Kapitel 1 - Der Geruch von Bittermandel
Der Tee roch falsch.
Yun Zhiwei zog den Dampf tief in die Nase, die Augen fest geschlossen. Jasmin, ja. Und Honig, der zu heiß aufgegossen worden war – die übliche Nachlässigkeit einer ungeduldigen Magd. Aber ganz unten, kaum wahrnehmbar unter der süßen Note, lag etwas Bitteres. Ein kratziger Nachgeschmack, so flüchtig wie der letzte Atemzug eines Sterbenden.
Sie stellte die Schale mit einem leisen Klack ab.
„Trink nicht“, sagte sie, ohne die Stimme zu heben.
Ihr gegenüber saß die Edle Gemahlin Fang. Die dritte Favoritin des Kaisers hatte das Gesicht einer makellosen Porzellanpuppe, aber hinter ihren Lidern arbeitete der Verstand einer eiskalten Rechnerin. Dass sie Zhiwei heimlich rufen ließ, weil die Hofärzte ihre wochenlange Übelkeit mit wirkungslosen Kräutern abtaten, bewies zumindest eins: Die Frau war nicht dumm.
„Gift?“, fragte Fang. Ihr Blick haftete auf der bernsteinfarbenen Oberfläche, als könne sie die Bedrohung darin sehen.
„Huanglian-Extrakt. Stark verdünnt.“ Zhiwei schob die Schale mit dem Zeigefinger beiseite. „Zu wenig für den schnellen Tod. Aber genug, um Eure Eingeweide in drei Monaten so weit zu zersetzen, dass Euer Ableben wie eine natürliche Schwäche aussieht.“
In den Gemächern der Purpurgoldenen Residenz legte sich eine bleierne Stille nieder. Es war die Art von Schweigen, die im Palast gefährlicher war als jeder offene Verrat.
Fang faltete die Hände im Schoß. Ihre Finger blieben ruhig. Kein Zittern, nur ein fast unmerkliches Festziehen der Gelenke. „Wer?“
„Das ist nicht mein Metier.“ Zhiwei erhob sich und strich die Falten ihrer aschgrauen Robe glatt. „Ich werde bezahlt, um Substanzen zu benennen. Nicht, um im Schmutz der Hofintrigen zu wühlen. Das Erste sichert mein Überleben. Das Zweite bringt mich unter die Erde.“
„Ich kann dich reich entlohnen, Apothekerin.“
„Nicht reich genug, um meinen Kopf zu kaufen.“
Zhiwei verließ die Räume durch den schmalen Seitenausgang. Im Korridor drückten sich zwei Dienerinnen an die Wand. Sie starrten zu Boden und taten so, als wären sie Teil der Holztäfelung. Reine Scharade – sie hatten jedes Wort aufgesaugt. In spätestens einer Stunde würde der gesamte Ostflügel tuscheln, dass die Giftmischerin etwas im Tee der Favoritin gefunden hatte.
Sollen sie. Solange die Gerüchte liefen, blieb Zhiwei unentbehrlich. Wer Angst vor Gift hatte, brauchte jemanden, der es schmeckte.
Ihr Rückweg führte durch den Garten der Stillen Reflexion. Ein spöttischer Name für einen Ort, an dem ununterbrochen betrogen wurde. Hinter den geschnittenen Hecken tauschten Konkubinen versiegelte Briefe aus, auf den Brücken wechselten schwere Beutel mit Bestechungsgold den Besitzer. Nur die herbstlichen Pfingstrosen hielten sich an keine Regeln; sie leuchteten im fahlen Licht so rot, als stünde das Unterholz in Flammen.
Plötzlich hielt sie den Atem an. Stimmen.
Zwei Männer. Der eine sprach flach, fast monoton, setze aber jedes Wort wie einen gezielten Messerstich. Der andere klang lauter, getragen von der arroganten Trägheit eines Mannes, der Widerspruch nicht gewohnt war.
Zhiwei glitt hinter eine der massiven Steinsäulen. Kein Zögern, reine Gewohnheit. Im Palast überlebte nur, wer hinhörte, bevor er gesehen wurde.
„… der Tribut aus Yunzhou“, drang es an ihr Ohr. „Der Dritte Prinz hat die Getreidespeicher besetzt, noch ehe die Halme geschnitten waren. Wenn die Karawanen die Hauptstadt erreichen, wird das Volk ihm zujubeln, nicht dem Kaiser.“
„Ein kluger Schachzug“, erwiderte die ruhige Stimme. „Und Seine Majestät?“
„Hustet Blut. Und schluckt brav die Suppen, die Chen Luoyang ihm kocht. Das Zeug schmeckt nach nichts und bewirkt noch weniger.“
Ein kurzes Atmen. Dann die ruhige Stimme: „Luoyang ist ein Narr.“
„Ein nützlicher Narr. Er hält den alten Mann im Bett.“
Zhiwei spürte ein kaltes Kribbeln im Nacken. Den Namen des Hofarztes kannte sie, aber die ruhige Stimme war ihr neu. Da sprach kein gewöhnlicher Beamter. Das war der Tonfall eines Mannes, der Menschen wie Schachfiguren verschob.
Sie wartete nicht länger, sondern trat aus dem Schatten.
Das Gespräch riss abrupt ab. Der Lautere – ein Beamter mittleren Ranges, erkennbar an der blauen Seide seiner Tracht – zuckte zurück. Der andere bewegte sich keinen Millimeter. Er stand da wie festgewachsen. Groß, die Schultern gestrafft, mit einem Gesicht, das so glatt war wie geschliffener Jadeit.
„Chen Luoyangs Kräutersuppen“, sagte Zhiwei kühl, „schmecken keineswegs nach nichts. Sie schmecken nach Süßholz und getrockneten Jujuben. Er nutzt die Süße, um den metallischen Beigeschmack dessen zu übertönen, was er wirklich hineinmischt. Ob aus Unfähigkeit oder Absicht, müsst ihr selbst herausfinden.“
Der Beamte riss die Augen auf. Der Unbekannte neigte den Kopf, nur ein paar Millimeter, als hätte er ein faszinierendes Insekt entdeckt.
„Und wer gibt einer niederen Magd das Recht, die Medizin des Himmelssohnes zu beurteilen?“, fragte er.
„Jemand, dessen Nase besser funktioniert als die von ganz Yunzhou.“ Zhiwei verzog keine Miene. „Und jemand, der weiß, dass man Staatsgeheimnisse nicht neben dem dritten Pfingstrosenbusch bespricht. Die Zofe dort hinten lauscht seit zehn Minuten. Jetzt läuft sie.“
Ein heftiges Rascheln im Gebüsch, gefolgt von dem hastigen Klappern von Holztreppen.
Der Beamte fluchte leise und eilte in die entgegengesetzte Richtung davon. Der ruhige Mann blieb. Seine dunklen Augen fixierten Zhiwei. Da war keine Wut, kein Erschrecken. Nur eine kalte, messerscharfe Neugier.
„Xiao Heng“, sagte er schlicht. Kein Titel, kein Gruß. Als wäre sein Name Gesetz.
Zhiwei deutete eine Verbeugung an – gerade tief genug, um nicht wegen Respektlosigkeit ausgepeitscht zu werden, aber ohne jede echte Unterwerfung. „Yun Zhiwei. Apotheke des Ostflügels.“
„Die Giftmischerin.“
„Apothekerin“, erwiderte sie ruhig. „Den anderen Namen nutzen nur Leute, die Angst vor Dingen haben, die sie nicht verstehen.“
Ein winziges Zucken in seinem Mundwinkel. „Und? Sollte ich Angst haben, Yun Zhiwei?“
Sie maß ihn mit einem Blick. Die unnachgiebige Haltung eines Generals, aber die feine Seide eines Mannes, der sich im Palast bewegte wie ein Raubtier im vertrauten Revier.
„Das“, sagte sie und trat an ihm vorbei, „hängt ganz davon ab, was Ihr heute Morgen in Eurem Tee findet.“
Sie ging weiter, ohne das Tempo zu beschleunigen. Ihr Rücken brannte unter seinem Blick. Sie wusste, dass sie gerade eine Grenze überschritten hatte. Im Palast sah die Rettung am Anfang oft genauso aus wie das eigene Todesurteil.








