wartete einen Moment, bevor er in seine Jacke griff.
Dieses Mal hatte er die Schokolade nicht zufällig bei sich. Er hatte bewusst eine ganze Tafel mitgebracht.
Als er sie hervorholte, wurden die Augen des Jungen groß. Razor hielt sie ihm einfach hin.
Das Lächeln kam sofort.
Der Junge sprang auf, warf die Arme um ihn und drückte sich fest an ihn.
„Danke!“
Noch bevor Razor reagieren konnte, bekam er einen kleinen Kuss auf die Wange.
Die Eltern wirkten für einen Augenblick ebenso überrascht wie er selbst. Razor blieb sitzen und sah zu, wie der Junge die Schokolade betrachtete, die er mit beiden Händen festhielt.
Dann veränderte sich etwas.
Der Körper des Kindes spannte sich an, und das Lächeln verlor sich langsam aus seinem Gesicht. Seine Hände sanken ein Stück herab, während seine Atmung flacher wurde.
Razor kannte diese Veränderung.
„Hey?“
Der Junge reagierte nicht.
Als er den Kopf hob, war die Farbe aus seinen Augen verschwunden.
Wieder dieses Weiß.
Dieses Mal gab es keinen Zweifel mehr. Razor blieb reglos sitzen und sah in die Augen des Kindes, während dasselbe fremde Gefühl zurückkehrte wie bei ihrer ersten Begegnung. Was immer dort durch den Jungen hindurchblickte, es war wieder da.
Die Geräusche des Werksspitals rückten in den Hintergrund. Das Summen der Geräte, Schritte auf dem Flur und selbst die Stimmen der Eltern schienen weiter entfernt, während sich die Lippen des Jungen öffneten.
Band 1.docx
Viele Lichtjahre entfernt brannte zu diesem Zeitpunkt der Himmel über Coccon.
Im Kloster in den Bergen stand Jean neben dem alten Mönch Arven, während Bomben in den Wald einschlugen und die Erde unter ihnen erzitterte. Razor kannte keinen von beiden. Er wusste nichts von dem jungen Mann, dessen Heimat von den Schiffen seines Vaters angegriffen wurde, und ebenso wenig von der Botschaft, die Arven ihm inmitten des beginnenden Krieges mitgab.
„Finde … Anon.“
Fast zur selben Zeit saß Razor im Werksspital und blickte in die weißen Augen des kleinen Jungen.
„Finde … Anon.“
Und weit entfernt, im Königreich, stand Prinz Migos in einer Vision demselben alten Mönch gegenüber.
Auch er hörte dieselben Worte.
„Finde … Anon.“








